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Montag, 23. August 2010Jeder Euro zähltMONAT DER ENTSCHEIDUNGEN HAUSHALTSKÜRZUNGEN, KALKULIERTE PROTESTE, HÖHERE KOSTEN
CHOICES-THEMA IM SEPTEMBER: JEDER EURO ZÄHLT In den nächsten Wochen fällt die Entscheidung, wo die Stadt sparen will. Stress für Bürger: höhere Gebühren und Eintrittspreise bei weniger Service. Der Sommer geht dem Ende zu, die Ferien sind vorbei. Am 14. September ist endgültig Schluss mit lustig: Am „Aktionstag Kommunalfinanzen“ wollen mehrere Bündnisse, darunter die Sozialverbände, die Gewerkschaften und der Mieterverein, gemeinsam auf die Finanznot der Kommunen und die umfangreichen Kürzungspläne im Kölner Haushalt aufmerksam machen. Die Kommunalpolitiker wollen sich für die Verabschiedung des Doppelhaushaltes 2010/11 nur einen knappen Monat Zeit nehmen. Die Entscheidung soll am 27. September im Finanzausschuss des Rates fallen. Schon Anfang Juli hatte Köln-OB Jürgen Roters (SPD) in die Piazetta des Historischen Rathauses geladen, um Verbände, Institutionen und Organisationen aus dem Sozial- und Kulturbereich auf die anstehenden Kürzungen einzustimmen. Deren Statements lassen sich wenig überraschend in einem Satz zusammenfassen: Von Kürzungen halten wir wenig. Dabei weiß jedeR, dass irgendwo gekürzt werden muss. Denn nicht nur Köln kann mit einem strukturellen Rekorddefizit von 463 Millionen Euro und einem Schuldenberg von 2,6 Milliarden aufwarten, anderen Städten geht es ähnlich. Die Kommunen stehen in der politischen Hackordnung ganz unten, wenn es um den Anteil am Steuerkuchen geht. Auch wenn es hier im Grunde nicht mehr viel zu entscheiden gibt, funktioniert der Apparat vor Ort doch wie gewohnt. Es wird gewählt, Ausschüsse und Rat tagen, die Verwaltung verwaltet, Bürgerproteste sind eingeplant. Der rot-grünen Rathaus-Koalition wäre es dabei am liebsten, wenn sich die Proteste ausschließlich gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung richten würden. Tatsächlich geht ein Drittel der kommunalen Steuermindereinnahmen auf deren Politik zurück. Allein das Wachstumsbeschleunigungsgesetz für Hoteliers, Erben und Besserverdienende schlägt für Köln bis 2012 mit einem Minus von 72 Millionen Euro zu Buche. Zugleich wurden den Kommunen zahlreiche soziale Aufgaben (Hartz IV, Grundsicherung, Pflege) ohne hinreichende Finanzen übertragen. Ein weiteres schwarz-gelbes Sparpaket aus Berlin wird das kommunale Defizit weiter steigern. Auch der abgewählte NRW-MP Jürgen Rüttgers strich kommunale Gelder zusammen und „vergaß“ auch mal, Bundesmittel für Kinderförderung an die Kommunen weiterzuleiten. Ob die neue rot-grüne Landesregierung den maroden Kommunen auf Dauer aufhelfen kann und will, ist ungewiss.
KÖLNER BILDERBOGEN Lässt man den „Kölner Bauboom“ einmal außer acht, haben die Geschehnisse rund um den Aachener Weiher schon einmal gezeigt, was die Kölner an städtischem Service in Zukunft erwartet. Da konnte ein ganzes Amt seine Aufgaben nicht mehr in vollem Umfang wahrnehmen – zu wenig Personal, kein Geld für Frischwasser, ratlose und ängstliche Politiker. Demnächst stehen unter anderem höhere KITA-Gebühren und Eintrittspreise an. Oder: Trotz eines gerichtlich verfügten Baustopps hält man stoisch am Ausbau des Godorfer Hafens fest. Zugleich droht die Venloer Straße durch eine neue Shopping Mall entsorgt zu werden. Das sind nur einige Teile des Puzzles. Der kommunale Alltag droht den städtischen Strategen zunehmend zu entgleiten. OB Jürgen Roters fordert derweil „ein Bild über die Zukunft der Stadt im Zeichen einer kommunalen Haushaltskrise“. Die Bürger haben es schon vor Augen – zunehmend gestresst.Zum Bild gehört auch, dass unserem Gemeinwesen die Rettung maroder Banken eine Neuverschuldung von knapp 98,6 Milliarden Euro wert war. Denn sie sind „systemrelevant“, so die inzwischen sprichwörtlich gewordene Begründung. Angesichts der kommunalen Finanzausstattung lässt das nur den Schluss zu: Kommunen sind für die Politische Klasse nicht systemrelevant. Im Jahr 2020 soll Köln übrigens wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können. Bundesweit versprechen das Finanzminister jedweder Partei seit 40 Jahren immer wieder. Die Ergebnisse sind bekannt. Es gibt aber auch Positives zu vermelden: NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) hat sich für die Einführung der „Bettensteuer“ ausgesprochen, die er als Kölner Stadtkämmerer mit erfunden hat. Damit werden immerhin 10 Prozent der Verluste durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz ausgeglichen. TEXT / INTERVIEWS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE MEHR GELD, KEIN SPARKOMMISSAR FRANK HEMIG ÜBER IHK, KOMMUNALFINANZEN UND DIE BEDEUTUNG DER INFRASTRUKTUR
choices: Herr Hemig, die Finanzprobleme der Kommunen im IHK-Bezirk sind unübersehbar. Wo liegen die Ursachen? Frank Hemig: Die sind vielschichtig: Manche Kommunen haben es insbesondere in den noch nicht sehr lange zurückliegenden Spitzensteuerjahren 2006 bis 2008 versäumt, ihre Haushalte zu konsolidieren. Die während dieser Phase weitestgehend erfolgte Umstellung auf das Neue Kommunale Finanzmanagement – sozusagen die kaufmännische Rechnungslegung für öffentliche Haushalte – hat trotz des erstmals erkennbaren Ressourcenverbrauchs das Finanzbild der meisten Kommunen zunächst schlagartig verzerrt. Haushaltsdefizite können aufgrund der Besonderheit der Ausgleichsrücklage für eine gewisse Zeit abgedeckt werden. Eine eigentlich strukturell verschuldete Kommune kann so einen formal ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Da bedarf es viel Überzeugungskraft in den Stadt- und Gemeinderäten und eines großen Maßes an Selbstverpflichtung in Politik und Verwaltung, trotzdem Sparmaßnahmen zu beschließen. Die schlagartigen Steuerausfälle in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise haben schließlich die tatsächliche kommunale Finanzmisere zu Tage gebracht. Nahezu alle Kommunen des IHK-Bezirks haben Einbrüche insbesondere bei der Gewerbesteuer erlitten. Auch wenn die Konjunktur jetzt wieder anzieht und die öffentlichen Kassen sich auf Einnahmezuwächse aus der Wirtschaft freuen können, bleibt ein ganz großes Problem: die unaufhörlich wachsenden Mehrausgaben bei den Sozial- und Transferleistungen. Bund und Länder bürden den Kommunen Aufgaben auf, ohne für eine angemessene Finanzausstattung zu sorgen. Wie abhängig ist die Wirtschaft von der kommunalen Finanzsituation? Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind groß. Unternehmen sind wesentlicher Teil des örtlichen Gemeinwesens. Sie schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern und Gebühren und engagieren sich auf vielfältige Weise im Sinne des Gemeinwohls. Wenn öffentliche Aufträge aufgrund des Sparzwanges wegbrechen und kommunale Steuern und Gebühren erhöht werden, trifft das selbstverständlich auch die örtliche Wirtschaft in negativer Hinsicht. Die Kommunen sind unterschiedlich hoch verschuldet. Gibt es auch hausgemachte Gründe für das Defizit? Selbstverständlich. Kommunen unseres Kammerbezirks reagieren in der Gesamtbetrachtung sehr unterschiedlich auf die zunehmend schwierigeren Finanzlagen. Obwohl ein Großteil der öffentlichen Ausgaben mit Sicherheit fremdbestimmt ist, werden oftmals Sparpotentiale nicht energisch genug verfolgt. Ich denke da beispielsweise an die Betriebskosten der städtischen Infrastruktur, die sich durch Outsourcing gebäudenaher Dienstleistungen oder sogar Rückbau angesichts des demographischen Wandels reduzieren ließen. Würde da eine energischere Finanzaufsicht helfen? Das System der Kommunalaufsicht hat sich durchaus bewährt. Gesamtwirtschaftlich betrachtet sind Kommunen weitaus weniger verschuldet als der Bund oder die Länder, obwohl Kommunen rund 80% der öffentlichen Infrastruktur finanzieren. Schon heute „regiert“ quasi der Regierungspräsident in das örtliche Finanzgeschehen hinein. Kommunen brauchen eine bessere Finanzausstattung und keinen Finanzkommissar. Köln ist die größte Kommune im Kammerbezirk. Schlägt die Finanzkrise hier besonders durch? Natürlich hat die Finanzkrise auch in Köln Spuren hinterlassen. Die Stadt gehört jedoch ungeachtet ihres immens hohen Schuldenberges eher zu den steuerstarken Kommunen unseres Kammerbezirkes. Einbrüche beispielsweise bei der Gewerbesteuer fielen relativ gesehen nicht so deutlich aus wie in Umlandkommunen. Für dieses Jahr rechnet man wieder mit Einnahmen von ca. 850 Mio. Euro bei der Gewerbesteuer. Als Oberzentrum hat Köln jedoch ein vergleichsweise hohes Aufgabenmaß zu finanzieren. Jeder fehlende Euro führt da schnell zur finanziellen Schieflage. Welche Schwerpunkte sollte die Stadt setzen, um ihre Finanzkrise zu bewältigen? Unternehmen wie Bürger brauchen eine funktionierende Infrastruktur. Es bedarf daher eines Sparens mit Augenmaß über alle Ausgabenbereiche hinweg. Im Fokus müssen zukunftsweisende Investitionen stehen, um Köln als Wirtschafts- und Wohnstandort attraktiv zu halten. Insbesondere die Umsetzung einer funktionalen und integrierten Stadtentwicklung auf Basis des von der Kölner Wirtschaft für die Stadt Köln finanzierten Masterplans bietet da aus meiner Sicht eine Chance. Bietet hier die regionale Kooperation Chancen für das „Unternehmen Köln“, was Sparpotentiale und Perspektiven betrifft? Auf jeden Fall. Beispiele wie das gut funktionierende gemeinsame Bürgerinfo-Call Center der Städte Köln und Leverkusen belegen, dass insbesondere in Ballungsräumen eine regionale Aufgabenteilung nicht zu Leistungseinbußen für den Bürger führen muss. Synergien lassen sich allemal durch eine verstärkte interkommunale Zusammenarbeit in vielen anderen öffentlichen Bereichen finden; etwa auch im Kulturwesen Frank Hemig ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Köln und Leiter des Geschäftsbereichs Recht und Steuern. Der IHK-Bezirk umfasst die Städte Köln und Leverkusen sowie den Oberbergischen, den Rheinisch-Bergischen und den Rhein-Erft-Kreis. Mehr unter www.ihk-koeln.de. Foto: IHK Köln EIN SOZIALES UND LEBENSWERTES LEITBILD ANDREAS KOSSISKI (DGB) ÜBER KOMMUNALE FINANZNÖTE, SYSTEMRELEVANZ UND WILDE VERTEILUNGSKÄMPFE
choices: Herr Kossiski, die finanzielle Situation in den Kommunen der Region Köln-Bonn ist dramatisch. Woran liegt das? Andreas Kossiski: Aus meiner Sicht gibt es dafür vier Gründe. Zum Ersten hat die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem Rückgang der Steuereinnahmen und zu Mehrausgaben bei den Sozial- und Transferleistungen geführt. Zum Zweiten haben Bund und Land in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben auf die Kommunen übertragen, ohne für einen ausreichenden finanziellen Ausgleich zu sorgen. Zum Dritten hat die schwarz-gelbe Bundesregierung mit ihrer bisherigen Steuerpolitik die Einnahmebasis der Kommunen verschlechtert, beispielsweise mit der Mehrwertsteuersenkung für Hotelübernachtungen. Und schließlich: Ein Teil der kommunalen Finanzprobleme ist auch hausgemacht. Das World Congress Center Bonn (WCCB) sei nur als Beispiel genannt. Wir nennen die KölnMesse und Oppenheim-Esch. Fordert der DGB auch deshalb eine Neuordnung der kommunalen Finanzen? Die Finanzkrise hat die ohnehin schwierige Finanzsituation der Kommunen nur beschleunigt. Wesentliche Ursache für die desolaten kommunalen Haushalte ist vielmehr, dass die Kommunen zu wenige Steuereinnahmen erhalten. Zudem haben Bund und Länder den Kommunen Aufgaben übertragen, ohne hierfür ausreichend Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Hier muss gelten: „Wer bestellt, muss zahlen“. Das haben wir schon öfter gehört. Deshalb brauchen wir eine grundlegende Reform der öffentlichen Finanzen auf allen Ebenen, die zu mehr Transparenz und Gerechtigkeit beiträgt. Sie behaupten auch: „Kommunen sind systemrelevant“. Das heißt? Als die Banken am Abgrund standen, hat die Bundesregierung sofort Milliarden Euro zu ihrer Rettung bereitgestellt, weil die Banken systemrelevant seien. Das mag stimmen. Für den DGB sind aber auch Kommunen systemrelevant. Kommunen erbringen pflichtige und freiwillige Aufgaben. Dabei ist längst klar, dass gerade die sogenannten freiwilligen Aufgaben den Kern einer lebenswerten Kommune ausmachen: Kultur, Bildung, Sport, die Förderung von Bürgerengagement und Umweltschutz, Beratungsangebote, öffentlicher Personennahverkehr und noch viel mehr. Mit der kommunalen Finanzkrise besteht die reale Gefahr, dass bei den freiwilligen Ausgaben massiv gekürzt wird. Und wenn das nicht reicht, dann ist das Tafelsilber dran. Das darf gerade mit Blick auf die öffentliche Daseinsvorsorge nicht passieren. Wenn „Heuschrecken“ die Krankenhäuser besitzen, werden sich die Arbeitsbedingungen der dort beschäftigten Menschen zu Gunsten der Gewinne der Kapitaleigner verschlechtern. Wenn „Heuschrecken“ den öffentlichen Personennahverkehr übernehmen, werden unrentable Strecken einfach geschlossen. Wenn „Heuschrecken“ kommunale Wohnungen kaufen, erfolgen entweder Luxussanierungen, so dass sich die Mieter die Wohnungen nicht mehr leisten können, oder in die Wohnungen wird überhaupt kein Geld mehr gesteckt, und sie verrotten. In vielen Kommunen haben sich Bündnisse gegen die drohenden Kürzungen gebildet. Allein in Köln gibt es mehrere Bündnisse. Die Wohlfahrtsverbände protestieren gegen Kürzungen im sozialen Bereich. Kulturschaffende gegen Kürzungen im Kulturbereich. Jugendverbände gegen Kürzungen im Jugendbereich. Alle Akteure kämpfen aus ihrer jeweiligen Sichtweise und Betroffenheit für eine lebenswerte Stadt. Aber der DGB macht nicht mit. Die Haushaltsberatungen dürfen nicht davon beeinflusst werden, wer mehr Protest auf die Straße bringt. Die unterschiedlichen Interessen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen weg von der ausschließlichen Sicht auf Partikularinteressen, weil dann die Gefahr besteht, dass die Bereiche, die keine starke Lobby haben, zu den Verlierern gehören. Wir brauchen das Leitbild der sozialen und lebenswerten Stadt. Auch in einer sozialen und lebenswerten Stadt gibt es unterschiedliche Interessen und Lobbys. Das ist richtig. Aber der Konsens ist notwendig, damit die Stadt nicht auseinanderfällt. Wir dürfen nicht in wilde Verteilungskämpfe um die knappen Ressourcen fallen. Damit ist niemandem geholfen. Da hilft nur mehr Geld. Der DGB hat schon Vorschläge für eine Verbesserung der kommunalen Einnahmen unterbreitet: Transaktionssteuer, Reichensteuer, Erbschaftssteuer und die Neuaufteilung der Finanzmittel zwischen Bund, Ländern und Gemeinden zu Gunsten der Gemeinden. Aber auch die Kommunen haben Möglichkeiten, ihre Einnahmen kurzfristig zu verbessern. Wir unterstützen beispielsweise die Idee der Kulturabgabe, um die Mindereinnahmen durch die Steuergeschenke an die Hoteliers auszugleichen. Zudem liegen in den nordrhein-westfälischen Kellern noch unglaubliche Schätze. Beispielhaft möchte ich hier titulierte Forderungen von geschiedenen Elternteilen anführen, die ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachgekommen sind. Kommunen in Rheinland-Pfalz schon bestehen hier auf der Zahlung dieser berechtigten Forderungen. In NRW schlafen die Kommunen noch. Andreas Kossiski ist Vorsitzender der DGB-Region Köln-Bonn. Sie umfasst die Städte Köln, Bonn und Leverkusen sowie den Rhein-Sieg-Kreis, den Rhein-Erft-Kreis, den Rheinisch-Bergischen Kreis und den Oberbergischen Kreis. Mehr unter koeln-bonn.dgb.de. Foto: DGB Köln Montag, 19. Juli 2010WetterleuchtenALLE REDEN VOM WETTER, WIR AUCH HITZE, BLITZE, HEXEN – KLIMA ohne ENDE
CHOICES-THEMA IM AUGUST: Wetterleuchten Wenn der Sommer schwül wird, reden die meisten am liebsten vom Wetter. Wir auch – trotz Klimawandel. Vor einem halben Jahrhundert war die Welt noch in Ordnung. Der deutsche Wald war noch der deutsche Wald, der Grüngürtel einfach grün und ein Begriff wie Klimawandel völlig unbekannt. Trotzdem war Wetter ein Thema, nur die Deutsche Bundesbahn wollte nicht darüber sprechen. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ warb sie auf Plakaten und in Fernsehspots für Unabhängigkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Mobilität ohne Grenzen. Das Land mochte in Eis und Schnee versinken, die Bahn fuhr. Heute ist Wetter noch immer ein Thema, und die Bahn will noch immer nicht darüber reden. „Zu sensibel“, befand Kommunikationschef Reinhard Boeckh diesmal auf Anfrage. Kein Wunder, inzwischen bringen vereiste Oberleitungen im Winter oder fallende Blätter im Herbst die Bahn aus dem Takt. Im Sommer kommt es häufiger zu Hitzeschocks, wenn Klimaanlagen aus- und in der Folge Fahrgäste umfallen. Im Winter wie im Sommer haben Extremtemperaturen nach oben wie nach unten zugenommen. Mit dem Durcheinander von Heiß und Kalt ist auch die Zahl der Blitze gestiegen. Besonders im Juli kommt es vermehrt zu Einschlägen. Der Blitz, der im letzten Monat in den Dom fuhr und für einen Wassereinbruch in den Innenraum sorgte, bestätigt die Statistik fulminant. Immerhin hatten wir Glück im Unglück. Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner konnte schnell Entwarnung geben: „Es gab nur Schmutzschaden.“ KÖLNER WETTER Der Dom-Blitz gehört zu den weniger folgenreichen Ereignissen, die das Kölner Klima prägen – ganz wie der Jahrhundertsturm „Kyrill“ im Jahr 2007. Der fegte zwar auch über den Roncalliplatz, beschädigte aber nur die Front des Römisch-Germanischen Museums und dann das Dionysos-Mosaik. Für die seitdem sprichwörtlich gewordenen „Schneisen der Verwüstung“ sorgte er erst im Bergischen, in der Eifel und im Sauerland. Überhaupt sucht der Kölner stets, dem Wetter zu trotzen. Als 1990 das Sturmtief „Vivian“ Europa heimsuchte und andernorts der Rosenmontagszug ausfiel, machte man sich trotzdem auf den Weg. Die Weicheier in Düsseldorf verschoben den Zug in den Sommer. In Köln war offiziell erst zum Golfkrieg Schluss mit lustig, doch da retteten alternative Karnevalisten den Straßenkarneval und marschierten autonom. Gegen die folgenden Hochwasser waren allerdings auch sie machtlos. 1993 und 1995 versank die ganze Altstadt in den Fluten. Die Anwohner litten. Extremer als die Zudringlichkeit von Vater Rhein war nur die Schaulust der Katastrophentouristen. Gute hundert Jahre zurück sorgte 1830 extremes Tauwetter in den Alpen für eine wirkliche Flutwelle bis nach Holland. Im Winter 1962/63 war es dagegen so kalt, dass der Rhein teilweise zufror. Das hatte es zuletzt 1947 gegeben. Komplett geschlossen war die Eisdecke im vergangenen Jahrhundert nur 1929. In früheren Zeiten war das nicht selten, aber das im Zuge der Industrialisierung erwärmte Rheinwasser verhindert inzwischen die Eisbildung nahezu automatisch. Eher selten geworden ist auch, dass der Rhein trocken fällt. Das letzte Mal war das im Dezember 1955 der Fall. Der damalige Pegelstand: 83 cm. Rheinauf, rheinab lagen die Schiffe auf Grund. Normalerweise liegt der Wasserstand bei 2,20 m aufwärts, bei Hochwasser schon mal über 10 m. Wenn man noch weiter in den Chroniken der Wettergeschichte blättert, stößt man irgendwann auf die Kleine Eiszeit. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts brachen die Temperaturen ein, es kam zu Dürreperioden und extremer Kälte. 1540 etwa fiel im Rheinland Monate lang kein Regen und deshalb die Ernte aus. Der Rhein fror mehrfach bis auf den Grund – ebenso wie der Bodensee. Historiker berichten, dass in dieser Zeit der Beruf des Heizers enorm an Ansehen gewann. Eine andere Erfindung der Zeit, die uns bis heute begleitet, ist die Unterwäsche. Natürlich suchte man damals auch nach Gründen für den Klimawandel und erklärte ihn sich als göttliche Strafaktion für gewisse Machenschaften von … Frauen. Um das schlechte Wetter zu bekämpfen, begannen deshalb die Kirchenmänner, die sogenannten Hexen zu verbrennen. Dass der kirchliche Massenmord für den späteren Temperaturanstieg gesorgt hat, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich. Wir sind da mit Nachweisen inzwischen weiter. REKORDVERSUCHE Heute gehört das Dreieck zwischen Bonn, Aachen und Düsseldorf zu den wärmsten Regionen Deutschlands. Ab und an ist es hier heißer als in Rom oder Athen. Mit Temperaturen jenseits von 35 Grad konkurriert man auch mit Andalusien. Trotzdem ist Köln hier noch nicht ganz Spitze. 2009 lag Rahden-Varl mit 37,8 Grad ganz vorne. Immerhin war es in Köln auch schon mal mit 38,8 Grad deutlich wärmer. Aber auch da wurde man von Gärmersdorf (Oberpfalz) mit 42,2 Grad getoppt. Auch bei den Sonnenstunden kommt Köln gegen Kap Akona auf Rügen nicht an. Mal sehen, ob uns der Klimawandel in puncto Rekordwetter nicht voranbringt. TEXT / INTERVIEWS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE KEINE WETTERFRÖSCHE IN KÖLN, NIRGENDS CHRISTIAN GÖCKING ÜBER WETTERFRÖSCHE, LAUBFRÖSCHE, RHEINLAND UND WESTFALEN
