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Freitag, 26. Februar 2010DIE 60. BERLINALE
1951 fanden in Berlin die ersten Internationalen Filmfestspiele statt. Nun feierte die Berlinale ihren 60. Geburtstag. Anlass für zahlreiche retrospektive Vorführungen. Aber auch in den übrigen Sektionen bot die Jubiläumsberlinale in diesem Jahr ein breites Spektrum an Filmen, darunter zahlreiche Neu- und einige Wiederentdeckungen. Im Wettbewerb liefen "The Ghost Writer" von Roman Polanski, der mit einem Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, ebenso wie "The Killer Inside Me", eine Romanverfilmung, an welcher sich der 2003 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Regisseur Michael Winterbottom diesmal, großartiger Kamera und hervorragendem Cast zum Trotz, gründlich verhoben hat. "Shahada" , der eindringliche Debütfilm des Deutsch-Afghanen Burhan Qurbani, der zugleich der erste Spielfilm der Berliner Produktionsfirma Bittersüß ist, zeigte an drei Beispielen einfühlsam und realitätsnah die Krisen und Konflikte junger Muslime in der deutschen Hauptstadt. Die gelungene schwarze Komödie "En Ganske Snill Mann (A somewhat Gentle Man)" deklinierte das Gangsterfilmgenre auf höchstem Niveau weiter, außer Konkurrenz lief Scorseses "Shutter Island" und sorgte für Starrummel auf dem Potsdamer Platz. Im Berlinale Special war Jackie Chan in Ding Shengs historischem Buddy-Movie "Da Bing Xiao Jiang" (Little Big Soldier) zu sehen, und der Dokumentarfilm "S.O.S. / State of Security" von Michèle Ohayon setzte sich aus der Perspektive des Terrorismus-Experten Robert (Dick) Clarke kritisch mit der Innen- und Außenpolitik der USA auseinander und stellt die Frage, welche Aufgaben und Verpflichtungen ein moderner demokratischer Rechtsstaat seinen Bürgern gegenüber hat. Auch Panorama und Forum zeigten in diesem Jahr eine große Vielfalt an Filmen. Dabei fielen einige Beiträge durch ihre großartige Machart ebenso auf wie durch die Einzigartigkeit ihres Erzählansatzes. "Ya" ("I am") erzählt die Geschichte eines jungen avantgardistischen Autors, der sich - seiner tiefen Bewunderung zu einem charismatischen Hippie folgend - aus Liebe zu einer Krankenschwester freiwillig in eine Psychiatrie einweisen lässt. Der russische Regisseur Igor Voloshin komponierte einen anarchistischen Bilderrausch, der anmutet, als hätten David Lynch und Chris Cunningham gemeinsam Drogen konsumiert und ein aufwändiges, nie endendes Musikvideo gedreht. In dem israelischen Film "Phobilia" spielt Ofer Schechter einen an Agoraphobie leidenden Jungen Mann, der seit 4 Jahren nicht mehr das Haus verlassen hat, sich in seiner Wohnung mit Hilfe von Fernsehen und Internet eine perfekte Ersatzwelt schuf und sich nun den Versuchen seines Vermieters erwehren muss, ihn vor die Tür zu setzen. In der US-Komödie "Father of Invention", die auch bei uns in die Kinos kommen soll, spielt Kevin Spacey den erfolgreichen Erfinder von Kombinationsgeräten namens Robert Axle, ein wahres Stehaufmännchen, das nach seinem glanzlosen Absturz und einem längeren Gefängnisaufenthalt wieder ganz von unten anfangen muss. Eine der ganz großen Entdeckungen dieses Festivals war der spanische Spielfilm "El Mal Ajeno" (For The Good Of The Others) von Oskar Santos. Als eine schwangere Schmerzpatientin nach einem Selbstmordversuch ins Koma fällt, konfrontiert ihr verzweifelter Verlobter ihren Krankenhausarzt Diego in der Tiefgarage mit einer Waffe in der Hand, schießt auf ihn und tötet sich anschließend selbst. Als Diego kurz darauf wieder zu sich kommt, hat er keinen Kratzer. Schon bald stellt er fest, dass er plötzlich über eine außergewöhnliche Gabe verfügt, eine Fähigkeit, die ihn über alle Menschen erhebt, die aber Segen und Fluch zugleich ist. Oskar Santos zeichnet hier eine Geschichte voll menschlicher Dramen und Tragödien. Er reichert sie gekonnt an mit Elementen des mystischen Thrillers und des Magischen Realismus und vermischt alles virtuos mit Leichtigkeit und Humor. Ein atemberaubendes Debüt. Produziert wurde der Film von Alejandro Amenábar, der in der Vergangenheit bereits mit seinen Regiearbeiten "Thesis" und "Abre Los Ojos" auf der Berlinale vertreten war. Acht Jahre lang hat die Reihe Perspektive Deutsches Kino den Deutschen Film, insbesondere dem Nachwuchsfilm auf der Berlinale, mehr Bedeutung verliehen und einem internationalen Publikum nahe gebracht. Die neunte Ausgabe dieses Jahr war die letzte des Leiters und Initiators Alfred Holighaus. Dieses Jahr verlässt Holighaus die Berlinale, um die Geschäftsführung der Deutschen Filmakademie zu übernehmen, ein Zug, der die Ausrichtung der Akademie sehr positiv beeinflussen könnte. Zu den Glanzlichtern von Holighaus' letzter Perspektive Deutsches Kino zählten die beiden Dokumentarfilme "Glebs Film" und "Portraits Deutscher Alkoholiker". "Glebs Film" von Christian Hornung von der Hochschule für Bildende Künste Hamburg zeigt den witzigen, aus Weißrussland eingewanderten Friseur Gleb, der seinen Kunden in seinem kleinen Salon in Hamburg-Altona während des Haarschnitts eine Filmgeschichte erzählt, die er im Kopf hat. Während wir sehen, wie Gleb wäscht, schneidet, legt, färbt und Dauerwellen macht, erleben wir, wie seine Geschichte wächst, sich entwickelt und sich immer wieder den Wünschen und Bedürfnissen der Zuhörer anpasst. Carolin Schmitz' einzigartiger Film "Portraits Deutscher Alkoholiker" lässt Alkoholiker aus ihrem Leben erzählen. Während die Kamera ruhig über Landschaften, durch Wohnhäuser und durch Universitäten schwenkt, hören wir sympathische Männer und Frauen aufgeräumt, mit Witz und ohne Selbstmitleid über ihre bis zu 25 Jahre langen, zum Teil unbemerkten Karrieren als Alkoholiker sprechen. So erfahren wir erstaunlich viel über heimliche Sehnsüchte und darüber, wie es ist, unter der Oberfläche einer normalen, scheinbar heilen Welt ein verstecktes zweites Leben zu führen. Carolin Schmitz ist Absolventin der Kunsthochschule für Medien Köln, ebenso wie die beiden Produzenten des Films Tom Schreiber und Olaf Hirschberg. RAYMOND BOY Findling 27Alles, was bewegt Schenken heißt, dem anderen etwas zu geben, was man selber gerne haben möchte. Ob man sich nun selber oder anderen eine Freude machen möchte. Bei unseren aktuellen Findlingen findet man dazu bestimmt die ein oder andere Anregung – besondere Blumensträuße, entspannende Massagen, individuelle Kleidung und Skaterstuff. Bewegend. Mobile Massage ist ein Trend, der wohl anhalten wird. Massage in Motion bietet den Kurzurlaub für den Rücken sowohl in Büros, privat zu Hause, im Studio als auch auf auf Events und Messen auf dem mobilen Massagestuhl an. Massagetherapeutin Chantal Völker hat mit ihrem Team bereits bei Rock-festivals, in Apotheken und sogar im ICE für Entspannung gesorgt. Da die Mischung aus Akupressur und klassischer Massage auch durch die Kleidung durchgeführt werden kann, ist jeder Ort ein Wellness-Spot. ![]() Massage in Motion Mobile Massage und Massage im Studio Chantal Völker Studioadresse: gleichtgewicht köln Vogelsanger Straße 193 50825 Köln Tel.: +49 (0) 221/30 131 64 Mobil: +49 (0) 176 62 50 44 01 info@massage-in-motion.de www.massage-in-motion.de Öffnungszeiten: Termine nur nach telefonischer Vereinbarung ab dem 5.04.2010. choices verlost einen Gutschein im Wert von 25€. E-Mail bis 21.3. an verlosung@choices.de, Kennwort:Massage in Motion Come on Board. Tailslide, Triangle, Hospital Flip, Slinds, Grinds – wem solche Begriffe etwas sagen, ist bei Pacific Beach richtig. Die Skaterszene wird von Schuhmarken wie Vans, Element, Kustom, Osiris, Nike 6.0 und Skatboard-Labels wie Element, Toy Machine, Mob, Stereo, Think, City und Rasar Libre angezogen. Inhaber Dirk Schöneck bietet zudem auch Trends, z.B. Fingerboards und bunte sowie Glow in the dark-Schnürsenkel von Mr. Lacy. ![]() Pacific Beach Shoes & Skate Stuff Dirk Schöneck Berrenrather Straße 181. 50937 Köln ( Sülz ) Tel.: +49 (0) 221/16 93 52 43 info@pacific-beach.de www.pacific-beach.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 12:00 bis 20:00 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr choices verlost einen Gutschein im Wert von 25€. E-Mail bis 21.3. an verlosung@choices.de, Kennwort:Pacific Beach Else-Wear. Tragtauglich und doch gegen den Alltag ist bei Else entspanntes Shoppen angesagt. Inhaberin Bianca Breuer bietet Schuhe, Mode und Schönes fürs Kind von skandinavischen, italienischen und ökologischen Labels wie Snob, Komondo, Liebeskind, Fly London, Kickers und der Eigenmarke Else Fashion. Echter Service wie ehrliche Beratung und unkomplizierter Umtausch machen das Stöbern und Kaufen bei Else noch schöner. ![]() Else Mode. Schuhe. Accessoires. Bianca Breuer Berrenrather Straße 224 50937 Köln ( Sülz ) Tel.: +49 (0) 221/297 857 53 info@else-fashion.de www.else-fashion.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 10:00 bis 19:00 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr choices verlost einen Gutschein im Wert von 25€. E-Mail bis 21.3. an verlosung@choices.de, Kennwort:Else Blütenzauber. Eine Rose ist eine Rose? Bei Alexandra Dannenberg sind Rosen und andere Blumen mehr als das. An den Trendfarben der Saison orientiert komplettiert sie Sträuße mit außergewöhnlichen Materialien wie zum Beispiel Filz. Individuelle Gestecke werden auf Anfrage für Hochzeiten, Events und Trauerfeiern angefertigt und auf Wunsch auch geliefert. Darüber hinaus findet man bei Zweigwerk stilvolle Vasen, ‹bertöpfe, Keramik sowie Möbelaccessoires. ![]() Zweigwerk Floristik Alexandra Dannenberg Lindenthalgürtel 105 50935 Köln ( Lindenthal ) Tel./Fax: +49 (221) 43 22 08 a.dannenberg@netcologne.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 9:00 bis 18:30 Uhr, 14:00 bis 15:00 Uhr geschlossen samstags 9:00 bis 14:00 Uhr choices verlost einen Gutschein im Wert von 25€. E-Mail bis 21.3. an verlosung@choices.de, Kennwort:Zweigwerk Donnerstag, 21. Januar 2010Ökologie um jeden Preis
BIS ANS LIMIT WO ÖKO DRAUF STEHT, MUSS NICHT ÖKO DRIN SEIN ... CHOICES-THEMA IM FEBRUAR: ÖKOLOGIE UM JEDEN PREIS Ohne Öko läuft nichts mehr – weder in der Chemie-Industrie noch im Literaturbetrieb. Lanxess sponsert Frank Schätzing in der Lanxess-Arena und weiß auch, warum. Frank Schätzing ist Kölns Erfolgsautor Nr.1. Sein 1.000 Seiten starker Öko-Thriller „Der Schwarm“, in dem sich allerlei Meeresgetier gegen die Zerstörung seines Lebensraums auflehnt, wurde in 17 Sprachen übersetzt und allein in Deutschland über zwei Millionen mal verkauft. Die Filmrechte liegen bei der Kölner Produktionsfirma Zeitsprung und Hollywoodstar Uma Thurman („Pulp Fiction“), Produktionspartner ist Dino De Laurentis. Ted Tally („Das Schweigen der Lämmer“) schreibt am Drehbuch. Inzwischen hat Schätzing mit „Limit“ einen weiteren Wälzer geschrieben, in dem er die Leser diesmal 1.300 Seiten lang auf den Mond des Jahres 2025 entführt. Es geht um Machenschaften internationaler Konzerne, die um Rohstoffe kämpfen. Auch wenn die „quälend lange Reise“ (Stern) die Kritiker langweilte: Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch freut sich über bereits 620.000 verkaufte Bücher. „Solche Auflagen haben wir mit Heinrich Böll nie erreicht“, sagt der stellvertretende Vertriebsleiter Stephan Wirges. Aktuell komprimiert Schätzing sein Opus in einer Multimediaschau, mit der er auch im Rahmen der lit.COLOGNE am 17. März in der Kölner LanxessArena auftritt. Erwartet werden 4.000 Besucher. Gesponsert wird das Event vom Leverkusener Chemie-Multi Lanxess, der Schätzing beim Recherchieren half. Vorstand Rainier van Roessel: „Unser Engagement eröffnet einen ganz neuen Weg, uns für die Vermittlung von Wissen und Wissenschaft einzusetzen.“ EINST IN AMAZONIEN Wo Lanxess draufsteht, ist meist auch Bayer drin – nicht unternehmensrechtlich, aber faktisch. Lanxess entstand 2004 aus einem Spin-Off der Chemiesparte und Teilen des Kunststoffgeschäfts der Bayer AG. Während das Bayerkreuz für ein langes ökologisches, soziales und politisches Sündenregister steht, kommt Lanxess so sauber daher, dass lit.COLOGNE-Geschäftsführer Reiner Osnowski den Ableger als Hauptsponsor seines Literaturevents präsentiert. Mit Bayer hat Osnowski seit den frühen 1980er Jahren zu tun. Damals war er an Aktionen gegen die Verklappung von Leverkusener Dünnsäure in der Nordsee beteiligte. Einige Jahre danach gründete er den Kölner Volksblatt-Verlag mit und wurde schließlich alleiniger Verleger des mehr als 150 Titel umfassenden Programms. Schwerpunkte: Ökologie, Dritte Welt und Frauen. 1994 veräußerte Osnowski das Verlagsprogramm an die Verlage Emons, Beltz und vor allem an Kiepenheuer & Witsch. Für letzteren fungierte er fortan als freier Lektor und Herausgeber von Buchreihen in Sachen Ökologie, Umwelt und Soziales. Parallel dazu dokumentierte er als Autor und Filmemacher zusammen mit dem Kölner Fotografen Manfred Linke Umweltprojekte am Amazonas. Die Universität von Belém und das Umweltministerium des brasilianischen Bundesstaates Pará ernannten Osnowski sogar zum „Beauftragten für ökologische und soziale Fragen Amazoniens in Deutschland“. Als Sonderbotschafterin der Brasilianer fungiert inzwischen Nina Hoss. Die bekannte Schauspielerin agiert in den Fußstapfen ihres 2003 verstorbenen Vaters Willi Hoss. Der ehemalige Mercedes-Betriebsrat und Grünen-Mitgründer hatte sich für Indio-Projekte am Amazonas eingesetzt, die wiederum von Osnowski und Linke ins Bild gesetzt wurden. VERINNERLICHTE STANDARDS Die Ziele, für die sich einst Minderheiten einsetzten, sind inzwischen Mainstream. So ist etwa der globale Klimawandel zur breit akzeptierten Gewissheit geworden. „Seit 1992 hat sich sehr viel hin zu einer besseren, nachhaltigen Welt geändert: Autos sind sparsamer geworden, die Luft ist sauberer, und alternative Energien sind weiter als damals erhofft.“ So sieht es die Initiative „Rio wird 18“, die den 20. Jahrestag der legendären UN-Konferenz von Rio 1992 vorbereitet und für die Osnowski als Beirat fungiert. Initiiert hat sie Wolfgang Scheunemann, früherer Umwelt-Kommunikator von Daimler und heute Geschäftsführer der Stuttgarter Unternehmensberatung Dokeo. Auf seinen Nachhaltigkeitsforen gehen Vorständler und PR-Leute zusammen mit NGO-Vertretern und Wissenschaftlern der Frage nach, „wie ein Unternehmen durch Kommunikation an Reputation gewinnen kann, ohne das dies von den Medien als plumpe PR abqualifiziert wird“. Auch Bayer und Lanxess erhoffen sich hier Tipps. Scheunemanns Credo: „Kein Unternehmen kann es sich leisten, gegen die gesellschaftlich verinnerlichten Umwelt-Standards zu handeln.“ Widerspruch gegen die glatte Öko-PR war selten. Allenfalls der damalige Grünen-Chef Reinhard Bütikofer mahnte 2006 die bei Scheunemann versammelten Nachhaltigkeits-Strategen, sie möchten ihren Selbstverpflichtungen doch bitteschön auch Taten folgen lassen. Bayer war in Sachen Umweltschutz schon anno 1992 in Rio dabei. Auf der damaligen Umweltkonferenz setzte sich die neoliberale Sichtweise durch: ohne freie globale Märkte kein Wirtschaftswachstum, kein Umweltschutz und keine nachhaltige Entwicklung. Nur ohne bindende Rahmenbedingungen könne die Industrie das garantieren. Seitdem steht die freiwillige Selbstverpflichtung hoch im Kurs. Bayer fährt auf seiner Website sogar unter UN-Flagge. Kein Wunder, denn die kontrolliert die Versprechen der Industrie nicht. Und so retten große Unternehmen die Welt auf ihre Art und kommunizieren darüber. Ikea sponsert den Regenwald in Kambodscha mit sagenhaften 800.000 Euro. Krombacher Pils verspricht, für jeden verkauften Kasten Bier einen Quadratmeter Regenwald zu retten. Toyota pflanzt praktisch überall Bäume. Und Lanxess lässt Schätzing lesen. TEXT/ZUSAMMENSTELLUNG: PETER HANEMANN/WOLFGANG HIPPE
WIR HABEN DIE WAHL FLORIAN SÖLLE ÜBER ÖKO-EVENTS UND ÖKO-TRENDS IM BUCHHANDEL choices: Herr Sölle, ist der Buchhandel Event-orient? Martin Sölle: Ja, sicher, der Buchhandel verhält sich wie die ganze Gesellschaft und speziell der Einzelhandel. Klassische Lesungen reichen nicht mehr, die Palette der Buch-Events reicht von Buchpräsentationen über Themen-zentrierte Veranstaltungen bis zu neuen Formen multimedialer Vermittlung. Wie schlagen sich Megaevents wie der Klimagipfel in Kopenhagen im Buchhandel nieder? Trotz des Medienwirbels sind solche Ereignisse im Buchhandel nicht direkt spürbar, zumindest auf der Seite der Kunden und Leser nicht. Als Informationsquelle ist der Buchmarkt bei Großthemen durch das Internet verdrängt worden. Auf der Seite der Buch-Produzenten ist das natürlich anders. Autoren und Verlage wollen Veranstaltungen wie den Klimagipfel als Anknüpfungspunkte für Aufmerksamkeit nutzen. Wie hoch ist der Anteil von ökologisch orientierten Büchern? Ökologie ist nach wie vor ein relevanter Bereich beim naturwissenschaftlichen Sachbuch, wobei das Interesse an praktischen Ratgebern und tagespolitischen Themen etwas nachgelassen, dafür aber an allgemeineren naturwissenschaftlichen Fragestellungen zugenommen hat. Nachgefragt werden Autoren wie Simon Singh oder Josef H. Reichholf, die grundsätzliche Fragen der Naturwissenschaft aufwerfen und diese populär darstellen. Kommt es noch zu Öko-Wellen? Kaum. Die Medien und damit auch das Publikumsinteresse sind viel schnelllebiger geworden. Auch die Buchhandlungen sind dieser Schnelllebigkeit unterworfen. Die Verweildauer von Büchern im Sortiment ist viel kürzer geworden. Manchmal sind Bücher, wenn sie rezensiert werden, schon gar nicht mehr aktuell in der Buchhandlung. Was sind die aktuellen Öko-Bestseller? Gut verkaufen lassen sich „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ von Claus Leggewie und Harald Welzer und das Klima-Sachbuch „Das Wetter von morgen“ von Fred Pearce. Und Al Gores Klima-Streitschrift „Wir haben die Wahl“ ist ein Dauerbrenner. Zur Person Martin Sölle, Buchhändler seit 1986, ist einer der Geschäftsführer des „Anderen Buchladens“ in Köln. Ehrenamtlich engagiert er sich im Centrum Schwule Geschichte und im El-De-Haus-Verein. WIRKLICHE TEILHABE HERMANN ZAUM ÜBER ÖKOLOGIE UND FREIWILLIGE SOZIALE LEISTUNGEN choices: Herr Zaum, passen Ökologie und Sozialpolitik zusammen? Hermann Zaum: Das soziale Zusammenleben der Menschen, eine intakte Umwelt und die wirtschaftliche Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Schon Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist dies von den Vereinten Nationen unter dem Aktionsprogramm „Agenda 21“ angestoßen worden. Ökologische Ziele wie zum Beispiel der Klimaschutz durch Energieeinsparung haben ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen und damit auch auf die Sozialpolitik. Wenn Energie knapp und teuer wird, trifft es die Familien mit niedrigem Einkommen zuerst. Bei der Forderung nach einer guten Wärmeisolierung im sozialen Wohnungsbau ergänzen sich also ökologische Ziele und sozialpolitische Forderungen. Ihr Verband hat zum Europäischen Jahr gegen Armut und Ausgrenzung 2010 ein armutspolitisches Gesamtkonzept gefordert. In Deutschland wird das Europäische Jahr durch die Förderung von bundesweit rund 60 kleineren Einzelprojekten umgesetzt. Fast die Hälfte des Gesamtetats von 2,25 Mio. Euro wird für Werbung und Organisation ausgegeben. Eine wirkliche Armutsbekämpfung ist das nicht. Nach dem Scheitern der Hartz IV-Gesetzgebung brauchen wir vor allem eine Bekämpfung der Kinderarmut. Fast 800.000 Kindern und Jugendlichen droht allein in Nordrhein-Westfalen durch Armut das gesellschaftliche Abseits. Außerdem brauchen wir mehr öffentlich geförderte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, um Langzeitarbeitslosen dauerhafte Perspektiven zu geben. Unter anderem fordern Sie für einkommensschwache Familien kostenfreie Angebote in Bildung, Sport und Kultur. Da sind vor allem die Kommunen gefordert, die so gut wie pleite sind. Bildung ist EIN Schlüssel, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Sport und Bewegung, Kreativität und Kultur, Ernährung und Gesundheit haben dabei eine zentrale Rolle. Das darf nicht am Einkommen der Eltern scheitern. Es geht um wirkliche Teilhabe, und hier sind in der Tat die Kommunen gefordert. Doch für sie wird es immer schwieriger. Wir brauchen eine grundlegende kommunale Finanzreform, denn die Städte, Gemeinden und Kreise können ihre dringenden Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge kaum noch leisten. Hinzu kommen die rigiden Haushaltsvorgaben der Kommunalaufsichten. Sie verlangen in „Not-Haushalten“ erhebliche Einschnitte bei den sogenannten „Freiwilligen Leistungen“, wovon zumeist die sozialen Dienste und Einrichtungen betroffen sind. Wie steht es um den Kampf gegen Armut in der Region? Auf der kommunalen Ebene geht es bei der Armutsbekämpfung immer um – möglichst gleichberechtigte – Teilhabemöglichkeiten. Diese Aufgabe wird in Regionen mit größerer Finanzkraft nur relativiert. Im Grundsatz aber stellt sie sich überall. Das wichtigste kommunalpolitische Instrument zur Steuerung solcher Maßnahmen ist ein detaillierter Armuts- oder Sozialbericht, in dem nicht nur stadtteilbezogen die soziale Lage analysiert wird, sondern in dem auch Ziele festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Zur Person Hermann Zaum ist Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) in NRW.
