Als Sohn der Schauspieler Monica Bleibtreu und Hans Brenner scheint dem 1971 in München geborenen Wahl-Hamburger das Talent bereits in die Wiege gelegt worden zu sein. Nach ersten Kinderrollen und einer internationalen Schauspielausbildung kam für Moritz Bleibtreu Mitte der 1990er Jahre der Durchbruch mit Filmen wie „Knockin’ On Heaven’s Door“, „Lola rennt“ oder „Das Experiment“. Mittlerweile hat der Mime auch schon unter Regielegenden wie Steven Spielberg („München“) oder Paul Schrader („The Walker“ und „Ein Leben für ein Leben“) vor der Kamera gestanden und wurde u.a. mit dem Silbernen Bären und dem Ernst-Lubitsch-Preis prämiert. In „Soul Kitchen“ spielt er den Griechen Illias, der in seinen Freigängen das Chaos in der Kneipe seines Bruders Zinos zusätzlich potenziert.
choices: Herr Bleibtreu, der Anfang von „Soul Kitchen“ erinnerte mich sehr stark an Tarantino. Würden Sie Fatih Akin auch als einen Filmbesessenen beschreiben, der aus seinem Fundus des Filmwissens schöpft?
Moritz Bleibtreu: Nein, ich finde den Vergleich nicht so passend. Quentin ist ein Filmnerd in jeder Hinsicht, jemand der den großen Drang verspürt, die unterschiedlichsten Genres auszuprobieren, zu kolportieren, umzudrehen und neu zu erfinden. Tarantino ist wirklich ein Filmbesessener. Fatih ist da dem Leben wesentlich zugewandter, er zieht seine Ideen aus dem wahren Leben. Sein Hauptaugenmerk liegt auf dem Gefühl, was bei Tarantino ja überhaupt nicht der Fall ist. Der ist ja kein emotionaler, sondern eher ein kopflastiger Filmemacher, aber auf die geilste Art und Weise. Fatih ist das genaue Gegenteil, bei ihm kommen die Entscheidungen nicht aus dem Kopf, sondern immer aus dem Bauch, immer aus dem Gefühl heraus. Alles andere ordnet sich dem dann unter.
Der Begriff „Heimat“ ist im Film sehr wichtig – wo ist denn für Sie Heimat?
Heimat ist für mich Hamburg. Heimat ist für mich immer da, wo man die Leute hat, die man liebt und wo man sich geliebt und aufgehoben fühlt. Heimat bindet sich für mich nicht so sehr an einen Ort. Was ich aber vor allem an dem Begriff „Heimatfilm“ bei „Soul Kitchen“ so super und außergewöhnlich finde, ist, dass er von einem jungen Türken definiert wird! Das deutsche Kino macht seit den letzten fünfzehn Jahren ja nichts anderes mehr als Vergangenheitsbewältigung, sprich: die verlorene kulturelle Identität wiederzuerlangen, mit allen möglichen Mitteln und Höhen und Tiefen, und dann kommt da so ein Türke aus Ottensen und fragt: „Was wollt ihr denn eigentlich alle? Heimat ist doch hier, hier ist doch alles. Das ist mein Heimatfilm.“ Und das ist toll, weil Fatih sich durch die Doppelidentität, die jedes Immigrantenkind hat, die Fragen nie stellen musste, die sich viele Deutsche von Anfang an stellen mussten: „Was ist es überhaupt, deutsch zu sein? Worauf kann ich stolz sein, worauf darf ich stolz sein? Darf ich überhaupt stolz sein, was ist Nationalstolz?“ Für Immigrationskinder war sowieso klar, dass sie eine gespaltene Identität haben. Da ist es wahrscheinlich viel einfacher, einen Heimatbegriff für sich zu etablieren, als es für einen Deutschen ist.
Es gibt im Film das sehr schöne Zitat „Musik ist Essen für die Seele“. Was wäre für Sie die Seelennahrung, welche Art von Musik?