choices: Herr Göcking, können Frösche das Wetter vorhersagen? Christian Göcking: Nein, natürlich nicht. Wie kommt denn dann der Wetterfrosch zu seinem Namen? Er klettert bei schönem Wetter gerne in Hecken nach oben und sonnt sich gut sichtbar. Viele Menschen sahen sich früher dann in der Annahme bestätigt, dass das Wetter gut ist. Ansonsten ist der Wetterfrosch eigentlich ein Laubfrosch. Laubfrösche gehören zur Spezies der Baumfrösche, d.h. sie können klettern, lieben die Wärme und zeigen sich deshalb bei Tag. Die anderen hiesigen Froscharten sind eher nachtaktiv und bevorzugen regnerisches Wetter. Kommt der Laubfrosch in der freien Natur überhaupt noch vor? In Köln gar nicht, im Rheinland kaum noch, aber in Westfalen. Hier finden die Frösche noch eine ihnen gemäße Umwelt. Ein Mix aus guten Laichgewässern und Feuchtwiesen mit Heckenbestand für den Sommer. Diese Art von Landschaft ist insbesondere in dicht besiedelten Regionen selten geworden. Wenn es in Westfalen geht … Auch in Köln quakt es noch an dem einen oder anderen Gewässer. Das sind die normalen Grün- oder Wasserfrösche. Sie können auch in Gartenteichen überleben, weil sie nicht so hohe Ansprüche an ihre Umwelt stellen. Der Laubfrosch ist da anders. Er benötigt eben einen größeren und abwechslungsreicheren Lebensraum. Sinnvoll ist hier die dauerhafte Anlage von Naturgebieten mit den schon erwähnten Feuchtgebieten. Der Laubfrosch gehört europaweit zu den gefährdeten Arten. Auch für NRW kann man keine Entwarnung geben. Die Abhängigkeit von der Pflege durch Naturschutzgruppen ist hoch, die Belastungen, unter denen die vielfach isolierten Vorkommen stehen, zu gravierend. Zur Person: Christian Göcking ist Dipl. Geograph und bei NABU NRW zuständig für den Laubfroschschutz „Ein König sucht sein Reich“. Mehr über „Wetterfrösche“ auch beim NABU Köln (www.nabu-koeln.de) und nahebei in der Biostation Düren (www.biostation-dueren.de). Foto: NABU NAHE VERWANDTSCHAFT DEVA WOLFRAM ÜBER MENSCHEN, PFLANZEN, KUNST UND KLIMA choices: Frau Wolfram, hat sich die hiesige Vegetation verändert? Deva Wolfram: Pflanzen arrangieren sich mit ihrer Umwelt. Da es in Europa mit dem globalen Klimawandel wärmer geworden ist, wandern viele sogenannte Neophyten bei uns ein, Pflanzen, die bisher in Mittelmeerländern und jenseits davon wuchsen. Darunter Schneckenklees, bestimmte Gräser und viele Distelarten. In Thüringen werden jetzt Artischocken angepflanzt, das ging früher nicht. Im Rheinland wachsen inzwischen Palmen. Neue Pflanzen sind nicht immer gern gesehen. Es gibt sogenannte invasive Pflanzen, die andere Pflanzen verdrängen. Der Riesenbärenklau zum Beispiel, der schön aussieht, aber sehr giftig ist. Gegen seine Ausbreitung haben sich sogar Bürgerinitiativen organisiert. Ich sehe das eher kritisch. Zum einen, weil es auch hier viele giftige Pflanzen gibt, zum anderen, weil es keine sogenannten bösen Pflanzen gibt. Die Wirkung der Heimischen ist vielleicht besser bekannt. Was Sie heimisch nennen, ist ja auch irgendwann mal hierher gekommen. Wir müssen in längeren Zeiträumen denken. Weil die letzte Eiszeit bis an die Alpen heranreichte, gibt es diesseits der Alpen nur ein Viertel der Pflanzenarten pro Quadratmeter, die es im Mittelmeerraum gibt. Die Kultivierung Germaniens bedeutete erst einmal, dass die dortigen Wälder abgeholzt werden mussten. Inzwischen wissen wir, dass damit auch das Entstehen einer neuen Flora verbunden ist. Bestimmte Pflanzenarten sind überhaupt erst im kulturellen Umfeld des Menschen entstanden. Man hat jetzt zum Beispiel herausgefunden, dass das Glaskraut in der Stadt Rom entstanden ist. Glaskraut, weil man damit Glas besser reinigen kann als mit Pril. Solche Pflanzen sind unsere Kulturbegleiter wie Hund und Katze. Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen? Über Tschernobyl. Bis dahin habe ich mich als Stadtmensch und als Allergikerin möglichst von Natur fern gehalten. Als ich mit dem Fallout der Reaktorkatastrophe konfrontiert war, hatte ich null Ahnung von all dem. Das holte ich zunächst als Künstlerin und in der Beschäftigung mit der Rolle von Natur und Klima in der Kunstgeschichte nach. Seit der Romantik werden Wetter und Seelenzuständen ja miteinander verglichen. Später habe ich dann in Florenz Botanik studiert. Sie beschäftigen sich vor allem mit Wildpflanzen? Früher sprach man von Unkraut. Ich frage mich, wie kann ich mich diesem merkwürdigen Teil unseres Lebens, der sich Natur nennt, annähern und Dinge ohne viel Worte anschaulich machen. Pflanzen ernähren uns nicht nur, sie produzieren auch die Luft zum Atmen. Wir hängen vollständig von ihnen ab. Wildpflanzen sind dabei so anarchisch wie Künstler. Die Wissenschaft kann sie nicht recht fassen. Sie Zur Person: Deva Wolfram arbeitet als Künstlerin in Bonn und Florenz. Sie war in Köln Meisterschülerin von Karl Marx, studierte Völkerkunde und Botanik. Mehr unter deva.comuse.org.Foto: privat IM SOMMER HEISS UND SCHWÜL VOLKER ERMERT ÜBER FÖHNEFFEKTE, LACHGAS UND REGIONALEN KLIMASCHUTZ
choices: Herr Ermert, das Wichtigste zuerst: Warum reden wir so viel übers Wetter? Volker Ermert: Eine einfache Antwort: Wir leben nicht unter, sondern auf der Erdoberfläche inmitten der Luftmassen der Atmosphäre. Wir sind ständig vom Wetter betroffen. Grund genug, sich damit zu beschäftigen und darüber zu reden. Gibt es ein typisches Kölner Wetter? Es gibt eine Reihe von typischen Wetterphänomenen. Da Köln von Mittelgebirge umgeben ist, ist die Stadt mitunter von einem leichten Föhneffekt betroffen. Der entsteht, wenn Luftströmungen von der Eifel oder dem Bergischen Land in die Kölner Bucht gelangen. Sie trocknen über den Mittelgebirgen teilweise aus und sorgen für wärmere Temperaturen. Außerdem gibt es einen Rheineffekt, der Fluss kanalisiert gewissermaßen die Luftströmungen. Weil die Wassertemperatur des Rheins im Sommer kälter ist als die Luft, tendieren schwächere Wolkenstrukturen dazu, sich über dem Rhein aufzulösen. Eine mögliche Nebenfolge: weniger Niederschlag östlich des Rheins. Viele Kölner klagen gerne über das anstrengende, extrem schwüle und drückende Wetter. Dass es bei Hitze in Köln schnell schwül wird, liegt vor allem an der vergleichsweise nahen Lage Kölns zum Atlantischen Ozean und dem Mittelmeer. Im Sommer ist Köln während Hitzeperioden deshalb häufig von sehr feuchten Luftmassen betroffen. Zum anderen bildet Köln selbst gegenüber dem ländlichen Umland eine Wärmeinsel mit entsprechend höheren Temperaturen. Viele Phänomene. Wann hört denn Wetter auf und das Klima fängt an? Klima bedeutet zunächst einmal nichts anderes als die Gesamtheit aller meteorologischen Vorgänge an einem Ort. In der Meteorologie wird übrigens zwischen Wetter, Witterung und Klima unterschieden. Wetter umfasst das unmittelbare Wettergeschehen in einem Zeitraum von ein bis zwei Tagen. Von Witterung sprechen wir, wenn der Zeitraum von einer Woche bis zu etwa einem Monat gemeint ist. Zur Bestimmung des Klimas wird hingegen eine Zeitspanne von mindestens 30 Jahren betrachtet. Die Menschen beeinflussen das Klima seit langem? Global und gut feststellbar seit Beginn der Industriellen Revolution. Seitdem ist die Konzentration von Kohlendioxid, Lachgas und Methangas in der Atmosphäre stark angestiegen und damit die Temperatur – zwischen 1900 und 2005 in der globalen Mitteltemperatur um 0,7 Grad. Die Steigerungsrate war in den 1970ern, 1980ern besonders hoch, in den letzten Jahren stagniert sie, vermutlich aufgrund natürlicher Schwankungen. Aber es wird erwartet, dass sie demnächst wieder deutlich ansteigen wird. Ist das nicht umstritten? Unter Fachleuten wird kaum bestritten, dass die steigende Temperatur im letzten Jahrhundert weitgehend vom Menschen erzeugt wurde. In der breiteren Öffentlichkeit gibt es dagegen regelrechte Störmanöver, z. B. von der Ölindustrie, die kein Interesse an solchen Ergebnissen hat. Es werden von ihr auch Wissenschaftler unterstützt, die Mindermeinungen vertreten. Hat sich das Klima schon einmal vor der Industriellen Revolution verändert? Das Klima verändert sich stetig. Manchmal auch in Folge von Naturkatastrophen, etwa wenn in den Ozeanen kalte Wassermassen an die Oberfläche drängen, sich die Sonnenaktivität verändert oder wenn Vulkanausbrüche die Sonne verdunkeln. Die letzten beiden Faktoren haben vermutlich die Kleine Eiszeit im 16./17. Jahrhundert verursacht. Klimaveränderungen können aber auch auftreten, wenn die Erde ihre Umlaufbahn um die Sonne verändert. Hier spielen die sogenannten Melankovic-Zyklen eine Rolle. Auch die Erdachse kann sich verschieben – dabei ändert sich der Winkel, in dem die Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche treffen. Über verschiedene Rückkopplungsmechanismen kann das weitreichende Veränderungen mit sich bringen. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island hat uns vor einigen Monaten sehr beschäftigt. Bremst dieser Ausbruch den Klimawandel? Beschäftigt hat der Vulkan uns, weil er den Luftverkehr in Mitleidenschaft gezogen hat. Dass er einen merklichen Einfluss auf die Temperatur hatte, wage ich zu bezweifeln. Der Klimawandel kann nur durch uns abgemildert, aber längst nicht mehr verhindert werden. Wir selbst können aber viel gegen den Klimawandel tun, indem wir uns klimagerecht fortbewegen – zum Beispiel weniger fliegen und auf einen Urlaub in der Karibik, den USA oder auf Mallorca verzichten. Wenig Auto fahren, dafür das Fahrrad oder den Öffentlichen Nahverkehr nutzen. Oder: Wir essen zu viel Fleisch und nehmen zu viele Milchprodukte zu uns. In der Landwirtschaft wird sehr viel Lachgas freigesetzt, ein viel schädlicheres Treibhausgas als CO2. Wir können auch unsere Häuser besser dämmen und elektrosparende Geräte einsetzen. In Köln setzt sich beispielsweise das Klimabündnis für den regionalen Klimaschutz ein und versucht die Bürger zu überzeugen, endlich etwas zu tun. Und die Politik? In der Politik sollten die Rahmenbedingungen für eine grüne Revolution geschaffen und die bisherige Energiepolitik aufgegeben werden – weg von Kohle, Öl und Gas, auch von Atomenergie, hin zu erneuerbaren Energien. Nach einer aktuellen Untersuchung des Bundesumweltamtes wäre das bis 2050 zu hundert Prozent zu schaffen. Aber in NRW setzt die Koalition Rot/Grün/RWE weiter auf Braunkohle-Kraftwerke. An Kohlekraftwerken festzuhalten, ist in der heutigen Zeit nicht sehr weise. Gegen die Macht der Kohlelobby sollte die Politik auf jeden Fall den Neubau von weiteren Kohlekraftwerken verhindern und so bald wie möglich ganz auf solche Kraftwerke verzichten. Zur Person Dr. Volker Ermert ist Diplom-Meteorologe und arbeitet am Institut für Geophysik und Meteorologie der Universität zu Köln. Das Thema seiner Dissertation: Der Einfluss des Klimawandels auf die Verbreitung der Malaria in Afrika. Mehr unter www.klimabuendnis-koeln.de.Foto: privat Dienstag, 22. Juni 2010Alles außer FußballMUT ZUR BEWEGUNG
CHOICES-THEMA IM JULI: ALLES AUSSER FUSSBALL Fußball ist nicht jedermanns Sache. In Köln gibt es bewegende Alternativen. In diesen Monaten leben wir selbst vor dem Fernseher zu Hause gefährlich. Denn, so haben uns Krankenkassen, Mediziner und prominente ehemalige Sportler belehrt, die Gefahr eines Herzinfarkts steigt statistisch gesehen mit jedem spannenden WM-Spiel. Das liegt nicht nur an der Ungewissheit, ob denn der Elfer nun reingeht oder nicht, sondern auch am Zustand der Volksgesundheit. Nahezu zwei Drittel der Männer und rund die Hälfte der Frauen gelten den Fachleuten hierzulande als „übergewichtig“ und damit als zu dick. Die Hauptursachen dafür sind lange bekannt: Bewegungsarmut, viel Fernsehen und Fastfood. Für diese Art Freizeit wirbt immer aufs Neue eine mächtige Allianz aus Lebensmittelindustrie, Handelsketten, Wirten, Werbung und Medien. Über allem wacht die FIFA, die gegen viel Geld ihr Signet verleiht. Für den Monat Juli ist in Teilen der Republik sogar ein Anstieg des Jugendalkoholismus prognostiziert. Doch trotz der ausufernden WM-Propaganda braucht man den Mut nicht zu verlieren. Eben hat das konservativ-renommierte Allensbach-Institut ermittelt, dass sich ein Drittel der über 14Jährigen kaum oder gar nicht, 31 Prozent „nicht so sehr“ und nur 36 Prozent „ganz besonders“ für Fußball interessieren. Das gibt Hoffnung. IN BEWEGUNG BLEIBEN Die Mehrheit der KölnerInnen sitzt derweil nicht träge im Sessel. Auch während der WM wird gejoggt, geradelt, geschwommen, gewandert und trainiert. Dabei bieten sich immer neue Sportarten an. So kann man beim Bouldern Klettertechniken „für alle Lebenslagen“ erlernen. Man kann mit Headis per Kopf einem dem Tischtennis nachempfundenes Spiel frönen. Beim Slackline balanciert man auf einem Schlauch- oder Gurtband, das einen ständigen aktiven Ausgleich der Eigenbewegung verlangt. Wer Body & Mind pflegen will, kann Qigong oder Poweryoga üben. Als Neuestes wird hier Kundalini Yoga als besonders dynamisch und bewegungsorientiert empfohlen. Es gibt aber auch Sportenthusiasten, die weniger transzendenten Disziplinen wie dem Kirschkernspucken nachgehen. Ein Kölner hat es hier schon einmal zur Weltmeisterschaft gebracht. Seine Spuck-Distanz: 19,56 Meter. Auch sonst gibt es jede Menge Deutsche, Europa- und Weltmeister rund um den Dom. Ob beim Beachvolleyball, bei Kendo oder Futsal (Fußball mit kleinerem Ball und wenig Körperkontakt), ob beim Freestyle-Frisbee, beim Ultimate Frisbee oder beim Sepaktakraw, überall mischen immer wieder KölnerInnen auf den vorderen Rängen mit. Die neue Vielfalt der sportlichen Aktivitäten spiegelt die gesellschaftlichen Trends der letzten 30 Jahre und, damit verbunden, eine wachsende Freude an Bewegung. Im heutigen Köln sind jeweils 75 Prozent der Frauen wie der Männer sportlich aktiv. Der weibliche Teil der Bevölkerung besucht Fitness-Studios sogar häufiger als der männliche. Auch das wachsende Alter im Zuge der demographischen Entwicklung bremst den sportlichen Elan nicht. Über die Hälfte der über 60Jährigen und noch ein gutes Viertel der über 70Jährigen sind hier noch aktiv. Die klassischen Motive des Wettkampfsports werden dabei allmählich von einem Motivmix aus Gesundheit, Spaß-Haben-Wollen und Erlebnisorientierung überlagert. Schon lange verzichten die meisten auf einen Verein, nur ein Viertel ist dort noch Mitglied, ein Fünftel bedient sich kommerzieller Einrichtungen, der Rest organisiert sich selbst. Man bewegt sich individuell oder verabredet sich mit Freunden. Frauen sind bei der Suche nach neuen Sportangeboten übrigens deutlich neugieriger und aufgeschlossener als Männer. Während beim sogenannten starken Geschlecht zwei Drittel auf alt gewohnten Pfaden wandeln, wollen zwei Drittel der Frauen neue Sportangebote kennenlernen. Die Nachfrage nach spezifisch weiblichen Sportangeboten steigt auch deshalb weiter. SPORTKLÜNGEL Die Stadt kennt diese Trends, hat sie die doch selbst erforschen lassen. In der stadtkölnischen Sportpolitik finden die Interessen der breiten sportlichen Mehrheit in Köln allerdings kaum Widerhall. Schließlich zählt im Rat vor allem der Verein. So ist bei der aktuellen Vorgabe „Sportstadt Köln“ zwar am Rande von mehr Bewegungsräumen für den Individual- und Gesundheitssport die Rede, im Kern aber kümmert man sich vor allem um den Vereins- und Leistungssport. Unter OB Jürgen Roters (SPD) soll Köln endlich führende „Sportstadt“ werden. Dafür stehen Events wie Weltmeisterschaften, Endspiele, die Förderung des Leistungssports und „spektakuläre Sportbauten“ ganz vorn auf der Agenda. Im Steuerungskreis der „Sportstadt Köln“ sitzen denn auch die üblichen Verdächtigen, darunter Lanxess-Arena-Geschäftsführer Ralf Bernd Assenmacher, FC-Manager Michael Meier, der frühere WDR-Sport-Kommentator Heribert Fassbender und der wendige Olympionike Michael Vesper (Grüne). Der vormalige NRW-Minister für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport macht sich heute für die Bewerbung von München und Garmisch-Patenkirchen für die Winterolympiade 2018 stark – gegen den Widerstand der meisten bayerischen Umwelt-Organisationen. TEXT / INTERVIEWS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE FLUCHT IN DIE OASE MIECZYSLAW NATORFF ÜBER SEINE FIFA-FREIE ZONE choices: Herr Natorff, Sie haben Ihre Vodka-Bar „Kajtek“ zur FIFA-freien Zone erklärt. Was haben Sie gegen die FIFA? Mieczyslaw Natorff: Die FIFA steht für die totale Kommerzialisierung des Fußballs. Der geldversessene Monopolist drückt alle weg, die sich seinen Vertragsbedingungen nicht unterwerfen wollen oder können. In Kapstadt beispielsweise werden die Markthändler, die traditionell vor dem Rathaus stehen und die sich keine Lizenz für FIFA-T-Shirts leisten können, für die Zeit der WM einfach an den Stadtrand verfrachtet. Bei uns hier sorgt das Fernsehen dafür, dass man der FIFA kaum entrinnen kann. Was läuft in Ihrer FIFA-freien Zone? Es gibt kein Fernsehen und somit keinen FIFA-Fußball. Viele schätzen das Kajtek als Oase der Ruhe, in die sie sich vom lärmigen Torjubel ringsum zurückziehen können. Was bekommen sie geboten? Das volle Programm. Kölsch und polnisches Bier vom Fass, Spezialitäten aus der polnischen Küche und einen guten Vodka. Wir haben 40 Sorten im Angebot. Bekanntlich trinken Polen und Russen gleichermaßen gerne Vodka. Was ist am polnischen Vodka anders als am russischen? Es gibt keinen Unterschied, die Herstellung ist überall gleich. Es gibt nur Unterschiede in der Qualität und im jeweiligen persönlichen Geschmack. Russland ist in Südafrika dabei, Polen schied in der Qualifikation aus. Welchen Unterschied sehen Sie zwischen dem polnischen und dem russischen Fußball? Obwohl ich mich damit nicht beschäftige: Hier gilt wohl das gleiche wie beim Vodka. Wie halten Sie sich körperlich fit? Ich folge der Devise „Leben und leben lassen“. Mit dieser Einstellung gehe ich ausgiebig mit meinem Hund Kajtek in der Südstadt spazieren. Wie steht Ihr Hund zur FIFA? Er ist ganz meiner Meinung. Mieczyslaw Natorff ist im sechsten Jahr Inhaber der südstädtischen Vodka-Bar Kajtek. Mehr unter: www.restaurant-kajtek.de. Foto: privat MAL EBEN WEG! ANDRÉ SCHMIDKA ÜBER RÜCKWÄRTSPILGERN choices: Herr Schmidka, wie sind Sie auf die Idee gekommen, rückwärts zu pilgern? André Schmidka: Durch den Medienrummel um die Jakobswege. Inzwischen wollen ja praktisch alle einmal im Leben ein Stück Richtung Santiago de Compostela gehen. Dahin wollen wir aber gar nicht, das ist uns einfach zu weit. Wir bleiben lieber im Raum Köln. Wo pilgern Sie? Es gibt drei Streckenabschnitte des Jakobswegs, auf denen wir uns bewegen. Der erste läuft aus dem Bergischen über Altenberg und Odenthal auf Köln zu. Von Köln führt ein zweiter über Widdersdorf, Brauweiler und Düren Richtung Aachen. Der dritte geht über die Luxemburger und Berrenrather Straße und dann über Brühl und Euskirchen in die Eifel. Meine Freunde und ich suchen uns jeweils nach Lust und Laune einen Startpunkt aus, den wir mit dem ÖPNV gut erreichen können, dann gehen wir rückwärts fünf oder sechs Kilometer auf ein Gasthaus zu. Dort hängen wir ein wenig ab. Kann man Ihre Variante überhaupt Pilgern nennen? Das ist mehr als Pilgern. Während diejenigen, die auf Santiago de Compostela zupilgern, irgendwann schlapp machen, bleiben wir fit und hochkonzentriert – sonst fällt man auf den Hosenboden. Wo bleibt das innere Erleben? Man muss beim Rückwärtspilgern das Gehirn anders einsetzen. Man bekommt ein anderes Körpergefühl, wenn man sich traut, rückwärts zu gehen. Man lernt seinen Körper neu kennen. Rückwärts pilgern hilft, voranzukommen. Braucht man beim Rückwärtspilgern einen Rückspiegel? Nein, den Weg zurück hat man im Gefühl. Sind Sie schon einmal mit Vorwärts-Pilgern zusammengestoßen? Nein. Tatsächlich trifft man im Raum Köln kaum auf andere Jakobspilger. Die meisten fahren ja mindestens bis an die Pyrenäen heran. Allerdings erregen wir bei Spaziergängern immer wieder Aufsehen. Wenn die dann fragen, was wir machen, sagen wir, wie wären auf dem Rückweg von Santiago de Compostela. André Schmidka, diplomierter Vertriebsingenieur aus Köln, widmet sich seit drei Jahren dem Rückwärtspilgern. Foto: privat AM BALL BLEIBEN GUNNAR VOGT ÜBER SEPAKTAKRAW choices: Herr Vogt, erklären Sie uns doch bitte Ihren Sport in einem Satz. Gunnar Vogt: Sepaktakraw ist ein Ballsport aus Asien, der auf einem Badminton-Feld gespielt wird und Elemente aus Fußball, Volleyball und Akrobatik in sich vereint. Dabei darf der Ball nicht die Erde berühren. Ist das wirklich die schnellste Ballsportart der Welt? Die schnellste Ballsportart auf keinen Fall, aber wahrscheinlich mit der schnellste Mannschaftssport mit Ball. Der Aufschlag wird wie beim Volleyball von der gegnerischen Mannschaft möglichst hart und schnell zurückgespielt. Manchmal erreicht der Ball dann gute 140 km/h. Der Ball ist vergleichsweise klein. Er hat die Größe einer Pampelmuse und ist relativ fest. Dabei ist er nicht nur wegen seiner Größe nicht leicht zu kontrollieren. Er springt nicht so sehr wie ein luftgefüllter Lederball. Man muss ihn tatsächlich richtig anstoßen. Er besteht aus elastischem Hartplastik und war ursprünglich