KEIN DIALOG MIT BAYER PHILIPP MIMKES ÜBER CHEMIE-GEFAHREN UND GREENWASHING choices: Herr Mimkes, was macht Bayer gefährlich? Philipp Mimkes: Beispielsweise setzt Bayer in der Kunststoff-Produktion jährlich Tausende Tonnen Phosgen ein. Phosgen wurde im 1.Weltkrieg als Kampfgas verwendet. Auch das Giftgas MIC, durch das nach der Chemiekatastrophe 1984 im indischen Bhopal Tausende Menschen starben, wird bei Bayer in großen Mengen eingesetzt. Bei uns in der Region droht noch immer die Inbetriebnahme der Kohlenmonoxid-Pipeline zwischen Köln-Worringen und Krefeld. Kohlenmonoxid ist ein hochgefährliches Gas, das bislang nur dort hergestellt wurde, wo es auch verbraucht wird. Wir hoffen, diesen Präzedenzfall mit Hilfe der Gerichte noch zu stoppen. Wie sieht es bei den Produkten aus? Im Pharmabereich gibt es Präparate, die mehr Schaden als Nutzen bringen – ich denke da aktuell an das bei Herzoperationen eingesetzte Trasylol, das mit Tausenden von Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Kurz vor Kopenhagen hat sich Bayer noch einmal öffentlich zum Klimaschutz bekannt. Der jährliche CO2-Ausstoß der Firma ist mit rund 8 Mio. Tonnen unvermindert hoch und soll bis zum Jahr 2020 auch nicht nennenswert sinken. Emissionen in dieser Höhe sind mit einem wirksamen Klimaschutz unvereinbar. Die von Bayer nun angekündigten Beiträge zum Klimaschutz sind Augenwischerei, so lange sich der Konzern am Bau neuer Kohlekraftwerke beteiligen will. Wir fordern von Bayer ein breitgefächertes Programm zur Reduktion der CO2-Emissionen um 80% bis 2050. Bayer behauptete noch 2007, den Ausstoß klimaaktiver Gase in den vergangenen 15 Jahren um 70% reduziert zu haben. Dies war ein klarer Fall von Täuschung. In die Rechnung sind Verkäufe von Tochterfirmen und die Ausgliederung der Energieversorgung eingeflossen – also bilanzielle Umbuchungen, die nichts mit Klimaschutz zu tun haben. Eine unserer Kampagnen führte dazu, dass Bayer die Behauptung fallen lassen musste. Bayer bekennt sich offiziell zum nachhaltigen Wirtschaften – von den Rohstoffen über die Logistik bis zur Produktion ... Bayer bekennt sich zu vielem, u.a. zum Global Compact mit den Vereinten Nationen. Bei der Auswahl der Partner aus der Wirtschaft verzichten die UN aber auf jegliche Messlatte. Auch nach der Unterzeichnung durch das jeweilige Unternehmen erfolgt keinerlei Überprüfung der Einhaltung der Prinzipien oder der Musterprojekte - sämtliche Übereinkünfte sind unverbindlich. Ohne verbindliche Regeln und intensive Kontrollen bringen solche freiwilligen Maßnahmen nichts. In Brasilien unterstützt Bayer Projekte gegen die Kinderarbeit, geht in Armenviertel und hilft bei der Gesundheitsvorsorge. Wir bezeichnen solche Projekte als „greenwashing“. Meist handelt es sich um Maßnahmen, die für wenig Geld viel Publicity bringen. Letztlich wird damit eher Schaden angerichtet, denn mit Hilfe solcher Musterprojekte gelingt es dem Unternehmen, Probleme in anderen Bereichen zu überdecken. Denn zugleich vertreibt Bayer in Brasilien Pestizide der höchsten Gefahrenklasse, die in Europa längst vom Markt genommen wurden. Auch im Pharmabereich wurden in Brasilien über Jahrzehnte hinweg gefährliche Präparate verkauft, z. B. „aspirina infantil“ speziell für Kinder und Babys, obwohl damit das hochgefährliche Reye-Syndrom ausgelöst werden kann. Auch dies ist ein Beispiel für doppelte Standards, denn bei uns wird Kinder-Aspirin schon lange nicht mehr verkauft. Sie beobachten Bayer nun seit über 30 Jahren. Hat das Unternehmen dazugelernt? Natürlich sind immer wieder gefährliche Produkte vom Markt genommen worden. Auch die Emissionen sind in den meisten Bereichen gesunken. Die Verbesserungen wurden aber selten freiwillig durchgeführt. Sie gehen fast immer auf öffentlichen Druck zurück. Einen wirklichen Lerneffekt gibt es im PR-Bereich, der immer weiter perfektioniert wurde – bis zu vorgefertigten Artikeln und Radiobeiträgen. Sind Sie denn mit Bayer in einen Dialog gekommen? Nein, das Unternehmen verweigert sich jedem Dialog. Wobei wir auch zu keinen Hinterzimmer-Gesprächen bereit wären. Wir fordern von Bayer Transparenz, von daher müssten auch die Inhalte solcher Gespräche veröffentlicht werden. Bayer steht nach eigenen Angaben im Dialog mit vielen NGOs. Was Bayer Dialog nennt, ist meist nur PR. Tatsächlich hat Bayer zum Beispiel in Kopenhagen über zahlreiche Lobbyorganisationen versucht, substanzielle Beschlüsse zu verhindern. So bemühte sich etwa Croplife, der Verband der Pestizidhersteller, verbindliche Auflagen zur CO2-Reduzierung in der Landwirtschaft abzuwenden. Ihre Kampagnen zielten bislang auf Bayer. Haben Sie auch die Bayer-Ausgliederung Lanxess im Blick? Wir sind mit Bayer mehr als ausgelastet, daher können wir uns nicht intensiv um Lanxess kümmern. Bayer und Lanxess sind aber nach wie vor eng miteinander verbunden, zum Beispiel über die gemeinsame Tochterfirma Currenta, die das in Krefeld geplante Steinkohlekraftwerk betreiben soll. Die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen allein dieses Kraftwerks würden bei 4,3 Millionen Tonnen liegen – mehr als zehnmal so hoch wie die von Bayer angekündigten Effizienzgewinne. Im Bayer-Werk Antwerpen will e.on ebenfalls ein solches mit Importkohle befeuertes Kraftwerk bauen. Wegen der gravierenden Umweltauswirkungen hat die Stadt Antwerpen hierfür, zumindest vorerst, keine Genehmigung erteilt. Was erhoffen Sie sich von der Landesregierung? Die Landesregierung darf sich nicht zum Erfüllungsgehilfen großer Unternehmen machen, sondern muss für klare Vorgaben in den Bereichen Ökologie und Verbraucherschutz sorgen. Aktuell beobachten wir leider das Gegenteil: Sowohl der Klimaschutzparagraph als auch das Wasserentnahmeentgelt wurden auf Drängen der Industrie gestrichen. Die Aussagen von Herrn Mimkes geben dessen eigene Meinung wider und sind nicht gleichbedeutend mit der Ansicht der Redaktion (Anm. d. Red.). Zur Person Philipp Mimkes, Diplom-Physiker aus Köln, ist seit 1994 Geschäftsführer der „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ mit Sitz in Düsseldorf. Mehr unter: www.CBGnetwork.de Freitag, 18. Dezember 2009Findling 26Frauen und Kinder zuerst! Kleidung für Babys und Kinder zu besorgen kann genau so viel Spaß machen wie nach Schuhen und Partyoutfits Ausschau zu halten. Beim Rundgang durch die Ladenlokale unserer Findlinge findet man den perfekten DreiShoppingKlang. Wer ein Faible für das Besondere hat, kommt an Adieu Tristesse, myo Baby, Chocolina und 39einhalb kaum vorbei. ![]() Schuhschick. Den Schuhladen 39einhalb, ehemals Krupka, erkennt man daran, dass auch nach Ladenschluss mindestens eine Frau am Schaufenster steht. Schuhe, Stiefel sowie Taschen, Handschuhe und Gürtel sind allesamt aus Leder, u.a. von ART, neosens, Sanita und Sticks and Stones. Für Schnäppchen-fänger: WARMBAT sind DIE von den Aborigines angehauchte Alternative zu UGG Boots und im Januar beginnt der Winterschlussverkauf. 39einhalb Elke Scherbaum Merowinger Str. 26 50677 Köln Tel.: +49 (0) 221/30 49 860 Fax: +49 (0) 221/13 92 476 elke@39einhalb.de www.39einhalb.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 10:00 bis 19:00 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr ![]() SweetStuff. Chocolina ist so süß und schön, wie es klingt. An jeder Ecke des liebevoll eingerichteten Ladenlokas gibt es etwas zu entdecken: Unwiderstehliche Accessoires und Schmuckstücke, vor allem aber trend-orientierte und doch individuelle Party-Outfits. Die Mode, die süchtig macht, kommt überwiegend aus Barcelona. Markennamen wie Collci, Religion, Buddis Punk sind bei Chocolina leistbar. Regelmäßig bieten Freunde der Inhaberin in den Räumlichkeiten einen gemütlichen Flohmarktverkauf inklusive Glühwein. Chocolina Karina JeffreyFlandrische Str. 6 50674 Köln Tel.: +49 (0) 177/30 80 662 kjeffery@gmx.de www.chocolina.net Öffnungszeiten: montags bis freitags 12:00 bis 20:00 Uhr samstags 12:00 bis 20:00 Uhr ![]() Babysetter. Für alle Mamas und Papas ist das eigene Baby das Schönste. Passend dazu bietet myo Baby vom Strampler, Socken, Jacken über Krabbeldecken, Spielzeug wie Kuscheltiere und Rasseln bis hin zur Kinderzimmerdeko alles, was Baby- und Elternherzen höher schlagen lässt – ausgefallen bunt und hochwertig, teils handgemacht mit u.a. Marken wie Villervalla, smafolk, MIMI'lou und tragwerk. myo Baby Corina HoffGustavstr. 6-8 50937 Köln Tel.: +49 (0) 221/168 348 95 Fax: +49 (0) 221/406 47 45 corina@myo-myo.de www.myo-myo.de Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 9:00 bis 14:30 Uhr und 15:30 bis 17:00 Uhr freitags 10:00 bis 15:00 Uhr samstags 11:00 bis 15:00 Uhr ![]() Extraordinaire. Bei „Adieu Tristesse“ heißt es wohl bald „Bonjour Fröhlichkeit“ und „Kölle Alaaf“, fertigt Inhaberin Maria Gvero doch einzigartige Kinderkostüme für die Karnevalszeit. Aber vor allem festliche und alltagstaugliche Kleidung sowie Kuscheltiere sind allesamt mit viel Herzblut im hauseigenen Atelier entworfen und geschneidert. Die Unikate kann man ebenfalls im Online-Shop erwerben unter: www.adieutristesse.eu Adieu Tristesse Maria GveroMoltkestr. 85 50674 Köln Tel.: +49 (0) 221/299 32 263 atelier@adieutristesse.eu www.adieutristesse.eu Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags 10:00 bis 13:00 Uhr und 14:00 bis 18:00 Uhr samstags 12:00 bis 16:00 Uhr oder nach Vereinbarung Donnerstag, 17. Dezember 2009Köln 2010
THAT’S ENTERTAINMENT
EVENTSTADT KÖLN 2010: VOLLES PROGRAMM BEI LEEREN KASSEN CHOICES-THEMA IM Januar: Köln 2010 Köln bietet wie immer Brot & Spiele. Weltniveau garantieren diesmal die Gay Games.