Alles – Soundtrack of your life. Das ist ja das Tolle an Musik: Du hast für jede Gefühlsstimmung die entsprechende Musik. Es gibt für jede Situation im Leben eine Musik. Entweder, sie verstärkt das jeweilige Gefühl oder sie hebt das jeweilige Gefühl auf. Du kannst traurig sein und Lieder hören, und du wirst noch viel trauriger, aber vielleicht ist das richtig in diesem Moment. Oder du bist sehr traurig, hörst ein Lied und vielleicht hellt sich dann dein Gemüt wieder auf. Andersrum genauso. Es gibt für jede Situation im Leben das richtige Lied, und Musik ist wie ein Katalysator im Leben. Sie macht irgendwie alles größer und wertet alles auf und untermalt alles. Für mich wäre ein Leben ohne Musik schwer vorstellbar, es wäre verdammt leise ohne Musik.
Leider ist „Soul Kitchen“ ja nun auch zum letzten Film Ihrer Mutter Monica Bleibtreu geworden. War es von Anfang an vorgesehen, oder wurde das dann erst angepasst, dass ihre Figur im Film auch stirbt?
Nein, das war von Anfang an so geschrieben. Das wäre ansonsten ja auch nicht so einfach gewesen, denn die gesamte Erzählstruktur im letzten Drittel hängt ja auch davon ab, dass sie stirbt. Nein, das war schon klar. Sie ist kurz nach den Dreharbeiten gestorben. Das Leben eines Schauspielers ist immer sehr offen für diese Art von Doppelungen oder für solch gemeine Gefühlschaossituationen. Jeder Schauspieler hat es sicherlich schon einmal erlebt, dass sich etwas ganz Schlimmes in seinem Leben ereignete, und dann steht man abends auf der Bühne und muss ein Lustspiel geben. Der Beruf kann schon sehr, sehr skrupellos sein, und das war er eben in diesem Fall auch.
Gerade die Beerdigungsszene, die im Film für Lacher herhalten muss, erhält natürlich vor den realen Hintergründen einen anderen Geschmack. Solch eine Szene schaut man sich dann doch mit ganz anderen Augen an…
Ja, natürlich, klar. Beziehungsweise, ich schaue mir das gar nicht an. Natürlich erzählt die Szene nun etwas anderes, denn die meisten Leute wissen ja, dass meine Mama leider nicht mehr da ist, und vielleicht nimmt das nun den Lacher an dieser Stelle einfach ein bisschen weg, aber vielleicht ist das auch gar nicht schlecht, es ist eben so, wie es ist. Es hat sich nie die Frage gestellt, diese Szene zu ändern oder sie komplett herauszunehmen. Das ist eben eine dieser Skrupellosigkeiten dieses Berufs, aber da muss man einfach durch.

„Ein guter Schauspieler sollte unreif sein“
Albert Dupontel über „Der Tag wird kommen“, seine Monty-Python-Freunde und seine Realitätsflüchte – Roter Teppich 05/13
„Mein Herz schlägt für künstlerische Prozesse“
Katja Riemann über „Das Wochenende“, das Entwickeln einer Rolle und die RAF – Roter Teppich 04/13
„Meine Kunstliebe ist eher akustischer Natur“
Geoffrey Rush über „The Best Offer – Das höchste Gebot“, sein Verhältnis zur Kunst und seine Google-Suche nach seinem Co-Star – Roter Teppich 03/13
„Ich wurde völlig zugeklebt“
Meret Becker über „Quellen des Lebens“, ihren Regisseur Oskar Roehler und provozierende Themen – Roter Teppich 02/13
„Ich habe Lust auf Risiko“
Barbara Sukowa über „Hannah Arendt“, ihre Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta und Filmdrehs in den USA – Roter Teppich 01/13
„Manche Begegnungen sind vorherbestimmt“
Johanna Wokalek über „Anleitung zum Unglücklichsein“, wichtige Begegnungen und ihre Lust auf komische Rollen – Roter Teppich 12/12
„Ich wollte schon immer mal eine Frau spielen“
Frank Langella über „Robot & Frank“, den technischen Fortschritt und unerfüllte Rollenwünsche – Roter Teppich 11/12
„Ich bleib bei meinen Leisten“
Birgit Minichmayr über „Gnade“, das Arbeiten mit einem eingespielten Team und einen „Tote Hosen“-Hit – Roter Teppich 10/12
„Ich hatte am Ende in der DDR eine gute Zeit“