aus geflochtenem Rattan. Er wirkt fast wie ein kleines Möbelstück. Ikea hatte einmal als Gimick einen Rattanball im Angebot. Wird während des Spiels oft der Salto gesprungen? Der Salto ist eine Form höchster Vollendung von Sepaktakraw. Aber er muss nicht sein, denn dabei ist die Körpergröße wichtig. Im Spiel muss man den Ball möglichst hoch treffen, um ihn möglichst hart ins gegnerische Feld zu schießen. Um die Bewegung flüssig zu beenden, hat sich der Salto angeboten, den aber vor allem kleine asiatische Spieler beherrschen. In Europa macht das nur ein Spieler, der auch asiatische Wurzeln hat. Ich mit meinen 1,90 m arbeite eher mit Scherenschlägen wie ein Kickboxer. Wie haben Sie denn diese Sportart für sich entdeckt? Ich habe zuerst einen Fernsehbericht über Sepaktakraw gesehen und bin dann an der Sporthochschule auf eine AG gestoßen, die den Sport anbot. Weil es so faszinierend war, bin ich dabei geblieben. Wichtig ist, dass man im wahrsten Sinne des Wortes am Ball bleibt, um sein Ballgefühl nicht zu verlieren. Gunnar Vogt spielt Sepaktakraw seit 2000. Er ist fünffacher Europameister und war 2009 Amateurweltmeister. Mehr unter: www.takraw-cologne.de. Foto: privat DIE SCHEIBE MACHT’S JÖRG BENNER ÜBER ULTIMATE FRISBEE choices: Herr Benner, wie funktioniert ein Spiel ohne Schiedsrichter? Wird häufig diskutiert? Jörg Benner: Wenn bei uns ein Foul begangen wird, ruft der benachteiligte Spieler „Foul“, „Out“ oder „PIack“ und hält mit diesem „Freeze Call“ das Spiel an. Wenn sich dann die beiden beteiligten Spieler nicht einigen können, geht die Scheibe zurück zum Werfer, der sie wieder ins Spiel bringt. Dann heißt es „3-2-1-Check-Disc in“. Das funktioniert auch bei Deutschen oder Weltmeisterschaften. Warum firmiert Ihr Verein unter Frühsport 0,2 und nicht unter Frühsport 2.0? Die Namensgebung hängt mit der in Köln üblichen Darreichungsgröße unseres Lieblingsgetränkes zusammen. Wer spielt Ultimate Frisbee? Kinder, Jugendliche, Studenten, Berufstätige, die auf uns aufmerksam geworden sind. Mittlerweile gibt es knapp 2.000 registrierte Spieler, Zuwachs etwa 10 Prozent jährlich. Der Großteil der Spieler kommt aus dem akademischen Umfeld, das ist aber nicht zwingend. Ultimate Frisbee vergleicht sich gern mit Football, Basketball oder Eishockey. Warum nur? Der Touchdown im Football ähnelt dem Punktegewinn im Ultimate Frisbee: man muss das Spielgerät in der Endzone des Spielfelds fangen. Wie im Basketball gibt es bei uns den Sternschritt: ein Spieler im Scheibenbesitz muss einen Fuß auf den Boden lassen. Und die Anzahl der Spieler in einem Team gleicht dem Eishockey. Aber Ihr Spiel soll „körperlos“ sein? Trikotziehen oder ein Wegdrücken des Gegenspielers gibt es bei uns eigentlich nicht. Was zählt, ist die Eigenverantwortung, auch unter Adrenalin einen klaren Kopf zu bewahren. Das ist unser „Spirit of the Game“. Ultimate Frisbee ist übrigens Botschafter des Fairplays für die World Games 2013 in Kolumbien. Hat denn der Kölner Erzbischof schon mal wegen der DOMinas nachgefragt? Bisher nicht. Dabei rechnen wir fest mit einer Rückmeldung, seit unser Frauenteam sich diesen Namen gegeben hat. Jörg Benner ist Geschäftsführer des Deutschen Frisbeesport-Verbandes e.V. und war Deutscher Meister und Vizeweltmeister. Mehr unter: www.frisbeesportverband.de und www.fruehsport02.de. Foto: privat AUF DIE PLÄTZE SILKE PALM ÜBER SPORTLICHE FRAUEN choices: Frau Palm, Frauen treiben weniger Sport und leben länger als Männer. Wie kommt‘s? Frauen sind vielleicht doch das stärkere Geschlecht. Fakt ist, dass sie sich im Alltag häufiger bewegen als Männer. Außerdem achten sie beim Sport eher auf ihre Gesundheit, bei ihnen steht oft auch der Spaß im Vordergrund. Männer müssen sich dagegen immer beweisen, sie suchen den Wettbewerb, um dort im Schweiße ihres Angesichts ihren Ehrgeiz auszuleben. Leistungsdruck und Stress inklusive. Seit den Zeiten Turnvater Jahns ist der Frauensport vor allem mit Verboten belegt worden. Jahn sah die Leibesübung als Stärkung der militärischen Fitness für den Kampf gegen die ihm so verhassten Franzosen. Auch Frauen sollten Schießen lernen – aber nicht, um den Feind aktiv zu bekämpfen, sondern um sich „zur Not durch Selbstmord der Schmach entziehen“ zu können, falls sie in die Hände der Franzosen gerieten. Aha. Was war denn sonst so erlaubt? Im 19. Jahrhundert herrschte die Meinung vor, der Wettkampf sei zu anstrengend und gefährlich für Frauen. Zum Beispiel galten Leichtathletik, Fechten und Golf als absolute Männersportarten. Bei den Damen waren deshalb bis zum Ersten Weltkrieg vor allem Radfahren, Schwimmen, Reiten und Wandern angesagt. Immerhin. Gibt es inzwischen außergewöhnliche Leistungen von Sportlerinnen – außer Fußball? Gertrude Ederle hat 1926 als erste Schwimmerin den Kanal durchquert. Sie schaffte die einfache Distanz in nur 14,34 Stunden – über zwei Stunden schneller als der bis dahin schnellste Mann. Beeindruckend für mich ist auch die sportliche Leistung der „fliegenden Hausfrau“ Fanny Blankers-Koen, die 1948 als zweifache Mutter vierfache Olympiasiegerin in der Leichtathletik wurde. Und nicht zu vergessen das Comeback von Ulrike Meyfarth, die bei den Olympischen Spielen 1984 zwölf Jahre nach ihrem ersten Olympiasieg ihre zweite Goldmedaille im Hochsprung holte. Silke Palm informiert zum Thema „Frauensport“. Nächster Termin: 1.8., 11.30 Uhr im Deutschen Sport- und Olympiamuseum. Mehr unter: www.frauengeschichtsverein.de. Foto: privat MODERAT IST GUT GERT-PETER BRÜGGEMANN ÜBER GESUNDEN SPORT choices: Herr Brüggemann, wie viel Bewegung braucht der Mensch? Gert-Peter Brüggemann: Früher hat sich der Mensch den ganzen Tag bewegt, heute machen wir im Mittel nur noch rund 8-10.000 Schritte pro Tag. Es wäre sehr zweckmäßig, wenn wir uns pro Tag 30-40 Minuten richtig bewegen würden. Damit hätten wir schon sehr viel für unsere Gesundheit getan. Halten uns Bewegung und Sport jung? Dazu gibt es keine belastbaren Daten, eher anektotische Angaben, die sich regelmäßig auf das Herz-Kreislauf-System beziehen. Bei unserem Bewegungsapparat können wir dagegen über die Zeit einen gewissen Verschleiß feststellen, den man nicht wegdiskutieren kann. Man kann natürlich die muskuloskelettalen Strukturen trainieren und pflegen und damit die Bewegungsfähigkeit in Takt halten. Sport ist nicht in jedem Fall gesund? Moderater Sport und moderate Bewegung sind für die sogenannten passiven Strukturen, also für Knorpel, Knochen, Bänder, Sehnen sehr hilfreich. Exzessiv betrieben ist Sport bestimmt nicht gesundheitsfördernd, allenfalls gesundheitsneutral, denn die Gewebe altern früher. In welchem Alter ist die Verletzungsgefahr am größten? Wenn junge Erwachsene viel Fußball spielen, steigt die absolute Gefahr einer Verletzung, aber sie relativiert sich wieder wegen der hohen Zahl der Aktivitätsstunden. Insgesamt ist sie auch nicht höher als bei moderatem Sport in einem späteren Alter, etwa beim Laufen. Gibt es typische Sportverletzungen, die immer wieder vorkommen? Beim Bewegungsapparat machen in Alltag, Sport und Arbeit Umknickverletzungen des Fußes über 50 Prozent der Fälle aus. Hier besteht auch die Gefahr der Wiederholung und dauerhafter Instabilitäten. Daneben ist das Knie besonders verletzungsanfällig, nicht nur, was Komplikationen bei den Bändern betrifft. Perspektivisch kommt es auch zur Verletzung des Knorpels und zu degenerativen Veränderungen im Alter. Heute leidet jeder zehnte an einer Knie-Arthrose. Univ. Prof. Dr. Gert-Peter Brüggemann ist Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie (IBO) der Deutschen Sporthochschule Köln. Mehr unter: www.dshs-koeln.de/wps/portal/biomechan_de. Foto: privat Dienstag, 25. Mai 2010Mut zur RegionRHEINWÄRTS IN DIE REGION ÜBER ALTES LOKALES DENKEN, REGIONALE PERSPEKTIVEN UND KOMMUNALE KOOPERATIONEN
CHOICES-THEMA IM JUNI: MUT ZUR REGION Das Veedel im Stadtteil war gestern. Heute liegt das Veedel in der Region. Noch vor 50 Jahren soll es Kölner gegeben haben, die ihr Leben lang nicht aus ihrem Veedel herauswollten. Für ein genügsam-fröhliches Leben war mit Kneipe, Kirche und Karneval auch alles am Platz. Heute ist das Veedel Mythos. Inzwischen bewegt sich der Kölner weitläufig in der Region – zusammen mit anderen Menschen aus dem Umland. Viele, die in Köln leben, arbeiten anderswo, entspannen im Bergischen und radeln den Rhein hinauf und hinunter. Nirgendwo sonst in NRW sind die Anrheiner so mobil wie zwischen Düsseldorf und Bonn, dem Oberbergischen und Aachen. Köln wäre nicht Millionenstadt, wenn nicht täglich an die 300.000 EinwohnerInnen pendelten. Dementsprechend ist die DB-Strecke Köln-Düsseldorf die meistbefahrene in Deutschland. „Heute ist die Region das Veedel, aber ein europäisches“, sagt deshalb Reimar Molitor, der Geschäftsführer der Regionale 2010. KIRCHTURMDENKEN Für die Bürger mag das stimmen, die Politik ist da deutlich konservativer. Für sie zählt der eigene Kirchturm deutlich mehr. Politik in und für die Region ist allenfalls Nebensache. Regionale Konflikte werden wie lokale Angelegenheiten behandelt. Das Beispiel Köln. Bei der Auseinandersetzung, ob und wie die Städtischen Bühnen abgerissen, neu gebaut oder saniert werden sollten, stand der Denkmalschutz im Mittelpunkt der Kontroversen. Neuere kulturpolitische Konzepte für die Nutzung von Oper und Schauspiel wurden gar nicht behandelt. Die Finanzplanung jongliert mit ihren Zahlenkolonnen bis zum Jahr 2050, doch welches Publikum aus Stadt und Region die Spielstätten etwa im Jahr 2025 noch besuchen kann oder will, interessiert kaum jemanden: Nur wer baut, der bleibt. Das Beispiel Bonn. Hier sind eben die hochfliegenden Pläne für ein Festspielhaus gescheitert. Die Stadt ist pleite und kann die Folgekosten für den Konzertbetrieb nicht tragen. Die privaten Partner Telekom, Deutsche Post und die Postbank mochten in der Krise auch nicht mehr sponsern. Noch ärger lief es beim World Congress Center Bonn WCCB, bei dem die Stadt wie in einem Krimi internationalen Betrügern in die Hände fiel. Für das aufgeblasene Kongresscenter wurden schon 150 Millionen Euro in den Sand gesetzt – Ende nach oben offen. Auch ein paar Kilometer nordöstlich geht es ums dicke Geld. Die Nachbarstädte Siegburg und St. Augustin planen überdimensionierte Einkaufszentren, die sich gegenseitig die Kunden abjagen sollen. Mindestens eine Ruine ist schon programmiert. REGIONALE NETZWERKE Kommunalpolitiker mögen auf die eigene Stadt fixiert sein, kommunale Unternehmen agieren dagegen längst rational-regional. So hat netcologne seine Netze auch in Bonn, im Rhein-Sieg-Kreis, bis nach Aachen und entlang der Eifel geknüpft. Die Stadtsparkassen Köln und Bonn haben 2005 zur Sparkasse KölnBonn fusioniert. Die KVB fährt längst nicht mehr nur zwischen Nippes und Zollstock, sondern ist Teil des regionalen Verkehrsverbundes VRS. Bei einer Umfrage haben sich eben die Kunden des öffentlichen Nahverkehrs für ein einheitliches Tarifsystem in ganz NRW ausgesprochen. Es ist offensichtlich: Im Bereich der Daseinsvorsorge lassen sich viele Probleme nur regional bewältigen. Schon früher half häufig die regionale Karte. Bonn wäre als zeitweilige Bundeshauptstadt ohne die „Metropole“ direkt nebenan nicht so erfolgreich gewesen. Das turbulente Köln war für das biedere Bonn Lebenselexier. Um ganz sicher zu gehen, überließen die Kölner den Bonnern sogar ihren vormaligen OB. Mit dem Umzug der Bundespolitik in die neue Hauptstadt Berlin geriet das eingespielte Verhältnis in die Bredouille, obwohl man doch immer noch mitten in Europa lag. Der reichlich bemessene Bonn/Berlin-Ausgleich (1,43 Milliarden Euro für Kultur, Wissenschaft und internationale Einrichtungen) mag zeitweise die Bedeutung des regionalen Raums verdrängt haben. Bonn empfand sich irgendwie als Teil des abgehobenen globalisierten Konferenzwesens, Köln pflegte wie immer den Traum von früherer Größe. Der 1992 der EU-Subventionen wegen gegründete Verein Region Köln/Bonn dümpelt vor sich hin. Nur wenn über regionale Strukturprogramme des Landes Fördermittel locken, verspüren auch Lokalpolitiker regionale Regungen. Jüngstes Beispiel: die Regionale 2010. Hier standen insgesamt 340 Millionen ins Haus. Damit wurden Projekte finanzierbar, für die in den klammen Stadtkassen schon das Geld fehlte. Was für Köln die Archäologische Zone, ist für Leverkusen die Neue Bahnstadt Opladen oder für Gummersbach die Umwandlung einer Kesselhausschmiede in ein Hochschul- und Technologie-Zentrum. Dass dort die Maschinentechniker der Fachhochschule Köln studieren, überrascht den Gummersbacher ebenso wie den Kölner. Dabei wären auch anderswo Kooperationen über die Gemeindegrenzen hinweg sinnvoll. Hürth und Köln zum Beispiel vermarkten bis heute die TV-Studios in Hürth und Ossendorf getrennt. Man könnte auch den Dom, die Brühler Schlösser und den Oberen Mittelrhein gemeinsam als UNESCO-Kulturerbe bewerben. Oder über eine Philharmonie KölnBonn nachdenken. Und sich Gedanken über eine Opern-Koop machen. Auch in Bonn muss da saniert werden. Kostenpunkt: mindestens 30 Millionen Euro. TEXT / INTERVIEWS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE ZUKUNFT METROPOLREGION LOTHAR THEODOR LEMPER ÜBER GUTE ABSICHTEN DER KULTURPOLITIK, LOKALE DEFIZITE UND REGIONALE PERSPEKTIVEN
ZUKUNFT METROPOLREGION LOTHAR THEODOR LEMPER ÜBER GUTE ABSICHTEN DER KULTURPOLITIK, LOKALE DEFIZITE UND REGIONALE PERSPEKTIVEN choices: Herr Lemper, Sie waren bis zum Ende Ihrer kommunalpolitischen Tätigkeit im Kölner Stadtrat Vorsitzender des Kulturausschusses. Ihre persönliche Bilanz zur Kölner Kulturpolitik? Lothar Theodor Lemper: Absichtserklärungen haben gegenüber den tatsächlichen Umsetzungen deutlich überwogen. Es gab eine gewisse Unbeweglichkeit des Kulturdezernats und viel Zurückhaltung bei kreativen Überlegungen. Wir haben einen Kulturentwicklungsplan verabschiedet und waren zugleich davon überzeugt, dass wir nur wenig davon realisieren werden. Im Kulturentwicklungsplan ist auch die Rede von der „Notwendigkeit einer zielführenden regionalen Zusammenarbeit“. Aktiv wurde in letzter Zeit aber nur Bonns OB Jürgen Nimtsch. Er hat mehrfach eine Köln-Bonner Zusammenarbeit in der Kulturpolitik angekündigt. Dabei ist Herr Roters Autor eines Gutachtens über die „Zukunftsinitiative Metropolregion Köln – Bonn“. Dort arbeitet er heraus, dass etwa die Regionen Hamburg und München von einem solchen Konzept besonders profitiert haben. Das war vor seiner Zeit als OB. Es gibt seit nunmehr 18 Jahren einen Verein, dessen einziger Zweck die Organisation der regionalen Zusammenarbeit ist. Zur Bilanz von Regio Rheinland kann ich nur sagen: viel ritualisiertes Palaver und wenig Konkretes. Ich finde, Herr Roters sollte sich sein Gutachten noch einmal durchlesen und dann darüber nachdenken, ob er nicht die Initiative ergreift. Kann Köln wirklich zur Hoffnungsträgerin in der Region werden? Köln ist die regionale Metropole. Ob die Stadt die Führung übernehmen kann, hängt auch mit Personen zusammen. Woran liegt’s, dass es bisher nicht geklappt hat? Die offensichtlichen Verzögerungen verantwortet die gesamte politische Landschaft. Man ist offensichtlich nicht in der Lage, sinnvolle regionale Kooperationen anzugehen. Außerdem gibt es keinen Zwang von außen, insbesondere keine ausreichenden finanziellen Rahmenbedingungen. In einigen Bereichen der Daseinsvorsorge wie der Energieversorgung, der Telekommunikation oder im Nahverkehr gibt es völlig andere Perspektiven. Hier kooperiert man, weil das erkennbar effizienter und kostengünstiger ist. Die Entwicklung der Kommunalfinanzen legt doch nahe, nach Möglichkeiten zur Senkung der Kosten der kommunalen Infrastruktur zu suchen. Das ist eine eher abstrakte Einsicht. Nehmen Sie die Schulden der Stadt Köln. Um den laufenden Haushalt ausgeglichen gestalten zu können, nimmt man immer weiter Schulden auf. Auf dieser Basis beschließt man dann die teure Sanierung des Opernhauses und seinerzeit den Neubau des Schauspiels. Man plant die Archäologische Zone, ohne über deren Folgekosten zu reden. Das gleiche beim Museum Schnütgen und dem Museum für Völkerkunde. Es gibt offensichtlich einen Widerspruch zwischen der wirklich dramatischen Finanzsituation der Stadt und dem, was an Plänen verabschiedet wird. Früher hieß es in der Kommunalpolitik: Eine Million ist immer drin. Verbinden Sie mit der regionalen Perspektive eine gewisse finanzielle Entlastung? Ja. Ich möchte diese Perspektive aber nicht vorrangig unter dem Druck der leeren Kassen diskutieren wollen. Sie ist auch so sinnvoll, es geht ja um die Garantie einer vernünftigen Infrastruktur. Das Thema einer doppelten Philharmonie in Köln und Bonn hat sich ja eben erledigt, weil das Bonner Festspielhaus nicht finanziert werden kann. Aber es ist doch hanebüchen, gefühlte zehn Minuten von der Kölner Philharmonie entfernt ein neues Haus zu planen. Man sollte eher über ein Konzept Philharmonie KölnBonn nachdenken. Das Gleiche gilt für Oper und Schauspiel. Ich plädiere nicht dafür, die Einrichtungen aufzugeben, aber für gemeinsame Proberäume oder Verwaltungen, wo ist das Problem? Auf der Ebene der Privatwirtschaft passiert das allenthalben. Sie haben auch einmal ein gemeinsames regionales Marketing angemahnt. Natürlich. In der Region gibt es 70 Museen. Das Museum Schloß Morsbroich in Leverkusen ist eben das deutsche Museum des Jahres 2009 geworden. Das sind doch Pfunde, mit denen man das regionale Profil schärfen könnte. Eine Bündelung der Ressourcen setzt aber eine vernünftige Kooperation voraus. Und die klappt schon in Köln nicht. Was für die Museen gilt, trifft auch auf das Musikleben zu. Die Brühler Schlosskonzerte, das Bonner Beethoven-Fest oder die Triennale in Köln – alles nur lokal ausgerichtet. Gibt es aus Ihrer Sicht perspektivisch eine Alternative zur Region? Kaum. Nehmen Sie nur die demografische Entwicklung. Wie gehen wir angesichts der sinkenden Zahl der Jüngeren mit Kindergarten, Schulbauten, Seniorenzentren um? Wo kann der öffentliche Nahverkehr noch fahren? Alles übergreifende Entscheidungen, die wir heute angehen müssen, um für die nächsten 10 bis 15 Jahre gerüstet zu sein. Zur PersonLothar Theodor Lemper (CDU) war von 2004 bis 2009 Vorsitzender des Kulturausschusses des Kölner Stadtrates. Er ist geschäftsführender Vorsitzender der Otto Benecke Stiftung e.V. Bonn und Honorarprofessor an der Rheinischen Fachhochschule Köln RFH. Foto: Hans-Theo EIN RHEINISCHES BEETHOVEN-FEST LOUWRENS LANGEVOORT ÜBER KONZERTSÄLE, PROGRAMMQUALITÄT UND DIE U-BAHN