Man muss nur choices durchblättern, um eine leise Ahnung zu bekommen, wie viele Veranstaltungen allmonatlich in Köln stattfinden. Dabei sind die hier besprochenen, angekündigten und beworbenen Termine nur ein Ausschnitt. Sportveranstaltungen, Kirchen-Basare und Karnevalssitzungen finden in choices nicht oder kaum statt. Auch wenn choices-LeserInnen Trödelmärkte, Stadtteilfeste und Wein-Seminare besuchen: Jede Veranstaltung hat ihre eigene, mehr oder weniger überschaubare Szene-Öffentlichkeit. Eine Stadt steht da vor anderen Problemen. Ihre Attraktivität speist sich nicht nur aus ihrem Kultur- und Freizeitangebot für Teil-Szenen, sondern auch aus Groß-Veranstaltungen, für die sich viele interessieren – auch solche von außerhalb. Zum Beispiel gelten Rolling Stones-Konzerte als generationenübergreifendes Familienentertainment, zu dem Rock-Omas und -Opas gern mit ihren Enkeln anreisen. Dass die „Umwegrentabilität“, die sich gemeinhin durch Shopping, Kneipenbesuche und Hotelübernachtungen ergibt, bei Rock-Konzerten praktisch gegen Null geht, ist die andere Seite der Medaille. Den Reibach machen Mick Jagger & Co. Je größer die Events, desto länger der Vorlauf. So holte das Frankfurter Satiremagazin „Titanic“ die Fußball-WM 2006 schon im Sommer 2000 mit Bestechungs-Faxen an FIFA-Delegierte nach Deutschland. Die Chance, 2010 Kulturhauptstadt Europas zu werden, verpatzte Köln 2004. Als Essen und das Ruhrgebiet 2006 über den Zuschlag jubelten, schrieben viele beteiligte Kommunen längst rote Zahlen. Inzwischen streiten sie sich, wer den Müll wegräumen soll, den auch Kulturevents hinterlassen. Köln wiederum verpatzte den Terminplan des NRW-Strukturprogramms „Regionale 2010“. So wird das Vorzeige-Projekt „Archäologische Zone“ frühestens 2013 fertig. Auf das rechtsrheinische Regionale-Projekt „Rheinboulevard“ soll erst mal ein Info-Container aufmerksam machen. SCHWULE BLICKE AUF DIE STADT Auch die Kölner Stadt-Finanzen sind im Keller. Nichtsdestotrotz beginnt nun ein Eventjahr, dem sich die Domstadt nicht entzieht. Im globalen Veranstaltungskalender sind die Olympischen Winterspiele und die Fußball-WM die Mega-Events. Die einzige Veranstaltung, mit der Köln auf Weltniveau dabei ist, sind die Gay Games. Anfang August blickt der homosexuelle Teil der Weltbevölkerung eine Woche lang auf diese Stadt – mehr Blicke, als ein Papstbesuch auf sich zieht. Als Joseph Alois Ratzinger alias Benedikt XVI. am 18. August 2005 zum katholischen „Weltjugendtag“ einschwebte, hob die Kölner Stadtverwaltung ab und verpasste sich das Label „Eventstadt“. Mit seinen Großveranstaltungen hat Köln bis vor wenigen Jahren auf Masse statt Klasse gesetzt. So wurde das 1993 gestartete „Kölner Ringfest“ 13 Jahre lang als hochsommerliches Mega-Event gefeiert – immer größer, aber auch immer unwirtlicher. In den Anfangsjahren hatten sich zwei Millionen Besucher für den Rummel um einige Showbühnen und viele Bierstände begeistert, dann kamen nur so viele wie zu einem bezirklichen Straßenfest. 2006 wurde das Ringfest einen Monat vor dem geplanten Termin aus verschiedenen Gründen abgesagt. Mit der Fußball-WM gab es ein neues „Sommermärchen“, bei dem auch in Köln vieles easy lief, vor allem das kulturelle Rahmenprogramm. Als Vorboten der WM 2010 schickte die südafrikanische Regierung die besten Musiker, Tänzer und Poeten des Landes an den Rhein. Ihr Veranstaltungsreigen wurde – ganz ohne FIFA – in den „Sommer Köln“ der SK Stiftung Kultur integriert. Für die Stadt Köln hingegen kam es zur Kostenexplosion beim Public Viewing. Die Stadtverwaltung setzte den Rat unter Druck, um über die genehmigten 4 Millionen Euro weitere 3,5 verausgaben zu können. IM DUNST DES LOKALEN Die Schattenseiten des städtischen Veranstaltungswesens sind Klüngeleien mit lokalen Medien und Geschäftemachern. So verschaffte der damalige stadtkölnische WM-Beauftragte dem WDR Exklusivrechte auf Livebilder, die andere Sender praktisch von der Berichterstattung ausschlossen. 50.000 Euro Honorar für die Kölsch-Band Höhner, die der WDR exklusiv bei der „La Ola-Party“ aufnahm, zahlt die Kommune – die Verwertungsrechte hatte der WDR. Dann wurde gegen einen zeitweiligen Geschäftsführer von KölnTourismus wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Wie es hieß, hatte der Mann vor der WM befreundeten Veranstaltern Vertriebsrechte für kölsche Fan- und Werbeartikel unter Wert verkauft. Von da ist es nicht weit zu rummeligen Wein-, Bier- und Oktoberfesten, bei denen Kölsch aus dem Maßkrug getrunken wird. Damit die Alkoholfahnen und Lärmteppiche nicht überhand nehmen, verabschiedete der Rat Ende 2007 ein Platzkonzept, nach dem Veranstaltungen an innenstädtischen Orten Kölns Image als „Medien- und Kulturstadt“ förderlich sein müssen. Ausnahmen gelten nur für „Publikumsmagneten mit oberzentraler Bedeutung“ – namentlich für den Straßenkarneval an Weiberfastnacht, die sonntäglichen Schull- und Veedelszög, den Rosenmontagszug, den KölnMarathon und die „Kölner Lichter“. Jetzt hat die Stadt mit einer Verordnung nachgelegt, nach der Veranstalter rechtzeitig Sicherheits- und Umfeldkonzepte vorlegen müssen. Verlangt wird u.a. eine „Bestätigung über die Durchführung eines behördlich angeordneten Sanitätsdienstes einschließlich der dazugehörenden Einsatzkonzeption.“ KÖLN-(Megaevent)-KALENDER 2010
Der Veranstaltungskalender einer Stadt ist ein anderer als beispielsweise der eines Bürgerzentrums. Ihre Attraktivität speist sich nicht nur aus ihrem Kultur- und Freizeitangebot fürs heimische Publikum, sondern auch aus Veranstaltungen, mit denen sie überregional bis international auf sich aufmerksam machen kann. Und die helfen, die (Kultur-) Wirtschaft am Laufen zu halten. Insofern berücksichtigt dieser Kalender 2010 auch eher Veranstaltungen von überregionaler Bedeutung. Januar Essen, Istanbul und Pécs sind Europas Kulturhauptstädte 2010. An der Ruhr sollen dazu rund 2.000 Veranstaltungen stattfinden. Ein Highlight: Massensingen auf Schalke. Köln hat dafür mit den Passagen (18.-24.1.) die größte deutsche Designausstellung. Man kann hier nach den Previews der „Cocktailroute“ im Belgischen Viertel folgen oder den „Design Parcours Ehrenfeld“ absolvieren. Nach rund 190 Shows drohen die Finissagen. Traditionell findet zugleich die Internationale Möbelmesse IMM (19.-24.1.) statt. Februar Monat des Frohsinns. Im Fernsehen wird der Karneval (11.-17.2.) wieder im Übermaß zu sehen sein. Diesmal konkurriert er ein bisschen mit den Olympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver (12.-28.2). Weil Sportevents schon immer gut für die Markteinführung neuer teurer Unterhaltungselektronik waren, startet diesmal die „HDTV-Offensive“ von ARD und ZDF. Also kauft Fernseher, Leute. Ob der WDR dann auch den Kölner Rosenmontagszug (15.2.) in HDTV-Qualität überträgt, dürfte den angeheiterten Jecken am Zugweg egal sein. Dem Vernehmen nach nicht geplant ist eine Live-Übertragung aus Unna. Dort präsentiert Helmut Scherer zum letzten Mal seinen „kleinsten Karnevalsumzug der Welt“ mit nur einem Leiterwagen. Motto 2009: „Wer Unna nicht kennt, hat die Welt verpennt.” März Köln hat das größte Literaturfestival in Europa. Diesmal sind auf den 175 Veranstaltungen der 10. lit.COLOGNE (10.-20.3.) u.a. zu Gast: Nobelpreisträgerin Hertha Müller, Künstler Ai Weiwei, Eine Welt-Autor Henning Mankell und Rock-Legende Patty Smith. Die große lit.COLOGNE-Gala ist diesmal dem Thema Reisen gewidmet. Übrigens finanziert sich das Festival ausschließlich über denn Ticketverkauf und durch Sponsoring. Nicht nur deshalb ist es nach Umfragen das beliebteste Kulturereignis der Stadt. April Die Art Cologne startete 1967 als „Kunstmarkt Köln“ und war die erste Kunstmesse der Welt. Inzwischen ist der Lack ab, aber seit letztem Frühjahr ist wieder einmal von einem „frischen Neuanfang“ die Rede. Die 44. Ausgabe der Kunstmesse (21.-25.4.) versammelt rund 190 Galerien aus dem In- und Ausland und soll rund 55.000 Besucher anlocken. Im Angebot: Kunst der Klassischen Moderne, Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst. Art Cologne-Direktor Daniel Hug will Köln bald auf Augenhöhe mit der „Art Basel“ und ihrem Ableger in Miami Beach, der „Armory Show“ in New York, der „Frieze Art Fair“ in London und den neuen Kunstmessen in China sehen. Zudem finden mit der Musik Triennale (24.4.-16.5.) und dem Internationalen Frauenfilmfestival (14.-18.4.) weitere kulturell hochklassige Festivals statt, die nicht nur ein Fachpublikum anziehen werden. Mai Das zweite Mai-Wochenende (8./9.5.) ist hot, hot, hot. Am Samstag entscheidet sich beim Spiel 1. FC Nürnberg gegen den 1.FC Köln vielleicht leider erst endgültig, ob Poldi absteigt. Am Sonntag entscheiden die Wähler, ob Jürgen Rüttgers Landesvater und Arbeiterführer bleiben darf. Etwas Abkühlung bieten 29 Spiele der 74. IIHF Eishockey-WM (7.-23.5.) in der ehemaligen Köln-Arena, Endspiel inklusive. Unbedingt vormerken: Am 15. Mai findet im Rheinenergie-Stadion das Pokalendspiel der Fußball-Frauen statt. Köln erhielt den Zuschlag wegen seiner „großen Erlebnisqualität“ – vor Leverkusen, Frankfurt, Gelsenkirchen und Wolfsburg (Überraschung?). Juni Im Medienmonat Juni strömen schon traditionell Medienmacher an den Rhein, um sich beim Internationalen Filmkongress der Filmstiftung NRW und beim mittlerweile 22. Medienforum NRW (28.-30.6.) auszutauschen. Drittes Event im Bunde ist diesmal das Musikfestival c/o pop (23.-28.6.), das bisher im August zu besichtigen war. Die drei Köln-Events müssen mit der zeitgleichen Fußball-WM in Südafrika (11.6.-11.7.) konkurrieren. Wetten, dass die Medienleute die vielen Bildschirme vor Ort vor allem für den Fußball nutzen werden? Schon bei der EM 2008 zeichnete sich ein Trend zum dezentralen Public Viewing ab. Juli Kölns Christopher-Street-Day (2.-4.7.) ist bekanntlich einer der größten Queer-Events in Europa. Insgesamt bietet das erste Juli-Wochenende schon traditionell drei tolle Tage Sommerkarneval, der zuletzt rund 700.000 Besucher anlockte. Ein Teil dürfte sich drei Wochen später wieder am Rhein einfinden. Denn … August … in der ersten Augustwoche folgen die VIII. Gay Games Cologne 2010 (31.7.-7.8.). Zum größten Sport- und Kulturfest der Welt – so die Veranstalter – werden 12.000 Teilnehmer erwartet. Neben 34 Sportwettbewerben und fünf großen Kulturveranstaltungen gibt es natürlich auch zahllose Partys. Wobei Parties auch die Gamescom (18.-22.8.) beleben dürften. Im letzten Jahr avancierte die Veranstaltung der KölnMesse mit 245.000 Besuchern und 458 ausstellenden Unternehmen auf Anhieb zur größten Spielemesse der Welt. Rund 100.000 Menschen feierten dazu am Tanzbrunnen und in der Kölner Innenstadt. September Das Bild der 1950 gegründeten photokina (23.-28.9.) als weltweit bedeutendster Messe für Fotografie ist ein wenig verblasst. Sie ist aber für viele – vom Kamera-Profi bis zum Hobbyfotografen – interessant geblieben. Die Veranstalter erwarten 1.300 Anbieter aus etwa 50 Ländern und mehr als 160.000 Besucher aus aller Welt. In diesem Jahr will man sich besonders den Foto-Online-Communities widmen. Natürlich gibt es auch viele Fotoausstellungen. Oktober Live oder Glotze – das ist wieder einmal die Frage. Das 1991 gegründete Köln Comedy Festival (30.9.-16.10.) ist das Schaufenster der deutschsprachigen Comedy-Szene, die Verleihung des Deutschen Comedy-Preises ist auch im Fernsehen zu sehen und erreichte bisher beste Quoten. Das Reichweiten-stärkste Festival seiner Art gilt nicht nur in Köln als wichtiger Event und Wirtschaftsfaktor, sondern wird auch von der gesamten Comedy-Branche hoch geschätzt. Im letzten Jahr zählte man rund 42.500 Zuschauer in 130 Veranstaltungen – Rekord. 2008 startete auch parallel ein Comedy Filmfestival. November Der November scheint keine Zeit für Massenentertainment. Stattdessen laden die Veranstalter kleiner bis mittlerer Filmfestivals in die Kinos ein. Der cineastische Veranstaltungsreigen umfasst u.a. das Film- und Medienmusik-Festival SoundTrackCologne (25.-28.11.), das Kurzfilmfestival Köln Unlimited (voraussichtlich 25.-28.11.), das Filmschnitt-Festival Film + (Termin steht noch nicht fest) und das Kinderfilmfest Cinepänz (20.-28.11.). Dezember Köln ist alljährlich Anlaufpunkt für Weihnachtsfans aus aller Welt. Die meisten kommen per Bus aus Großbritannien und Benelux. Den größten Andrang gibt es auf den Weihnachtsmarkt am Dom, der mit seinen 160 Pavillons in fünf Wochen über fünf Millionen Besucher hat. Die anderen An- und Massenauflaufpunkte mit Weihnachtsmärkten sind der Alter Markt, das Schokoladenmuseum, der Neumarkt, der Rudolfplatz und der Zülpicher Platz. TEXT/ZUSAMMENSTELLUNG: PETER HANEMANN/WOLFGANG HIPPE Montag, 23. November 2009MIT SCHULDEN LEBENJEDER EURO ZÄHLT REICHE WERDEN REICHER, ARME ÄRMER. SCHULDEN STEIGEN, STEUERN SINKEN CHOICES-THEMA IM DEZEMBER: MIT SCHULDEN LEBEN Über Geld spricht man immer dann, wenn man gar nichts oder zu viel davon hat.
Sind wir nicht alle Schuldner? Wer kommt mit seinem Girokonto noch ohne Überziehungskredit zurande? Wer nutzt nicht, wenn irgend möglich, die Kreditkarte? Wer greift nicht bei größeren Anschaffungen für den gehobenen Alltag auf einen schnellen Bankkredit zurück, wenn man ihn denn bekommt? „Kauf jetzt, zahl später“ ist schon immer eine der großen Verheißungen gewesen, die allerdings von einem gewissen Unbehagen begleitet war. Die Ursache hierfür liegt im Kulturellen. Schließlich galt in christlichen Kreisen der Teufel als erster aller Darlehensgeber. Er bot Bargeld und Entertainment sofort und versprach, erst später die Seele seiner Geschäftspartner in Zahlung zu nehmen. Sein prominentester Schuldner war ein gewisser Dr. Faust. Doch schon die Altvorderen wussten, das eigentliche Problem ist nicht der Kredit, sondern dessen Tilgung. So gibt es denn auch den einen oder anderen Bericht, wie man den Teufel übers Ohr haute und sich so mit Geld und Seele davonstehlen konnte. Betrügereien bei Geldgeschäften erhielten so eine gewisse Weihe. Mittlerweile legen Banker Wert darauf, mit ihren Geschäften „Gottes Werk“ direkt zu betreiben und so „mehr Wachstum und Wohlstand“ zu generieren, wie es eben Lloyd Blankfein, Chef der global agierenden US-Investmentbank Goldmann Sachs hervorgehoben hat. Er will bis Jahresende noch einmal 20 Mrd. Dollar an Gottes Boni auszahlen. Schuldnerkarrieren Von solchen Summen können hierzulande viele noch nicht einmal träumen. In Köln sind 12,9 Prozent der über 18Jährigen privat verschuldet, was deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 9,6 Prozent liegt. Die entsprechenden Schuldnerkarrieren lassen sich idealtypisch in mehrere Phasen aufteilen. In der Regel steht am Anfang eine Kreditaufnahme, wobei natürlich nicht jeder Kredit zur Überschuldung führt. Die Abwärtsspirale beginnt meistens mit einem unvorhersehbaren Ereignis wie Arbeitslosigkeit, einer Krankheit, einer Scheidung oder auch einer Mieterhöhung und einer Geburt. Auch Steuerschulden spielen eine Rolle, hier führen selbst Kleinstbeträge zur sofortigen Pfändung. Irgendwann folgt der Verlust der Kreditwürdigkeit und der Eintrag in ein Schuldnerverzeichnis wie der Schufa. Zu der ökonomischen tritt die psychische Belastung. Am Ende steht, wenn eine qualifizierte Beratung erfolgt, die Verbraucherinsolvenz. Betroffen von solchen Schicksalsschlägen sind überwiegend Menschen, die über keine oder nur geringe Rücklagen verfügen. Einkommen wie Vermögen sind in Deutschland zunehmend ungleich verteilt. Die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als 800 Euro im Monat, zwei Drittel haben kein oder nur ein geringes Geld- oder Sachvermögen. Im Falle von Hartz IV muss auch das „aufgezehrt“ werden, bevor die staatliche Unterstützung eingreift. Seit 2002 sinken die geringen Einkommen übrigens ständig. Auch im mittleren Einkommenssegment stagnieren Vermögen und Einkommen. Steigerungsraten sind nur in den gehobenen Kreisen festzustellen. „Die Vermögen konzentrieren sich zunehmend bei den reicheren Gruppen der Bevölkerung“, lautet das Fazit einer aktuellen Untersuchung – Monatseinkommen hier zwischen 3.000 und 11.000 Euro. Dieses obere Drittel dominiert das gesellschaftliche Leben und die politischen Entscheidungen. Schulden spielen auch bei den staatlichen Finanzen eine immer größere Rolle. Der Großteil der Staatsschulden wurde schon lange vor der Wirtschaftskrise aufgehäuft. Zu Sylvester 2008 hatten sie unglaubliche 1.640 Mrd. Euro erreicht. Im Laufe von 2009 stiegen sie noch einmal um gut 10 Prozent – der Banken und der Aufwendungen zum Erhalt „systemrelevanter Strukturen“ wegen. Prosit Silvester 2009. Ein Bundesland wie Thüringen bräuchte derzeit 183 Jahre, um seine aktuellen Schulden zu normalen Konditionen zu tilgen. In der aktuellen politischen Debatte spielt denn auch die Tilgung gar keine Rolle. Stattdessen sind Steuersenkungen geplant, die dem reichen Drittel zugute kommen und die Staatsschulden noch einmal erhöhen. Dabei gibt schon der Name des neuen „Wachstumsbeschleunigungsgesetzes“ die Richtung vor: Der Glaube an den schnellen Turbokapitalismus lebt. Selbstverständigung Die Tilgung ist also nicht Teil der alltäglichen Politik, Steuersenkungen sind es schon. Um deren Legitimation kämpfen derweil beamtete Denker wie die Herren Sloterdijk, Bolz oder Bohrer. Auch wenn die Wirtschaftsweisen warnen, sehen diese Philosophen in Zeiten der Banken- und Finanzkrise nur die „Staatskleptokratie“ des modernen Sozialstaates am Werk, die es im Geiste der Freiheit zu bekämpfen gilt. Dem Prekariat, zu dem übrigens auch viele Kulturschaffende und Künstler gehören, soll Einhalt geboten werden – Leistung soll sich wieder lohnen. Ihre einfache Voodoo-Ökonomie „Steuern runter, Wirtschaft brummt“ ist allerdings noch nirgends aufgegangen. Im Resultat war stets weniger Geld in den öffentlichen Kassen. Auch sonst sind ihre Überlegungen so neu nicht. Vor vier Jahren hat etwa der CDU-Theoretiker Paul Nolte empfohlen, das damals als „soziale Mitte“ firmierende reiche Drittel müsse sich „als strategischer Akteur“ gegen die fortgesetzte Umverteilungspolitik zugunsten der Schwächeren wehren. Das dazu passende Bild einer Unterschicht, die sich „zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen“ abschottet, lieferte er gleich mit. Vielleicht hat Bundesbanker Thilo Sarrazin das Buch gelesen. Hinter all dem Getöse könnte aber auch nur die nackte Angst stehen. In Krisenzeiten kann der „Virus der Deklassierung“ schnell auch Etablierte treffen. Aus Gläubigern können dann ganz schnell Schuldner werden. Texte/Interviews: peter hanemann/wolfgang hippe TAUSCHGESCHÄFT AUF HOHEM NIVEAU JOCHEN BRAUERS ÜBER PFANDKREDIT, DEN PREIS DES GOLDES UND MARKENKENNTNIS