Alexander Fehling über „Wir wollten aufs Meer“, seine Kindheit in der DDR und ein Filmprojekt ohne Drehbuch – Roter Teppich 09/12
„Ich wollte auf die dunkle Seite des Mondes gelangen“
Channing Tatum über „Magic Mike“, seine Vergangenheit als Stripper und seine jüngsten Karrieresprünge – Roter Teppich 08/12
„Spider-Man ist sehr Woody-Allen-freundlich“
Emma Stone über „The Amazing Spider-Man“, ihren Ehrgeiz, Schauspielerin zu werden und die Faszination der Sterblichkeit – Roter Teppich 07/12
„Greenaway sah mich in Amsterdam Theater spielen“
Lars Eidinger über „Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“, Trakls Drogenkonsum und internationale Theatergastspiele – Roter Teppich 06/12
"Ich fordere die Mächtigen heraus"
Damian Chapa als Guerilla in Hollywood - Roter Teppich 05/12
„In Köln ist man von allem gleich weit weg“
Joachim Król über „Ausgerechnet Sibirien“, seinen Kölner Standort und den „Tatort“-Karriereschub – Roter Teppich 05/12
„Ich kam mir so furchtbar langweilig vor“
Daniel Brühl über „Und wenn wir alle zusammenziehen?“, seine Blockbuster-Erfahrungen und Niki Lauda - Roter Teppich 04/12
„Wir Europäer machen uns lächerlich“
Senta Berger über „Ruhm“, Fanpost aus dem Ausland und ihre späten Charakterrollen – Roter Teppich 03/12
„Heute muss alles schneller ablaufen“
Gary Oldman über „Dame, König, As, Spion“, seine Ablehnung der Digitalisierung und seine jüngsten Fans – Roter Teppich 02/12
„Ich wollte gequält werden“
Christian Ulmen über „Jonas“, seine Alpträume von der Schulzeit und ein Beinahe-Theologiestudium – Roter Teppich 01/12
„Mein Vater war wegen mir sehr nervös“
Max von Thun über „Sommer der Gaukler“, seine bayerischen Wurzeln und seinen Vater Friedrich von Thun – Roter Teppich 12/11
„Mein Spieltrieb ist familiär bedingt“
Anna Thalbach über ihr breites Rollenspektrum und ihren neuen Film – Roter Teppich 12/11
„Ein Filmset ist unglaublich stressig und langweilig“
David Nicholls über den Film „Zwei an einem Tag“, seine Romanvorlage und mangelndes Schauspieltalent – Roter Teppich 11/11
„Meine Milchzähne waren noch einwandfrei“
Jürgen Vogel über „Hotel Lux“, seine Liebe zu Serien und seine Anfänge als Kindermodel – Roter Teppich 11/11
„Börsenhändler sind unglaublich kreativ“
Paul Bettany über „Der große Crash – Margin Call“, sein Finanzverständnis und seine Lust auf Actionrollen – Roter Teppich 10/11
„Ich mag Geschichten mit Witz und Überraschungen“
Harrison Ford über „Cowboys & Aliens“, das Geschichtenerzählen und seine Abneigung gegenüber „Blade Runner“ – Roter Teppich 09/11
„Ein Film ist für mich nie ein Anlass, mich aufzuregen“
Moritz Bleibtreu über „Mein bester Feind“, seine Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit und internationale Dreherfahrungen – Roter Teppich 09/11
„Je extremer eine Figur ist, desto lieber spiele ich sie“
Georg Friedrich über „Sommer in Orange“, Film in Österreich und sein Faible für ungewöhnliche Charaktere - Roter Teppich 08/11
„Was man ausstrahlt, zieht man auch an“
Stipe Erceg über „Belgrad Radio Taxi“, Besetzungsklischees und die Kunst des Synchronisierens - Roter Teppich 07/11
„Komödie ist nicht nur lustig“
Fritzi Haberlandt über „Eine Insel namens Udo“, Theaterengagements in New York und eine abgedrehte Familienproduktion - Roter Teppich 06/11
„Ich wollte die Atmosphäre von Film, Bühne und Studios“
Henry Hübchen über die DDR, Beate Uhse und seinen neuen Film „Polnische Ostern“ - Roter Teppich 05/11
„Bei uns wird Kino mehr und mehr zu einer Art Unterhaltungsmaschinerie“
Nicolette Krebitz über „Unter dir die Stadt“, ihre erste Nacktszene im Film und zukünftige Projekte - Roter Teppich 04/11
„Ich habe Angst zu sterben“
Diane Kruger über „Unknown Identity“, ihr Verhältnis zum Tod und ihre Beziehung zu Deutschland - Roter Teppich 03/11
"Das Leben in allen Facetten widerspiegeln."