choices: Herr Langevoort, was ist heute unter einem „international konkurrenzfähigen Konzertsaal” zu verstehen? Louwrens Langevoort: „International konkurrenzfähig“ ist ein dehnbarer Begriff. In meinem Haus spielen Künstler aus aller Welt. Sie kommen gerne hierher, weil der Saal schön und das Publikum für vieles offen ist. Außerdem hat sich weltweit herumgesprochen, dass die Akustik perfekt ist und der Saal deshalb zu den besten von Europa zählt. Unter diesem Aspekt sind wir international konkurrenzfähig. Andererseits: Die Zahl der Menschen, die wegen eines Konzertes in der Philharmonie aus Paris, London oder Madrid nach Köln kommen, dürfte eher gering und zu vernachlässigen sein. Unser Programm richtet sich zunächst an die Kölner. Die haben inzwischen ihre Philharmonie lieben gelernt, unser Programm angenommen. Ich persönlich finde es wichtig, dass unser Haus mit der Stadt lebt. Ein Teil der Programmierung wie unsere Reihen PhilharmonieLunch oder die Veedel-Konzerte trägt dem Rechnung. Wir sind offen zur Stadt und wollen auch für uns werben. In die Philharmonie kommen doch nicht nur KölnerInnen. Natürlich ziehen wir Menschen aus der ganzen Region an. Das ist selbstverständlich. Unser Einzugsbereich liegt bei 60 bis 80 Kilometer, reicht also über Düsseldorf und Bonn hinaus. Derzeit wird über eine Klassik-Krise diskutiert – das Alter des Publikums soll zu hoch sein … Ich teile nicht die Auffassung, dass die Klassik sich in einer Krise befindet. Und vergessen Sie nicht, dass die Philharmonie nicht nur im Klassik-Sektor verankert ist: Das Programm umfasst auch Jazz, Weltmusik und alle Arten von kölscher Musik bis hin zum Karneval. Bei all diesen Konzerten erreichen wir unterschiedliche Besucher, auch was das Alter betrifft. Bei manchen Konzerten überwiegen sogar eindeutig die Jungen. Gibt es Konkurrenz in der Region? Direkte Konkurrenz finde ich nicht. Es gibt andere Anbieter, so wie die Tonhalle Düsseldorf und die Beethoven-Halle in Bonn. Beide Hallen sind so aufgestellt, dass wir gut mit ihren Angeboten leben können. Sie haben sich aber kritisch zum inzwischen aufgegebenen Neubau eines Bonner Beethoven-Festspiel-Hauses geäußert. Ich habe Frau Dieckmann seinerzeit nur auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass man vor allem das Angebot in der kompletten Region Köln-Bonn unter die Lupe nehmen muss – ein Aspekt, den man meiner Meinung nach bei der Planung eines solchen Hauses hätte berücksichtigen müssen. Frau Dieckmann hat zwar mitteilen lassen, sie lade zu einem Gespräch ein, hat aber dann nichts mehr von sich hören lassen. Sprechen Sie hier die üblichen Marktanalysen an, die häufig nicht nur bei Neubauten von Konzerthäusern erstellt werden? Die entsprechenden Prognosen für Essen und Dortmund waren seinerzeit äußerst optimistisch. Ich denke, ein Haus muss sich sein Publikum auch erspielen. Man muss sich die Zeit geben, ein Haus zu entwickeln. Wenn man sich die ersten Jahre der Philharmonie nach 1986 anguckt, wird man vor allem feststellen können, dass am Anfang weniger gespielt wurde und erst langsam das Angebot gewachsen ist. Köln kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten. Ist davon auch die Philharmonie als städtische Tochter betroffen? Wie reagieren Orchester und Künstleragenten auf die zunehmenden finanziellen Zwänge? Köln ist ja nicht die einzige Stadt, die von dieser Entwicklung betroffen ist. Andernorts ist es häufig noch schwieriger. Das wissen auch die Künstler, das weiß die Branche. Was die Situation der Philharmonie betrifft: Ich muss akzeptieren und akzeptiere, dass weniger Geld zur Verfügung steht und arbeite entsprechend, um mit dem Geld auszukommen. Was allerdings nicht unter diesen Bedingungen leiden darf, ist die Qualität des Programms. Hier müssen wir unsere Standards halten. Der Bonner OB Jürgen Nimptsch hat mehrfach angekündigt, den „Kulturstandort Bonn unter Einbeziehung der Region“ neu aufzustellen. Er hat wohl auch mit Kölns OB Roters gesprochen. Wäre für Sie eine stärkere regionale Orientierung eine Option, eine Philharmonie KölnBonn als Perspektive? Unser Angebot gilt ja bereits über unsere Stadtgrenzen hinaus, daher sind wir auch in Bonn bekannt. Natürlich ist Beethoven in meiner Programmierung präsent. Ich denke nicht, dass man dafür nach Bonn reisen muss. Ein rheinisches Beethoven-Fest würde vielleicht gut zur Region passen. Kein Interview zur Kölner Kultur ohne Frage nach dem U-Bahn-Bau. Sie haben vor einigen Monaten moniert, dass der U-Bahn-Tunnel unter der Philharmonie den Konzertbetrieb stören könnte. Hat sich da etwas getan? Bei den nächtlichen Tests war ein Rauschen zu hören. Die KVB arbeitet jetzt daran, uns die Angst vor möglichen Störungen zu nehmen. Ich habe übrigens schon sehr früh darauf hingewiesen. Erst nach dem Einsturz des Stadtarchivs wurden diese Einwände ernst genommen. Zur PersonLouwrens Langevoort ist seit 2005 Intendant der Kölner Philharmonie und Geschäftsführer der KölnMusik GmbH. Mehr unter www.koelner-philharmonie.de. Foto: KölnMusik/Brigitte Friedrich Samstag, 15. Mai 2010Findling 293 x STOFF UND 1 x STUFF Absolut alltagstauglich und dazu in jedem Fall originell - das sind unsere Findlinge! Clevere Kinderkleidung bei apünktchen, stylische Klamotten bei Plus & Minas, liebenswerte Stoffe bei save the love und großartige Gebrauchsgegenstände bei utensil. Kreative Köpfe, die sich nicht nur bei der Namenswahl ihrer Ladenlokale richtig viele Gedanken gemacht haben ... Nutzbar. Hier ist der Name Programm: Bei utensil - Waren für den Alltag findet man eben genau diese. Genauer: Erstmals gibt es in Köln ein Geschäft mit Produkten für zu Hause, die man sonst nur u.a. in der Arbeitswelt, Gastro und öffentlichen Einrichtungen sieht. 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GRÜN MUSS GRÜN BLEIBEN GRÜNGÜRTEL, PARKS UND LEERE KASSEN – PERSPEKTIVE 2023 Einen Masterplan zur anspruchsvollen Gestaltung der Innenstadt hat sich Köln schon von einem der IHK nahestehenden Förderverein spendieren lassen. Sein Ziel: eine Korrektur der offensichtlichen Kölner Planlosigkeit in Sachen Stadtentwicklung. Demnächst soll es nun auch einen „Entwicklungsplan Äußerer Grüngürtel“ geben. Das Ziel diesmal: eine zukunftsfähige Gestaltung des Kölner Grüns. Und wieder soll das Frankfurter Architekturbüro Albert Speer den großen Wurf wagen. Vor kurzem hat es einen ersten Zwischenbericht vorgelegt. ÖKOLOGISCHE VISIONEN Die komplexen Zusammenhänge von Bauen und Wohnen, Verkehr und Mobilität, Energie und Klima, Grünflächen und Freiraum werden gelegentlich auch in Wahlkampfparolen beschworen. „Unsere Vision: Köln steigert sein ökologisches Bewusstsein und wird zu einem grünen Lebensraum“, fasst etwa die Kölner Kleinpartei Deine Freunde zusammen. Recht hat sie: Die Korrektur des Klimawandels braucht Grün. Dabei kommt der Domstadt ihr grünes Erbe zugute, das tief im Militärischen wurzelt. Die Stadt konnte sich nämlich ab 1880 nur erweitern, weil das Militär mit neuen Festungsanlagen auf Höhe Militärring weggerückt war. Noch 1914 war Köln von einem 42 Kilometer langen Frontgürtel inklusive Schussfeld und 182 Militäranlagen umgeben. Einige dieser Forts sind noch heute zu besichtigen. Zum Glück verlor Deutschland den Ersten Weltkrieg, sonst hätte OB Konrad Adenauer das soldatische Brachland kaum in Grünanlagen umwidmen können. Kölns Gartendirektor Fritz Encke propagierte dazu den „Volkspark“ mit Sportplätzen, Spielplätzen, Waldschulen, Schulgärten und Restaurants. Zunächst bauten 3.000 Billig-Jobber den inneren Grüngürtel mit dem Aachener Weiher und dem Lindenthaler Kanal. Schon früher entstandene Anlagen wie Flora und Vorgebirgspark wurden eingebunden. Bis Ende der 1920er Jahre kamen dann nach und nach der Äußere Grüngürtel zwischen Rodenkirchen und Müngersdorf und weitere Parks hinzu. Im Rechtsrheinischen reichte es nur zu einem Flickenteppich. Bei all dem hatte Adenauer nicht nur die Erholung der Kölner im Sinn, er wollte auch einen grünen Schirm gegen die Luftverschmutzung durch die nahen Kraftwerke der Rheinbraun AG schaffen. Dort saß der Alte übrigens im Aufsichtsrat. PARKBÄNKE VON PROMIS Heute nutzen die Kölner ihr Grün, wie sie lustig sind. Sie joggen, radeln, spielen Fußball, trinken Kaffee, grillen, musizieren, tanzen, fahren Bötchen, streicheln Tiere oder ruhen einfach nur. Seit den 1980er Jahren stehen Teile der Anlagen unter Denkmalschutz. Ihre Pflege gehört wie Oper und Schauspiel zu den sogenannten freiwilligen Aufgaben der Kommune, doch die Kassen sind leer, viele Areale der insgesamt 2.800 Hektar Grünfläche gammeln still vor sich hin. „Eigentlich reicht das Geld nur noch, um die Fahrzeuge zu betanken und ab und zu die Rasen zu mähen“, sagt Grünflächenamts-Vize Joachim Bauer. Entsprechend dankbar ist die Stadt, dass die 2004 von den Brüdern Paul Bauwens-Adenauer und Patrick Adenauer gegründete Grünstiftung Pflege und Erhalt der historischen Kölner Grünanlagen betreibt und dafür Sponsorengelder akquiriert. Inzwischen hat sie u.a. den Stadtwaldweiher in Lindenthal und den Kalscheurer Weiher im Äußeren Grüngürtel sanieren lassen. Hinzu kommen Fledermauskästen, Entenhäuser, Dogstations und 400 neue Bänke, für die Promis zahlen. Bauer wehrt sich gegen den Eindruck, die Stadt agiere im Auftrag der Adenauers. Die Planungshoheit verbleibe bei der Stadt: „Am Ende entscheidet die Politik.“ Was die Stiftung fertigstellt, gehe als Schenkung an die Stadt über. Trotzdem misstrauen Öko-Aktivisten dem geballten Adenauer-Grün, zumal mit Konrad Adenauer, dem Vorstandsvorsitzenden des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins, ein weiterer Enkel involviert ist. Als Vorsitzender des Vereins Fortis Colonia will er die verbliebenen Festungsanlagen aufmöbeln. „Eine intelligente und niveauvolle Nutzung der Forts wäre dem Image des Grüngürtels zuträglicher als das Prinzip der spontanen Aneignung mit entsprechend dilettantischer Ausführung“, trug die Grünstiftung unlängst dem Stadtrat vor. GARTENSCHAU ALS RETTUNGSRING Weil der Stadt das Geld (nicht nur) fürs Grün ausgeht, sucht man nach neuen Finanzquellen. Derzeit werden Pläne für eine Bewerbung zur Bundesgartenschau (BUGA) des Jahres 2023 gewälzt. Auch wenn das Datum weit weg scheint, läge Köln damit im Trend. Denn die BUGA steht längst nicht mehr nur für brandneue Parkanlagen, sondern dient zunehmend der Sicherung des „Bestandsgrüns“. Die Idee: Durch die Mobilisierung und Umwidmung von Fördergeldern werden Pleite-Städte in die Lage versetzt, ihre Gärten in Ordnung zu bringen. Allerdings müsste die Kölner Stadtpolitik dazu professionelle Überzeugungsarbeit in Düsseldorf leisten. Denn anders als der Name nahelegt, hat eine Bundesgartenschau nichts mit dem Bund zu tun. Finanziert wird das Ganze vor allem über Landesmittel, etwa durch Umwidmungen aus Töpfen für Stadtentwicklung oder Tourismus oder aus einschlägigen EU-Programmen. Hinzu kommen die üblichen Einnahmen aus Eintritt, Pacht, Gastronomie und Sponsoring. Die BUGAs der letzten Jahre haben je nach Konzept zwischen 75 und 150 Millionen Euro gekostet – eine hohe Summe, die sich allerdings über ein Jahrzehnt verteilt. Alles in allem wäre das auch unter schweren Haushaltsbedingungen machbar. Trotzdem bleibt eine gewisse Skepsis. Köln hat, was langfristige Planungen betrifft, schon häufiger danebengehauen. Dafür stehen der U-Bahn-Bau, der Umbau der Städtischen Bühnen oder die Bewerbung zur „Kulturhauptstadt Europas“. TEXT / INTERVIEWS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE ES LEBE DER VOLKSPARK KARLA KRIEGER ÜBER KÖLNER GARTENKUNST UND ADMINISTRATIVEN VANDALISMUS
choices: Frau Krieger, Grünanlagen galten künstlerischen und gesellschaftlichen Bewegungen oft als „Volkspark“. Das bedeutet heute? Karla Krieger: Volksparks wurden sozusagen als grüne Wohnzimmer angelegt. Sie sind Frei-Räume zum körperlichen und geistigen Durchatmen, unkomplizierte Treffpunkte für alle Bevölkerungsgruppen jenseits von Kommerz und Leistungsdruck. Wie geht die Stadt Köln mit diesem kulturellen Erbe um? Ich habe eine Reisegruppe aus der Schweiz geführt, die sich Arbeiten des ehemaligen Kölner Gartendirektors Fritz Encke ansehen wollte. Neben Lob für einzelne Anlagen war man erstaunt, in welch schlimmen Zustand sich der Friedenspark oder die stadt- und gartenhistorisch bedeutende alte Stadtgärtnerei befinden. Lässt sich die Parkpflege verbessern? Es gibt gute Ansätze. Der desolate Rheinpark wurde zu seinem Jubiläum hervorragend in Stand gesetzt. Die Grünstiftung hat große Aufgaben geschultert. Ich könnte mir mehr kreative, offensive und zukunftsorientierte Ansätze im Umgang mit den Gartendenkmälern vorstellen. Ich würde z.B. anregen, ein Ausbildungsmodell für auf historische Parkanlagen spezialisierte Pflegekräfte zu etablieren. Manche Schäden ließen sich vermeiden – böse Zungen sprechen vom administrativen Vandalismus. Die Stadt Frankfurt hat übrigens die Leitung des Grünflächenamtes vor einigen Jahren einem Landschaftsarchitekten übertragen – mit beeindruckenden Ergebnissen. Weiß Köln nicht um seine grünen Schätze? „Stadtgrün“ ist als Disziplin in der Kölner Kulturlandschaft noch nicht ausreichend etabliert. Grünflächen sind ein Plus zunächst für die Bevölkerung, aber auch für Wirtschaft, Image und Tourismus. Gerade Köln, das eine Vorreiterrolle in der modernen Gartenkunst gespielt hat, könnte das Thema noch aktiver und kreativer anfassen. Braucht Köln eine weitere Bundesgartenschau? Wenn sie inhaltlich gut vorbereitet ist, ist sie eine große Chance. Ihre Vision eines grünen Kölns? Ich würde mir wünschen, dass Stadt und Grünstiftung ein wenig bürgernäher agieren. Bevor man wie jüngst am Kalscheurer Weiher die Aufgabe einer beliebten Kahnstation riskiert, sollte man mit ihren vielen Nutzern reden. Ich weiß nicht, wie ich meiner Tochter beibringen soll, dass ihr geliebter „Lido“ nicht mehr existiert, wenn sie aus dem Ausland zurück kommt. Solche kleinen Fluchten sind positiv besetzte Sozialisationspunkte, die man nicht ohne Not zerstören soll. Zur PersonKarla Krieger, Dipl.-Ing., studierte Architektur mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege und arbeitet seit 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FH Köln am Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege. Zusammen mit Petra Sophia Zimmermann veröffentlichte sie das Buch „Das Kölner Stadtgrün. Eine Entdeckungstour“. Foto: privat DIE NATUR ERLAUFEN RALF ROTH ÜBER FREIZEIT, JAHRESZEITEN UND INFRASTRUKTURELLE OPTIMIERUNG choices: Herr Roth, wie läuft es sich im Grüngürtel? Dr. Ralf Roth: Prinzipiell gut. Eine abwechslungsreiche Wegebeschaffenheit und der Wechsel von Freiflächen, bewaldeten Arealen und Wasserflächen bieten eine ansprechende Kulisse für Läufer. Zudem sind Zugänge zum Grüngürtel, Parkmöglichkeiten und Einkehrmöglichkeiten in ausreichender Zahl vorhanden. Dies alles prädestiniert den Grüngürtel als urbanes Naherholungsgebiet. Ich sehe jedoch auch einen infrastrukturellen Nachholbedarf. Wie wichtig ist das Grün für Freizeitaktivitäten? Naturerleben ist heutzutage ein elementarer Bestandteil der Freizeitgestaltung. Bewegung im Grünen macht Spaß, ist gesund, festigt soziale Kontakte und entspannt vom Alltag im Büro. Dort können Tiere, Pflanzen, Jahreszeiten und Witterung erlebt werden, was in der Stadt sonst kaum noch möglich ist. Nordic Walker geben z. B. an, dass „Naturerleben“ nach der Verbesserung der Fitness ihr zweitwichtigstes Motiv ist. Spannend sind auch Trends wie das Slacklinen (Trendsportart ähnlich dem Seiltanzen in geringer Höhe, Anm. d. Red.), das in Kölner Grünanlagen momentan noch untersagt ist. Gibt es zwischen Freizeitsportlern, Erholungsuchenden oder Besuchern von Kultur- und Sportevents auch Nutzungskonflikte? Der Grüngürtel steht wie alle kommunalen Bewegungsräume in einem Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Gruppen mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen an Wegbeschaffenheit, Wegbreite, Mobiliar etc. Vor allem die unterschiedlichen Tempi der Jogger, Nordic Walker, Radfahrer oder Spaziergänger bergen Konfliktpotentiale. Spaziergänger möchten sich unterhalten und gehen nebeneinander, Radfahrer sind flott unterwegs und müssen diese Gruppen umfahren. Kann die Nutzung des Sportparks Müngersdorf mitten im Grüngürtel ökologischer werden? Ein optimal abgestimmtes ÖPNV-Angebot mit Zugängen zu allen Sportmöglichkeiten und ein schneller An- und Abtransport der Zuschauer bei Sportgroßveranstaltungen wären mit Sicherheit Möglichkeiten, den Sportpark Müngersdorf ökologischer zu gestalten. Auch im Sportpark gilt: Lenkung fördert Ökologie. Und Ihre Vision für ein grünes Köln? Das bereits vorhandene Wegenetz infrastrukturell optimieren, und wir hätten mit dem Grüngürtel einen wunderbaren urbanen Bewegungsraum für die Sportstadt Köln. Vor allem ausgewiesene Lauf-Rundstrecken und Nordic Walking-Rundkurse mit gut zu erreichenden Ausgangs- und Zielpunkten und ein ansprechendes Naturmobiliar wären hierfür vonnöten. Dabei sollte man an neuralgischen Punkten eine Mehrfachnutzung vermeiden. Ich kann mir auch sehr gut weitere Attraktionen vorstellen. Z. B. eine Finnbahn, die Wiederbelebung des Trimm-Dich-Gedankens oder die Einführung webbasierter Trainingssysteme. FÖRDERN UND FORDERN BEATRICE BÜLTER ÜBER PARKBÄNKE, DOGSTATIONS UND BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT
Beatrice Bülter: Das eine schließt das andere nicht aus. Unsere Zielsetzung ist die Förderung des Umwelt- und Naturschutzes in Köln, insbesondere die Pflege und der Erhalt der historischen Kölner Grünanlagen. Welche landschaftsarchitektonischen Ideen verfolgt die Kölner Grün-Stiftung? Wir verfolgen selbst keine eigenen, neuen landschaftsarchitektonischen Ideen. Wir wollen ja gerade die historischen Anlagen schützen, die jeweils eine eigene landschaftsarchitektonische Handschrift aufweisen. Der gesamte Grüngürtel steht ja unter Denkmalschutz. Welche Schwerpunkte setzen Sie in der nächsten Zeit? Wir finanzieren und fördern weiterhin konkrete Sanierungsprojekte, die dazu beitragen, die Nutzbarkeit der Grünflächen zu erhalten und zu verbessern. Dazu gehört die Aktion „1.000 Bänke für Köln“, die wir in allen Grünflächen weiterführen. Und wir werden weiterhin Dogstations gegen den Hundedreck aufstellen. Gibt es Vorgaben von der Stadt Köln? Sicherlich. Alle Projekte, die die Grün-Stiftung bisher gefördert hat, basieren auf der Planung der Stadt Köln, die dann von den jeweiligen politischen Gremien beschlossen wurden. Was schlagen Sie vor, wenn die Stadt aus Geldmangel der Pflege des Stadtgrüns nicht mehr nachkommen kann? Das bürgerschaftliche Engagement in Köln muss größer werden. Was kann der Kölner selber tun? Da gibt es viele Ansätze. In erster Linie muss das Bewusstsein für das Grün und die Natur geschärft werden. Es ist nicht unbedingt nur eine Sache des Geldes. Jeder kann auf seine Art helfen, die Natur zu schützen. Es fängt damit an, dass man nicht achtlos unorganische Stoffe in die Gegend wirft, die nicht abgebaut werden können. Tiere und Gewässer leiden darunter, weil immer wieder tütenweise Brot ins Wasser geworfen wird. Es ist vielen Bürgern egal, dass dadurch die Wasserqualität umkippt und die Tiere dann sterben. Alle Bürger müssen gemeinsam Mitverantwortung für das Grün übernehmen, denn praktisch jeder nutzt es – sei es als Sportler, als Familie, als Spaziergänger oder Hundebesitzer. Was ist Ihre Vision eines grünen Kölns? Wir werden das in Europa einzigartige historische Grünsystem vor dem Verfall bewahren, um das Erbe für die kommenden Generationen zu erhalten. Das Kölner Grün hat nicht nur als Erholungsraum, sondern gerade auch beim Thema Klimawandel einen enormen Stellenwert. Zur PersonBeatrice Bülter ist Geschäftsführerin der Kölner Grün Stiftung gGmbH. Mehr unter www.koelner-gruen.de. Foto: privat DIE EINFACHEN DINGE SVEND ULMER ÜBER KLIMASCHUTZ, NACHHALTIGKEIT UND EINEN GRÜNEN MASTERPLAN choices: Herr Ulmer, des besseren Klimas wegen dürfte jeder Mensch pro Jahr nicht mehr als zwei Tonnen CO2 emittieren. Der Kölner emittiert fünfmal so viel. Was soll er tun? Svend Ulmer: Die Frage eines nachhaltigen Konsums und klimafreundlichen Verhaltens bewegt viele Bürger. Es kommt weltweit nicht nur auf die Industrie, sondern auch ganz entscheidend auf unser aller Verhalten an. Die wichtigsten Dinge sind die einfachen: mehr Freude an Bewegung – weniger autofahren – besser dämmen und weniger heizen – regional kaufen. In Sachen Klimaschutz hat Köln einen Planungsrückstand von 10 bis 15 Jahren. Tut ein ökologischer Masterplan Not? Sicher hat Köln erheblichen Rückstand. Aber es gibt viele gute Konzepte, die bislang unbekannt blieben, und viele neue Initiativen aus der Bürgerschaft. Wir haben deshalb das Projekt Dialog Kölner Klimawandel gestartet, um gemeinsam mit Verwaltung und Bürgern Ziele und Planungsleitplanken für ein grünes klimafreundliches Köln zu entwickeln. Welche Schwerpunkte muss er setzen? Da muss es nach der Klimarelevanz gehen: Verkehr und Mobilität sowie Bauen und Wohnen und Grünflächen sind sicher zentrale Themen. Aber alles Mühen hat nur Sinn, wenn wir die Bürger auch mitnehmen. Klimaschutz ist nur sinnvoll, wenn Köln Nachhaltigkeit ernsthaft betreibt. Ein grüner Masterplan muss zwingend Kultur und Bildung sowie Ökonomie und soziale Lebensqualität thematisieren. Die Folgekosten für den ausbleibenden Klimaschutz werden künftige Generationen ungleich höher belasten als uns die Kosten für ein aktives Handeln jetzt. Welche Prioritäten sollte da der städtische Haushalt heute setzen? Schwierige Frage, da wir das ja erst mit dem Dialogprojekt entwickeln wollen. Eines ist schon klar: Alles was in der Verkehrs-, Bau- und Flächenplanung beschlossen wird, muss im Fach Klimafreundlichkeit gute Noten haben – sonst ist es nicht wirklich zukunftsträchtig für uns alle. Was ist Ihre Vision eines grünen Kölns? Eine Stadt, in der Nachhaltigkeit in allen bereits genannten Bereichen so sinnlich erlebt werden kann, wie beim Spaziergang durch den Kölner Grüngürtel. Das Klima in der Stadt muss sich also auch allgemein verbessern, nicht nur in der Natur. Zur PersonSvend Ulmer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kölner Umweltforschungsinstituts Katalyse und Initiator des Projektes „Dialog Kölner Klimawandel – ein grüner Masterplan für die Stadt“. Mehr unter www.koelner-klimawandel.de. Foto: privat Donnerstag, 25. März 2010KÖLN HAT DIE WAHLFRÜHJAHRSPUTZ FÜR DÜSSELDORF BIS ZUR LANDTAGSWAHL WOLLEN ALLE PARTEIEN SAUBER UND ADRETT DASTEHEN