choices: Herr Brauers, wächst das Pfandkreditgeschäft mit der Krise? Jochen Brauers: Schätzungsweise wird das deutsche Pfandkreditgewerbe 2009 2-3 Prozent wachsen und insgesamt rund 510 Mio. Euro an Darlehen vergeben. Unser Geschäft ist stabil und hat sich nicht wesentlich verändert, nach wie vor werden auch über 90 Prozent der Pfänder wieder ausgelöst. Welche Dinge werden bei Ihnen zur Kreditsicherung versetzt? Neun Zehntel sind Uhren und Schmuck – vor allem Gold und Platin. Silber lohnt sich kaum, ein Gramm davon kostet zurzeit ca. 37 Cent. Da müssten Sie schon eine Menge hinterlegen. Ein Zehntel ist Technik, Spielkonsolen, der Fernseher, die Digital- oder Spiegelreflexkamera. Wir beleihen aber auch Porzellane, Silberleuchter und -schalen, Antiquitäten also. Wie viele Kunden kommen übers Jahr zu Ihnen? Etwa eine Million Menschen kommen pro Jahr ins Leihhaus. Dabei gibt es nur zwei Bevölkerungsschichten, die nicht zu uns kommen: die ganz Armen, weil sie nichts versetzen können und die ganz Reichen, weil sie uns nicht nötig haben. Wir haben Kunden, die nur einmal in ihrem Leben zu uns kommen. Aber auch Stammkunden. Die wissen regelmäßig, wann etwa eine Steuer fällig ist, holen das Geld dafür im Leihhaus und zahlen es nach kurzer Zeit zurück – Thema erledigt. Sie müssen jedes Pfandstück auf seinen Wert hin taxieren. Das erfordert eine gewisse Fachkompetenz. Den Beruf des Pfandleihers gibt es so nicht. Wir bilden zwar Kaufleute aus, Bürokaufleute und Einzelhandelskaufleute, aber das Wissen über die Dinge, die wir beleihen, bekommen Sie nur in der Praxis. Wenn wir einen neuen Mitarbeiter einstellen, versuchen wir, jemanden zu bekommen, der schon mit Uhren und Schmuck zu tun hatte. Auch wenn die vorher bei einem Juwelier gearbeitet haben, müssen wir ihnen immer noch sehr viel beibringen. Das Prüfen von Gold oder die Frage, wie man die Echtheit von Uhren erkennt. Wir schulen deshalb unsere Mitarbeiter regelmäßig. Teure Uhren gelten als wertvolle Liebhaber- und Sammlerstücke. Selbstverständlich. Der Preis von Nobeluhren bewegt sich in der Regel im vier- bis fünfstelligen Bereich. Sie sind deshalb für uns sehr interessant. Schon aus diesem Grund müssen wir über dieses Segment sehr gut Bescheid wissen. Wir müssen 20 oder 30 Marken kennen, kein Juwelier wird so viele Nobelmarken führen. Der höchste Pfandkredit, den Sie persönlich je vergeben haben? Ich bin seit 25 Jahren im Geschäft, wir beleihen zwischen 20 Euro und sechsstelligen Beträgen, aber in der Regel endet es fünfstellig. Dafür müssen Sie allerdings schon sehr viel mitbringen. Arm ist man da nicht. Zur Person Jochen Brauers ist Geschäftsführer der Leihhaus Anton Brocker GmbH, stellvertretender Vorsitzender des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes e.V. und Vorsitzender des Landesverbandes Pfandkreditverband West e.V. WENN DAS GELD KNAPP WIRD FRANZISKA MATSCHKE ÜBER SCHULDNERKARRIEREN, BERATUNGSBEDARF UND SCHWINDENDE FÖRDERMITTEL choices: Frau Matschke, Schuldenberater sind inzwischen Fernsehstars. Franziska Matschke: Jetzt müssen wir den Menschen nicht mehr erklären, was ein Schuldenberater ist. Positiv ist auch, dass das Thema Schulden inzwischen nicht mehr ganz so tabuisiert ist. Muss Ihre Schuldnerhilfe trotzdem bald selbst Schulden machen? Die Schuldnerhilfe wird keine Schulden machen. Allerdings könnten wir im nächsten Jahr gezwungen sein, unser Beratungsangebot einzuschränken, weil das Geld nicht reicht. Warum könnte es nicht reichen? Die Höhe der öffentlichen Förderung der Kölner Schuldnerberatungen ist gedeckelt. Im laufenden Jahr haben wir bereits im Oktober mehr Menschen beraten als vorgesehen und finanziert war. Ob die Stadt das Budget noch einmal aufstockt, ist bisher unklar. Schlimmstenfalls wird das Geld mit dem Budget 2010 verrechnet. Dann müssen wir unsere Beratungen definitiv einschränken. Die Caritas hat ihre Hartz-IV-Beratung deshalb in diesem Jahr bereits eingestellt. Hat die Schuldnerberatung eine ähnliche Klientel? Unsere Tätigkeit zielt nicht nur auf Arbeitslose. Die Kölner Schuldnerberatungen können jedem helfen, der in der Stadt wohnt. Etwa die Hälfte unserer Kunden sind Arbeitslose, nicht ganz so viele sind erwerbstätig. Hinzu kommt ein kleiner Anteil von Rentnern und wenige Schüler. Wir bieten daneben auch besondere Beratungen für Kleinunternehmer und Menschen mit Immobilien Schulden. Sie beraten auch verschuldete Kleinunternehmen? Ja, die Schuldnerhilfe Köln e.V. bietet auch eine spezialisierte Beratung für Selbstständige an. Viele sehen in der Selbstständigkeit die einzige Lösung, aus ihrer Arbeitslosigkeit herauszukommen. Wenn jemand allerdings nichts von Buchhaltung versteht, nicht weiß, wann Vorsteuern fällig sind und sich auch keinen Steuerberater leisten kann, führt dies häufig zusammen mit einer unzureichenden Vorbereitung auf die Selbstständigkeit zum Scheitern. Wie beginnt eigentlich eine „normale“ Schuldnerkarriere? Sie beginnt mit dem ersten Dispo, einer zu hohen Handy-Rechnung, mit einem größeren Kredit für die erste eigene Wohnung oder einer Autofinanzierung. Unvorhergesehene Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, Scheidung mit den damit verbundenen Unterhaltszahlungen oder Krankheit sind die häufigsten Gründe für den Zusammenbruch eines ohnehin wackeligen Finanzgerüstes. Wie hoch ist eine solche Verschuldung im Schnitt? Der Durchschnittswert liegt bei rund 20.000 Euro pro Schuldner, bei Ehepaaren also bei 40.000. Aber für einen Auszubildenden können schon 5.000 Euro sehr viel sein. Zur Person Franziska Matschke ist Stellvertretende Geschäftsführerin der Schuldnerhilfe Köln e.V. Mehr unter www.schuldnerhilfe-koeln.de. SOLIDE BILANZ MIT SCHÖNHEITSFEHLERN DR. NORBERT WALTER-BORJANS ÜBER DEN KÖLNER HAUSHALT, DEN ZWANG ZUM SPAREN UND BILANZEN
choices: Herr Walter-Borjans, Ihr Entwurf für den Haushalt 2010 ist geprägt von sinkenden Einnahmen und drohenden Kürzungen? Norbert Walter-Borjans: Köln ist in der Wirtschaftskrise zwar robuster als viele andere Städte, aber auch unsere Einnahmen sind extrem eingebrochen. Darauf müssen wir reagieren. Dazu habe ich erst einmal vier Kategorien gebildet, um zu zeigen, wo Sparen überhaupt theoretisch geht. Es gibt Ausgaben, die gar nicht kürzbar sind wie die Zahlung von Bankzinsen. Zu anderen Zahlungen sind wir per Gesetz verpflichtet. Da können wir bestenfalls besser wirtschaften. Dann gibt es Pflichtaufgaben, die in Notzeiten wenigstens etwas gestreckt werden können wie der Straßenbau. Und schließlich gibt es die Aufgaben, zu denen uns zumindest niemand verpflichtet. Dafür hatten wir in einem ersten Rechenlauf Kürzungsbeträge errechnet, die nötig wären, um über die Runden zu kommen – zwischen null und dreißig Prozent. Kein Fachbereich war in dieser ersten Rechnung in der vollen Höhe betroffen. Aber alle werden einen Beitrag leisten müssen, sonst müssen es andere auffangen. Die seit längerem immer wiederholte Behauptung, der Kulturbereich solle um 30% gekürzt werden, ist jedenfalls schlicht falsch. Das wird die Kulturlobby kaum zur Kenntnis nehmen. Auch deshalb, weil ihr im Wahlkampf eine falsche Interpretation vorgelegt wurde und sie nun mal besser vernetzt ist als andere, die genauso viel Grund hätten zu klagen. Nach dem ersten Aufschlag haben übrigens alle Dezernate ihre Haushaltsansätze durchforstet. Im Ergebnis ist dabei nur ein Bruchteil der benötigten Einsparsumme herausgekommen. Ist das nicht normal? Es wird nicht helfen. Mir macht Sorge, dass die Reaktionen einem bestimmten Muster folgen. Zunächst tut man so, als ob der Kämmerer die finanzielle Lage dramatisiert und man seine Vorgaben nicht ernst nehmen muss. Dann stellt man fest, dass an der miesen Finanzlage doch etwas dran ist. Schließlich könnte man darauf kommen, sich hinter dem Regierungspräsidenten zu verstecken. Wenn der die Haushaltssicherung vorgibt, kann man seinen Zahlungsempfängern sagen, ich bin es nicht schuld. Das wird nicht funktionieren. Zählt bei den öffentlichen Finanzen denn noch das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns? Für mich eindeutig ja. Das hat nichts damit zu tun, dass man ungern kürzt und auch Kredite braucht. Privat will niemand Schulden haben, obwohl es auch hier Fälle gibt, die jeder akzeptiert, etwa beim Hauskauf auf Kredit. Das heißt für die Stadt? Die Stadt Köln ist, was ihr Finanzvolumen betrifft, ein großes mittelständisches Unternehmen mit einem im Vergleich zu anderen beachtlichen Vermögen. Kreditaufnahmen sind für vermögende Unternehmen üblich und vollkommen seriös, wenn sie bestimmten Regeln folgen. Die sind im Haushalt der Stadt beachtet. Trotzdem sieht der Deutsche Städtetag die Kommunalfinanzen schon im freien Fall. Die Solidität der Finanzierung der Städte ist in der Tat schwer gefährdet. Das hat aber nichts mit dem ehrbaren Kaufmann zu tun. Das Problem ist struktureller Natur. Der Kölner Haushalt hat 2009 bei einem Volumen von 3,2 Mrd. nur gut 200 Mio. freie Mittel. Derzeit fehlt uns eine halbe Milliarde, um den Leistungen nachzukommen, zu denen wir verpflichtet sind. Da stimmt etwas nicht. Gehen wir die städtische Bilanz einmal durch. Wie hoch ist der Anteil der „Altschulden“, wie steht es bei den Kassenkrediten? Unsere langfristigen Kredite liegen bei 2,7 Mrd. Euro. Kassenkredite haben wir bis vor kurzem gar nicht gebraucht. Derzeit liegen sie bei rund 150 Mio. Ich kenne allerdings Städte in der Nachbarschaft, bei denen die Kredite zur Deckung der Liquiditätslücken über eine Milliarde reichen. Wir sind zwar schlecht dran, stehen aber im Verhältnis zu anderen noch relativ gut da. In Städte-Rankings liegt Köln beim Thema Verschuldung trotzdem immer weit vorn. Das wundert mich immer wieder. Die Rankings werden ja in der Regel von Leuten erstellt, die sich auch mit der Bewertung von Unternehmen beschäftigen. Ihnen ist offensichtlich entgangen, dass städtische Haushalte nicht mehr kameralistisch geführt werden. Nach diesem System konnte eine Stadt Teile ihres Vermögens verkaufen und als Einnahme verbuchen. Nicht berücksichtigt wurde, dass sie damit auf der Aktivseite Vermögen verlor. Die Bilanz wurde schön gerechnet. Mit dem Übergang zur kaufmännischen Buchführung stellt sich das anders da. Unsere Kölner Eröffnungsbilanz weist eine Bilanzsumme von 16 Mrd. aus, da erscheint eine Schuldensumme von 2,7 Mrd. in einem ganz anderen Licht. Andere Städte haben vielleicht weniger Schulden, aber auch dramatisch weniger Vermögen. Trotz der Schulden steht Köln also noch positiv da? Köln ist ein solides Unternehmen. So zahlen die stadteigenen Unternehmen direkt in den Haushalt ein, finanzieren nebenbei den öffentlichen Nahverkehr und zahlen noch Gewerbesteuer. Damit decken sie in der Summe mehr als die 140 Mio., die wir zu Zeit für Zinsen bezahlen. Eine positive Bilanz sagt wenig über die Liquidität des Unternehmens aus. Ihr Chef, OB Jürgen Roters, will sogar die pflichtigen Aufgaben der Stadt auf den Prüfstand stellen. Das kann ich nur unterstreichen. Das strukturelle Finanzdefizit lässt sich nicht durch die Aufgabe aller freiwilligen Aufgaben lösen. Die effizientere und wirtschaftliche Gestaltung der Pflichtaufgaben ist dringend notwendig. Der größte Bereich ist hier der sozialpolitische, da ist ein sensibler Umgang gefordert. Welche Bevölkerungsgruppe wird am meisten unter den anstehenden Einschränkungen leiden? Es trifft alle, vielleicht nicht einmal so sehr die ganz Armen, weil wir eine gute gesetzliche Absicherung haben. Betroffen ist eher die gesellschaftliche Mitte, wenn Schulen und Straßen nicht renoviert würden und für die Kultur weniger Geld zur Verfügung stünde. Zur Person Norbert Walter-Borjans (SPD) ist Beigeordneter für den Bereich Wirtschaft und Liegenschaften und ist seit Mai auch kommissarischer Kämmerer der Stadt Köln. Donnerstag, 29. Oktober 2009HEIMAT, BRAUCHTUM, KARNEVALIMMER AN DIE HEIMAT DENKEN WENN DER ROSENMONTAG ZU „PEMPE PAZARTESI“ WIRD CHOICES-THEMA IM NOVEMBER: HEIMAT, BRAUCHTUM, KARNEVAL Wie jedes Jahr stellt sich rechtzeitig zum Elften im Elften die Frage, wie es weitergehen soll mit dem Karneval.
Heimat ist ein schönes Wort. Von der Kombination „Heimat und Tradition“ versprechen sich viele Funktionäre zumal in Zeiten der Globalisierung die Rückbesinnung auf alte Werte und mehr Stabilität in der Gesellschaft. Allerdings ist „Heimat“ auch ein höchst subjektives Gefühl und lässt viele Spielarten zu. Die Millionenstadt Köln zum Beispiel lebt vom Zuzug von immer mehr Menschen von außerhalb. Schon heute hat ein Drittel der Kölner Migrationshintergrund, deutlich weniger als die Hälfte der Hiesigen ist noch in der Stadt selbst geboren. Demografen und Trendforscher bestätigen diese Entwicklung auch für die Zukunft. Das macht mindestens die Stadtverwaltung froh, ist doch damit ein Teil ihrer Finanzen gesichert. Als Konsequenz dieser Trends scheint klar zu sein: Köln wird in Zukunft noch bunter, dazu heterogener und individueller. Natürlich wird das eine oder andere sich halten. Köln wird weiter als Metropole totale Spitze sein, auch wenn weiter weniger Kölsch getrunken wird und man stattdessen auf andere alkoholische oder nichtalkoholische Getränke ausweichen dürfte. Man wird auf jeden Fall weiter Karneval feiern, schließlich ist das Fest ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Allerdings dürfte die Zahl der traditionellen Brauchtumspfleger zurückgehen. Im traditionellen Karneval engagieren sich derzeit rund 20.000 Menschen. Bei den Alternativen von Stunksitzung bis Humba e.V. sind etwa 10.000 aktiv. Schon heute kann man „Fastelovend och liere“, hat Ober-Jeck Markus Ritterbach vor kurzem bei der Vorstellung des „Festkomitees als Ausbildungsbetrieb“ betont. Im Gespräch ist auch, im Zuge der Mitgliederwerbung „Karneval als Plattform zur Integration“ ausländischer Bürger stärker zu nutzen. Interessant für Neue soll der Karneval als „riesige Kontaktbörse“ sein, etwa für den „positiv belegten Kontakt zu Interessenvertretern der Stadt“ oder zur „Pflege der Kundenbeziehungen“. Der Klüngel als Chance, zumal bei „ganzjähriger Organisation von Veranstaltungen“. Zusätzlich konstatiert man einen Trend zur „Eventisierung“, den Wunsch nach „Interaktion und Party“, den Siegeszug der Comedy und will die Marke „Kölner Karneval“ schärfen, auch wenn ein „strategisches Leitbild“ noch fehlt. Es lebe Pempe Pazartesi! Ein solches Leitbild tut Not, denn Menschen mit Migrationshintergrund sind selten Mitglied in Kölner Traditionsgesellschaften. Es gibt sie, aber wenn, dann „in relativ geringer Anzahl“ – so könnte man verschiedene Statements zusammenfassen. Dabei ist das Thema Migration durchaus ein Thema der Karnevalisten. Die Roten Funken zum Beispiel luden dazu sogar den Präsidenten der türkischen Handelskammer zur Diskussion. Zu den Mitgliedern des Korps gehören allerdings nur ein Italiener (Spitzname „Spaghetti“) und einige Niederländer. Ender Ermis dagegen ist bei der Nippeser Bürgerwehr aktiv. 2002 wurde er mit Unterstützung eines Freundes Mitglied. Inzwischen tanzt der WDR-Kameramann als Offizier der Truppe durch die Session. Dazu gehören auch schon mal Auftritte in den benachbarten Niederlanden. Zum Karneval kam er bereits als Kind. „Ich bin von meiner Ma immer zum Rosenmontagszug geschleppt worden“, erinnert er sich. Darüber hinaus soll in Köln sogar ein Funkemariechen mit türkischen Wurzeln aufgetreten sein. Der Karneval hat durch Menschen mit Migrationshintergrund freilich auch gelitten. Weil mittlerweile viele Migranten Taxis steuern, wurde die traditionelle „Sitzung der Taxifahrer“ nach Aschermittwoch eingestellt – zu wenig Interesse. Anderswo ist man ein Stück weiter. Aykut Akköse zum Beispiel ist mittelständischer Bauunternehmer im westfälischen Beckum. Das wäre kaum eine Nachricht, wenn er nicht 2008 in seiner Heimatstadt zum ersten „türkischen Prinz Karneval“ in Deutschland gekürt worden wäre. Seitdem gibt es im Türkischen ein Wort für Rosenmontag. „Pempe Pazartesi“ heißt der Tag, der Begriff setzt sich aus „Rosa“ und „Montag“ zusammen. Türkischen Medien gilt Akköse seither als „Musterbeispiel der Integration in die deutsche Gesellschaft“. Er selbst empfindet sein Narrenengagement eher als „normal“, auch deshalb, weil er wie Ermis schon als Kind Jeck war. Akköse zeichnet auch für die „1. Türkische Narrenzunft Dortmund 09 e.V.“ verantwortlich, die er zusammen mit Gesinnungsgenossen gründete. Gegen den Widerstand eines Teils der lokalen Karnevalsfunktionäre durfte die neue Truppe im Rosenmontagszug der Biermetropole mitmarschieren. Für die Session 09/10 denkt man über einen eigenen Wagen nach, der einen überdimensionierten Döner darstellen soll. Der Anstoß zur Vereinsgründung der türkischen Westfalen kam übrigens aus Köln. Hier hatten sich Anfang Januar drei Comedians als türkischer Karnevalsverein geoutet. Selbst ihre Forderung nach einer Türken-Quote im Karneval machte keinen der geladenen Pressevertreter misstrauisch. Jedenfalls wurde die Nachricht fast weltweit verbreitet. Einen Tag später folgte das Dementi: alles nur Werbung für eine RTL-Show. Begrüßt hatte die Vereinsgründung auch das Festkomitee Kölner Karneval. Ein Fehler, denn wirkliche Innovationen im offiziellen Kölner Karneval kommen eher aus Westfalen. Auch die „Lachende KölnArena“ wurde einst in Dortmund erprobt. Texte/Interviews: peter hanemann/wolfgang hippe MULTIKULTURELLE HEIMAT BIRGER GESTHUISEN ÜBER HEIMAT, MUSIK IN DER DIASPORA UND KULTURSCHOCKS