Nadja Uhl über „Dschungelkind“, Umweltzerstörung in Malaysia und ihr breites Rollenspektrum - Roter Teppich 02/11
„Die Vorbereitung war ein reiner Trainingsmarathon“
Devid Striesow über „Drei“, seine Sexszene mit Sebastian Schipper und seine Karriereentscheidungen - Roter Teppich 01/11
„Es gibt kaum glückliche Paarbeziehungen“
Nora Tschirner über „Bon Appétit“, Beziehungsprobleme und ihren anstehenden 30. Geburtstag - Roter Teppich 12/10
„Theater und Film sind wie zwei Sportarten“
Mark Waschke über „Habermann“, Politik in Filmen und die verschiedenen Facetten des Schauspiels - Roter Teppich 11/10
"Ich verstehe Schmelings Charakter nun intensiver"
Henry Maske über "Max Schmeling", die Zusammenarbeit mit Uwe Boll und gestellte Boxkampfszenen - Roter Teppich 10/10
"Ich versuche, meine Sehnsüchte selbst zu stillen"
Robert Stadlober über "Zarte Parasiten", seine Sehnsüchte und seine musikalischen Ambitionen bei Filmprojekten - Roter Teppich 09/10
"Ich mag alle Charaktere, die ich spiele"
Wotan Wilke Möring über "Das letzte Schweigen" und deutsche Genrefilme - Roter Teppich 08/10
"Freuds Theorien sind ein Meilenstein"
Karl Markovics über "Mahler auf der Couch", die Bedeutung von Freuds Theorien und den Stellenwert des östereichischen Films - Roter Teppich 07/10
"Das indische Publikum ist erwachsener geworden"
Kajol über "My Name is Khan", ihren Freund und Kollegen Shah Rukh Khan und das neue Bollywood-Kino - Roter Teppich 06/10
„Ich werde immer noch nach meinem Personalausweis gefragt“
Ben Barnes über "Das Bildnis des Dorian Gray", die Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit und seinen Kollegen Johnny Depp - Roter Teppich 04/10
"Katharina de Medici war keine Giftmischerin"
Hannelore Hoger über "Henri 4", den Krieg der Religionen und die Vielsprachigkeit am Filmset - Roter Teppich 03/10
„Es macht mir grossen Spass, extreme Rollen zu spielen"
Katharina Schüttler über "Die zwei Leben des Daniel Shore", ihr Faible für Aussenseiterrollen und die Balance zwischen Theater und Film - Roter Teppich 02/10
„Es funktioniert auch ohne die Regeln der westlichen Welt"
David Kross über "Same Same But Different", seine Erlebnisse in Kambodscha und seine Zusammenarbeit mit Detlev Buck - Roter Teppich 01/10
Spielen, was einem bekannt vorkommt
Corinna Harfouch über "This is love", ihre Karriereanfänge in der DDR und irritierende Erfahrungen in einer Fernsehserie - Roter Teppich 11/09
Künstler mit breiter Farbpalette
Armin Rohde über "Unter Bauern - Retter in der Nacht", seines Affinität zu Kinderfilmen und die Herausforderung, Legenden zu spielen - Roter Teppich 10/09
"Von der Lust am Lernen und der Liebe zum Kino"
Karoline Herfurth über "Berlin 36", ihre Faszination für die Schauspielerei und ihre Interesse an der Sozialwissenschaft - Roter Teppich 09/09
"Im Bett mit Michelle Pfeiffer"
Rupert Friend über „Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“, seine Schauspielauffassung und die Schattenseiten einer Promibeziehung - Roter Teppich 08/09
"Für mich ist Arbeit der totale Spass"
Anna Brüggemann über "Mitte Ende August", ihr Arbeitsverständnis und die Kreativität in ihrer Familie - Roter Teppich 07/09
"Tarantino ist ein Wahnsinniger"
Daniel Brühl über "Die Gräfin", Spanien und Tarantino - Roter Teppich 06/09