CHOICES-THEMA IM April: KÖLN HAT DIE WAHL Die Landtagswahl als kleine Bundestagswahl: Wenn Schwarz-Gelb in Düsseldorf am Ruder bleibt, drohen weitere „Reformen“ aus Berlin. Am 9. Mai ist Showdown. Kennen Sie Andrea Asch, Yvonne Gebauer oder Arndt Klocke? Wenn ja, erhalten Sie 99 Punkte und rücken im Rating unter Kölns politikinteressierten Bürgern auf einen vorderen Platz. Für alle anderen zur Erklärung: Die drei aus Köln wollen am 9. Mai in den Düsseldorfer Landtag gewählt werden. Yvonne für die freiheitlich-dekadenten Gelben, Andrea und Arndt für die Grünen. Ihr Bekanntheitsgrad ist gering, deshalb sind sie über die Landesliste ihrer Parteien abgesichert und werden uns mit größter Wahrscheinlichkeit als Mitglieder des Landtags – kurz MdL – wieder begegnen. Die Kölner CDU macht es mit ihrem Vorsitzenden Jürgen Hollstein ebenso wie die Kölner SPD mit ihren Vormännern Jochen Ott und Martin Börschel. Wobei Letzterer bereits MdL ist, im Parlament bisher aber kaum auffiel. Seine relative Bekanntheit verdankt er seiner Tätigkeit als Fraktionsvorsitzender der SPD-Ratsfraktion. Vor kurzem erfand er zusammen mit seinem Kämmerer Norbert Walter-Borjans eine „Kulturförderabgabe“ gegen die desaströsen Folgen des schwarz-gelben Wachstumsbeschleunigungsgesetzes und erregte damit sogar bundesweit Aufsehen. Das Landtagsmandat ist für ihn wie für andere Kommunalpolitiker im Lande unverzichtbar – schon aus finanziellen Gründen. Die meisten MdLs sind daheim Fraktions- oder Parteivorsitzende und können sich so als Berufspolitiker ihren Geschäften in Kommune und Partei unbeschwerter widmen. Berufspolitiker ohne diese Absicherung müssen ihren Wahlkreis direkt gewinnen, ein Risiko mit ungewissem Ausgang. In Köln-Mülheim wagt Marc Jan Eumann (SPD) diesen Schritt, er war bisher vor allem in der Medienpolitik aktiv. In Köln-Süd versucht sich erstmals Barbara Moritz direkt – wenn die derzeitige Vorsitzende der Grünen-Ratsfraktion verliert, muss sie zurück in den Schuldienst. KLEINE BUNDESTAGSWAHL Den wirklichen Reiz der anstehenden Landtagswahl machen andere Dinge aus. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat einen respektablen Fehlstart hingelegt und fürchtet um ihre Mehrheit im Bundesrat. Das Wort von der „spätrömischen Dekadenz“ des Guido Westerwelle trifft nicht Hartz IV-Menschen, beschreibt aber ganz gut das Gebaren der Mächtigen. Die Banker und ihre Boni. Auch die Tatsache, dass zur Entourage des aktuellen Vizekanzlers Geschäftsleute wie Cornelius Boersch gehören, die gerne für die FDP spenden, ansonsten mit dubiosen Geschäftspartnern dealen und das Zahlen von Steuern hierzulande als Zumutung empfinden. Boersch stuft sich selbst als „schnell, oberflächlich, opportunistisch“ ein und setzt ganz auf seine „aufgebauten Netzwerke“. Ein anderes erfolgreiches Netzwerk ist die Katholische Kirche, die per Konkordat in den Bundesländern mitmischt und so in NRW u.a. in die Hochschulautonomie eingreift. Auch die 442 Mio. Euro historische Staatsleistungen, die die Länder alljährlich den Kirchen zuweisen, sind kein Wahlkampfthema. Dazu schweigen die Landespolitiker, während die meisten Kleriker ihren Pädophilen-Skandal beschweigen, der nach den USA, Irland und Österreich nun auch Deutschland erreicht hat. Mittlerweile ist die schwarz-gelbe Mehrheit in NRW selbst richtig ins Gerede gekommen. In den letzten Monaten reiht sich ein Skandal an den nächsten. Zuerst diffamierte Arbeitführer Jürgen Rüttgers Rumänen und Chinesen. Dann ließ seine Partei Hannelore Kraft (SPD) überwachen. Schließlich wurde bekannt, dass ein Date mit dem Ministerpräsidenten Rüttgers für 6.000 Euro zu haben war. Von all dem will der Parteivorsitzende Rüttgers nichts gewusst haben. Klar ist damit, dass er seinen Parteiladen nicht im Griff hat. Hinzu kamen eine raffgierige CDU-Landtagspräsidentin oder CDU-Größen mit falschen Doktorentiteln. Und die Freiheitlich-Dekadenten? Die mögen nicht von ihrem Parteichef lassen. Da kann die SPD aktuell kaum mithalten. Sie hat ihre großen Skandale ebenso wie ihre Regierungszeit erst einmal hinter sich. AUF DER SUCHE Es geht also um Alternativen. Doch wer steht für den Wechsel? Die SPD kann vor Kraft kaum laufen. Bis vor kurzem kam die Politikerin vor allem als polemische Kratzbrüste rüber. Den NRW-Grünen fehlt es an bekannten Leuten. Fraktionschefin Sylvia Löhrmann ist qua Amt häufiger zu sehen. Der einzige, der in den NRW-Medien daneben als Bürgeranwalt auffällt, ist Verkehrsexperte Horst Becker aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Und Die Linke? Wenigstens hat sich herumgesprochen, dass sie weiche Drogen legalisieren will. Dafür hat vor allem die CDU gesorgt. Kein Wunder, dass die politische Farbenlehre im Lande verwirrt. Mit den richtig Roten will keiner, die Grünen wollen Schwarz-Gelb-Grün nicht, die Gelben nicht Rot-Grün-Gelb. Für Schwarz-Gelb wie für Schwarz-Grün wird es kaum reichen. Bleibt also erst einmal Schwarz-Rot. Bei diesen Aussichten könnte man gleich zu Hause bleiben – wenn da nicht noch Berlin wäre. Bleibt NRW schwarz-gelb, drohen uns weitere Varianten des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes. Dabei gibt es viel zu tun. Das finanzielle Ausbluten der Kommunen muss gestoppt werden. Das Bildungssystem muss durchlässig werden – in keinem anderen Land entscheidet die soziale Herkunft so sehr über den sozialen Aufstieg wie hierzulande. Der Klimawandel muss seriös bekämpft werden. Themen, die teilweise seit Jahrzehnten auf der Agenda stehen, ohne dass die Politische Klasse sich kümmert. Ein Restart tut not – dazu braucht es ein Engagement über die Wahl hinaus. TEXT / INTERVIEWS / FOTOS: PETER HANEMANN / WOLFGANG HIPPE EIN GROSSES BUNDESLAND MANFRED GÜLLNER ÜBER VERÄNDERUNG UND VERANKERUNG VON PARTEIEN
choices: Herr Güllner, hat sich NRW seit Ihrem Wechsel nach Berlin verändert? Manfred Güllner: Vor der Wende war das Bild von Nordrhein-Westfalen bei den Bundesbürgern sehr stark vom Ruhrgebiet mit all den mit dem Revier verbundenen Klischees überlagert. Dies hat sich seither geändert: Nordrhein-Westfalen wird von den Bürgern in, aber auch außerhalb des Landes trotz all seiner regionalen Facetten als ein einheitlich großes Bundesland wahrgenommen, bei dem die alten Vorstellungsbilder von Kohle und Stahl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Ist NRW noch das Kernland der Sozialdemokratie? Nordrhein-Westfalen war entgegen landläufiger Vorstellungen nie das Kernland der SPD – anders als etwa Hessen. Bis 1966 gab es sogar absolute Mehrheiten für die CDU, und noch bei den Landtagswahlen 1970 und 1975 war die CDU die stärkste politische Partei. Erst in der Ära Rau gelang es der SPD, die dominante politische Kraft zu werden. Doch Raus Nachfolger haben diese Dominanz nachhaltig verspielt. Heute fehlt der NRW-SPD die Verankerung vor Ort und in der Region. Welche Rolle spielen in NRW die großen Städte? Die großen Städte sind oft Vorläufer gesellschaftlicher Entwicklungen und insofern auch Prägestätten für die Herausbildung politischer Präferenzstrukturen. Alle Parteien müssen deshalb die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich in den Metropolen der Republik vollziehen, beobachten und entsprechend darauf reagieren. Tun sie dies nicht, verlieren sie schnell den Anschluss an gesellschaftliche Entwicklungen und somit auch Vertrauen in der Wählerschaft. Die unvermeidliche Frage zur FDP: Fischt sie am rechten Rand? Die FDP ist immer wieder in Versuchung, neben der Mobilisierung des liberalen Potentials auch im durchaus auch in Deutschland vorhandenen rechtspopulistischen Milieu zu „wildern“. Doch das klassische liberale und das rechtspopulistische Milieu unterscheiden sich fundamental und sind nicht in einer politischen Gruppierung zu bündeln. Entsprechend müssen die Versuche der FDP, am „rechten“ Rand nach Wählern „zu fischen“, fehlschlagen – wie der Versuch von Möllemann 2002 oder der aktuelle von Westerwelle. Zur Person Manfred Güllner, an der Uni Köln studierter Soziologe und diplomierter Kaufmann, war 1978-1983 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Köln. Mit seiner 1984 gegründeten forsa Gesellschaft für Sozialforschung wechselte er 1991 von Dortmund nach Berlin. An der FU Berlin lehrt der Wahlforscher Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. MENSCHEN, NICHT PARTEIEN WÄHLEN INES IMDAHL ÜBER WERBUNG, WAHLEN UND MULTIPLE PERSÖNLICHKEITENchoices: Frau Imdahl, Ihr Institut hat festgestellt, dass Werbung zunehmend akzeptiert wird. Trifft das auch auf die drohende Wahlwerbung zu? Ines Imdahl: Das Wort „drohend“ passt ganz gut, denn Wahlwerbung ist in aller Regel nicht wirklich gut. Sie macht einen zentralen Fehler, den wir in der Mediaplanung sehr häufig antreffen. Sie meint, möglichst penetrant sein zu müssen, damit die Wähler sie auch wahrnehmen. Aber ohne Werbung geht es auch nicht? Die Menschen denken, eine Partei hat nur dann eine gewisse Bedeutung, wenn sie präsent ist. Nichtsdestotrotz fühlen wir uns genervt, wenn uns die Plakate an jeder Ecke überfallen. Die Akzeptanz von Werbung bezieht sich vor allem auf ihren Inhalt, nicht auf die Form ihrer Präsentation. Die Form sollte dem Inhalt folgen. Wie wichtig ist dann das Ambiente eines Wahllokals? Es wäre natürlich schöner, wenn diese Räumlichkeiten etwas netter gestaltet wären. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Die Wähler haben ihre Entscheidung in der Regel schon vorher getroffen und sind dabei stärker von der Umgebung beeinflusst, in der sie leben als vom Wahllokal. Wie wählen Frauen, wenn sie denn wählen? Unterscheiden sie sich dabei von den Männern? Frauen neigen stärker als Männer dazu, sich zunächst einmal aus dem Angebot der PolitikerInnen eine Art Idealteam zusammenzusetzen. Sie finden vielleicht Ursula von der Leyen von der CDU gut, aber auch Sylvia Löhrmann von den Grünen. Für die Gebildeteren ist häufig die persönliche Kompetenz der jeweiligen Person wichtig. Die weniger Intellektuellen suchen nach einer Person ihres Vertrauens, die ihre Interessen vertritt. Kurz, wenn Wählerinnen so könnten, wie sie wollen, würden sie am liebsten Menschen, nicht Parteien wählen. Hinzu kommt, dass Frauen politisch nicht so festgelegt sind wie Männer. Allerdings lässt auch bei denen die Parteienbindung nach. Käme dem weiblichen Auswahlverfahren da nicht ein Wahlmodus entgegen, der den Wählern eine Auswahl der Parteikandidaten ermöglicht – wie das Kumulieren und Panaschieren? Das käme der weiblichen Haltung sicherlich entgegen. Damit wird aber Werbung nicht überflüssig. Auch diese Menschen müssten sich und ihre Botschaft bekannt machen. Sollten Frauen Frauen wählen, weil Frauen anders sind? Frauen wählen Frauen nicht, weil sie Frauen sind. Sie denken auch im normalen Alltag nicht so. Männer sind da anders und bilden nicht nur in der Politik Männernetzwerke. Frauennetzwerke sind da eher Sandkastenspiele. Unter Frauen ist man entweder Freundin oder Feindin. Auch Männer können durchaus irrational handeln. Ist der Wähler an sich als Konsument von Politik eine schizophrene und multiple Persönlichkeit? Die Menschen reagieren heute vielfältiger als früher, abhängig von ihrer Verfassung und ihren Eindrücken. Insgesamt sind sie multiple Persönlichkeiten. Heute kann ich beim Thema Klima grün sein, bei sozialen Fragen eher die Position der SPD teilen, bei Wirtschaftspolitik mit der CDU unterwegs sein. Man will sich nicht mehr so festlegen lassen und pocht auf die eigene Meinung. Wirklich dramatisch finde ich das nicht. Zur Person Ines Imdahl ist Diplom-Psychologin und Geschäftsführende Gesellschafterin vom rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen in Köln. Arbeitsschwerpunkte sind Markt- und Kulturpsychologie und das Thema Frauen und Werbung. CHANCENGLEICHHEIT UND SUPERVIELFALT WOLF-D. BUKOW ÜBER ABSTRAKTE FREMDENFEINDLICHKEIT, MENSCHENWÜRDE UND BILDUNGSPOLITIK IN NRW
choices: Herr Bukow, es ist Wahlkampf. Gestritten wird u.a. über Hartz IV. Hier soll nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Menschenwürde als Richtschnur gelten. Ist das zu viel verlangt? Prof. Dr. Wolf-D. Bukow: Nein, das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Nun sagt das Urteil nichts über die Höhe der Leistungen aus, sondern fordert eine seriöse Berechnung der Bedarfe. Bei Kindern und Jugendlichen heißt das etwa, die Notwendigkeit von Bildung zu berücksichtigen. Das ist bisher peinlicherweise nicht geschehen. Die Bildungspolitik von NRW wie von Deutschland insgesamt hat nicht den besten Ruf. International gesehen ist sie sehr schlecht aufgestellt. Sie soll für Chancengleichheit sorgen, das Recht auf Bildung steht ja immerhin im Grundgesetz. Aber unser Bildungssystem vernachlässigt systematisch insbesondere die unteren sozialen Schichten. Am Schicksal der Einwanderer wird erneut deutlich, dass unser Bildungssystem noch immer an der Drei-Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts orientiert ist. Sie haben hier einmal einen „schon fast selbstverständlichen alltäglichen Rassismus“ beklagt. Politiker haben in den letzten Jahrzehnten insbesondere Wahlkämpfe benutzt, um das Thema Zuwanderung zu skandalisieren. Damit haben sie zu neuen Formen des Rassismus, zu einer vergleichsweise abstrakten Fremdenfeindlichkeit beigetragen. Inzwischen besinnt man sich wieder darauf, dass Gesellschaften mehr denn je auf Zu- und Abwanderung basieren. Insbesondere in den Städten haben wir eine massive Fluktuation. In Frankfurt etwa tauscht sich die gesamte Bevölkerung statistisch gesehen innerhalb von 15 Jahren vollständig aus. In Köln geht es mit 20 Jahren etwas langsamer. Die Vielfalt der Menschen nimmt extrem zu, die Verweildauer vor Ort nimmt dagegen ab. Was heißt eine vergleichsweise abstrakte Fremdenfeindlichkeit? Der politisch produzierte Rassismus bricht sich an anderen Alltagserfahrungen. Eine Ausgrenzung funktioniert nicht, wenn man aufeinander angewiesen ist und Menschen mit verschiedensten Migrationshintergründen zusammenleben und zusammenarbeiten müssen. Hier siegt der Alltag über die Ideologie. Was bleibt da für die Politik im Land zu tun? Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft von extremer Vielfalt. In der Soziologie spricht man bei manchen Städten sogar von einer „Supervielfalt“. Man sollte auf allen Ebenen aufhören, naiv von Integration zu sprechen und stattdessen die Vielfalt der Menschen, Kulturen und Religionen ernst nehmen. Und man sollte genauer hinsehen, wo Menschen ungleich behandelt werden und wo die Herstellung der Chancengleichheit notwendig ist. Man sollte versuchen, die marginalisierten Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft zurückzuholen. Die Stichworte der Zukunft sind Chancengleichheit, Beteiligung und Zivilgesellschaft. Zur Person Wolf-D. Bukow ist Professor für Kultur- und Erziehungssoziologie am Seminar für Sozialwissenschaften und Sprecher der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln. Mehr unter www.cedis.uni-koeln.de EINE KULTURREVOLUTION, BITTE CLAUS LEGGEWIE ÜBER NRW, DIE IGNORANZ DER POLITIK UND DIE HARTE WIRKLICHKEITchoices: Herr Leggewie, einmal angenommen, Sie hätten wirklich Macht im Lande. Wohin würden Sie die Umweltpolitik von NRW lenken? Claus Leggewie: Mein Mantra ist schon länger, dass das Industrieland NRW über genügend Potential und Phantasie verfügt, um eine massive Politik der Konversion zu betreiben. Das heißt etwa, Opel nur retten, wenn damit der Einstieg in eine intelligente Mobilitätspolitik verbunden ist. Konjunkturpakete so schnüren, dass Energiesparen und Energieeffizienz ganz nach oben rücken. In der Energiepolitik haben wir aus klimatischen Gründen nur noch fünf bis zehn Jahre Zeit, um umzusteuern. NRW könnte hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Viele Unternehmen setzen noch auf fossile Energien, aber viele haben alternative Lösungen in der Schublade. Von Klimakrise und Finanzkrise ist im bisherigen NRW-Wahlkampf kaum etwas zu spüren. Es ist symptomatisch, wie wenig die Eliten nicht nur hierzulande die Krisen der globalen Industriegesellschaft thematisieren. Das Kleinklein und die politischen Spielchen in NRW unterscheiden sich da nicht. Offensichtlich findet die Politische Klasse aus psychologischen wie aus strukturellen Gründen keinen Zugang zur veränderten Welt. Bundesthemen wie Hartz IV spielen doch eine Rolle ... Aber wir tun dabei so, als könnte man die Wucht der Globalisierung mit einer bereinigten Sozialpolitik abfangen. Die Diskussion läuft gleich zweifach schräg. Zum einen hat die populistische Kampagne der FDP das Thema auf einen Klassenkampf von oben reduziert. Ebenso absurd ist die links-sozialdemokratische Illusion, eine reine Umverteilung würde durch die Krise retten. Die massive Massenarbeitslosigkeit dauert schon seit über 30 Jahren an. Das Ausblenden dieser Wirklichkeit haben Sie zusammen mit Harald Welzer als „kognitive Dissonanzen“ beschrieben. Damit ist gemeint, wie schmerzfrei man der Diskussion um die wirklichen Probleme ausweicht. Man betet das System gesund, oder man ignoriert die Sachlage. Herauskommen Pseudo-Lösungen wie die Abwrackprämie. Aber auch das politische Publikum hängt an der Nabelschnur der Illusionen. Es führt nichts an der von Ihnen geforderten „Kulturrevolution des Alltags“ vorbei? In der Tat, das ist die harte Botschaft. Wir müssen ohne moralischen Zeigefinger zur Erkenntnis beitragen, dass der König nackt ist und der Wohlfahrtsstaat dringend umgebaut werden muss. Das wird nicht per Verbot oder Dekret funktionieren. Die „Menschen draußen im Lande“ müssen eine eigene Motivation entwickeln, um ihren Lebensstil zu ändern. Dazu bedarf es zur Unterstützung allerdings auch der richtigen politischen Mehrheiten, die eine Selbstveränderung mit kluger Gesetzgebung und vernünftigen Marktanreizen unterstützt. Zur Person Claus Leggewie studierte in Köln und Paris, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Gießen, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Mehr unter www.kwi-nrw.de Findling 28Cocooning versus OutgoingErst mal zum Vino passende leckere Schokolade auf der günstig erstandenen, gemütlichen Couch. Dann rein in die gerade erworbenen Lieblingstiefel, die fantastische Retrotasche gepackt und den neuen Second-Hand-Mantelangezogen. So könnte der Abend beginnen, wenn man tagsüber erfolgreichbei unseren Findlingen shoppen war...Wohnlich. Bei Möbel und mehr gibt es von allem tatsächlich eher viel mehr als weniger. Bis unter die Decke ist der Laden mit allem, was man für die Wohnung braucht, vollgestellt. Schatz-sucher werden bei der Auswahl von Sofas, Antiquitäten, Schulpulten, Vasen bis hin zu Lampen ganz bestimmt fündig. Die Second Hand-Angebote bekommt man bereits ab einem Euro. Und Anfassen und Ausprobieren ist durchaus erlaubt! ![]() Möbel und mehr Werner Hoffmann Aachener Straße 370 50677 Köln Tel.: +49 (0) 221/16 871 379 nc-moebelwe@netcologne.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 10:00 bis 18:30 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr Made for walking. Iriselle klingt wie Musik und dazu tanzen kann Frau mit besonders schönen Schuhen und Stiefeln von beispielsweise Harlot oder Hispanitas. Inhaberin Iris Hilbig hat ihr in Köln bereits bekanntes und beliebtes Sortiment um hochwertige, bezahlbare und teils exklusive Kleidungsstücke, Taschen und Accessoires europäischer und lokaler Designer erweitert. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe chic belgique lädt Iriselle am 8. Mai zum verkaufsoffenen Samstag bis 22 Uhr. Für Sekt & Süßes ist auch gesorgt. ![]() Iriselle Iris Hilbig Engelbertstraße 31 a 50674 Köln Tel.: +49 (0) 221/ 82 31 859 Fax: +49 (0) 221/ 82 31 859 info@iriselle.de www.iriselle.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 14:00 bis 20:00 Uhr samstags 12:00 bis 18:00 Uhr Retroperspektive. Kleidung von nobel bis schrill, Modeschmuck aus teils eigener Kreation, Retrotaschen mit außergewöhnlichen Motiven bietet der Second-Hand-Laden Die Garderobe. Auf Kommissionsbasis nehmen die beiden Inhaberinnen Thekla Schaaf und Cornelia Walter ausgesuchte Klamotten-Schätze an und freuen sich auch immer wieder über tolle Gespräche mit ihren Kunden. Second Hand ist eben First Choice! ![]() Die Garderobe Corinna Walter und Thekla Schaaf Körnerstraße 29 50823 Köln Tel.: +49 (0) 221/997 133 60 die-garderobe@web.de Öffnungszeiten: mittwochs bis freitags 11:00 bis 18:30 Uhr samstags 11:00 bis 15:00 Uhr Zarte Versuchung. Ess- und trinkbare Glücksgefühle bietet EBERLEH Kaffee- und Schokoladen-vielfalt. Inhaber Heinz-Dieter Eberleh erhebt Genuss zur Kunst und reicht immer wieder gerne Kostproben. Ob zu Wein, Kaffee, als Likör oder zum Whiskey für jedes Getränk und jeden Anlass gibt es Geschmacksexplosionen auf Basis der Kakaobohne. Ein Musthave für echte Kaffeetrinker – die AVEO TravelPress. Eine schicke Alternative zum klassischen “Coffee to go“, in trendigen Farben. ![]() EBERLEH Kaffee-und Schokoladenvielfalt Heinz-Dieter Eberleh Wittgensteinstraße 29 50931 Köln Tel.: +49 (0) 221/964 399 50 Fax: +49 (0) 221/ 964 399 52 info@eberleh.com www.eberleh.com Öffnungszeiten: montags 10:00 bis 13:00 Uhr und 15:00 bis 18:30 Uhr dienstags vormittags geschlossen 15:00 bis 18:30 Uhr mittwochs bis freitags 10:00 bis 13:00 Uhr und 15:00 bis 18:30 Uhr samstags 10:00 bis 14:00 Uhr Montag, 1. März 2010KREATIVES KÖLNKREATIV SEIN, MEHRWERT SCHAFFEN RECHTSANWÄLTE, KÜNSTLER, FUSSBALLER, INGENIEURE – ALLES KREATIVE KLASSE CHOICES-THEMA IM März: KREATIVES KÖLN Kreativ sein ist das Gebot der Stunde. Die Kulturmetropole Köln muss zur Kreativmetropole werden. Alternativen? Keine, wenn es nach der Wirtschaftsförderung geht.