choices: Herr Gesthuisen, derzeit ist viel von Heimat und Tradition die Rede, wenn es um die Verortung in der globalisierten Welt geht. Was, wenn in der Heimat auch Fremde leben? Birger Gesthuisen: Ein Gegensatz, der keiner ist. Begriffe, die sehr stark konservativ besetzt sind, verbinden wir zu schnell mit Stillstand. Tradition war immer in Bewegung, ebenso wie Kultur nie hermetisch war. Nehmen wir die Musik der spanischen Juden. Sie und ihre Lieder wurden 1492 aus Spanien vertrieben und über den ganzen Mittelmeerraum verstreut. Wenn man die heutigen Versionen in Bosnien-Herzegowina, Istanbul oder Marokko hört, klingt dieselbe Melodie ganz unterschiedlich. Die Lieder sind bewahrt worden, zugleich schimmert die jeweilige kulturelle Umgebung sehr deutlich durch. Heute hat sich durch die Fliegerei und das Internet natürlich die Geschwindigkeit der Veränderungen erhöht. Der Begriff Heimat passt zu einem multikulturellen Einwanderungsland? Ein Türke, der hier seit 20 bis 30 Jahren lebt, ist hier heimisch, aber anders heimisch als ein Deutscher. Meine Lieblingsstadt ist beispielsweise Istanbul, da fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause. Als ich vor kurzem zurückflog, saßen auch junge Türken im Flieger, denen Istanbul zu laut und zu dreckig war. Die wollten da nie mehr hin. Die haben eben in Deutschland ihre Wurzeln geschlagen. Wie steht es denn mit der türkischen Brauchtumspflege hier? Unterschiedlich. Wenn sich hier beispielsweise eine Tanzgruppe zusammen tut, werden meist türkische Jugendliche aus unterschiedlichen Herkunftsregionen zusammenkommen und so etwas wie die Vielfalt der Türkei repräsentieren. Das ist die ganz spezielle Logik der Diaspora. Was meint das? Es gibt verschiedene Formen, heimisch zu werden. Eine Variante versucht das, was man an Kultur mitgebracht hat, zwanghaft zu konservieren. Das kann dazu führen, dass Dinge bewahrt werden, die in der Türkei längst hinfällig sind. Das gilt auch für andere Nationen. Gucken Sie sich einmal das deutsche Brauchtum in den USA an. Wenn die dort Oktoberfest feiern, lacht sich der Münchener schlapp. Wie war das denn, als die sogenannten türkischen Gastarbeiter in den 1960ern hierher kamen? Die erste Migrantengeneration kam bekanntlich aus dem ländlichen Milieu Anatoliens – mit wenig Bildung und handwerklichen Fähigkeiten und keiner Erfahrung mit Industriearbeit. Man muss wissen, dass Anatolien traditionell ein Auswanderungsland ist, und dass Abschiednehmen und Weggehen klassische Themen der „Asiks“ waren, der wandernden Barden Anatoliens. Zudem gab es damals auch in der Türkei schwere politische Auseinandersetzungen – was sich in einer Protestliedkultur ausdrückte. Das alles fand sich in der türkischen Binnenkultur hier wieder. Liedermacher beschäftigten sich mit der Wirklichkeit der Türken in Deutschland, zugleich wurden anatolische Traditionen und Lieder installiert. Lieder über die ferne Heimat gibt es in jeder Kultur. Sie sind häufig besonders populär. Daneben steht der Dialog mit der neuen Umgebung. Offiziell bleiben viele Dinge ungesagt, weil man nicht unfreundlich sein möchte. Aber intern treibt einen manches um. Es gab in Köln beispielsweise einen Liedermacher, Metin Türköz, der zunächst bei Ford am Band arbeitete und dann mit seiner Musik so erfolgreich war, dass er seinen Fabrikjob aufgeben konnte. Er hat insgesamt 13 Langspielplatten und 72 Singles herausgebracht. Worüber hat er gesungen? Diese Lieder sind inzwischen 40Jahre alt und dokumentieren den Kulturschock, der eintritt, wenn eine konservative, religiöse und sehr ländliche Bevölkerung auf einmal in einer Fabrik wie Ford und in einer riesigen Stadt wie Köln landet. Die Lieder von Türköz drücken eine völlige Verwunderung darüber aus, was hier passiert. Zum Karneval hat er beispielsweise gesungen: „Der Skandal des Karnevals/Auf der Straße: Nackte Frauen!/Sie umarmen die Männer./Sie verführen alle./Hast Du das gesehen?“ Das muss zu Weiberfastnacht gewesen sein. Türköz hat auch gesungen „Das Schicksal hat uns in die Fremde verschlagen./Das bittere Los hat sich an unserer Türe niedergelassen.“ Oder ein Kampflied zum berühmten wilden Streik 1973 verfasst: „Na, bitte schön, Meistero/Für wenig Geld arbeite ich nicht.“ Welche Funktion hat Musik in der türkischen Community überhaupt? Wir müssen die Frage anders formulieren. Es geht um Musik in der Diaspora. Ich habe Menschen aus 25 Kulturen interviewt. Ein einfaches und ganz banales, aber wichtiges Ergebnis: Viele wären gar nicht auf die Idee gekommen, Musik zu machen oder zu tanzen, wenn sie nicht in der Diaspora geboren oder irgendwie hineingeraten wären. Das heißt, in der Fremde, fernab von der Herkunftsregion der Eltern oder Großeltern nimmt man Heimat als Verlust besonders scharf wahr. Musik aus dieser Region vermittelt dann Trost. Es geht gar nicht um einen Angriff auf die deutsche Gesellschaft, sondern um gelebte Bikulturalität. Wenn ich mich den ganzen Tag in dem weitgehend deutschen Raum von Büro oder Fabrik bewege, soll es auch einen Ort geben, wo ich mein „Türkischsein“ zum Ausdruck bringen möchte. Das ist ganz legitim, wir müssen diese Bikulturalität als Normalfall betrachten. Und der Karneval als Ausdruck originärer kölscher Identität? Ich kenne genug Kölner, die ihren Flug immer zu Karneval buchen. Auch für Rheinländer ist dieses Fest nur bedingt verbindlich, egal wie wichtig und toll der Karneval für andere sein mag. Zur Person Birger Gesthuisen ist Musikverleger und -produzent. CDs seines Labels „Feuer & Eis“ erhielten mehrfach den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“. Eine Produktion für das US-Label Shanachie wurde für einen Grammy nominiert. Seit 1985 ist er regelmäßig für den WDR tätig. 1997 wurde er für eine Sendung der „WDR-Musikpassagen” mit dem „Worldmusic Award“ ausgezeichnet. Seine Studie „Musikwelten NRW – Kulturen der Migranten“ erscheint im Dezember im Klartext Verlag Essen. AUTHENTISCH WIE EINE KARTOFFEL JAN Ü. KRAUTHÄUSER ÜBER KARNEVAL, PROGRESSIVES BRAUCHTUM UND KULTURPOTENTATEN
choices: Herr Krauthäuser, muss man als Kölner Karneval feiern? Jan Ü. Krauthäuser: Man muss nicht, aber man sollte. Wo sonst hat man die Chance, so ein altes, traditionelles, lebendiges Fest zu feiern, das auch noch innovative und interaktive Aspekte hat, und das jedem Raum bietet, sein eigenes Ding draus zu machen? Was ist dabei das Besondere? Die sehr familiäre Note. Überall, in allen Veedeln, in der Schule, im Sportverein wird gefeiert, individuell und in kleinen Einheiten. Im internationalen Vergleich ist der Kölner Karneval vergleichsweise wenig kommerzialisiert. Beim Nottingham Carnival hängt an jeder Laterne der Hinweis auf einen Sponsor. In Rio gibt es die eine große und alles beherrschende Parade. Was hält denn der Brasilianer vom Kölner Karneval, so er ihn kennt? Meine Frau Marcia ist Brasilianerin. Sie schätzt den Kölner Karneval außerordentlich, weil der Karneval hier noch traditioneller und volkstümlicher wirkt. Wir hatten vor einiger Zeit zwei mittlerweile recht berühmte brasilianische Musiker bei der Humba Party. Lenine und Suzano erinnerte die hiesige Vielfalt an den Karneval ihrer Kindheit in Rio und Recife. Ist der Kölner Karneval authentisch? So authentisch wie eine Kartoffel. Aber was ist schon authentisch? Beim hiesigen offiziellen Karneval hält das Festkomitee bestimmte Rituale für traditionell, obwohl sie erst in den Sechziger, Siebziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts eingeführt wurden. Zu den wirklichen karnevalistischen Wurzeln will man eher nicht zurück. Und auch nach vorne ist man nicht wirklich experimentierfreudig. Zugleich geht in den Nischen viel mehr „Authentisches“ ab als man offiziell wahrnimmt. Der Humba e.V. ist ja auch zwischen den Sessionen aktiv. Wir wollen zur besseren Wahrnehmung der hiesigen kulturellen Vielfalt beitragen, unsere Palette reicht von der hier geborenen Omi und ihrer Kultur bis zum eingewanderten Afrikaner. Die Idee funktioniert über das ganze Jahr, wie man etwa beim Edelweißpiratenfestival oder der Aktion „11.000 BauchtänzerInnen gegen Pro Köln“ feststellen konnte. Aktuell planen wir für Anfang Dezember eine „Kölner Zigeunernacht“ in der Lutherkirche. Dieses Konzert ist ein Ereignis unserer Zusammenarbeit mit Markus Reinhardt und anderen Kölner Zigeunermusikern. Zigeuner, Roma oder Sinti – was ist politisch korrekt? Die meisten Kölner Zigeuner, die ich kenne, empfinden die Bezeichnung Sinti und Roma als „Politikerdeutsch“ und nennen sich selbst lieber Zigeuner. Steht Humba für Weltmusik? Ja. Aber was heute unter diesem Label auf dem Musikmarkt läuft, ist uns viel zu eng. Wir klopfen die Tauglichkeit von Musik aus aller Welt für konkrete Anlässe ab, vom kölschen Krätzchen bis zu angolanischem Elektro-Punk. Dazu gehört der Spaß, immer wieder Grenzen zu überschreiten. In diesen kreativen Momenten kann auch Neues entstehen, das die regionale Kultur erneuert und stärkt. Und das funktioniert trotz unterschiedlicher Umwelten? Schon. Auch wenn das Absingen Kölscher Schlager ein größeres Bindungspotential hat als der Versuch, die in Köln ansässigen 150 Kulturen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei kommt man nicht so schnell auf einen gemeinsamen Nenner, auch wenn das Lob von Multikulti, Vielfalt und Diversity mittlerweile zum Mainstream gehört. Widersprechen sich traditionelles Brauchtum und Diversity nicht? Humba hat sehr viele Freunde aus Afrika, Asien oder Lateinamerika. Sie schätzen, dass ihre Kultur mit dem kölschen Brauchtum in Wechselwirkung treten kann. Ur-Deutsche wiederum finden es prima, als Exoten unter anderen Exoten zu feiern. Gerade im Karneval finden Diversity und Brauchtum zueinander. So verbindet sich die Vielfalt sozialer Gruppen und der Generationen. Im Karneval werden viele grenzüberschreitende Kontakte möglich ... Das mag für einzelne gelten. Aber die soziale Segregation in Köln ist größer als in anderen deutschen Großstädten. Sogar das Festkomitee denkt über besondere, zielgruppenorientierte Angebote nach. Scheinbar altmodische Begriffe wie Brauchtum haben oft das größte Modernisierungspotential. Wenn ich vom progressiven Brauchtum spreche, meine ich z.B. die Erneuerung der regionalen Tradition mit Hilfe moderner, zugewanderter Kulturaspekte. Der „fremde“ Blick hilft auch, altmodischen Kram ganz neu zu entdecken. Aber man muss natürlich auch mal langweilige Sitzungen und andere Formate in Frage stellen. Das tut das Festkomitee auch. Beim Infragestellen ist es gut, aber bei tatsächlichen Erneuerungen? Man kann allerdings nicht nur von den Karnevalisten allein verlangen, dass sie den Karneval umgestalten. Man muss auch die hiesigen Kulturpotentaten auffordern, auf die Tatsache zu reagieren, dass der Karneval das größte identitätsstiftende Fest dieser Stadt ist. Wer sind denn die hiesigen Kulturpotentaten? Kulturpolitiker, Museumsdirektoren, „Kreativindustrielle“ und natürlich auch jeder Künstler. Der Karneval bietet unheimlich viel Experimentierraum. Beispiel Musik. Köln hat hier ein enormes Potential. Wenn sich das beim größten rheinischen Volksfest versteckt, weil Karnevalsmusik als Unterschichtkäse gilt, darf man sich nicht wundern! Hier könnten wir von anderen Regionen lernen, wie z.B. von Recife in Nordostbrasilien, wo die Verbindung von Dorfmusik, Ghetto-Pop und Alternativkarneval eine sieche Metropole nachhaltig wachgeküsst hat. Zur Person Jan Ü. Krauthäuser ist Dipl. Grafik-Designer, Musikjournalist, DJ und Kulturkonzepter. Zu seinen Projekten gehören u.a. Humba e.V., Yalla Party, das Edelweißpiratenfestival und Singender Holunder. Mehr unter www.humba.de und www.edelweisspiratenfestival.de. Mittwoch, 28. Oktober 2009Findling 25Gib dem Herbst keine Chance! Freitag, 25. September 2009Lobbyismus heuteIN DER GRAUZONE KLÜNGEL WAR GESTERN, LOBBYISMUS & KORRUPTION IST HEUTE CHOICES-THEMA IM OKTOBER: LOBBYISMUS HEUTE Klüngel war gestern. Heute werden auch hinter den Kulissen Grenzen überschritten: Man kennt sich und hilft sich weltweit.
Vor kurzem hat sich unser Ministerpräsident schützend vor die nordrhein-westfälischen Arbeitnehmer gestellt und auf deren „weltweit anerkannte hervorragende Leistungen“ aufmerksam gemacht. Wer erinnert sich nicht an die präsidiale Analyse: Hierzulande kommen die Arbeiter tatsächlich „morgens um sieben Uhr zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluss“, im Ausland dagegen kommen und gehen die Proleten, „wann sie wollen“. Schlimmer noch: „Sie wissen nicht, was sie tun.“ Weil insbesondere die Rumänen so sind, kriegen „die von Nokia die Produktion in Rumänien auch nicht in den Griff“. Andere Parteien haben Jürgen Rüttgers (CDU) dafür „Rassismus“ vorgeworfen. Doch die Wirklichkeit ist komplizierter. Ist unser Ministerpräsident wirklich ausreichend über die engen Beziehungen informiert, die in der globalisierten Welt zwischen NRW und Rumänien bestehen? Kontaktpflege Nehmen wir Köln als Beispiel. Seit mehr als einem halben Jahrhundert pflegt die Stadt Beziehungen zu anderen Städten. Lille ist Partnerstadt ebenso wie Cork und Kyoto, Peking oder Tel Aviv. Nicht zu vergessen Klausenburg, das auch Cluj Napoca heißt. Das Städtchen wird gerne als „Herz von Transsilvanien“ bezeichnet und liegt mitten in ... Rumänien. Die alte Mär von Graf Dracula lastet nicht mehr wirklich auf der Region, seit der moderne Kapitalismus dort Einzug gehalten hat. Dabei lässt sich bei näherem Hinsehen feststellen, dass die kulturellen Kontakte zu Köln nicht ohne Auswirkungen auf das ganze Land geblieben sind. Schon zu Zeiten des realen Sozialismus hat man sich dort der kölschen Maxime „Wir kennen uns, wir helfen uns“ bedient und ihren Gebrauch nach der Wende weiter perfektioniert. Nicht nur praktisch, auch theoretisch. Während die kölsche Sprache den zwischenmenschlichen Schein wahren will und deshalb hinter dem Begriff Klüngel© mühsam die vielfältigen Variationen der Vorteilsnahme von Tauschgeschäft bis Korruption, von offenem Nepotismus bis zu verdecktem Lobbyismus versteckt, sind die Rumänen weiter. Unten an der Donau unterscheidet man in solchen Fällen zwischen „mita“ und „spaga“. Mit „spaga“ wird das alltägliche Klüngeln umschrieben – kleine Gefälligkeiten und andere Kavaliersdelikte, die das Leben erleichtern, etwa bei einer Baugenehmigung oder beim Geschäftemachen. Vier Fünftel aller Rumänen berichten, dass sie jemanden kennen, der schon einmal so „bestochen“ wurde. Davon unterschieden wird die „eigentliche“, die strukturelle Korruption. Mit „mita“ sind die Aktivitäten der neuen Eliten in Politik, Medien und Wirtschaft gemeint, die ihre Kenntnisse der einst realsozialistischen Netzwerke in reales kapitalistisches Kapital umwandeln und dabei auf moderne Weise die Ausplünderung des Landes zu Lasten der Bevölkerung fortsetzen – selbstverständlich mit internationaler Unterstützung. Das Zusammenspiel von „mita“ und „spaga“ könnte man auch als „inoffiziellen Gründungsmythos der postsozialistischen Gesellschaft“ bezeichnen, wie das ein Kommentator getan hat. Weil zu jedem ordentlichen Mythos auch Opfer gehören, leidet eben der eine oder andere unter den korruptiven Vorgängen. Dafür werden die Reichen immer reicher. Ähnliches lässt sich für den originalen Klüngel© feststellen. Der Kölner Mythos wurzelt allerdings nicht in Vorgängen des 20. Jahrhunderts, sondern geht bis auf die mittelalterlichen Ursprünge des Kapitalismus zurück. Seitdem hat er sich mit den Zeitläuften gewandelt und modernisiert. Der übliche Mix aus magisch-romantischen und verschwörungstheoretischen Aussagen zum kölnischen Volkscharakter und dem Gemaggel der „kleinen Leute“ reicht schon lange nicht mehr aus, um die hiesigen „mita“ und „spaga“ in ihrer ganzen Bandbreite zu beschreiben. Moderne Zeiten Die modernen Formen des Klüngelns© verlangen ein gewisses professionelles Knowhow. In Zeiten des „New Public Management“ genügt die Kenntnis der lokalen Seilschaften nicht mehr. Auch vor Ort muss man sich an den „Global Players“ orientieren, das ist spätestens seit den 1980er Jahren klar. Im Fall des sogenannten Kölner Müllskandals wurden Bestechungsgelder über die Schweiz transferiert. Beim Projekt KölnArena konkurrierte der finanzierende Fonds mit internationalen Investments. Deshalb musste vor Ort für eine besonders günstige Ausstattung und Rendite gesorgt werden. Die Verschleierung tatsächlicher Zusammenhänge durch komplizierte Rechtskonstrukte gewann ebenso an Bedeutung wie das verdeckte Agieren einzelner Akteure. Beispiel: der Wechsel des Oberstadtdirektors Lothar Ruschmeier zu Oppenheim-Esch nach dem Deal. Eine entsprechende Medienkommunikation rundet das Bild ab. Der einfache Beratervertrag ist nur noch ein – konventionelles – Mittel unter vielen. Vor allem verdeckte Aktionen, sogenannte No Badge-Aktivitäten, prägen zunehmend den lobbyistischen Alltag. Das Repertoire reicht über vorproduzierte Medienbeiträge von angeblich neutralen Autoren bis hin zu scheinbar seriösen Meinungsumfragen mit entsprechenden Resultaten. Zum anderen werden systematisch Beiträge für Internet-Blogs, Leserbriefseiten oder Diskussionsforen verfasst und als Texte von interessierten Bürgern ausgegeben. Der in Köln ansässige Verein Lobbycontrol befasst sich mit diesen Grauzonen zwischen Politik, Medien und Wirtschaft systematisch. Einer seiner aktuellen Fälle: Im Zuge ihrer Privatisierungskampagne engagierte die Deutsche Bahn zur Unterstützung die Berliner European Public Policy Advisers (EPPA). Ihre Aufgabe: die Beeinflussung von Politik und Öffentlichkeit im Sinne der DB. Die EPPA arbeitete dafür mit Partnern zusammen. Dazu gehörte u.a. die Kölner PR-Agentur Allendorf Media. Sie arrangierte positive Statements der TV-Stars Barbara Eligmann und Hans Meiser zur Bahn. Nebenher besorgte sie auch bahnfreundliche Kommentare in entsprechenden Online-Foren. Mit im Boot war auch die Berliner Denkfabrik Berlinpolis. Deren Chef Daniel Dettling setzte sich publizistisch massiv für die Bahnprivatisierung ein und veröffentlichte zudem einschlägige Umfragen zu der 2007 anstehenden Tarifauseinandersetzung zwischen Bahn und Lokführergewerkschaft. Dettling ist übrigens seit Juli auch für NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) aktiv. Sein Job als „Clustermanager“ für die hiesige Kultur- und Kreativwirtschaft ist mit 1,8 Millionen Euro dotiert und soll zunächst über drei Jahre laufen. Zu den Aufgaben von Berlinpolis gehört u.a. die Pflege des landeseigenen Internetportals „Kreative Ökonomie“. Eine Reihe der dort platzierten „Fachartikel“, die positiv für die Nutzung von Biosprit votierten, waren in Wahrheit von Berlinpolis-Mitarbeitern verfasst. Als das bekannt wurde, entfernte das Ministerium die Beiträge. Ein Ziel von Dettlings Think Tank ist übrigens eine Verbindung des „ökonomischen Lagers (Schwarz-Gelb) und des kulturellen Lagers (Rot-Grün) zu neuen Allianzen, ohne dabei ständig zu polarisieren, zu attackieren und zu moralisieren.“ Texte/Interviews/FOTOS: peter hanemann/wolfgang hippe GLOBAL DENKEN – LOKAL KORRUMPIEREN WERNER RÜGEMER ÜBER MODERNISIERUNG UND INTERNATIONALISIERUNG DES KORRUPTIONSBUSINESS
choices: Herr Rügemer, hat die Korruption in der Bundesrepublik zugenommen? Werner Rügemer: Das wissen wir nicht. Korruption hat bekanntlich ein extrem hohes Dunkelfeld. Außerdem ist sie längst nicht mehr auf das beschränkt, was in den Tatbeständen der §§ 298 bis 300 und 331 bis 335 Strafgesetzbuch von Vorteilsannahme und Bestechung bis zur Submissionsabsprache erfasst ist. Diese Bestimmungen klingen für unsere heutigen Verhältnisse teilweise anachronistisch. Wie sieht Korruption heute aus? Für die Brechung und Manipulation des politischen Willens haben die Korrumpteure ihre Aktionsformen sehr erweitert. Dazu gehören informierende Beratung, zeitlich und inhaltlich offene Beraterverträge, undurchsichtige Formen von Lobbyismus und Public Relations, Beteiligung an Unternehmen und Immobilienprojekten, aufgeblähte Provisionen und „Softkosten“ wie etwa Journalistenpreise. Auch die Dauerbespendung politischer Parteien durch Unternehmen halte ich für Korruption. Agieren die Korrumpteure überhaupt noch national? Beispielsweise hat die Deutsche Bank den Kölner Rat beim Verkauf der Kanalisation und der Klärwerke nach dem Muster „Cross Border Leasing“ meiner Meinung nach tendenziös und verharmlosend informiert. Dabei waren die US-Kanzlei Allen & Overy, die First Fidelity Bank of North Carolina, die US-Depotbank State Street and Trust Company of Connecticut, die Fuko Deal Limited I und II auf den Cayman Islands und die FU Trusts 2000 B bis 2000 E mit ihrem Treuhänder in der Finanzoase Delaware/USA beteiligt. Als deutsche Akteure kamen die Staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Landesbank Baden-Württemberg und die Norddeutsche Landesbank hinzu. Ähnliches gilt für die anderen Verträge mit den Straßenbahnen und den alten Messehallen. Auch beim Skandal um die neuen Kölner Messehallen war nicht nur die Sparkasse KölnBonn aktiv. Die involvierte Bank Oppenheim, die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young und der Baukonzern Hochtief AG sind Global Player. Sie bringen Praktiken ein, denen die gegenwärtigen Kölner Politiker – natürlich auch die in anderen Städten – nicht gewachsen sind und auch nicht gewachsen sein sollen. Beim Kölner Müllskandal wurde das Schmiergeld in der Schweiz deponiert. Die Finanzoase Schweiz im Verbund mit Liechtenstein hat seit über einem Jahrhundert klassische Mechanismen der Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Umwegfinanzierung entwickelt. Aber auch hier gibt es Innovationen nach angloamerikanischem Muster. Die Kölner CDU umschreibt den Klüngel mittlerweile als „System Köln“. Gibt es wirklich Köln-spezifische Ausformungen der Korruption? Das glaube ich nicht. Konzerne, Banken, Berater machen sich nicht die Mühe, für jede Stadt oder für Köln etwas Neues zu erfinden. Das Besondere in Köln ist das folkloristisch-verharmlosende Gerede vom „kölschen Klüngel“. Zur Person Werner Rügemer, gelernter Philosoph und Experte für Wirtschaftskriminalität, ist freier Publizist, Berater und Lehrbeauftragter an der Universität Köln. Buchveröffentlichungen u.a. „Colonia Corrupta“, „Die Berater“, „Privatisierung in Deutschland. Eine Bilanz“. Gegen sein Buch „Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim“ strengte die Bank Sal Oppenheim zahlreiche Prozesse an. Aktueller Titel: „Heuschrecken im öffentlichen Raum – Private Public Partnership – Anatomie eines globalen Finanzinstruments“ (2008). Mehr unter www.werner-ruegemer.de. DER BLICK HINTER DIE KULISSEN NINA KATZENICH ÜBER LEIHARBEIT IN MINISTERIEN, LOBBYISMUS UND KLÜNGEL
choices: Frau Katzenich, gibt es Lobbyismus auf kommunaler Ebene? Nina Katzenich: Aber natürlich. Wenn es beispielsweise um Infrastruktur oder Bauprojekte geht, lohnt sich Lobbyismus auch dort. Fällt Klüngeln unter Lobbyismus? Klüngeln ist ein weiter Begriff. Aber wenn man mithilfe von Bekannten politischen Einfluss ausübt, fällt Klüngeln eindeutig unter Lobbyismus. Wer interessiert sich für die Arbeit von Lobbycontrol? Unseren Newsletter haben schon rund 10.000 Interessierte abonniert. Wir hoffen auf noch mehr interessierte Bürgerinnen und Bürger. Inzwischen hat uns auch die Lobbyszene entdeckt. Sie sieht in uns offenbar einen Faktor, mit dem sie rechnen muss. Warum die Lobbies kontrollieren? Gut organisierte Interessengruppen beeinflussen heute die Politik enorm. Insbesondere Wirtschaftsverbände und Großkonzerne verfügen oft über einen privilegierten Zugang zur Politik. Sie haben auch die nötigen Ressourcen, um sich gegebenenfalls Verbindungen und professionelle Beratung einzukaufen. Weniger gut ausgestattete Interessen kommen dabei unter die Räder. Deshalb fordern wir ein verpflichtendes Lobbyregister. Dort müssen sich alle, die bei der Politik Lobbying betreiben, mit Namen, Kunden, Budget und Thema eintragen. Bürgerinnen und Bürger sollen zumindest nachvollziehen können, wer mit wie viel Geld politische Entscheidungen beeinflusst. Ist der Lobbyismus mit der Berliner Republik gewachsen? Die Zahl der Lobbybüros von Unternehmen ist ebenso gewachsen wie die Zahl der sogenannten Public Affairs- und PR-Agenturen oder die der Politikberatungen. Das liegt weniger daran, dass es früher in Bonn so gemütlich war. Heute betreiben große Unternehmen meist ihr eigenes, individuelles Lobbying, weil die großen Verbände ihre Bindekraft verloren haben. Die Interessen in Sachen politischer Regelungen haben sich sehr diversifiziert. Lobbycontrol spricht immer wieder von einem „koordinierten Lobbying hinter den Kulissen“. So ist es. Nehmen Sie das Beispiel, dass über hundert Fachleute, die aus Unternehmen kamen und die von diesen weiter bezahlt wurden, vorübergehend in Bundesministerien gesessen und teilweise an Gesetzen mitformuliert haben, die ihre Arbeitgeber direkt betrafen. Am markantesten ist wohl der Fall eines BASF-Manager, der erst in der Europäischen Kommission und dann im deutschen Wirtschaftsministerium direkt an der Ausarbeitung der EU-Chemikalienrichtlinie „REACH“ beteiligt war. Parallel dazu hat die BASF massiv gegen diese Richtlinie Lobbying betrieben, weil sie zu sehr den Verbraucherschutz betonte. Mit Erfolg: Am Ende schützte die Richtlinie eher die Wirtschaft. Hat sich bei dieser Leiharbeit jetzt etwas geändert? Es ist auch weiterhin nicht verboten, dass von Unternehmen bezahlte Mitarbeiter vorübergehend in Ministerien arbeiten. Nur die Regeln dafür sind etwas strenger geworden. Was unterscheidet Verbände von Lobbies? „Lobby“ ist einfach der englische Ausdruck für Interessengruppen. Verbände fallen natürlich darunter. Gehören Lobbyismus und PR zusammen? Eigentlich ist Lobbyismus etwas, was im Verborgenen stattfindet, PR dagegen eine Strategie, um sich in der Öffentlichkeit ein möglichst positives Image zu schaffen. Inzwischen werden beide Felder oft miteinander verbunden und wirken dann sehr effektiv zusammen. Die Lufthansa hat zum Beispiel hinter den Kulissen massiv gegen die Ausdehnung des Emissionshandels auf den Luftverkehr agitiert. Begleitend dazu hat sie eine großangelegte Kampagne für ihre angeblich immer umweltfreundlichere Technik lanciert. Zur Person Nina Katzenich ist als Diplompolitologin Mitarbeiterin des gemeinnützigen Vereins LobbyControl, der über Machtstrukturen und Einflussstrategien in Deutschland und der EU aufklären will. LobbyControl kombiniert aktuelle Recherchen, wissenschaftliche Hintergrundanalysen und Kampagnenarbeit. Finanziert wird die Arbeit über Fördermitglieder, Spender und Stiftungsgelder. Mehr unter www.lobbycontrol.de. WO SICH DIE BESTEN TREFFEN GOLF ALS WEICHER STANDORTFAKTOR FÜR DIE LOBBY-SOCIETY Eigentlich ist es „falsch für eine Sparkasse, einen eigenen Golfplatz zu besitzen“, meinte vor kurzem Arthur Grzesiek. Der Chef der Sparkasse KölnBonn (SKKB) bilanzierte damit demütig die Erfahrungen seines Hauses mit der Golfklub Gut Lärchenhof GmbH. 2002 hatte die Bank notgedrungen ihren Anteil an der zuvor für 35 Millionen Euro errichteten Anlage auf hundert Prozent erhöht. Denn es gab Probleme. Weil etwa die notwendigen exklusiven 700 Mitglieder nicht erreicht wurden, einigten sich die Golfer sogar darauf, die Ehefrauen von Vorstandsmitgliedern zwangszuverpflichten. Kostenpunkt: eine Einmalzahlung von 21.000 Euro plus eine wiederkehrende Jahresgebühr von 1.850 Euro. Damengolf ist auch heute noch ein beliebtes Angebot im Klub. Trotzdem hat Gut Lärchenhof inzwischen mehr als 10 Millionen Euro Miese erwirtschaftet. Versuche, einen Investor zu finden, sind bisher gescheitert. Mercedes Benz hat wegen der Finanzkrise eben seinen Sponsorenvertrag für das renommierte Golfturnier auf der Anlage gekündigt – kein Nachfolger in Sicht. Und: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das Klubmitglied und den vormaligen Sparkassen-Vorstandsvorsitzenden Gustav Adolf Schröder. Der soll dem klammen Klub bei Finanzlücken stets über die Sparkasse beigesprungen sein. Ein Konzept, das an SK-Finanzpraktiken in Sachen Coloneum erinnert. Hier wie da dealte Schröder stets mit den gleichen Personen. Denn Lothar Ruschmeier, Unternehmer Josef Esch oder Dieter Kleinjohann, Kölns bekanntester Baustatiker, golften auch gemeinsam. Viele Kölner Vorhaben sollen „vorzugsweise auf Gut Lärchenhof“ ausgeheckt worden sein, kolportiert die Wirtschaftswoche. Auch Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hatte bereits Kontakt zum Golfclub: Als Schirmherr des Golfturniers lobte er das „reiche bürgerschaftliche Engagement“ für seine Heimatstadt Pulheim. Gut Lärchenhof ist Teil davon. Mehr unter www.gutlaerchenhof.de. Freitag, 28. August 2009Findling 24Wahlfieber Nach traumhaften Sommer-Erlebnissen umgarnt einen wieder die Banalität des Alltags. Der nächste Pflicht-Termin wartet schon. Wird der Ausgang der Bundestagswahl irgendetwas ändern? Zumindest in Sachen Mode steht einem Wandel nichts im Weg. Frische Anregungen für ein neues Outfit gibt es wie immer im Findling.
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Erprobt. Bei FAKTORY, Deutschlands erstem Schul-Laden gilt: Mode ist Kunst & Kunst ist Mode. Hier bahnen sich neue Styles und neue Kunst den Weg zum freien Verkauf. Mit Netz und doppeltem Boden haben die StudentInnen der Freien Akademie Köln bei FAKTORY die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren und sich als eigene Laden- und Galerie-Betreiber zu erproben. Jetzt vormerken: Am 8./9. Oktober findet im Odonien der Seide-Samt-Schrott-und-Schrauben-Event statt FAKTORY Mode & Kunst Maria Schmidt Gustavstra_e 16 50937 Köln Tel.: +49 (0) 221/ 940 88 76 mail@fak-tory.de www.fak-tory.de Öffnungszeiten: montags –samstags 11:00-18:00 ![]() Verwandelt. Nicole Herbold entwirft mit Leib und Seele für Leib und Seele. Seit 06.06.09 verkauft sie ihre Unikate für Mann und Frau mit Liebe zum Detail in ihrem eigenen Laden Herbold modedesign. accessoires. Die Stoffe für ihre Entwürfe müssen sich unbedingt gut anfühlen und sind oft sehr farbenfroh. Um Einzigartiges zu kreieren, greift sie auch auf Kleidungsstücke mit Lebenserfahrung zurück. Aus getragenen Pullovern werden Röcke, aus Stiefeln ein Oberteil. Gekonnt werden diese in neue Lieblingsstücke verwandelt. Die neue Herbst-Winter-Kollektion stelltNicole Herbold am 26.09. vor. Unbedingt reinstöbern! Herbold modedesign. accessoires Modedesign. Accessoires. Nicole Herbold Brüssler Str. 51 50672 Köln Tel.: +49 (0) 1577/ 5173014 herbold-mode@gmx.de www.herbold-mo.de Öffnungszeiten: jeden 1. und 3. Montag 14:00- 20:00 dienstags bis freitags 14:00-20:00 Uhr samstags 12:00-19:00 Uhr Freitag, 21. August 2009Wir sind alle interkulturellJeder jeck es anders KÖLN PLANT DEN INTERKULTURELLEN AUFBRUCH – EIN INTEGRATIONSKONZEPT, EINE AKADEMIE DER KÜNSTE DER WELT, EIN MUSEUM ZUR VIELFALT DER KULTUREN DER WELT