KREATIVE ERZÄHLUNGEN Diese Kapitel Kölner Kreativgeschichte werden in offiziellen Darstellungen der Stadt gern übergangen. Das dürfte vorbei sein, denn sie fügen sich bruchlos in ein Label ein, mit dem sich immer mehr Städte weltweit schmücken wollen – auch Köln folgt dem Trend. Nur als „kreative Stadt“ können Städte heute überleben und längerfristig Perspektiven entwickeln, sagt der US-Soziologe Richard Florida. Dem Erfinder des Begriffs, inzwischen auch ein höchst dotierter Berater, gilt als kreativ, wer möglichst viele Mitglieder der „kreativen Klasse“ in seine Kommune lockt und seine Stadtpolitik an den Prinzipien Technik, Talent und Toleranz – kurz den „drei Ts“ – ausrichtet. Erfolg lässt sich auch messen – so Florida. Zum Beispiel am „Gay Index“. Der Schwulen-Anteil an der Bevölkerung soll viel über die lokale Toleranz verraten, aber auch etwas über die Kreativität der Gemeinde, denn viele Schwule arbeiten in Kreativ-/Kulturberufen. In der deutschen Debatte zum Thema wird gerne das erste „T“ unterschlagen. Man kapriziert sich stattdessen auf „Kreative und Künstler“ und Berufe wie Designer, Musiker oder Filmemacher und Bildende Künstler. Tatsächlich rechnen Florida und die Seinen nicht nur diese „Bohemiens“ der „kreativen Klasse“ zu. Für sie gehören auch Naturwissenschaftler, Mediziner, Architekten, Rechtsanwälte, Ingenieure, Computerfreaks, aber auch Köche, Friseure oder Sekretärinnen dazu, vorausgesetzt, sie bewegen sich im „kreativen Umfeld“ und sorgen für Innovationen. Und je mehr, desto besser, denn Wirtschaften ohne Innovation ist heute – Überraschung – nicht mehr denkbar. „Entweder du bist kreativ und innovativ, oder du bist draußen“, hat ein Wirtschaftswissenschaftler dazu lapidar bemerkt. Da tut es gut zu wissen, dass nach EU-Berechnungen weit mehr als ein gutes Drittel der europäischen Erwerbstätigen der kreativen Klasse im Sinne Floridas zuzurechnen sind. Künstler machen dabei nur einen Bruchteil aus. KREATIVE WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG Die Bandbreite der kreativen Klasse stellt die kommunale Wirtschaftsförderung freilich vor Probleme. Der Slogan „kreative Stadt“ ist attraktiv, aber die Ansiedlung von Rechtsanwälten fördern? Wenn es um Interessenlagen und Einkommen geht, zerfällt die Klasse schnell in kaum kompatible Einzelteile. Die Spanne reicht von prekären Lebensverhältnissen bis hin zu gut bis sehr gut Verdienenden, die in Suburbia residieren – mit eigenem Haus, zwei Autos und Familie. Kreative Geringverdiener leben dagegen lieber citynah und suchen ihre Inspirationen in urbaner Atmosphäre. Dabei schaffen sie ganz nebenbei die lebendige Stadt und fungieren als „Standortbildner“ und Produzenten von innerstädtischer Lebensqualität, die die Besserverdienenden wiederum konsumieren, so die Sozialwissenschaftlerin Sabine Hafner. Eine gewisse Gemeinsamkeit stellt sich freilich wieder her, wenn die Kreativen aller Gruppen nach ihren Wünschen an die Stadtpolitik befragt werden. Auf den ersten Plätzen rangiert die Hoffnung auf einen guten öffentlichen Nahverkehr, auf eine funktionierende soziale Infrastruktur vom Kindergarten bis zur Grünfläche, auf ein qualifiziertes (Aus)Bildungsangebot und –wenn’s geht – auf billigen Wohnraum. Kurz: Sie wollen die soziale Stadt. Das ist manchmal schwerer zu realisieren. Denn wenn die kreativen Pioniere einen Stadtteil aufgewertet haben, folgen ihnen in der Regel gut verdienende Interessenten und treiben die Mieten hoch. Vor 30 Jahren wurde dieser Prozess als Gentrification beschrieben – das Ergebnis ist heute in Nippes oder der Südstadt zu besichtigen. Damals begann die Stadt auch, sogenannte „Technologie-Zentren“ auf altindustriellen Arealen zu fördern. Sie lagen eher am Stadtrand und häufig in wenig attraktivem Umfeld. Hier hat sich die Strategie verändert. „Kreativzentren“ werden heute mitten in den Stadtteil platziert. Und manchmal in Konkurrenz zu existierenden Szenen wie in Ehrenfeld, wo ein „design quartier ehrenfeld“ der längst real existierenden „Design Szene Ehrenfeld“ aufhelfen soll. TEXT/Interviews: PETER HANEMANN/WOLFGANG HIPPE DIE KUNST, DAS UNWICHTIGE WEGZULASSEN MAGDA SCHIEGL ÜBER KREATIVITÄT UND RISIKO
choices: Frau Schiegl, welche Risiken verbinden sich mit kreativem Tun? Magda Schiegl: Ich sehe keine Risiken, die per se mit Kreativität verbunden wären. Eine Idee für etwas Neues führt ja nicht unmittelbar zur Anwendung. Das Risikopotential liegt in der Bewertung. Das bekannteste Beispiel: Darf ich eine Atombombe bauen oder nicht? Jenseits von ethisch-moralischen oder wirtschaftlichen Fragen muss doch zunächst das Zerstörungspotential der Bombe geklärt sein. So etwas kann man relativ einfach berechnen oder doch zumindest abschätzen. Dazu gibt es mathematische Formeln. Allerdings braucht man realitätsnahe Modelle und Annahmen, auf die sich die Berechnungen stützen können. Erfüllt „meine Formel“ diese Anforderungen nicht, mache ich einen – je nach Anwendung – unangenehmen bis verheerenden Fehler. Um dieses Risiko zu minimieren, rechnet man sein Modell immer wieder unter verschiedenen Annahmen durch. Im Journalismus verlassen Sie sich ja auch nicht auf nur eine Quelle. Das hört sich nach Handwerk an. Wo bleibt da die kreative Mathematik? Mathematik ist für mich in der Tat Handwerkszeug, denn ich bin Physikerin. PhysikerInnen sind an der effektiven Lösung von Problemen interessiert, weniger am mathematischen Formalismus an sich. Unsere Kreativität liegt im kreativen Umgang mit Mathematik. Unsere Tätigkeit kann man vielleicht mit dem Malen eines abstrakten Bildes vergleichen. Nicht in dem Sinne abstrakt wie „Konkrete Kunst“, eher im Stil des Blauen Reiters und der frühen Expressionisten. Man abstrahiert die Wirklichkeit, sucht nach Aspekten, die für ein mögliches Risiko relevant sind. Es ist die Kunst, Unwichtiges wegzulassen und die wichtigen Zusammenhänge zu betonen. Eins Ihrer Modelle setzten Sie als Monte-Carlo-Simulation um. Das ist eine Computersimulation, die Zufallszahlen erzeugt. Die Verteilung der Zahlen wird vorgegeben. Die Simulation wird zur Analyse größerer Komplexe angewendet, deren Einzelteile auf unterschiedliche Art dem Zufall unterliegen. Diese Methode verwendet man beispielsweise bei der Prognose von Bank- oder Versicherungsbilanzen. Eine Bilanz besteht im Wesentlichen aus Summationen und Subtraktionen verschiedener Positionen. Manche hängen vom Zufall ab wie z. B. der Marktwert von Aktien oder von Schuldverschreibungen. Man simuliert viele dieser Zufallsprozesse und erhält dann nicht ein Ergebnis, sondern viele verschiedene, aus denen Sie die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Ereignisses ableiten können, z. B. die Insolvenz der Bank im nächsten Jahr. Daher Monte-Carlo-Simulation. Der Name leitet sich tatsächlich von der Spielbank ab, vom Zufall und dem Risiko – „Konkrete Wirklichkeit“: siehe letztes Jahr. Zur Person Magda Schiegl ist Professorin am Institut für Versicherungswesen der Fachhochschule Köln. Sie lehrt Schaden und Krisenmanagement. AN DER ZUKUNFT ORIENTIERT MICHAEL FRANTZEN ÜBER FAHRWERKSYSTEME UND ZUKÜNFTIGE KREATIVARBEIT choices: Herr Frantzen, Ingenieure gelten vielen als Technikfreaks mit Imageproblemen. Kann man da kreativ sein? Michael Frantzen: Der Ingenieurberuf ist natürlich zunächst einmal mathematisch-technisch geprägt, kreativ und intuitiv zu arbeiten, steht dazu aber nicht im Widerspruch. Ob ein Ingenieur kreativ arbeitet und innovativ sein kann, hängt von der konkreten Person, ihrer Tätigkeit und auch vom Arbeitgeber ab. Woran arbeiten Sie? Ich bin technischer Experte für zukünftige Fahrwerksysteme. Mein Team ist damit beschäftigt, die ohnehin schon guten Fahrwerke von Ford noch zu verbessern und an künftige Herausforderungen, wie CO2-Reduktion durch Fahrzeugleichtbau oder der Verbesserung der Fahrdynamik, anzupassen. D.h., Ihrem Knowhow verdanken wir, wenn die Fahrzeuge trotz hoher Geschwindigkeit ruhig auf der Straße liegen? Eines unserer Produkte, der sogenannte „RevoKnuckle“, ist ein Fahrwerksystem, das den Fahrer in bestimmten Fahrsituationen entlastet, weil es den Antriebseinfluss auf die Lenkung deutlich reduziert. Dabei geht es weniger um die Höchstgeschwindigkeit als um das maximale Drehmoment des Motors, den Beschleunigungsvorgang und das Fahren auf unebenen oder einseitig glatten Fahrbahnen. Für die Erfindung wurde uns ein Patent erteilt, und auch meine Promotion im letzten Jahr drehte sich teilweise um dieses Thema. Sie wird seit dem letzten Jahr in den Ford Focus RS eingebaut und macht diesen mit Frontantrieb, 440 Nm Drehmoment und 305 PS erst möglich. Ist das ein typisches Beispiel für Ihre Tätigkeit? Im Grunde schon. In diesem besonderen Falle hat mein Team das Produkt sogar ausnahmsweise bis in die Serie betreut. Für Themen der Forschung erfolgt sonst nach der Konzeptentwicklung meist eine Übergabe an die Kollegen von der Vor- oder Serienentwicklung. Hier im Forschungszentrum arbeiten wir normalerweise etwas anders als die Kollegen dort. Wir sind nicht so eng in das Tagesgeschäft eingebunden und haben mehr Freiräume, in neue Technologien hineinzuschauen. Sie machen Grundlagenforschung? Das ist unsere eigentliche Aufgabe: neue Wege zu gehen. Ursprünglich wurde auch der RevoKnuckle nicht für einen bestimmten Fahrzeugtyp entwickelt, sondern fing als Machbarkeitsstudie an. Der Focus RS war sozusagen unser erster Kunde dafür. Was die Forschung betrifft, arbeiten wir ja entlang einer längeren Zeitschiene. Es gibt in anderen Bereichen zum Beispiel das Thema Wasserstoff, das weit in die Zukunft weist. Sehen Sie den Ingenieur der Zukunft als „Kreativarbeiter“? Wir müssen uns zunehmend dem globalen Wettbewerb stellen. Das gilt inzwischen nicht nur für die Produktionsstandorte, sondern auch für Entwicklung, Vorentwicklung und Forschung. Neben der fachlich-technischen Kompetenz ist es die Kreativität, die den Ingenieur der Zukunft definiert. Zur Person Dr.-Ing. Michael Frantzen ist Teamleiter Zukünftige Fahrwerksysteme, Ford Forschung Europa. IM WILDEN OSTEN BERND A. HARTWIG ÜBER LEBEN UND ARBEITEN IN KÖLN-KALK
choices: Herr Hartwig, Köln-Kalk hat immer noch den Ruf eines Arbeiterstadtteils. Gibt es trotzdem kreative Areale? Bernd A. Hartwig: Die gibt es seit über 10 Jahren, kurz nach dem Ende der Chemischen Fabrik CFK. Damals hatten wir große Hoffnungen auf einen Aufbruch. Kalk hatte den ehrlichen, erdigen, manchmal rauen, aber immer liebenswerten Charme, der für kreatives Arbeiten den idealen Nährboden bildet. Besonders in den Gegenden um die Trimbornstraße, rund um die Kalker Kapelle und in den Arealen der alten Güterbahnhöfe ließen sich erste kleine Pflänzchen einer kreativen Szene erkennen. Initiativen wie „kran51“ oder Lokale wie der „Blaue König“ und die „Vorstadtprinzessin“ wurden zum Treffpunkt von Gestaltern, Autoren, Jungregisseuren, Architekten und Künstlern aus dem rechtsrheinischen Köln. Fühlen Sie sich als Pionier? Ein bisschen schon. Manchmal fühlt sich Kalk mit seinen Drogendealern, der italienischen Mafia und den pöbelnden Prolls ein bisschen nach Wildem Westen an. Von einem kuscheligen, etablierten oder gar mondänen Lebensgefühl ist hier wenig zu spüren. Aber die Brüche, die Lebendigkeit und zum Teil auch die Hässlichkeit Kalks sind gleichzeitig sein Potential. Allerdings sind die Hoffnungen auf Veränderung deutlich gedrosselt. Warum? Weil die Entwicklung auf dem ehemaligen CFK-Gelände eine Katastrophe für Kalk ist – ohne jeden Bezug zu seinen Bewohnern und seiner Geschichte. Der neu entstehende Retorten-Stadtteil liegt an der Autobahnauffahrt und nicht in Kalk. Die Köln-Arcaden riegeln das Gelände hermetisch von Kalk ab. Durch den Konkurrenzdruck der Arcaden verödet die ehemals sehr lebendige Kalker Hauptstraße. Immerhin gibt es auf dem CFK-Gelände das Odysseum. Das Odysseum scheint eher das Feigenblatt einer Investorenplanung zu sein, aber kein wirklich wegweisendes Wissenschaftsmuseum wie beispielsweise das „Nemo“ in Amsterdam. Hier bewies Köln einmal mehr den Hang zum unteren Mittelmaß. Hat die Halle Kalk des Schauspielhauses dem Stadtteil zu mehr Urbanität verholfen? Sie hat. Wäre sie zum ausschließlichen Ersatzspielort für das Schauspielhaus geworden, wäre das zumindest ein Zeichen dafür gewesen, dass die Stadt Köln Kalk als kulturellen und kreativen Stadtteil noch nicht ganz aufgegeben hat. Welche Perspektive hat Kalk für einen Anschluss an die Kölner Innenstadt? Von der S-Bahn-Haltestelle Trimbornstraße sind es nur fünf Minuten zum Hauptbahnhof, und die KVB fährt in neun Minuten von Kalk Post zum Neumarkt. Die Lage wäre also durchaus mit Ehrenfeld oder Nippes zu vergleichen. Tatsächlich ist Kalk aber durch den Deutzer Ring, den östlichen Zubringer und die Trutzburgen des Technischem Rathauses und der Lanxess-Arena von Köln abgeschnitten. Einzig die Fachhochschule zwischen Deutz und Kalk war bisher Bindeglied. Zur Person Bernd A. Hartwig lebt und arbeitet seit 10 Jahren in Köln-Kalk und ist Kommunikationsdesigner im Büro für Brauchbarkeit: www.brauchbarkeit.de. KREATIVITÄT IM TEST HANS ULRICH RECK ÜBER INTELLIGENZ UND DAS ERHABENE IN KUNST UND ALLTAG choices: Herr Reck, kann man Kreativität überhaupt definieren? Hans Ulrich Reck: Das Wort „kreativ“ nähert sich zunächst einmal dem Begriff des „Schöpferischen“. Das war früher begrifflich mit einer spezifischen Anstrengung, mit einer Überschreitung verbunden. Schöpferische Individuen galten als grenzwertig, als Ausnahme. Daraus hat sich in der Romantik der Genie-Begriff entwickelt. Das „Kreative“ ist neueren Ursprungs, im Brockhaus von 1894 kommt „Kreativität“ beispielsweise noch nicht vor. Wann tauchte der Begriff denn auf? Der Begriff kam im Laufe des 20. Jahrhunderts als ein Zweig der Psychologie, der Kreativitätsforschung in den USA, auf die Welt – übrigens in engem Zusammenhang mit dem Militär. Nicht nur dort wurden regelmäßig Daten zum Bildungsstand von Rekruten erhoben. In den USA hat man festgestellt, dass die Schwarzen bei Intelligenztests deutlich schlechter abschnitten. Das ist nicht verwunderlich, weil Intelligenz nicht in absoluten Werten gemessen wird, sondern in Korrelation zum sozialen Hintergrund und dem Stand der Bildung – was auch etwas mit Reichtum und Armut zu tun hat. In den Fünfziger Jahren suchte man dann nach anderen Qualitäten, die der schwarzen Bevölkerung bessere Testresultate ermöglichen und so gewissermaßen die Existenz der Chancengleichheit beweisen sollten. Kreativität statt Intelligenz? Richtig ist, dass die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit durch Bildung modelliert wird, dass dies aber nicht ausreicht, um „Intelligenz“ hinreichend zu erklären. Also griff man auf andere Bereiche zurück, auf kulturelle Qualitäten wie Originalität, Fantasie, Reichtum der persönlichen Kultur, eben alles, was nicht vom Schulsystem vermittelt wird und was „Kreativität“ begründen könnte. Die damaligen gut dokumentierten Pionierarbeiten setzten alles daran, solche Merkmale zu finden. Aus heutiger Sicht sind diese Merkmale wissenschaftlich nicht wirklich objektiviert worden. Das Scheitern hat der Popularität des Begriffs Kreativität nicht geschadet. Das wiederum hängt ohne Zweifel mit der Entwicklung der Bildenden Künste und ihrem Eindringen in den gesellschaftlichen Alltag zusammen. Die Künste entwickelten sich seit der Renaissance als der Bereich, von dem man etwas Originelles, etwas Neues, aber immer auch moralisch Schönes, Erhabenes erwartete. Im frühen 20. Jahrhundert begannen Künstler, sich zunehmend dieser Rolle zu verweigern. Deshalb kam vermehrt die Frage auf „Was ist daran kreativ?“ Man könnte sagen, die Behauptung, dass Kreativität auch außerhalb der Kunst möglich ist, ist die Rache der Enttäuschten dafür, dass die Künste nicht mehr das Erhabene, sondern das Hässliche, das Unverständliche ablieferten. Zur Person Hans Ulrich Reck ist Philosoph, Kunstwissenschaftler, Publizist und Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Er hat u.a. den „Index Kreativität“ (Köln 2007) verfasst. Freitag, 26. Februar 2010DIE 60. BERLINALE
1951 fanden in Berlin die ersten Internationalen Filmfestspiele statt. Nun feierte die Berlinale ihren 60. Geburtstag. Anlass für zahlreiche retrospektive Vorführungen. Aber auch in den übrigen Sektionen bot die Jubiläumsberlinale in diesem Jahr ein breites Spektrum an Filmen, darunter zahlreiche Neu- und einige Wiederentdeckungen. Im Wettbewerb liefen "The Ghost Writer" von Roman Polanski, der mit einem Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, ebenso wie "The Killer Inside Me", eine Romanverfilmung, an welcher sich der 2003 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Regisseur Michael Winterbottom diesmal, großartiger Kamera und hervorragendem Cast zum Trotz, gründlich verhoben hat. "Shahada" , der eindringliche Debütfilm des Deutsch-Afghanen Burhan Qurbani, der zugleich der erste Spielfilm der Berliner Produktionsfirma Bittersüß ist, zeigte an drei Beispielen einfühlsam und realitätsnah die Krisen und Konflikte junger Muslime in der deutschen Hauptstadt. Die gelungene schwarze Komödie "En Ganske Snill Mann (A somewhat Gentle Man)" deklinierte das Gangsterfilmgenre auf höchstem Niveau weiter, außer Konkurrenz lief Scorseses "Shutter Island" und sorgte für Starrummel auf dem Potsdamer Platz. Im Berlinale Special war Jackie Chan in Ding Shengs historischem Buddy-Movie "Da Bing Xiao Jiang" (Little Big Soldier) zu sehen, und der Dokumentarfilm "S.O.S. / State of Security" von Michèle Ohayon setzte sich aus der Perspektive des Terrorismus-Experten Robert (Dick) Clarke kritisch mit der Innen- und Außenpolitik der USA auseinander und stellt die Frage, welche Aufgaben und Verpflichtungen ein moderner demokratischer Rechtsstaat seinen Bürgern gegenüber hat. Auch Panorama und Forum zeigten in diesem Jahr eine große Vielfalt an Filmen. Dabei fielen einige Beiträge durch ihre großartige Machart ebenso auf wie durch die Einzigartigkeit ihres Erzählansatzes. "Ya" ("I am") erzählt die Geschichte eines jungen avantgardistischen Autors, der sich - seiner tiefen Bewunderung zu einem charismatischen Hippie folgend - aus Liebe zu einer Krankenschwester freiwillig in eine Psychiatrie einweisen lässt. Der russische Regisseur Igor Voloshin komponierte einen anarchistischen Bilderrausch, der anmutet, als hätten David Lynch und Chris Cunningham gemeinsam Drogen konsumiert und ein aufwändiges, nie endendes Musikvideo gedreht. In dem israelischen Film "Phobilia" spielt Ofer Schechter einen an Agoraphobie leidenden Jungen Mann, der seit 4 Jahren nicht mehr das Haus verlassen hat, sich in seiner Wohnung mit Hilfe von Fernsehen und Internet eine perfekte Ersatzwelt schuf und sich nun den Versuchen seines Vermieters erwehren muss, ihn vor die Tür zu setzen. In der US-Komödie "Father of Invention", die auch bei uns in die Kinos kommen soll, spielt Kevin Spacey den erfolgreichen Erfinder von Kombinationsgeräten namens Robert Axle, ein wahres Stehaufmännchen, das nach seinem glanzlosen Absturz und einem längeren Gefängnisaufenthalt wieder ganz von unten anfangen muss. Eine der ganz großen Entdeckungen dieses Festivals war der spanische Spielfilm "El Mal Ajeno" (For The Good Of The Others) von Oskar Santos. Als eine schwangere Schmerzpatientin nach einem Selbstmordversuch ins Koma fällt, konfrontiert ihr verzweifelter Verlobter ihren Krankenhausarzt Diego in der Tiefgarage mit einer Waffe in der Hand, schießt auf ihn und tötet sich anschließend selbst. Als Diego kurz darauf wieder zu sich kommt, hat er keinen Kratzer. Schon bald stellt er fest, dass er plötzlich über eine außergewöhnliche Gabe verfügt, eine Fähigkeit, die ihn über alle Menschen erhebt, die aber Segen und Fluch zugleich ist. Oskar Santos zeichnet hier eine Geschichte voll menschlicher Dramen und Tragödien. Er reichert sie gekonnt an mit Elementen des mystischen Thrillers und des Magischen Realismus und vermischt alles virtuos mit Leichtigkeit und Humor. Ein atemberaubendes Debüt. Produziert wurde der Film von Alejandro Amenábar, der in der Vergangenheit bereits mit seinen Regiearbeiten "Thesis" und "Abre Los Ojos" auf der Berlinale vertreten war. Acht Jahre lang hat die Reihe Perspektive Deutsches Kino den Deutschen Film, insbesondere dem Nachwuchsfilm auf der Berlinale, mehr Bedeutung verliehen und einem internationalen Publikum nahe gebracht. Die neunte Ausgabe dieses Jahr war die letzte des Leiters und Initiators Alfred Holighaus. Dieses Jahr verlässt Holighaus die Berlinale, um die Geschäftsführung der Deutschen Filmakademie zu übernehmen, ein Zug, der die Ausrichtung der Akademie sehr positiv beeinflussen könnte. Zu den Glanzlichtern von Holighaus' letzter Perspektive Deutsches Kino zählten die beiden Dokumentarfilme "Glebs Film" und "Portraits Deutscher Alkoholiker". "Glebs Film" von Christian Hornung von der Hochschule für Bildende Künste Hamburg zeigt den witzigen, aus Weißrussland eingewanderten Friseur Gleb, der seinen Kunden in seinem kleinen Salon in Hamburg-Altona während des Haarschnitts eine Filmgeschichte erzählt, die er im Kopf hat. Während wir sehen, wie Gleb wäscht, schneidet, legt, färbt und Dauerwellen macht, erleben wir, wie seine Geschichte wächst, sich entwickelt und sich immer wieder den Wünschen und Bedürfnissen der Zuhörer anpasst. Carolin Schmitz' einzigartiger Film "Portraits Deutscher Alkoholiker" lässt Alkoholiker aus ihrem Leben erzählen. Während die Kamera ruhig über Landschaften, durch Wohnhäuser und durch Universitäten schwenkt, hören wir sympathische Männer und Frauen aufgeräumt, mit Witz und ohne Selbstmitleid über ihre bis zu 25 Jahre langen, zum Teil unbemerkten Karrieren als Alkoholiker sprechen. So erfahren wir erstaunlich viel über heimliche Sehnsüchte und darüber, wie es ist, unter der Oberfläche einer normalen, scheinbar heilen Welt ein verstecktes zweites Leben zu führen. Carolin Schmitz ist Absolventin der Kunsthochschule für Medien Köln, ebenso wie die beiden Produzenten des Films Tom Schreiber und Olaf Hirschberg. RAYMOND BOY Findling 27Alles, was bewegt Schenken heißt, dem anderen etwas zu geben, was man selber gerne haben möchte. Ob man sich nun selber oder anderen eine Freude machen möchte. Bei unseren aktuellen Findlingen findet man dazu bestimmt die ein oder andere Anregung – besondere Blumensträuße, entspannende Massagen, individuelle Kleidung und Skaterstuff. Bewegend. Mobile Massage ist ein Trend, der wohl anhalten wird. Massage in Motion bietet den Kurzurlaub für den Rücken sowohl in Büros, privat zu Hause, im Studio als auch auf auf Events und Messen auf dem mobilen Massagestuhl an. Massagetherapeutin Chantal Völker hat mit ihrem Team bereits bei Rock-festivals, in Apotheken und sogar im ICE für Entspannung gesorgt. Da die Mischung aus Akupressur und klassischer Massage auch durch die Kleidung durchgeführt werden kann, ist jeder Ort ein Wellness-Spot. ![]() Massage in Motion Mobile Massage und Massage im Studio Chantal Völker Studioadresse: gleichtgewicht köln Vogelsanger Straße 193 50825 Köln Tel.: +49 (0) 221/30 131 64 Mobil: +49 (0) 176 62 50 44 01 info@massage-in-motion.de www.massage-in-motion.de Öffnungszeiten: Termine nur nach telefonischer Vereinbarung ab dem 5.04.2010. Come on Board. Tailslide, Triangle, Hospital Flip, Slinds, Grinds – wem solche Begriffe etwas sagen, ist bei Pacific Beach richtig. Die Skaterszene wird von Schuhmarken wie Vans, Element, Kustom, Osiris, Nike 6.0 und Skatboard-Labels wie Element, Toy Machine, Mob, Stereo, Think, City und Rasar Libre angezogen. Inhaber Dirk Schöneck bietet zudem auch Trends, z.B. Fingerboards und bunte sowie Glow in the dark-Schnürsenkel von Mr. Lacy. ![]() Pacific Beach Shoes & Skate Stuff Dirk Schöneck Berrenrather Straße 181. 