CHOICES-THEMA IM September: Interkulturelles Köln Die FC-Fans singen „Wir sind alle multikulturell“, dabei spricht die Stadtverwaltung bisher nur Deutsch. Dafür gibt es wieder viele Pläne: für ein Integrationskonzept und eine Akademie der Künste der Welt. Übrigens: Im nächsten Mai öffnet das neue „Kulturquartier am Neumarkt“. Wenn deutsche Großstädte auf ihren Websites ihre Weltoffenheit vorstellen wollen, tun sie das meist mehrsprachig. Frankfurt.de zum Beispiel präsentiert sich in 11 Sprachen, auf duesseldorf.de spricht man neben Englisch auch Russisch, Japanisch und Chinesisch. Die Website der Stadt Köln beschränkt sich dagegen auf die Amtssprache Deutsch. Tatsächlich werden in Köln über 120 verschiedene Sprachen gesprochen. Die Mehrzahl der KölnerInnen sind Zugezogene. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund: Die einen mögen Kölsch, die anderen nicht. Man ist bürgerlich, kosmopolitisch oder hedonistisch und subkulturell orientiert. Nur ein kleiner Teil davon ist religiös verwurzelt. Und doch fiel dem offiziellen Köln unter dem scheidenden OB Fritz Schramma (CDU) beim Thema „Integration und Migration“ vor allem ein „interreligiöser Dialog“ ein. So hinkt Köln wieder einmal den Trends der Stadtgesellschaft hinterher. Zeitzeichen: vor 30 Jahren Man schreibt das Jahr 1979: Heinz Kühn (SPD), in Köln geborener und lebender NRW-Ministerpräsident a.D. und nunmehr erster Ausländerbeauftragter der Bonner Bundesregierung, sorgt sich um den Stand der „Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien in der Bundesrepublik Deutschland“. Im September präsentiert er ein mittlerweile legendäres „Memorandum“, das mit zentralen Vorurteilen abrechnet. Deutschland – so Kühn – ist ein Einwanderungsland, die von der Politik propagierte „Integration auf Zeit“ eine Illusion. Das „Optionsrecht Einbürgerung“ müsse ernst genommen, die politischen Beteiligungsrechte für Migranten etwa durch ein kommunales Wahlrecht gestärkt werden. Das mag man in Köln/Bonn und anderswo (noch) nicht hören. Die gültige Politik gibt Alfred Dregger vor, ein hessischer CDU-Rechtsaußen. Er bezweifelt die „Integrationswilligkeit“ der Ausländer an und für sich, pocht auf die „deutsche Kultur“ und verlangt die bedingungslose Assimilation der hier heimisch gewordenen Fremden. Fast 30 Jahre später analysiert das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) die Wirtschaftskraft deutscher Städte. Das Ergebnis: „In kulturell vielfältigen Regionen produziert ein Arbeitnehmer, gemessen in Euro, im Durchschnitt mehr als in Regionen, in denen die Beschäftigungsstruktur vergleichsweise wenig von Zuwanderern aus unterschiedlichen Herkunftsländern geprägt ist.“ Die Autoren loben ausdrücklich Frankfurt, Stuttgart und München für ihre Integrationspolitik. Köln liegt in Sachen „Diversitätsindex“ zwar über dem Bundesdurchschnitt, kann aber mit den süddeutschen Metropolen nicht Schritt halten. Als besonders ärgerlich wird vermerkt: die angeblich weltoffene und tolerante Metropole am Rhein verfügt „als einzige der untersuchten Städte bisher über kein kohärentes Integrationskonzept“. Das soll sich jetzt ändern. Noch im Herbst will der Stadtrat ein entsprechendes Papier verabschieden. Mit dem „Kulturentwicklungsplan“ sollen in der Kulturpolitik die Kategorien „Herkunftsland“ und „Integration“ aufgelöst werden. Im Gespräch ist die Gründung einer „Akademie der Künste der Welt“, und im Mai 2010 wird das Rautenstrauch-Joest-Museum endlich sein neues Haus am Neumarkt eröffnen. Integration oder Vielfalt Bei der neuen integrationspolitischen Debatte fallen einige Ladenhüter auf. Der Größte davon ist der Begriff „Integration“ selbst. Gewöhnlich stehen bei ihm Defizite der Migranten im Mittelpunkt, nicht ihre Potenziale, moniert etwa der Kölner Psychologe Mark Terkessidis. Für zukunftsfähig hält er nur das Konzept Vielfalt – es akzeptiert die unterschiedlichen Kulturen und Milieus in der Gesellschaft und fördert den interkulturellen Dialog. Terkessidis: „Im Zentrum stehen nicht bestimmte Gruppen, sondern das Individuum.“ Das zur Verabschiedung anstehende „Kölner Integrationskonzept“ ist davon noch ein Stück entfernt. Es soll ein „zuwanderungsfreundliches Klima“ schaffen und die „Offenheit der Aufnahmegesellschaft und die Integrationsbereitschaft der MigrantInnen“ fördern – so als gelte es, die jetzt schon mehr als 300.000 KölnerInnen mit Migrationshintergrund aus einer Parallelwelt zu holen. Die Kulturpolitik scheint offener zu sein. Nach Empfehlung des Rates soll sich eine „Akademie der Künste der Welt“ um das interkulturelle Miteinander von Kunst, Kultur und Kindern „als selbstständiger Ort des Dialogs“ kümmern und dabei in die nicht so aufgeschlossenen städtischen Institute hinein wirken. Interessant wird sein, wie sich das neue Rautenstrauch Joest Museum positioniert. Kultur und Gesellschaft bilden aus ethnologischer Sicht längst keine Einheit mehr, moderne „Völkerkunde“-Museen sind der kulturellen Vielfalt verpflichtet und nicht selten Teil des interkulturellen Dialogs. Das Hamburger Völkerkundemuseum etwa will „allen Kulturen Respekt verschaffen“, französische Museen haben den „Migranten“ als europäische Leitfigur erkoren. Schon im alten Kölner Haus am Ubierring wurden in großen Ausstellungen weltweite Themen wie „Die Braut“, „Männerbünde“ oder „Rausch und Realität“ vergleichend präsentiert. Auf den neuen Kölner Blick darf man gespannt sein. Texte/Interviews/FOTOS: peter hanemann / wolfgang hippe PERSPEKTIVEN ENTWICKELN OSSI HELLING ÜBER MIGRANTEN, MAINSTREAM UND KULTURELLE TEILHABE choices: Herr Helling, im Entwurf des neuen Integrationskonzeptes der Stadt Köln heißt es, Integration sei „in Köln nicht in erwartetem und gewünschtem Maß gelungen“. Warum? Ossi Helling: Erst mit dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht von Rot-Grün wurde in Deutschland Mainstream, dass wir ein Einwanderungsland sind. Vorher sind auch in Köln Einwanderer stets als Belastung empfunden worden. Es war z.B. nicht selbstverständlich, Migrantenjugendliche schulisch besonders zu fördern. Der Anteil ausländischer Jugendlicher in den Ausbildungsberufen der Stadtverwaltung lag seinerzeit bei 6 Prozent. Inzwischen ist er auf über 20% gestiegen. Angemessen wäre ein Anteil von 40-50%. Was heißt angemessen? Die über 300.000 Menschen mit Migrationshintergrund sind eine enorme Stärke für Köln, weil sie in der Regel bereits über Erfahrungen mit zwei Kulturen verfügen. Diese Bikulturalität, die im Übrigen in der 2000jährigen Geschichte Kölns schon mehrfach außerordentlich produktiv war, braucht Köln, um sich in der globalisierten Städtekonkurrenz zu behaupten. Es ist ein Skandal, dass hier geborene Kölner Jugendliche, deren Eltern vor 40 Jahren aus der Türkei eingewandert sind, noch immer befragt werden, wie oft sie in „ihrer Heimat, der Türkei“ Urlaub machen. Im Kulturentwicklungsplan der Stadt Köln ist jetzt zu lesen, politisches Ziel sei, die Kategorien „Herkunftsland“ und „Integration“ aufzulösen. Da zeigt sich ein gewisser Lernprozess der Kulturverwaltung: Noch vor einigen Monaten wurde im „Förderkonzept interkultureller Kunstprojekte“ sehr konservativ davon gesprochen, seitens der Migranten seien „Sprachkenntnisse und Anerkennung der Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft“ notwendig. So als seien Werte und Normen etwas Statisches, über die schon immer die Mehrheitsgesellschaft allein befindet. Im jüngsten Ratsbeschluss zur „Akademie der Künste“ wird dagegen auf der Höhe der Zeit formuliert. Dabei wird das politische Ziel deutlich: nicht die Integration in bestehende Ordnungen, sondern die permanente Neudefinition und Überprüfung von Werten und Normen. Menschen, die in mehr als einem kulturellen Kontext zu Hause sind, haben es dabei wahrscheinlich leichter. Was hat die Integrationskonferenz der Stadt mit der „Akademie der Künste der Welt“ zu tun? Die Akademie kann dazu beitragen, alle kulturellen Institutionen in Köln umzukrempeln und interkulturell zu öffnen. Ensembles, Akteure und Programm-Angebote müssen kritische und neue Blicke auf die kulturelle Vielfalt in Köln ermöglichen, sie ausrichten auf breitere Schichten der Kölner Bevölkerung. Das hat dann auch viel mit Gesellschaftspolitik und erfolgreicher Integration zu tun. Ist kulturelle Teilhabe für Deutsche wichtiger als für Menschen mit Migrationshintergrund? Abgesehen davon, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund einen deutschen Pass haben, glaube ich inzwischen, dass kulturelle Teilhabe viel mehr mit „Bildung“ und einem existenzsichernden Einkommen zu tun hat. Bildungs- wie Kulturferne und Hartz IV entsprechen sich oft genug. Zur Person Ossi Helling (B’90/Die Grünen) ist Mitglied des Kölner Stadtrates, Erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Soziales und Senioren und Mitglied im Integrationsrat. Daneben u.a. Mitglied im Aufsichtsrat GAG Immobilien AG und Vertreter der Stadt Köln im Polizeirat beim Polizeipräsidium Köln. INTERKULTUR STATT INTEGRATION MARK TERKESSIDIS ÜBER DIE AKADEMIE DER KÜNSTE DER WELT, DAS KONSERVATIVE KÖLNER PUBLIKUM UND QUALITÄTSKRITERIEN FÜR DIE KOMMUNALE KULTURPOLITIK choices: Herr Terkessidis, die FC-Fans singen „Wir sind alle multikulturell“. Sind das auch Kölns Kulturinstitute? Mark Terkessidis: Leider nein. Personen mit Migrationshintergrund sind im Kulturbereich erstaunlich abwesend. Dabei machen sie etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, Tendenz steigend. Es ist schlicht undemokratisch, wenn Kultursubventionen nur Leuten zugute kommen, die bereits als „Bildungsbürger“ auf die Welt gekommen sind. Die Kulturinstitute brauchen eine interkulturelle Öffnung. Die „Akademie der Künste der Welt“ soll jetzt die interkulturelle Plattform für fast alles und jedes werden. Wird die Akademie nicht mit zu vielen Aufgaben überfrachtet? Der Geburtsfehler der Akademie ist: Der Ratsbeschluss verlangt von ihr alles. Das ist gar nicht zu leisten, aber durchaus typisch für die heutige Zeit – vor allem, wenn es um Migration geht. Kultur soll möglichst nichts kosten, im Ehrenamt geleistet werden und dann noch quasi sozialtechnologische Aufgaben übernehmen. Zudem ist die Akademie eine Art Sonderagentur. Das birgt immer die Gefahr in sich, dass die anderen Institute glauben, entsprechende Öffnungsprozesse einfach delegieren zu können. Nach dem Motto: Die Akademie wird’s schon richten. Tatsächlich gibt es bislang keinen Auftrag an die kommunale Kultur, sich interkulturell zu öffnen. Für mich war auch interessant, dass Kulturdezernent Georg Quander sich kaum um die Akademie gekümmert hat. Irgendwann hat er dem Initiativkreis genau einen Termin zu einer bestimmten Uhrzeit bei sich im Büro „angeboten“. Da musste ich wirklich lachen. So kann man im Jahr 2009 keine sinnvolle Kulturpolitik betreiben. Gibt es Qualitätskriterien für die kommunale Kulturpolitik? Sicher gibt es die. Man darf die Öffnung zur Interkultur nicht als pädagogisches Schwarzbrot sehen, sondern als Herausforderung an die Kreativität. Die Stadt München z.B. hat die Richtlinien der Kulturförderung so geändert, dass Interkultur berücksichtigt wird. Grenzüberschreitung, Stärkung der kulturellen Vielfalt und Auseinandersetzung sind grundsätzliche Kriterien, die in Zeiten der Globalisierung eine Rolle spielen müssen. Harmonie ist nicht innovativ. Die Initiatoren der „Akademie“ beklagen, dass in der Vergangenheit viele wichtige Diskussionen an Köln vorbeigegangen sind. Das habe ich nicht geschrieben. Aber im Vergleich zu den frühen 1990er Jahren ist die heutige Kultur in Köln provinzieller geworden. Damals gab es etwa über die Kunstszene einen permanenten internationalen Austausch. Diese Szene ist abgewandert. Zudem gibt es in Köln ein sehr konservatives Publikum, das auf der Erfüllung sehr traditioneller Formen von Hochkultur beharrt. Gibt es für diese Provinzialisierung eine Erklärung? Ein großer Teil der interessanteren Kulturproduktion hat in Köln lange Zeit ohne viele Berührungspunkte neben den kommunalen Kulturinstituten und -kanälen existiert, etwa in Kunst und Musik. Als der Exodus nach Berlin begann, reagierte die städtische Seite nicht rechtzeitig, anstatt strategisch einzuspringen. Im Falle von c/o pop zeigt sich aktuell, was man dabei erreichen kann. Man muss aber insgesamt deutlich konzeptioneller vorgehen. Ist die Forderung nach „Integration“ angesichts der kulturellen Vielfalt in der Gesellschaft überhaupt auf der Höhe der Zeit? Mir gefällt der Begriff Integration nicht, weil er in Deutschland fast immer normativ aufgeladen ist. Die „Defizite“ der anderen sollen in einem Sonderbereich durch kompensatorische Maßnahmen beseitig werden, das hat schon vor 30 Jahren nicht geklappt. Den Begriff Interkultur finde ich besser. Die Kinder unter 6 in den großen deutschen Städten haben mehrheitlich einen Migrationshintergrund – Interkultur geht alle an. Es braucht eine Politik, die sich auf unterschiedliche Voraussetzungen einstellt, und die dafür sorgt, dass die Individuen ihr Potential ausschöpfen können – egal, welchen Hintergrund sie haben. Zur Person Mark Terkessidis ist Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge. Er ist Mitglied des Initiativkreises der geplanten Kölner „Akademie der Künste der Welt“ und arbeitet als Journalist und freier Autor, u.a. für den WDR. Im November erscheint sein neues Buch „Interkultur“ in der „edition suhrkamp“. AUF IN DEN MAI KLAUS SCHNEIDER ÜBER ERSTE PROGRAMMPLÄNE FÜR DAS NEUE RAUTENSTRAUCH JOEST MUSEUM, DAS HUMBOLDT-FORUM BERLIN UND KOOPERATIONEN VOR ORT
choices: Herr Schneider, wie es heißt, wird in Berlin eben das „bedeutendste kulturpolitische Projekt in Deutschland seit Beginn des 21. Jahrhunderts“ in Angriff genommen: der Umzug des Ethnologischen Museums Dahlem ins Humboldt-Forum. Prof. Dr. Klaus Schneider: Das Humboldt-Forum ist ein herausragendes Projekt mit einem größeren finanziellen Rahmen als unseres, auch die Nutzung des wiederaufgebauten Stadtschlosses ist spektakulär. Unser „Kulturquartier am Neumarkt“ ist allerdings auch einzigartig. Es ist aktuell das herausragende Kulturprojekt in Westdeutschland. Hinter der „Agora“ des Humboldt-Forums verbirgt sich zudem ein konzeptionelles Programmangebot, das wir bereits seit vielen Jahren im alten Haus am Ubierring umgesetzt haben. Sehr erfolgreich waren übrigens die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus Afrika, Asien usw. Schade, dass man das in Köln nicht entsprechend kommuniziert. Wo werden denn im neuen Haus Ihre Veranstaltungen stattfinden? Ein zentraler Ort ist der von uns für diese Zwecke konzipierte große Saal, den die VHS betreibt und den wir mitnutzen werden. Dann ist da unser Foyer mit dem imposanten Reisspeicher, einem Objekt, das in den Museen der Welt einmalig ist. Zum dritten können wir die Flächen bespielen, die auch für Sonderausstellungen zur Verfügung stehen. Dort haben bis zu 1.500 Personen Platz. Sie werden nicht nur Vorträge anbieten … Nein. Ich habe mich seit vielen Jahren um einen eigenen Veranstaltungsmanager bemüht, mit dem Umzug ist uns das endlich gelungen – ein sehr wichtiges Standbein für unser Konzept. Haben Sie schon konkrete Pläne? Für 2010 und 2011 stehen mittlerweile drei größere Projekte. Im Oktober 2010 wird es ein langes Wochenende zur Städtepartnerschaft Köln-Istanbul mit Film, Musik, Theater und vielem mehr geben. Zu unseren Partnern soll u.a. die Deutsch-Türkische Handelskammer gehören. Dann planen wir ein großes regelmäßiges ethnographisches Filmfestival. Das Konzept dafür ist fertig ... Kooperieren Sie hier? Etwa mit dem Afrika Filmfestival von Filminitiativ? Dieses Festival ist herausragend. Für uns ist wichtig, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten, deshalb wollen wir die Termine koordinieren. Schließlich veranstalten wir eine interkulturelle Tanzreihe mit Tänzern aus allen Regionen der Welt. Die Förderung durch das Land steht schon. Wie gestalten Sie Ihre Räume für die einzelnen Events? Im Foyer werden z.B. als eine Möglichkeit Tribünen für die Besucher aufgebaut, die Mitte wird bespielt, ein bisschen wie ein Catwalk. Dabei können die Tänzer auch Teile des ersten Stocks nutzen und damit auf zwei Ebenen agieren. Wird es auch wieder einen Pfingstmarkt geben? Viele Kölner vermissen dieses Fest schmerzlich, das wir regelmäßig organisiert haben. Wegen unserer fehlenden Planungssicherheit konnten wir bisher nicht terminieren. Aber ich denke, 2011 wird es den Pfingstmarkt wieder geben. Noch einmal zur Kooperation. Wie steht es mit der „Akademie der Künste der Welt“? Wir waren schon in den Diskussionsprozess einbezogen, als es noch um ein „Haus der Kulturen der Welt“ ging. Ich habe auch lange mit Herrn Kermani gesprochen. Dabei war von Anfang klar, dass unser Haus auf keinen Fall ein Annex eines „Hauses der Kulturen“ wird. Die Gespräche haben aber auch deutlich gemacht, dass es zwischen uns viele positive Synergien geben kann. Deshalb fand ich die Idee gut, in Richtung „Akademie der Künste“ zu gehen. Und die praktische Zusammenarbeit? Wenn Kapazitäten und Planungen es zulassen, ist die Akademie ein gern gesehener Gast. Wir können ihr einen wunderschönen Ausstellungsort bieten. Rechtzeitig zum Umzug ist Ihr Museum wegen angeblich zu niedrig kalkulierter Umzugskosten noch einmal negativ in die Schlagzeilen geraten. Das Museum hat diese Kosten bereits vor vier Jahren mit rund 2 Millionen Euro angegeben und nie eine andere Summe genannt. Aus logistischen und organisatorischen Gründen zieht sich der Umzug aber über mehrere Jahre hin, deshalb fallen im Haushalt für die einzelnen Jahre entsprechende Teilbeträge an. Der Vorgang hat mich sehr geärgert, da so in der Öffentlichkeit das Bild von schlechter oder schlampiger Arbeit des Museums entsteht. Nach diesen Querelen: Wann werden Sie Ihr Haus eröffnen? An einem schönen Tag im Mai 2010. Zur Person Prof. Dr. Klaus Schneider ist seit 2000 Direktor des Rautenstrauch Joest Museums (RJM) und seit 2005 Honorarprofessor an der Kölner Universität. Das RJM ist das einzige ethnologische Museum in NRW und mit Schnütgen Museum, VHS und Stadtbibliothek Teil des neuen „Kulturquartier am Neumarkt“. Freitag, 24. Juli 2009Wahltag ist Zahltag
Schwarze Löcher?
Am 30. August ist Kommunalwahl. kölner perspektiven: grosse pläneleere kassen
![]() choices: Herr Roters, Ihre Partei dümpelt bundesweit bei guten 20 Prozent, bei der Europa-Wahl haben die Grünen sie in Köln überholt. Fühlen Sie sich jetzt als grüner OB-Kandidat? Jürgen Roters: Ach nein. Die SPD wird die Kommunalwahl in Köln gewinnen und dann gemeinsam mit den Grünen den hoffentlich rot-grünen Oberbürgermeister unterstützen. Bitte vollenden Sie den Satz „Gerade in finanziell schwierigen Zeiten, die auf uns zukommen, ist es Aufgabe der Politik, ... ... sehr sorgfältig mit den vorhandenen Finanzen umzugehen, aber nicht mit dem Rasenmäher gerade auch soziale Strukturen zu beschädigen. Die große Koalition in Berlin hat eine „Schuldenbremse“ ins Grundgesetz geschrieben. Was heißt das für hoch verschuldete Kommunen wie Köln? Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie Bund und Länder das Schuldenmachen konkret bekämpfen wollen. Wenn jeder für sich spart, zunächst der Bund, dann die Länder, hängen die Kommunen erst recht am Tropf. Die Schuldenbremse darf sich nicht zu ihren Lasten auswirken. Wir in den großen Städten müssen die eigentlichen Zukunftsaufgaben lösen, das geht nur mit einer angemessenen Finanzausstattung. Das bedeutet, wir brauchen ein ganz neues Finanzsystem. Im Übrigen steht Köln noch vergleichsweise gut da, andere Städte können ihren Verpflichtungen nur noch über Kassenkredite nachkommen. Aus Ihrer Sicht muss sich also die finanzielle Grundausstattung der Kommunen verbessern? Ja. Das betont in diesen Zeiten natürlich jeder Kandidat. Aber: Wenn wir gleichwertige Lebensbedingungen in allen Regionen haben wollen, muss unser Finanzsystem insgesamt die kommunale Basisfinanzierung stärken. Weniger steuernde Eingriffe durch das Land, mehr direkte Zuweisungen auch des Bundes an die Städte. Sowohl im pflichtigen Bereich als auch bei den freiwilligen Aufgaben. Die freiwilligen Aufgaben gelten als Kern der kommunalen Selbstverwaltung. Was würden Sie neben der Kultur zu diesem Bereich zählen? Soziale Aufgaben, die der Integration dienen und den sozialen Frieden sichern. Auch Aktivitäten wie das Stadtmarketing. Man muss sich im Klaren sein, uns in Köln stehen aktuell bei einem Haushalt von drei Milliarden etwa 200 Millionen für freiwillige Aufgaben zur Verfügung. Wie wichtig ist dabei die Wohnungspolitik? Bis 2015 fallen mehr als 20% der Sozialmietwohnungen aus der Bindung. Um das Angebot zu erhalten, müssen jährlich rund 1.300 Wohnungen errichtet werden. Gelingt es nicht, genügend Wohnungen bereitzustellen, steigen die Mieten, und Köln steht vor einer neuen Wohnungsnot. Stichwort Integration. In Köln gibt es ca. 80 sogenannte interkulturelle Zentren, die durchschnittlich mit 18.000 Euro gefördert werden. Würden Sie den Betrag aufstocken? Wir werden hier analysieren müssen, ob man Aufgaben bündeln und die Mittel gezielter einsetzen kann. Die Mittel in der Summe stehen dabei nicht in Frage. Martin Börschel, Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion, möchte die Akademie der Künste der Welt möglichst schnell realisieren. Das Geld dafür kommt aus dem Kulturetat, dem Sozialetat? Aus dem Kulturetat. Muss der Kulturetat erhöht werden? Wir müssen hier wie überall sehr sorgfältig rechnen. Es ist leicht, mehr Ausgaben für Kultur zu fordern, ohne gleichzeitig zu sagen, wo man sparen will. Oder wo man mehr einnehmen kann. Ihr Parteifreund Jürgen Büssow, der Düsseldorfer Regierungspräsident, hat empfohlen, sich auch bei der Preisgestaltung international zu orientieren. In Tokio kostet eine Opernkarte 120 Euro, in Köln die teuerste 66 Euro. Es geht doch darum, breitere Schichten für die Oper zu begeistern. Das gilt auch gerade für junge Menschen. Deshalb verbietet sich eine solch drastische Erhöhung. Die Sanierung der Oper wird drastisch teurer. Die Fehlkalkulation der Verwaltung darf die Aufbruchstimmung bei Oper- und Schauspiel nicht zerstören. Ich sehe in dem Gesamtvorhaben die große Chance, ein kulturelles Leuchtturmprojekt zu realisieren. Es könnte der neue Kristallisationspunkt, ein neuer Ort also mit vielfältiger Strahlkraft für die international renommierte Kultur- und Musikstadt Köln sein! Wie viele Museen verträgt Köln eigentlich? Wir haben acht kommunale plus einige private – insgesamt eine stattliche Zahl. Unsere Museumslandschaft ist Anziehungspunkt und Marketing- wie Wirtschaftsfaktor. Ob wir noch weitere Museen benötigen, wage ich zu bezweifeln. Wenn es nicht unmittelbar unter den Nägeln brennt, muss auch in Anbetracht der Finanzen kein neues Museum gebaut werden. Und das Jüdische Museum? Die Beschlüsse dazu sind schon gefasst. Auch wenn der private Förderverein sich zurückgezogen hat, ist die Handlungsoption da, zumal die Archäologische Zone eine Abdeckung erhalten muss. Vorausgesetzt, Sie werden gewählt: Welche drei Themen stehen für Sie in den ersten hundert Tagen ganz oben? Erstes wichtiges Anliegen: die soziale Balance in unserer Stadt zu wahren. Das heißt, den Anteil von Sozialarbeitern in problematischen Vierteln zu erhöhen und den Anteil der individuellen Förderung am Nachmittag zu verbessern. Zum Zweiten möchte ich den Wissenschaftsstandort Köln stärken und die Hochschulen und Forschungsinstitute stärker in der Stadt verankern. Eine Sofortmaßnahme hier: die Abschaffung der Zweitwohnungssteuer für Studenten. Zum Dritten: die Intensivierung des Umweltschutzes. Hier möchte ich erste Weichen für eine Energieeffizienz-Agentur stellen. Zur Person Jürgen Roters ist Jurist, war erst Polizei-, dann Regierungspräsident in Köln. 2005 wurde er nach dem CDU/FDP-Wahlsieg in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Mehr unter www.juergen-roters.de. DAS SYSTEM KÖLN BESEITIGEN OB-KANDIDAT PETER KURTH (CDU) ÜBER DAS SYSTEM KÖLN, FINANZEN, DIE SCHULDENBREMSE UND FREIWILLIGE AUFGABEN ![]() choices: Herr Kurth, was muss man sich unter dem „System Köln” vorstellen, das Ihre Partei ändern will? Peter Kurth: In Köln übt die Stadtverwaltung in sehr vielen Bereichen den maßgeblichen Einfluss aus, was oft weder für die Betroffenen noch für die Stadt insgesamt gut ist. Dazu gehört eine starke Parteipolitisierung der Verwaltung selbst, wobei ich da alle Parteien anspreche. Deshalb hat es in der Verwaltung noch nie eine Aufgabenkritik gegeben. Ist das nicht bei allen Verwaltungen der Fall? Nein, ich kenne keine deutsche Großstadt, wo etwa Kultureinrichtungen so eng in die Verwaltung eingebunden sind wie in Köln. Das ist einmalig. In vielen anderen Kommunen gibt es das Bemühen um eine effektivere, auch preiswertere Verwaltung. Ich möchte die politische Diskussion darüber in Köln eröffnen. Wir möchten da, wo es die gesetzlichen Grundlagen erlauben, Wettbewerb einführen. Die Außendarstellung der Stadt soll durch ein „privatwirtschaftlich organisiertes Kulturmanagementbüro“ verbessert werden? Der Kulturstandort Köln braucht ein besseres, nach außen gerichtetes Marketing, damit die Menschen in Hamburg, München oder Berlin merken, dass Köln nicht nur aus Dom, Karneval und Kölsch besteht, sondern beispielsweise ein erstklassiger Musikstandort ist. Die Verwaltung ist dieser Aufgabe nicht gerecht geworden, deshalb wollen wir es anders versuchen, privatrechtlich organisiert, unterstützt vom Sachverstand aus der Kultur. In Berlin spielt beim Kulturmarketing der Tourismus eine wesentliche Rolle. Wäre das keine Aufgabe für KölnTourismus? Das kann man überlegen. Aber Kultur müsste ein eindeutiger Schwerpunkt sein, es geht nicht nur um Tourismus. Der Kulturstandort Köln muss selbstbewusster auftreten. Der Kölner Kulturetat ist in der letzten Zeit erhöht worden. Trotzdem hat sich das Image der Kölner Kulturpolitik nicht verbessert. Geld allein macht nicht glücklich. Wir brauchen eben auch die richtigen Rahmenbedingungen und Strukturen. Aber was da jetzt z.B. im Schauspielhaus unter der Intendanz von Karin Beier passiert, wird Kölns Ruf als Kulturmetropole stärken. Sie waren schon Finanzsenator. Bitte vollenden Sie den Satz „Gerade in finanziell schwierigen Zeiten, die auf uns zukommen, ist es Aufgabe der Politik, ... ... mit aller gebotenen kaufmännischen Vor- und Weitsicht den städtischen Haushalt und die Ausgaben so zu planen, dass uns das nötige Geld für wichtige Aufgaben und Projekte auch künftig in Köln zur Verfügung steht. Die Große Koalition in Berlin hat eine „Schuldenbremse“ ins Grundgesetz geschrieben. Was heißt das für hoch verschuldete Kommunen wie Köln? Adressaten der Verfassungsänderungen sind zunächst Länder und Bund. Aber es hat natürlich Auswirkungen auf die Kommunen. Wir werden uns hier verständigen müssen, ob wir noch Schulden machen können. Das finde ich übrigens grundsätzlich gut. Für die Pflichtaufgaben der Kommunen stellen Bund und Länder entsprechende Mittel zur Verfügung. Reichen die bisher immer aus? Heute ist es z.T. der Fall, dass den Kommunen per Gesetz Aufgaben ohne ausreichende finanzielle Ausstattung zugewiesen werden, wie z.B. im Fall der KITAs. Ich meine, dass der, der die Musik bestellt, sie auch bezahlen muss. Die freiwilligen Aufgaben gelten als Kern der kommunalen Selbstverwaltung. Was zählen Sie hier neben der Kultur dazu? Vieles im Bereich Soziales, Jugendpolitik, Projekte, die bestimmten großstädtischen Belangen Rechnung tragen etwa im Integrationsbereich. Großstädte stehen hier vor grundsätzlich anderen Aufgaben als kleinere Städte, auch was die Kultur betrifft. Sie wollen den Kulturetat mindestens festschreiben ... Wir werden in den nächsten Jahren erhebliche Finanzprobleme haben. Ich möchte am Beginn der neuen Ratsperiode deutlich machen, der Kulturetat steht für Absenkungen nicht zur Verfügung. Alles andere hängt von einem vernünftigen Kassensturz ab. Und die Kosten für zahlreiche neue Kulturprojekte wie die geplante Akademie der Künste der Welt? Die Akademie wird zunächst 500.000 Euro brauchen, das halte ich für machbar. In Tokio kostet eine Opernkarte 120 Euro, in Köln die teuerste 66 Euro. Ist die Erhöhung hiesiger Eintrittspreise ein Tabu? Es sind nicht so sehr die Künstlergagen, die eine Eintrittskarte für Schauspiel oder Oper teuer machen. Es sind vielmehr die hohen Unterhalts- und Betriebskosten, die am Ende des Jahres dafür verantwortlich sind, dass Deutschlands Schauspiel- und Opernhäuser defizitär arbeiten und subventioniert werden müssen. Und da müssen wir in Köln ansetzen, dass wir diese durchaus beinflussbaren Kosten senken. Dann sind 66 Euro ein angemessener Preis. Was sagen Sie zur Kostenexplosion bei der Opernsanierung? Es ist inakzeptabel, wenn bei Bauvorhaben wie jetzt beim Opernquartier, alle Planungsansätze bereits nach kurzer Zeit Makulatur sind. Für einen solchen Umgang mit dem Geld der Steuerzahler hat niemand Verständnis, in der gegenwärtigen Wirtschaftslage erst recht nicht. Wie viele Museen verträgt Köln eigentlich noch? Ich glaube, dass das Bedürfnis, sich mit den unterschiedlichsten Aspekten von Vergangenheit zu befassen, noch wachsen wird. Dass die Großstädte hier ihre Aktivitäten zurückfahren sollten, sehe ich nicht. Vorausgesetzt, Sie werden gewählt, welche drei Themen stehen bei Ihnen in den ersten 100 Tagen ganz oben auf der Agenda? Ein neues Konzept der Wirtschaftsförderung, auch hier wird Köln unter Wert verkauft. Gespräche über die Neuordnung der Kultur. Ausbildungssektor und Arbeitsmarkt als Schwerpunkte des dann fertigen Integrationskonzepts der Verwaltung. Zur Person Peter Kurth ist Jurist, war in Berlin Finanzsenator unter Eberhard Diepgen, im Vorstand des Berliner Entsorgungsunternehmens ALBA AG, BDE-Vizepräsident. Seit 2009 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). Mehr unter www.peter-kurth.de. Freitag, 26. Juni 2009Sommer – Rhein – TourismusTouristen, kommt in diese Stadt Dom, Rhein, Tourismus – Sightseeing macht Umsatz
CHOICES-THEMA IM JULI: Wenn Ende April die Tage länger und wärmer werden, ist es wieder soweit: Die Saison auf dem Rhein beginnt. Kapitän Kurt Stey fährt seit 37 Jahren für die Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschifffahrt AG – kurz KD genannt. Er hat lange Jahre die „große Tour“ von Basel bis Antwerpen gemacht und kennt den Fluss mit Mosel und Schelde aus dem FF. Jetzt dirigiert er mehrmals täglich die „Jan von Werth“ durch das Köln-Panorama zwischen Rodenkirchen und Mülheim. „Besser geht’s nicht“, meint er, „Ich bin ja von Köln und der Stadt verbunden.“ Das Schiff ist im Papstkonvoi mitgefahren und begleitet regelmäßig das jährliche Feuerwerk von „Rhein in Flammen“ vor Bonn über die Kölner Lichter bis zum Japanischen Feuerwerk in Düsseldorf. Eine schöne Sache, findet Stey. Und auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble war schon mal an Bord. Ruf der Glocke
choices: Frau Schock-Werner, gibt es im Kölner Dom noch Geheimnisse? Zur Person: Jedes Jahr eine andere Facette
choices: Herr Sommer, Köln steht (fast weltweit) für Klüngel, Dom und Karneval. Wie wirbt man da um Touristen?
Mittwoch, 24. Juni 2009Findling 23Die individuelle Revolution Längst vergessen ist die Zeit der selbstgehäkelten Sommerkleider und kratzigen Pullis von Oma. Doch kaum hat sich das letzte selbstgebatikte T-Shirt in Wohlgefallen aufgelöst, da lächzt es uns doch wieder nach der individuellen Selbstverwirklichung. Nein, keine Salzteig-Broschen oder Wollsocken: auf zur individuellen Revolution – aber diesmal mit Stil! Herrenbude Männerkleidung Achim Schmitz Rothehausstr. 4 50823 Köln Tel.: +49 (0) 171/ 14 20 208 herrschmitz@herrenbude.de www.herrenbude.de Öffnungszeiten: freitags 17-20 Uhr samstags 11-16 Uhr Blauer Montag Frauen & Männerbekleidung Nina Hempel und Moni Wallberg Limburgerstr. 6 50672 Köln Tel.: +49 (0) 221/ 272 490 5 info@blauer-montag.com www.blauer-montag.com Öffnungszeiten: mittwochs bis freitags 11-19 Uhr samstags 11-16 Uhr Erdbeeren im Winter Erlesene Designermode Anke Brabeck Antwerpener Str. 18 50672 Köln Tel.: +49 (0) 172/29 60 402 post@erdbeeren-im-winter.de www.erdbeeren-im-winter.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 11-19 Uhr samstags 10-16 Uhr Jewels now! Galerie und Atelier für Schmuckdesign Lisbeth Schildknecht Luxemburger Str. 224 50937 Köln Tel.: +49 (0) 221/ 204 364 12 lisbeth.schildknecht@googlemail.com www.lisbeth-schildknecht.de Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 11-18 Uhr samstags 10-14 Uhr Dienstag, 26. Mai 2009Europa in KölnCHOICES THEMA IM JUNI:
Foto: Baumeister-Ing.-Engelbert-Hosner/pixelio Europa hat ein schlechtes Image. Wenn in Berlin und anderswo etwas schiefläuft, schieben Politik und Medien gerne „Brüssel“ die Schuld zu. Die Europäische Union ist dann zu teuer, zu kompliziert und vor allem ganz bürgerfern. Sie bedroht unsere „nationale Identität“, verschwendet „unser“ Geld und macht schlechte Gesetze – die inzwischen abgeschaffte Vorschrift über den Krümmungsgrad der Salatgurke garantiert noch heute hämische Lacher. Und dann die EU-Bürokratie! Dabei wird die EU-Politik von den nationalen Regierungen geprägt, ist die Kölner Stadtbürokratie bezogen auf die Einwohner um ein Vielfaches größer als der EU-Apparat, und am Thema „Bürokratie-Abbau“ in NRW arbeitet die CDU/FDP-Landesregierung seit längerem mit geringem Erfolg. Giuseppe Ponti, den Inhaber der Bar Europa in Köln-Poll, lässt diese Parteipolitik kalt. Seit er seine Sportsbar zur Fußball-EM 1988 eröffnet hat, ist für ihn der Satz gültig: „Wir sind Europäer, immer.“ Das um so mehr, als bei ihm regelmäßig die Spiele der UEFA Champions League zu sehen sind und der AC Mailand schon dreimal die Meisterklasse gewonnen hat. Das verleiht Pontis Begeisterung europäische Weihen. Fußball verbindet nicht nur Profis und Fans grenzüberschreitend, auch die Fußballgruppe der Kölner Stadtverwaltung kickt gelegentlich gegen die Kollegen aus der Partnerstadt Thessaloniki. Europa im Namen führen auch der Tanzsportclub TSC Europa, das Hotel Europa am Dom oder der Euro-Grill in Kalk (den Namen gab’s schon vor der Währungsreform). Das Europäische Kulturzentrum Ignis in Köln-Riehl kümmert sich vor allem um Osteuropa – vom deutsch-polnischen philosophischen Verein bis hin zum „Treffpunkt für homosexuelle OsteuropäerInnen“. Aber auch, wo Europa nicht draufsteht, ist meist Europa drin. Für Ausbildungsstätten wie die Kölner Uni und FH sind europaweite Kooperationen und ein internationaler Studenten-Austausch selbstverständlich. Praktika für ausländische Studierende besorgt auch die IHK Köln, daneben beschäftigt sie sich mit europäischen Ex- und Import-Vorschriften. Es gibt in Köln sogar eine veritable europäische Behörde: In Deutz arbeitet die Europäische Agentur für Flugsicherheit. Die rund 500 Mitarbeiter aus ganz Europa bemühen sich vor Ort um Anschluss – so unterstützt die EASA das Bürgerzentrum Deutz mit Aufträgen und Werbemaßnahmen. Auftritt im Cavern Ein guter Teil des vernetzten europäischen Alltags geht auf Städtepartnerschaften zurück. Sie brachten Menschen ehemals verfeindeter Nationen zueinander und halfen, Vorbehalte und Misstrauen abzubauen. Von den 23 Kölner Partnerstädten liegen 21 im Ausland, als bisher letzte kam 1997 Istanbul dazu. Den Anfang machte 1952 Liverpool. Beste Verbindungen zu den Ufern des Mersey hält die Kölner Beatband „The Roaring Fourties”. Sie traten schon 12mal im legendären Cavern Club auf, sind Ehrenmitglieder der Musiker-Vereinigung Merseycats und gründeten am Rhein den Partnerverein mit. Frontman Manfred Jung brachte es sogar zum Liverpooler Ehrenbürger. Für gute Kontakte sorgt auch die Initiative „Eight Days A Week“, die seit 1998 bei rund 100 Veranstaltungen über 100 Künstler aus beiden Städten zusammenbrachte. Gastronomisch rundet das Kölner „Haxenhaus“ die Beziehung durch seine Verbindung zu den Twinpubs „Dr. Duncan“ und „Thomas Rigby“ in Liverpool ab. Oder Istanbul. Bei etwa 80.000 Kölnern mit türkischem Migrationshintergrund lag die Partnerschaft mit der Bosporus-Metropole auf der Hand. Neben dem familiären Hin und Her haben insbesondere die Schülerschaft und Jugendliche durch gegenseitige Besuche Kontakte geknüpft. Den wirtschaftlichen Brückenschlag unterstützt die Deutsch-Türkische Handelskammer, die allein in Köln 38 Unternehmen betreut. Um sportliche und musikalische Begegnungen kümmert sich der Partnerschaftsverein. Auf dem Programm seiner jüngsten Studienfahrt („Das junge Istanbul“) stehen ein Besuch bei Galatasaray und eine Party mit Kölner und Istanbuler DJs. Networking für alle Fälle Um Europäisches sorgt sich die Kölner Stadtverwaltung tagtäglich. Ihr Engagement beginnt bei der „umfassenden Sanierung“ des Toilettentrakts der Europaschule in Zollstock und reicht über den Klimawandel, Bürger-, Minderheiten- und Menschenrechte bis hin zum interkulturellen Zusammenleben. „Die Städtebeziehungen globalisieren sich, Internationalität ist Standortfaktor“, sagt Frieder Wolf, Leiter des stadtkölnischen Büros für internationale Angelegenheiten. Wolf koordiniert die internationalen Aktivitäten und verknüpft sie mit regionalen, europäischen und internationalen Städtenetzwerken. Die kommunale Außenpolitik verlangt schon auf regionaler Ebene viel Fingerspitzengefühl: Alle Beteiligten – Kommunen, Kreise und Verbände – wollen auf „Brüssel“ Einfluss nehmen. Es gilt, Interessen auszutarieren und zu kombinieren. Schlichte Vorschläge wie der, in Brüssel einfach ein Europabüro für Köln einzurichten, lässt diese komplexe Wirklichkeit außer Acht – ein typisch kölsches Relikt wie der lokale Klüngel. ![]() Foto: Gerd-Altmann/pixelio Eigentlich müsste die Kommunalpolitik den Bürgern die europäischen und globalen Bezüge im Alltag vermitteln. Die meisten Parteigänger sind allerdings meist auf lokale Grabenkämpfe fixiert und scheinen darüberhinaus überfordert. Europa war bisher für traditionelle Kommunalos eher ein weites Feld für „Lustreisen“, die stadtnahe Firmen finanzierten. Dabei kann Reisen im besten Fall bilden. Statt sich im Vorfeld in Brüssel über europäische Wettbewerbsregeln kundig zu machen, kungelte man etwa in Sachen Deutzer Messehallen lieber daheim im Veedel. Das Ergebnis: Der Europäische Gerichtshof wird noch vor Ende der Amtszeit von OB Fritz Schramma (CDU) die Rechtmäßigkeit der Klüngelei überprüfen. Texte/Interviews/FOTOS: peter hanemann / wolfgang hippe DIE EUROPAREISE WIRD GLOBAL
choices: Frau Unger, wohin geht im August die „Europareise“ der c/o pop? EUROPÄISCH WIRTSCHAFTEN
choices: Herr Bauwens-Adenauer, wie viel Europa gibt es in Köln? EUROPÄISCHE LEKTIONEN
choices: Herr Wolf, wann waren Sie zuletzt in Brüssel?
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