50937 Köln ( Sülz ) Tel.: +49 (0) 221/16 93 52 43 info@pacific-beach.de www.pacific-beach.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 12:00 bis 20:00 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr Else-Wear. Tragtauglich und doch gegen den Alltag ist bei Else entspanntes Shoppen angesagt. Inhaberin Bianca Breuer bietet Schuhe, Mode und Schönes fürs Kind von skandinavischen, italienischen und ökologischen Labels wie Snob, Komondo, Liebeskind, Fly London, Kickers und der Eigenmarke Else Fashion. 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BIS ANS LIMIT WO ÖKO DRAUF STEHT, MUSS NICHT ÖKO DRIN SEIN ... CHOICES-THEMA IM FEBRUAR: ÖKOLOGIE UM JEDEN PREIS Ohne Öko läuft nichts mehr – weder in der Chemie-Industrie noch im Literaturbetrieb. Lanxess sponsert Frank Schätzing in der Lanxess-Arena und weiß auch, warum. Frank Schätzing ist Kölns Erfolgsautor Nr.1. Sein 1.000 Seiten starker Öko-Thriller „Der Schwarm“, in dem sich allerlei Meeresgetier gegen die Zerstörung seines Lebensraums auflehnt, wurde in 17 Sprachen übersetzt und allein in Deutschland über zwei Millionen mal verkauft. Die Filmrechte liegen bei der Kölner Produktionsfirma Zeitsprung und Hollywoodstar Uma Thurman („Pulp Fiction“), Produktionspartner ist Dino De Laurentis. Ted Tally („Das Schweigen der Lämmer“) schreibt am Drehbuch. Inzwischen hat Schätzing mit „Limit“ einen weiteren Wälzer geschrieben, in dem er die Leser diesmal 1.300 Seiten lang auf den Mond des Jahres 2025 entführt. Es geht um Machenschaften internationaler Konzerne, die um Rohstoffe kämpfen. Auch wenn die „quälend lange Reise“ (Stern) die Kritiker langweilte: Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch freut sich über bereits 620.000 verkaufte Bücher. „Solche Auflagen haben wir mit Heinrich Böll nie erreicht“, sagt der stellvertretende Vertriebsleiter Stephan Wirges. Aktuell komprimiert Schätzing sein Opus in einer Multimediaschau, mit der er auch im Rahmen der lit.COLOGNE am 17. März in der Kölner LanxessArena auftritt. Erwartet werden 4.000 Besucher. Gesponsert wird das Event vom Leverkusener Chemie-Multi Lanxess, der Schätzing beim Recherchieren half. Vorstand Rainier van Roessel: „Unser Engagement eröffnet einen ganz neuen Weg, uns für die Vermittlung von Wissen und Wissenschaft einzusetzen.“ EINST IN AMAZONIEN Wo Lanxess draufsteht, ist meist auch Bayer drin – nicht unternehmensrechtlich, aber faktisch. Lanxess entstand 2004 aus einem Spin-Off der Chemiesparte und Teilen des Kunststoffgeschäfts der Bayer AG. Während das Bayerkreuz für ein langes ökologisches, soziales und politisches Sündenregister steht, kommt Lanxess so sauber daher, dass lit.COLOGNE-Geschäftsführer Reiner Osnowski den Ableger als Hauptsponsor seines Literaturevents präsentiert. Mit Bayer hat Osnowski seit den frühen 1980er Jahren zu tun. Damals war er an Aktionen gegen die Verklappung von Leverkusener Dünnsäure in der Nordsee beteiligte. Einige Jahre danach gründete er den Kölner Volksblatt-Verlag mit und wurde schließlich alleiniger Verleger des mehr als 150 Titel umfassenden Programms. Schwerpunkte: Ökologie, Dritte Welt und Frauen. 1994 veräußerte Osnowski das Verlagsprogramm an die Verlage Emons, Beltz und vor allem an Kiepenheuer & Witsch. Für letzteren fungierte er fortan als freier Lektor und Herausgeber von Buchreihen in Sachen Ökologie, Umwelt und Soziales. Parallel dazu dokumentierte er als Autor und Filmemacher zusammen mit dem Kölner Fotografen Manfred Linke Umweltprojekte am Amazonas. Die Universität von Belém und das Umweltministerium des brasilianischen Bundesstaates Pará ernannten Osnowski sogar zum „Beauftragten für ökologische und soziale Fragen Amazoniens in Deutschland“. Als Sonderbotschafterin der Brasilianer fungiert inzwischen Nina Hoss. Die bekannte Schauspielerin agiert in den Fußstapfen ihres 2003 verstorbenen Vaters Willi Hoss. Der ehemalige Mercedes-Betriebsrat und Grünen-Mitgründer hatte sich für Indio-Projekte am Amazonas eingesetzt, die wiederum von Osnowski und Linke ins Bild gesetzt wurden. VERINNERLICHTE STANDARDS Die Ziele, für die sich einst Minderheiten einsetzten, sind inzwischen Mainstream. So ist etwa der globale Klimawandel zur breit akzeptierten Gewissheit geworden. „Seit 1992 hat sich sehr viel hin zu einer besseren, nachhaltigen Welt geändert: Autos sind sparsamer geworden, die Luft ist sauberer, und alternative Energien sind weiter als damals erhofft.“ So sieht es die Initiative „Rio wird 18“, die den 20. Jahrestag der legendären UN-Konferenz von Rio 1992 vorbereitet und für die Osnowski als Beirat fungiert. Initiiert hat sie Wolfgang Scheunemann, früherer Umwelt-Kommunikator von Daimler und heute Geschäftsführer der Stuttgarter Unternehmensberatung Dokeo. Auf seinen Nachhaltigkeitsforen gehen Vorständler und PR-Leute zusammen mit NGO-Vertretern und Wissenschaftlern der Frage nach, „wie ein Unternehmen durch Kommunikation an Reputation gewinnen kann, ohne das dies von den Medien als plumpe PR abqualifiziert wird“. Auch Bayer und Lanxess erhoffen sich hier Tipps. Scheunemanns Credo: „Kein Unternehmen kann es sich leisten, gegen die gesellschaftlich verinnerlichten Umwelt-Standards zu handeln.“ Widerspruch gegen die glatte Öko-PR war selten. Allenfalls der damalige Grünen-Chef Reinhard Bütikofer mahnte 2006 die bei Scheunemann versammelten Nachhaltigkeits-Strategen, sie möchten ihren Selbstverpflichtungen doch bitteschön auch Taten folgen lassen. Bayer war in Sachen Umweltschutz schon anno 1992 in Rio dabei. Auf der damaligen Umweltkonferenz setzte sich die neoliberale Sichtweise durch: ohne freie globale Märkte kein Wirtschaftswachstum, kein Umweltschutz und keine nachhaltige Entwicklung. Nur ohne bindende Rahmenbedingungen könne die Industrie das garantieren. Seitdem steht die freiwillige Selbstverpflichtung hoch im Kurs. Bayer fährt auf seiner Website sogar unter UN-Flagge. Kein Wunder, denn die kontrolliert die Versprechen der Industrie nicht. Und so retten große Unternehmen die Welt auf ihre Art und kommunizieren darüber. Ikea sponsert den Regenwald in Kambodscha mit sagenhaften 800.000 Euro. Krombacher Pils verspricht, für jeden verkauften Kasten Bier einen Quadratmeter Regenwald zu retten. Toyota pflanzt praktisch überall Bäume. Und Lanxess lässt Schätzing lesen. TEXT/ZUSAMMENSTELLUNG: PETER HANEMANN/WOLFGANG HIPPE
WIR HABEN DIE WAHL FLORIAN SÖLLE ÜBER ÖKO-EVENTS UND ÖKO-TRENDS IM BUCHHANDEL choices: Herr Sölle, ist der Buchhandel Event-orient? Martin Sölle: Ja, sicher, der Buchhandel verhält sich wie die ganze Gesellschaft und speziell der Einzelhandel. Klassische Lesungen reichen nicht mehr, die Palette der Buch-Events reicht von Buchpräsentationen über Themen-zentrierte Veranstaltungen bis zu neuen Formen multimedialer Vermittlung. Wie schlagen sich Megaevents wie der Klimagipfel in Kopenhagen im Buchhandel nieder? Trotz des Medienwirbels sind solche Ereignisse im Buchhandel nicht direkt spürbar, zumindest auf der Seite der Kunden und Leser nicht. Als Informationsquelle ist der Buchmarkt bei Großthemen durch das Internet verdrängt worden. Auf der Seite der Buch-Produzenten ist das natürlich anders. Autoren und Verlage wollen Veranstaltungen wie den Klimagipfel als Anknüpfungspunkte für Aufmerksamkeit nutzen. Wie hoch ist der Anteil von ökologisch orientierten Büchern? Ökologie ist nach wie vor ein relevanter Bereich beim naturwissenschaftlichen Sachbuch, wobei das Interesse an praktischen Ratgebern und tagespolitischen Themen etwas nachgelassen, dafür aber an allgemeineren naturwissenschaftlichen Fragestellungen zugenommen hat. Nachgefragt werden Autoren wie Simon Singh oder Josef H. Reichholf, die grundsätzliche Fragen der Naturwissenschaft aufwerfen und diese populär darstellen. Kommt es noch zu Öko-Wellen? Kaum. Die Medien und damit auch das Publikumsinteresse sind viel schnelllebiger geworden. Auch die Buchhandlungen sind dieser Schnelllebigkeit unterworfen. Die Verweildauer von Büchern im Sortiment ist viel kürzer geworden. Manchmal sind Bücher, wenn sie rezensiert werden, schon gar nicht mehr aktuell in der Buchhandlung. Was sind die aktuellen Öko-Bestseller? Gut verkaufen lassen sich „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ von Claus Leggewie und Harald Welzer und das Klima-Sachbuch „Das Wetter von morgen“ von Fred Pearce. Und Al Gores Klima-Streitschrift „Wir haben die Wahl“ ist ein Dauerbrenner. Zur Person Martin Sölle, Buchhändler seit 1986, ist einer der Geschäftsführer des „Anderen Buchladens“ in Köln. Ehrenamtlich engagiert er sich im Centrum Schwule Geschichte und im El-De-Haus-Verein. WIRKLICHE TEILHABE HERMANN ZAUM ÜBER ÖKOLOGIE UND FREIWILLIGE SOZIALE LEISTUNGEN choices: Herr Zaum, passen Ökologie und Sozialpolitik zusammen? Hermann Zaum: Das soziale Zusammenleben der Menschen, eine intakte Umwelt und die wirtschaftliche Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Schon Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist dies von den Vereinten Nationen unter dem Aktionsprogramm „Agenda 21“ angestoßen worden. Ökologische Ziele wie zum Beispiel der Klimaschutz durch Energieeinsparung haben ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen und damit auch auf die Sozialpolitik. Wenn Energie knapp und teuer wird, trifft es die Familien mit niedrigem Einkommen zuerst. Bei der Forderung nach einer guten Wärmeisolierung im sozialen Wohnungsbau ergänzen sich also ökologische Ziele und sozialpolitische Forderungen. Ihr Verband hat zum Europäischen Jahr gegen Armut und Ausgrenzung 2010 ein armutspolitisches Gesamtkonzept gefordert. In Deutschland wird das Europäische Jahr durch die Förderung von bundesweit rund 60 kleineren Einzelprojekten umgesetzt. Fast die Hälfte des Gesamtetats von 2,25 Mio. Euro wird für Werbung und Organisation ausgegeben. Eine wirkliche Armutsbekämpfung ist das nicht. Nach dem Scheitern der Hartz IV-Gesetzgebung brauchen wir vor allem eine Bekämpfung der Kinderarmut. Fast 800.000 Kindern und Jugendlichen droht allein in Nordrhein-Westfalen durch Armut das gesellschaftliche Abseits. Außerdem brauchen wir mehr öffentlich geförderte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, um Langzeitarbeitslosen dauerhafte Perspektiven zu geben. Unter anderem fordern Sie für einkommensschwache Familien kostenfreie Angebote in Bildung, Sport und Kultur. Da sind vor allem die Kommunen gefordert, die so gut wie pleite sind. Bildung ist EIN Schlüssel, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Sport und Bewegung, Kreativität und Kultur, Ernährung und Gesundheit haben dabei eine zentrale Rolle. Das darf nicht am Einkommen der Eltern scheitern. Es geht um wirkliche Teilhabe, und hier sind in der Tat die Kommunen gefordert. Doch für sie wird es immer schwieriger. Wir brauchen eine grundlegende kommunale Finanzreform, denn die Städte, Gemeinden und Kreise können ihre dringenden Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge kaum noch leisten. Hinzu kommen die rigiden Haushaltsvorgaben der Kommunalaufsichten. Sie verlangen in „Not-Haushalten“ erhebliche Einschnitte bei den sogenannten „Freiwilligen Leistungen“, wovon zumeist die sozialen Dienste und Einrichtungen betroffen sind. Wie steht es um den Kampf gegen Armut in der Region? Auf der kommunalen Ebene geht es bei der Armutsbekämpfung immer um – möglichst gleichberechtigte – Teilhabemöglichkeiten. Diese Aufgabe wird in Regionen mit größerer Finanzkraft nur relativiert. Im Grundsatz aber stellt sie sich überall. Das wichtigste kommunalpolitische Instrument zur Steuerung solcher Maßnahmen ist ein detaillierter Armuts- oder Sozialbericht, in dem nicht nur stadtteilbezogen die soziale Lage analysiert wird, sondern in dem auch Ziele festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Zur Person Hermann Zaum ist Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) in NRW.
KEIN DIALOG MIT BAYER PHILIPP MIMKES ÜBER CHEMIE-GEFAHREN UND GREENWASHING choices: Herr Mimkes, was macht Bayer gefährlich? Philipp Mimkes: Beispielsweise setzt Bayer in der Kunststoff-Produktion jährlich Tausende Tonnen Phosgen ein. Phosgen wurde im 1.Weltkrieg als Kampfgas verwendet. Auch das Giftgas MIC, durch das nach der Chemiekatastrophe 1984 im indischen Bhopal Tausende Menschen starben, wird bei Bayer in großen Mengen eingesetzt. Bei uns in der Region droht noch immer die Inbetriebnahme der Kohlenmonoxid-Pipeline zwischen Köln-Worringen und Krefeld. Kohlenmonoxid ist ein hochgefährliches Gas, das bislang nur dort hergestellt wurde, wo es auch verbraucht wird. Wir hoffen, diesen Präzedenzfall mit Hilfe der Gerichte noch zu stoppen. Wie sieht es bei den Produkten aus? Im Pharmabereich gibt es Präparate, die mehr Schaden als Nutzen bringen – ich denke da aktuell an das bei Herzoperationen eingesetzte Trasylol, das mit Tausenden von Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Kurz vor Kopenhagen hat sich Bayer noch einmal öffentlich zum Klimaschutz bekannt. Der jährliche CO2-Ausstoß der Firma ist mit rund 8 Mio. Tonnen unvermindert hoch und soll bis zum Jahr 2020 auch nicht nennenswert sinken. Emissionen in dieser Höhe sind mit einem wirksamen Klimaschutz unvereinbar. Die von Bayer nun angekündigten Beiträge zum Klimaschutz sind Augenwischerei, so lange sich der Konzern am Bau neuer Kohlekraftwerke beteiligen will. Wir fordern von Bayer ein breitgefächertes Programm zur Reduktion der CO2-Emissionen um 80% bis 2050. Bayer behauptete noch 2007, den Ausstoß klimaaktiver Gase in den vergangenen 15 Jahren um 70% reduziert zu haben. Dies war ein klarer Fall von Täuschung. In die Rechnung sind Verkäufe von Tochterfirmen und die Ausgliederung der Energieversorgung eingeflossen – also bilanzielle Umbuchungen, die nichts mit Klimaschutz zu tun haben. Eine unserer Kampagnen führte dazu, dass Bayer die Behauptung fallen lassen musste. Bayer bekennt sich offiziell zum nachhaltigen Wirtschaften – von den Rohstoffen über die Logistik bis zur Produktion ... Bayer bekennt sich zu vielem, u.a. zum Global Compact mit den Vereinten Nationen. Bei der Auswahl der Partner aus der Wirtschaft verzichten die UN aber auf jegliche Messlatte. Auch nach der Unterzeichnung durch das jeweilige Unternehmen erfolgt keinerlei Überprüfung der Einhaltung der Prinzipien oder der Musterprojekte - sämtliche Übereinkünfte sind unverbindlich. Ohne verbindliche Regeln und intensive Kontrollen bringen solche freiwilligen Maßnahmen nichts. In Brasilien unterstützt Bayer Projekte gegen die Kinderarbeit, geht in Armenviertel und hilft bei der Gesundheitsvorsorge. Wir bezeichnen solche Projekte als „greenwashing“. Meist handelt es sich um Maßnahmen, die für wenig Geld viel Publicity bringen. Letztlich wird damit eher Schaden angerichtet, denn mit Hilfe solcher Musterprojekte gelingt es dem Unternehmen, Probleme in anderen Bereichen zu überdecken. Denn zugleich vertreibt Bayer in Brasilien Pestizide der höchsten Gefahrenklasse, die in Europa längst vom Markt genommen wurden. Auch im Pharmabereich wurden in Brasilien über Jahrzehnte hinweg gefährliche Präparate verkauft, z. B. „aspirina infantil“ speziell für Kinder und Babys, obwohl damit das hochgefährliche Reye-Syndrom ausgelöst werden kann. Auch dies ist ein Beispiel für doppelte Standards, denn bei uns wird Kinder-Aspirin schon lange nicht mehr verkauft. Sie beobachten Bayer nun seit über 30 Jahren. Hat das Unternehmen dazugelernt? Natürlich sind immer wieder gefährliche Produkte vom Markt genommen worden. Auch die Emissionen sind in den meisten Bereichen gesunken. Die Verbesserungen wurden aber selten freiwillig durchgeführt. Sie gehen fast immer auf öffentlichen Druck zurück. Einen wirklichen Lerneffekt gibt es im PR-Bereich, der immer weiter perfektioniert wurde – bis zu vorgefertigten Artikeln und Radiobeiträgen. Sind Sie denn mit Bayer in einen Dialog gekommen? Nein, das Unternehmen verweigert sich jedem Dialog. Wobei wir auch zu keinen Hinterzimmer-Gesprächen bereit wären. Wir fordern von Bayer Transparenz, von daher müssten auch die Inhalte solcher Gespräche veröffentlicht werden. Bayer steht nach eigenen Angaben im Dialog mit vielen NGOs. Was Bayer Dialog nennt, ist meist nur PR. Tatsächlich hat Bayer zum Beispiel in Kopenhagen über zahlreiche Lobbyorganisationen versucht, substanzielle Beschlüsse zu verhindern. So bemühte sich etwa Croplife, der Verband der Pestizidhersteller, verbindliche Auflagen zur CO2-Reduzierung in der Landwirtschaft abzuwenden. Ihre Kampagnen zielten bislang auf Bayer. Haben Sie auch die Bayer-Ausgliederung Lanxess im Blick? Wir sind mit Bayer mehr als ausgelastet, daher können wir uns nicht intensiv um Lanxess kümmern. Bayer und Lanxess sind aber nach wie vor eng miteinander verbunden, zum Beispiel über die gemeinsame Tochterfirma Currenta, die das in Krefeld geplante Steinkohlekraftwerk betreiben soll. Die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen allein dieses Kraftwerks würden bei 4,3 Millionen Tonnen liegen – mehr als zehnmal so hoch wie die von Bayer angekündigten Effizienzgewinne. Im Bayer-Werk Antwerpen will e.on ebenfalls ein solches mit Importkohle befeuertes Kraftwerk bauen. Wegen der gravierenden Umweltauswirkungen hat die Stadt Antwerpen hierfür, zumindest vorerst, keine Genehmigung erteilt. Was erhoffen Sie sich von der Landesregierung? Die Landesregierung darf sich nicht zum Erfüllungsgehilfen großer Unternehmen machen, sondern muss für klare Vorgaben in den Bereichen Ökologie und Verbraucherschutz sorgen. Aktuell beobachten wir leider das Gegenteil: Sowohl der Klimaschutzparagraph als auch das Wasserentnahmeentgelt wurden auf Drängen der Industrie gestrichen. Die Aussagen von Herrn Mimkes geben dessen eigene Meinung wider und sind nicht gleichbedeutend mit der Ansicht der Redaktion (Anm. d. Red.). Zur Person Philipp Mimkes, Diplom-Physiker aus Köln, ist seit 1994 Geschäftsführer der „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ mit Sitz in Düsseldorf. Mehr unter: www.CBGnetwork.de Freitag, 18. Dezember 2009Findling 26Frauen und Kinder zuerst! Kleidung für Babys und Kinder zu besorgen kann genau so viel Spaß machen wie nach Schuhen und Partyoutfits Ausschau zu halten. Beim Rundgang durch die Ladenlokale unserer Findlinge findet man den perfekten DreiShoppingKlang. Wer ein Faible für das Besondere hat, kommt an Adieu Tristesse, myo Baby, Chocolina und 39einhalb kaum vorbei. ![]() Schuhschick. Den Schuhladen 39einhalb, ehemals Krupka, erkennt man daran, dass auch nach Ladenschluss mindestens eine Frau am Schaufenster steht. Schuhe, Stiefel sowie Taschen, Handschuhe und Gürtel sind allesamt aus Leder, u.a. von ART, neosens, Sanita und Sticks and Stones. Für Schnäppchen-fänger: WARMBAT sind DIE von den Aborigines angehauchte Alternative zu UGG Boots und im Januar beginnt der Winterschlussverkauf. 39einhalb Elke Scherbaum Merowinger Str. 26 50677 Köln Tel.: +49 (0) 221/30 49 860 Fax: +49 (0) 221/13 92 476 elke@39einhalb.de www.39einhalb.de Öffnungszeiten: montags bis freitags 10:00 bis 19:00 Uhr samstags 10:00 bis 16:00 Uhr ![]() SweetStuff. Chocolina ist so süß und schön, wie es klingt. An jeder Ecke des liebevoll eingerichteten Ladenlokas gibt es etwas zu entdecken: Unwiderstehliche Accessoires und Schmuckstücke, vor allem aber trend-orientierte und doch individuelle Party-Outfits. Die Mode, die süchtig macht, kommt überwiegend aus Barcelona. Markennamen wie Collci, Religion, Buddis Punk sind bei Chocolina leistbar. Regelmäßig bieten Freunde der Inhaberin in den Räumlichkeiten einen gemütlichen Flohmarktverkauf inklusive Glühwein. Chocolina Karina JeffreyFlandrische Str. 6 50674 Köln Tel.: +49 (0) 177/30 80 662 kjeffery@gmx.de www.chocolina.net Öffnungszeiten: montags bis freitags 12:00 bis 20:00 Uhr samstags 12:00 bis 20:00 Uhr ![]() Babysetter. Für alle Mamas und Papas ist das eigene Baby das Schönste. Passend dazu bietet myo Baby vom Strampler, Socken, Jacken über Krabbeldecken, Spielzeug wie Kuscheltiere und Rasseln bis hin zur Kinderzimmerdeko alles, was Baby- und Elternherzen höher schlagen lässt – ausgefallen bunt und hochwertig, teils handgemacht mit u.a. Marken wie Villervalla, smafolk, MIMI'lou und tragwerk. myo Baby Corina HoffGustavstr. 6-8 50937 Köln Tel.: +49 (0) 221/168 348 95 Fax: +49 (0) 221/406 47 45 corina@myo-myo.de www.myo-myo.de Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 9:00 bis 14:30 Uhr und 15:30 bis 17:00 Uhr freitags 10:00 bis 15:00 Uhr samstags 11:00 bis 15:00 Uhr ![]() Extraordinaire. Bei „Adieu Tristesse“ heißt es wohl bald „Bonjour Fröhlichkeit“ und „Kölle Alaaf“, fertigt Inhaberin Maria Gvero doch einzigartige Kinderkostüme für die Karnevalszeit. Aber vor allem festliche und alltagstaugliche Kleidung sowie Kuscheltiere sind allesamt mit viel Herzblut im hauseigenen Atelier entworfen und geschneidert. Die Unikate kann man ebenfalls im Online-Shop erwerben unter: www.adieutristesse.eu Adieu Tristesse Maria GveroMoltkestr. 85 50674 Köln Tel.: +49 (0) 221/299 32 263 atelier@adieutristesse.eu www.adieutristesse.eu Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags 10:00 bis 13:00 Uhr und 14:00 bis 18:00 Uhr samstags 12:00 bis 16:00 Uhr oder nach Vereinbarung Donnerstag, 17. Dezember 2009Köln 2010
THAT’S ENTERTAINMENT
EVENTSTADT KÖLN 2010: VOLLES PROGRAMM BEI LEEREN KASSEN CHOICES-THEMA IM Januar: Köln 2010 Köln bietet wie immer Brot & Spiele. Weltniveau garantieren diesmal die Gay Games.
Man muss nur choices durchblättern, um eine leise Ahnung zu bekommen, wie viele Veranstaltungen allmonatlich in Köln stattfinden. Dabei sind die hier besprochenen, angekündigten und beworbenen Termine nur ein Ausschnitt. Sportveranstaltungen, Kirchen-Basare und Karnevalssitzungen finden in choices nicht oder kaum statt. Auch wenn choices-LeserInnen Trödelmärkte, Stadtteilfeste und Wein-Seminare besuchen: Jede Veranstaltung hat ihre eigene, mehr oder weniger überschaubare Szene-Öffentlichkeit. Eine Stadt steht da vor anderen Problemen. Ihre Attraktivität speist sich nicht nur aus ihrem Kultur- und Freizeitangebot für Teil-Szenen, sondern auch aus Groß-Veranstaltungen, für die sich viele interessieren – auch solche von außerhalb. Zum Beispiel gelten Rolling Stones-Konzerte als generationenübergreifendes Familienentertainment, zu dem Rock-Omas und -Opas gern mit ihren Enkeln anreisen. Dass die „Umwegrentabilität“, die sich gemeinhin durch Shopping, Kneipenbesuche und Hotelübernachtungen ergibt, bei Rock-Konzerten praktisch gegen Null geht, ist die andere Seite der Medaille. Den Reibach machen Mick Jagger & Co. Je größer die Events, desto länger der Vorlauf. So holte das Frankfurter Satiremagazin „Titanic“ die Fußball-WM 2006 schon im Sommer 2000 mit Bestechungs-Faxen an FIFA-Delegierte nach Deutschland. Die Chance, 2010 Kulturhauptstadt Europas zu werden, verpatzte Köln 2004. Als Essen und das Ruhrgebiet 2006 über den Zuschlag jubelten, schrieben viele beteiligte Kommunen längst rote Zahlen. Inzwischen streiten sie sich, wer den Müll wegräumen soll, den auch Kulturevents hinterlassen. Köln wiederum verpatzte den Terminplan des NRW-Strukturprogramms „Regionale 2010“. So wird das Vorzeige-Projekt „Archäologische Zone“ frühestens 2013 fertig. Auf das rechtsrheinische Regionale-Projekt „Rheinboulevard“ soll erst mal ein Info-Container aufmerksam machen. SCHWULE BLICKE AUF DIE STADT Auch die Kölner Stadt-Finanzen sind im Keller. Nichtsdestotrotz beginnt nun ein Eventjahr, dem sich die Domstadt nicht entzieht. Im globalen Veranstaltungskalender sind die Olympischen Winterspiele und die Fußball-WM die Mega-Events. Die einzige Veranstaltung, mit der Köln auf Weltniveau dabei ist, sind die Gay Games. Anfang August blickt der homosexuelle Teil der Weltbevölkerung eine Woche lang auf diese Stadt – mehr Blicke, als ein Papstbesuch auf sich zieht. Als Joseph Alois Ratzinger alias Benedikt XVI. am 18. August 2005 zum katholischen „Weltjugendtag“ einschwebte, hob die Kölner Stadtverwaltung ab und verpasste sich das Label „Eventstadt“. Mit seinen Großveranstaltungen hat Köln bis vor wenigen Jahren auf Masse statt Klasse gesetzt. So wurde das 1993 gestartete „Kölner Ringfest“ 13 Jahre lang als hochsommerliches Mega-Event gefeiert – immer größer, aber auch immer unwirtlicher. In den Anfangsjahren hatten sich zwei Millionen Besucher für den Rummel um einige Showbühnen und viele Bierstände begeistert, dann kamen nur so viele wie zu einem bezirklichen Straßenfest. 2006 wurde das Ringfest einen Monat vor dem geplanten Termin aus verschiedenen Gründen abgesagt. Mit der Fußball-WM gab es ein neues „Sommermärchen“, bei dem auch in Köln vieles easy lief, vor allem das kulturelle Rahmenprogramm. Als Vorboten der WM 2010 schickte die südafrikanische Regierung die besten Musiker, Tänzer und Poeten des Landes an den Rhein. Ihr Veranstaltungsreigen wurde – ganz ohne FIFA – in den „Sommer Köln“ der SK Stiftung Kultur integriert. Für die Stadt Köln hingegen kam es zur Kostenexplosion beim Public Viewing. Die Stadtverwaltung setzte den Rat unter Druck, um über die genehmigten 4 Millionen Euro weitere 3,5 verausgaben zu können. IM DUNST DES LOKALEN Die Schattenseiten des städtischen Veranstaltungswesens sind Klüngeleien mit lokalen Medien und Geschäftemachern. So verschaffte der damalige stadtkölnische WM-Beauftragte dem WDR Exklusivrechte auf Livebilder, die andere Sender praktisch von der Berichterstattung ausschlossen. 50.000 Euro Honorar für die Kölsch-Band Höhner, die der WDR exklusiv bei der „La Ola-Party“ aufnahm, zahlt die Kommune – die Verwertungsrechte hatte der WDR. Dann wurde gegen einen zeitweiligen Geschäftsführer von KölnTourismus wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Wie es hieß, hatte der Mann vor der WM befreundeten Veranstaltern Vertriebsrechte für kölsche Fan- und Werbeartikel unter Wert verkauft. Von da ist es nicht weit zu rummeligen Wein-, Bier- und Oktoberfesten, bei denen Kölsch aus dem Maßkrug getrunken wird. Damit die Alkoholfahnen und Lärmteppiche nicht überhand nehmen, verabschiedete der Rat Ende 2007 ein Platzkonzept, nach dem Veranstaltungen an innenstädtischen Orten Kölns Image als „Medien- und Kulturstadt“ förderlich sein müssen. Ausnahmen gelten nur für „Publikumsmagneten mit oberzentraler Bedeutung“ – namentlich für den Straßenkarneval an Weiberfastnacht, die sonntäglichen Schull- und Veedelszög, den Rosenmontagszug, den KölnMarathon und die „Kölner Lichter“. Jetzt hat die Stadt mit einer Verordnung nachgelegt, nach der Veranstalter rechtzeitig Sicherheits- und Umfeldkonzepte vorlegen müssen. Verlangt wird u.a. eine „Bestätigung über die Durchführung eines behördlich angeordneten Sanitätsdienstes einschließlich der dazugehörenden Einsatzkonzeption.“ KÖLN-(Megaevent)-KALENDER 2010
Der Veranstaltungskalender einer Stadt ist ein anderer als beispielsweise der eines Bürgerzentrums. Ihre Attraktivität speist sich nicht nur aus ihrem Kultur- und Freizeitangebot fürs heimische Publikum, sondern auch aus Veranstaltungen, mit denen sie überregional bis international auf sich aufmerksam machen kann. Und die helfen, die (Kultur-) Wirtschaft am Laufen zu halten. Insofern berücksichtigt dieser Kalender 2010 auch eher Veranstaltungen von überregionaler Bedeutung. Januar Essen, Istanbul und Pécs sind Europas Kulturhauptstädte 2010. An der Ruhr sollen dazu rund 2.000 Veranstaltungen stattfinden. Ein Highlight: Massensingen auf Schalke. Köln hat dafür mit den Passagen (18.-24.1.) die größte deutsche Designausstellung. Man kann hier nach den Previews der „Cocktailroute“ im Belgischen Viertel folgen oder den „Design Parcours Ehrenfeld“ absolvieren. Nach rund 190 Shows drohen die Finissagen. Traditionell findet zugleich die Internationale Möbelmesse IMM (19.-24.1.) statt. Februar Monat des Frohsinns. Im Fernsehen wird der Karneval (11.-17.2.) wieder im Übermaß zu sehen sein. Diesmal konkurriert er ein bisschen mit den Olympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver (12.-28.2). Weil Sportevents schon immer gut für die Markteinführung neuer teurer Unterhaltungselektronik waren, startet diesmal die „HDTV-Offensive“ von ARD und ZDF. Also kauft Fernseher, Leute. Ob der WDR dann auch den Kölner Rosenmontagszug (15.2.) in HDTV-Qualität überträgt, dürfte den angeheiterten Jecken am Zugweg egal sein. Dem Vernehmen nach nicht geplant ist eine Live-Übertragung aus Unna. Dort präsentiert Helmut Scherer zum letzten Mal seinen „kleinsten Karnevalsumzug der Welt“ mit nur einem Leiterwagen. Motto 2009: „Wer Unna nicht kennt, hat die Welt verpennt.” März Köln hat das größte Literaturfestival in Europa. Diesmal sind auf den 175 Veranstaltungen der 10. lit.COLOGNE (10.-20.3.) u.a. zu Gast: Nobelpreisträgerin Hertha Müller, Künstler Ai Weiwei, Eine Welt-Autor Henning Mankell und Rock-Legende Patty Smith. Die große lit.COLOGNE-Gala ist diesmal dem Thema Reisen gewidmet. Übrigens finanziert sich das Festival ausschließlich über denn Ticketverkauf und durch Sponsoring. Nicht nur deshalb ist es nach Umfragen das beliebteste Kulturereignis der Stadt. April Die Art Cologne startete 1967 als „Kunstmarkt Köln“ und war die erste Kunstmesse der Welt. Inzwischen ist der Lack ab, aber seit letztem Frühjahr ist wieder einmal von einem „frischen Neuanfang“ die Rede. Die 44. Ausgabe der Kunstmesse (21.-25.4.) versammelt rund 190 Galerien aus dem In- und Ausland und soll rund 55.000 Besucher anlocken. Im Angebot: Kunst der Klassischen Moderne, Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst. Art Cologne-Direktor Daniel Hug will Köln bald auf Augenhöhe mit der „Art Basel“ und ihrem Ableger in Miami Beach, der „Armory Show“ in New York, der „Frieze Art Fair“ in London und den neuen Kunstmessen in China sehen. Zudem finden mit der Musik Triennale (24.4.-16.5.) und dem Internationalen Frauenfilmfestival (14.-18.4.) weitere kulturell hochklassige Festivals statt, die nicht nur ein Fachpublikum anziehen werden. Mai Das zweite Mai-Wochenende (8./9.5.) ist hot, hot, hot. Am Samstag entscheidet sich beim Spiel 1. FC Nürnberg gegen den 1.FC Köln vielleicht leider erst endgültig, ob Poldi absteigt. Am Sonntag entscheiden die Wähler, ob Jürgen Rüttgers Landesvater und Arbeiterführer bleiben darf. Etwas Abkühlung bieten 29 Spiele der 74. IIHF Eishockey-WM (7.-23.5.) in der ehemaligen Köln-Arena, Endspiel inklusive. Unbedingt vormerken: Am 15. Mai findet im Rheinenergie-Stadion das Pokalendspiel der Fußball-Frauen statt. Köln erhielt den Zuschlag wegen seiner „großen Erlebnisqualität“ – vor Leverkusen, Frankfurt, Gelsenkirchen und Wolfsburg (Überraschung?). Juni Im Medienmonat Juni strömen schon traditionell Medienmacher an den Rhein, um sich beim Internationalen Filmkongress der Filmstiftung NRW und beim mittlerweile 22. Medienforum NRW (28.-30.6.) auszutauschen. Drittes Event im Bunde ist diesmal das Musikfestival c/o pop (23.-28.6.), das bisher im August zu besichtigen war. Die drei Köln-Events müssen mit der zeitgleichen Fußball-WM in Südafrika (11.6.-11.7.) konkurrieren. Wetten, dass die Medienleute die vielen Bildschirme vor Ort vor allem für den Fußball nutzen werden? Schon bei der EM 2008 zeichnete sich ein Trend zum dezentralen Public Viewing ab. Juli Kölns Christopher-Street-Day (2.-4.7.) ist bekanntlich einer der größten Queer-Events in Europa. Insgesamt bietet das erste Juli-Wochenende schon traditionell drei tolle Tage Sommerkarneval, der zuletzt rund 700.000 Besucher anlockte. Ein Teil dürfte sich drei Wochen später wieder am Rhein einfinden. Denn … August … in der ersten Augustwoche folgen die VIII. Gay Games Cologne 2010 (31.7.-7.8.). Zum größten Sport- und Kulturfest der Welt – so die Veranstalter – werden 12.000 Teilnehmer erwartet. Neben 34 Sportwettbewerben und fünf großen Kulturveranstaltungen gibt es natürlich auch zahllose Partys. Wobei Parties auch die Gamescom (18.-22.8.) beleben dürften. Im letzten Jahr avancierte die Veranstaltung der KölnMesse mit 245.000 Besuchern und 458 ausstellenden Unternehmen auf Anhieb zur größten Spielemesse der Welt. Rund 100.000 Menschen feierten dazu am Tanzbrunnen und in der Kölner Innenstadt. September Das Bild der 1950 gegründeten photokina (23.-28.9.) als weltweit bedeutendster Messe für Fotografie ist ein wenig verblasst. Sie ist aber für viele – vom Kamera-Profi bis zum Hobbyfotografen – interessant geblieben. Die Veranstalter erwarten 1.300 Anbieter aus etwa 50 Ländern und mehr als 160.000 Besucher aus aller Welt. In diesem Jahr will man sich besonders den Foto-Online-Communities widmen. Natürlich gibt es auch viele Fotoausstellungen. Oktober Live oder Glotze – das ist wieder einmal die Frage. Das 1991 gegründete Köln Comedy Festival (30.9.-16.10.) ist das Schaufenster der deutschsprachigen Comedy-Szene, die Verleihung des Deutschen Comedy-Preises ist auch im Fernsehen zu sehen und erreichte bisher beste Quoten. Das Reichweiten-stärkste Festival seiner Art gilt nicht nur in Köln als wichtiger Event und Wirtschaftsfaktor, sondern wird auch von der gesamten Comedy-Branche hoch geschätzt. Im letzten Jahr zählte man rund 42.500 Zuschauer in 130 Veranstaltungen – Rekord. 2008 startete auch parallel ein Comedy Filmfestival. November Der November scheint keine Zeit für Massenentertainment. Stattdessen laden die Veranstalter kleiner bis mittlerer Filmfestivals in die Kinos ein. Der cineastische Veranstaltungsreigen umfasst u.a. das Film- und Medienmusik-Festival SoundTrackCologne (25.-28.11.), das Kurzfilmfestival Köln Unlimited (voraussichtlich 25.-28.11.), das Filmschnitt-Festival Film + (Termin steht noch nicht fest) und das Kinderfilmfest Cinepänz (20.-28.11.). Dezember Köln ist alljährlich Anlaufpunkt für Weihnachtsfans aus aller Welt. Die meisten kommen per Bus aus Großbritannien und Benelux. Den größten Andrang gibt es auf den Weihnachtsmarkt am Dom, der mit seinen 160 Pavillons in fünf Wochen über fünf Millionen Besucher hat. Die anderen An- und Massenauflaufpunkte mit Weihnachtsmärkten sind der Alter Markt, das Schokoladenmuseum, der Neumarkt, der Rudolfplatz und der Zülpicher Platz. TEXT/ZUSAMMENSTELLUNG: PETER HANEMANN/WOLFGANG HIPPE Montag, 23. November 2009MIT SCHULDEN LEBENJEDER EURO ZÄHLT REICHE WERDEN REICHER, ARME ÄRMER. SCHULDEN STEIGEN, STEUERN SINKEN CHOICES-THEMA IM DEZEMBER: MIT SCHULDEN LEBEN Über Geld spricht man immer dann, wenn man gar nichts oder zu viel davon hat.
Sind wir nicht alle Schuldner? Wer kommt mit seinem Girokonto noch ohne Überziehungskredit zurande? Wer nutzt nicht, wenn irgend möglich, die Kreditkarte? Wer greift nicht bei größeren Anschaffungen für den gehobenen Alltag auf einen schnellen Bankkredit zurück, wenn man ihn denn bekommt? „Kauf jetzt, zahl später“ ist schon immer eine der großen Verheißungen gewesen, die allerdings von einem gewissen Unbehagen begleitet war. Die Ursache hierfür liegt im Kulturellen. Schließlich galt in christlichen Kreisen der Teufel als erster aller Darlehensgeber. Er bot Bargeld und Entertainment sofort und versprach, erst später die Seele seiner Geschäftspartner in Zahlung zu nehmen. Sein prominentester Schuldner war ein gewisser Dr. Faust. Doch schon die Altvorderen wussten, das eigentliche Problem ist nicht der Kredit, sondern dessen Tilgung. So gibt es denn auch den einen oder anderen Bericht, wie man den Teufel übers Ohr haute und sich so mit Geld und Seele davonstehlen konnte. Betrügereien bei Geldgeschäften erhielten so eine gewisse Weihe. Mittlerweile legen Banker Wert darauf, mit ihren Geschäften „Gottes Werk“ direkt zu betreiben und so „mehr Wachstum und Wohlstand“ zu generieren, wie es eben Lloyd Blankfein, Chef der global agierenden US-Investmentbank Goldmann Sachs hervorgehoben hat. Er will bis Jahresende noch einmal 20 Mrd. Dollar an Gottes Boni auszahlen. Schuldnerkarrieren Von solchen Summen können hierzulande viele noch nicht einmal träumen. In Köln sind 12,9 Prozent der über 18Jährigen privat verschuldet, was deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 9,6 Prozent liegt. Die entsprechenden Schuldnerkarrieren lassen sich idealtypisch in mehrere Phasen aufteilen. In der Regel steht am Anfang eine Kreditaufnahme, wobei natürlich nicht jeder Kredit zur Überschuldung führt. Die Abwärtsspirale beginnt meistens mit einem unvorhersehbaren Ereignis wie Arbeitslosigkeit, einer Krankheit, einer Scheidung oder auch einer Mieterhöhung und einer Geburt. Auch Steuerschulden spielen eine Rolle, hier führen selbst Kleinstbeträge zur sofortigen Pfändung. Irgendwann folgt der Verlust der Kreditwürdigkeit und der Eintrag in ein Schuldnerverzeichnis wie der Schufa. Zu der ökonomischen tritt die psychische Belastung. Am Ende steht, wenn eine qualifizierte Beratung erfolgt, die Verbraucherinsolvenz. Betroffen von solchen Schicksalsschlägen sind überwiegend Menschen, die über keine oder nur geringe Rücklagen verfügen. Einkommen wie Vermögen sind in Deutschland zunehmend ungleich verteilt. Die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als 800 Euro im Monat, zwei Drittel haben kein oder nur ein geringes Geld- oder Sachvermögen. Im Falle von Hartz IV muss auch das „aufgezehrt“ werden, bevor die staatliche Unterstützung eingreift. Seit 2002 sinken die geringen Einkommen übrigens ständig. Auch im mittleren Einkommenssegment stagnieren Vermögen und Einkommen. Steigerungsraten sind nur in den gehobenen Kreisen festzustellen. „Die Vermögen konzentrieren sich zunehmend bei den reicheren Gruppen der Bevölkerung“, lautet das Fazit einer aktuellen Untersuchung – Monatseinkommen hier zwischen 3.000 und 11.000 Euro. Dieses obere Drittel dominiert das gesellschaftliche Leben und die politischen Entscheidungen. Schulden spielen auch bei den staatlichen Finanzen eine immer größere Rolle. Der Großteil der Staatsschulden wurde schon lange vor der Wirtschaftskrise aufgehäuft. Zu Sylvester 2008 hatten sie unglaubliche 1.640 Mrd. Euro erreicht. Im Laufe von 2009 stiegen sie noch einmal um gut 10 Prozent – der Banken und der Aufwendungen zum Erhalt „systemrelevanter Strukturen“ wegen. Prosit Silvester 2009. Ein Bundesland wie Thüringen bräuchte derzeit 183 Jahre, um seine aktuellen Schulden zu normalen Konditionen zu tilgen. In der aktuellen politischen Debatte spielt denn auch die Tilgung gar keine Rolle. Stattdessen sind Steuersenkungen geplant, die dem reichen Drittel zugute kommen und die Staatsschulden noch einmal erhöhen. Dabei gibt schon der Name des neuen „Wachstumsbeschleunigungsgesetzes“ die Richtung vor: Der Glaube an den schnellen Turbokapitalismus lebt. Selbstverständigung Die Tilgung ist also nicht Teil der alltäglichen Politik, Steuersenkungen sind es schon. Um deren Legitimation kämpfen derweil beamtete Denker wie die Herren Sloterdijk, Bolz oder Bohrer. Auch wenn die Wirtschaftsweisen warnen, sehen diese Philosophen in Zeiten der Banken- und Finanzkrise nur die „Staatskleptokratie“ des modernen Sozialstaates am Werk, die es im Geiste der Freiheit zu bekämpfen gilt. Dem Prekariat, zu dem übrigens auch viele Kulturschaffende und Künstler gehören, soll Einhalt geboten werden – Leistung soll sich wieder lohnen. Ihre einfache Voodoo-Ökonomie „Steuern runter, Wirtschaft brummt“ ist allerdings noch nirgends aufgegangen. Im Resultat war stets weniger Geld in den öffentlichen Kassen. Auch sonst sind ihre Überlegungen so neu nicht. Vor vier Jahren hat etwa der CDU-Theoretiker Paul Nolte empfohlen, das damals als „soziale Mitte“ firmierende reiche Drittel müsse sich „als strategischer Akteur“ gegen die fortgesetzte Umverteilungspolitik zugunsten der Schwächeren wehren. Das dazu passende Bild einer Unterschicht, die sich „zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen“ abschottet, lieferte er gleich mit. Vielleicht hat Bundesbanker Thilo Sarrazin das Buch gelesen. Hinter all dem Getöse könnte aber auch nur die nackte Angst stehen. In Krisenzeiten kann der „Virus der Deklassierung“ schnell auch Etablierte treffen. Aus Gläubigern können dann ganz schnell Schuldner werden. Texte/Interviews: peter hanemann/wolfgang hippe TAUSCHGESCHÄFT AUF HOHEM NIVEAU JOCHEN BRAUERS ÜBER PFANDKREDIT, DEN PREIS DES GOLDES UND MARKENKENNTNIS
choices: Herr Brauers, wächst das Pfandkreditgeschäft mit der Krise? Jochen Brauers: Schätzungsweise wird das deutsche Pfandkreditgewerbe 2009 2-3 Prozent wachsen und insgesamt rund 510 Mio. Euro an Darlehen vergeben. Unser Geschäft ist stabil und hat sich nicht wesentlich verändert, nach wie vor werden auch über 90 Prozent der Pfänder wieder ausgelöst. Welche Dinge werden bei Ihnen zur Kreditsicherung versetzt? Neun Zehntel sind Uhren und Schmuck – vor allem Gold und Platin. Silber lohnt sich kaum, ein Gramm davon kostet zurzeit ca. 37 Cent. Da müssten Sie schon eine Menge hinterlegen. Ein Zehntel ist Technik, Spielkonsolen, der Fernseher, die Digital- oder Spiegelreflexkamera. Wir beleihen aber auch Porzellane, Silberleuchter und -schalen, Antiquitäten also. Wie viele Kunden kommen übers Jahr zu Ihnen? Etwa eine Million Menschen kommen pro Jahr ins Leihhaus. Dabei gibt es nur zwei Bevölkerungsschichten, die nicht zu uns kommen: die ganz Armen, weil sie nichts versetzen können und die ganz Reichen, weil sie uns nicht nötig haben. Wir haben Kunden, die nur einmal in ihrem Leben zu uns kommen. Aber auch Stammkunden. Die wissen regelmäßig, wann etwa eine Steuer fällig ist, holen das Geld dafür im Leihhaus und zahlen es nach kurzer Zeit zurück – Thema erledigt. Sie müssen jedes Pfandstück auf seinen Wert hin taxieren. Das erfordert eine gewisse Fachkompetenz. Den Beruf des Pfandleihers gibt es so nicht. Wir bilden zwar Kaufleute aus, Bürokaufleute und Einzelhandelskaufleute, aber das Wissen über die Dinge, die wir beleihen, bekommen Sie nur in der Praxis. Wenn wir einen neuen Mitarbeiter einstellen, versuchen wir, jemanden zu bekommen, der schon mit Uhren und Schmuck zu tun hatte. Auch wenn die vorher bei einem Juwelier gearbeitet haben, müssen wir ihnen immer noch sehr viel beibringen. Das Prüfen von Gold oder die Frage, wie man die Echtheit von Uhren erkennt. Wir schulen deshalb unsere Mitarbeiter regelmäßig. Teure Uhren gelten als wertvolle Liebhaber- und Sammlerstücke. Selbstverständlich. Der Preis von Nobeluhren bewegt sich in der Regel im vier- bis fünfstelligen Bereich. Sie sind deshalb für uns sehr interessant. Schon aus diesem Grund müssen wir über dieses Segment sehr gut Bescheid wissen. Wir müssen 20 oder 30 Marken kennen, kein Juwelier wird so viele Nobelmarken führen. Der höchste Pfandkredit, den Sie persönlich je vergeben haben? Ich bin seit 25 Jahren im Geschäft, wir beleihen zwischen 20 Euro und sechsstelligen Beträgen, aber in der Regel endet es fünfstellig. Dafür müssen Sie allerdings schon sehr viel mitbringen. Arm ist man da nicht. Zur Person Jochen Brauers ist Geschäftsführer der Leihhaus Anton Brocker GmbH, stellvertretender Vorsitzender des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes e.V. und Vorsitzender des Landesverbandes Pfandkreditverband West e.V. WENN DAS GELD KNAPP WIRD FRANZISKA MATSCHKE ÜBER SCHULDNERKARRIEREN, BERATUNGSBEDARF UND SCHWINDENDE FÖRDERMITTEL choices: Frau Matschke, Schuldenberater sind inzwischen Fernsehstars. Franziska Matschke: Jetzt müssen wir den Menschen nicht mehr erklären, was ein Schuldenberater ist. Positiv ist auch, dass das Thema Schulden inzwischen nicht mehr ganz so tabuisiert ist. Muss Ihre Schuldnerhilfe trotzdem bald selbst Schulden machen? Die Schuldnerhilfe wird keine Schulden machen. Allerdings könnten wir im nächsten Jahr gezwungen sein, unser Beratungsangebot einzuschränken, weil das Geld nicht reicht. Warum könnte es nicht reichen? Die Höhe der öffentlichen Förderung der Kölner Schuldnerberatungen ist gedeckelt. Im laufenden Jahr haben wir bereits im Oktober mehr Menschen beraten als vorgesehen und finanziert war. Ob die Stadt das Budget noch einmal aufstockt, ist bisher unklar. Schlimmstenfalls wird das Geld mit dem Budget 2010 verrechnet. Dann müssen wir unsere Beratungen definitiv einschränken. Die Caritas hat ihre Hartz-IV-Beratung deshalb in diesem Jahr bereits eingestellt. Hat die Schuldnerberatung eine ähnliche Klientel? Unsere Tätigkeit zielt nicht nur auf Arbeitslose. Die Kölner Schuldnerberatungen können jedem helfen, der in der Stadt wohnt. Etwa die Hälfte unserer Kunden sind Arbeitslose, nicht ganz so viele sind erwerbstätig. Hinzu kommt ein kleiner Anteil von Rentnern und wenige Schüler. Wir bieten daneben auch besondere Beratungen für Kleinunternehmer und Menschen mit Immobilien Schulden. Sie beraten auch verschuldete Kleinunternehmen? Ja, die Schuldnerhilfe Köln e.V. bietet auch eine spezialisierte Beratung für Selbstständige an. Viele sehen in der Selbstständigkeit die einzige Lösung, aus ihrer Arbeitslosigkeit herauszukommen. Wenn jemand allerdings nichts von Buchhaltung versteht, nicht weiß, wann Vorsteuern fällig sind und sich auch keinen Steuerberater leisten kann, führt dies häufig zusammen mit einer unzureichenden Vorbereitung auf die Selbstständigkeit zum Scheitern. Wie beginnt eigentlich eine „normale“ Schuldnerkarriere? Sie beginnt mit dem ersten Dispo, einer zu hohen Handy-Rechnung, mit einem größeren Kredit für die erste eigene Wohnung oder einer Autofinanzierung. Unvorhergesehene Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, Scheidung mit den damit verbundenen Unterhaltszahlungen oder Krankheit sind die häufigsten Gründe für den Zusammenbruch eines ohnehin wackeligen Finanzgerüstes. Wie hoch ist eine solche Verschuldung im Schnitt? Der Durchschnittswert liegt bei rund 20.000 Euro pro Schuldner, bei Ehepaaren also bei 40.000. Aber für einen Auszubildenden können schon 5.000 Euro sehr viel sein. Zur Person Franziska Matschke ist Stellvertretende Geschäftsführerin der Schuldnerhilfe Köln e.V. Mehr unter www.schuldnerhilfe-koeln.de. SOLIDE BILANZ MIT SCHÖNHEITSFEHLERN DR. NORBERT WALTER-BORJANS ÜBER DEN KÖLNER HAUSHALT, DEN ZWANG ZUM SPAREN UND BILANZEN
choices: Herr Walter-Borjans, Ihr Entwurf für den Haushalt 2010 ist geprägt von sinkenden Einnahmen und drohenden Kürzungen? Norbert Walter-Borjans: Köln ist in der Wirtschaftskrise zwar robuster als viele andere Städte, aber auch unsere Einnahmen sind extrem eingebrochen. Darauf müssen wir reagieren. Dazu habe ich erst einmal vier Kategorien gebildet, um zu zeigen, wo Sparen überhaupt theoretisch geht. Es gibt Ausgaben, die gar nicht kürzbar sind wie die Zahlung von Bankzinsen. Zu anderen Zahlungen sind wir per Gesetz verpflichtet. Da können wir bestenfalls besser wirtschaften. Dann gibt es Pflichtaufgaben, die in Notzeiten wenigstens etwas gestreckt werden können wie der Straßenbau. Und schließlich gibt es die Aufgaben, zu denen uns zumindest niemand verpflichtet. Dafür hatten wir in einem ersten Rechenlauf Kürzungsbeträge errechnet, die nötig wären, um über die Runden zu kommen – zwischen null und dreißig Prozent. Kein Fachbereich war in dieser ersten Rechnung in der vollen Höhe betroffen. Aber alle werden einen Beitrag leisten müssen, sonst müssen es andere auffangen. Die seit längerem immer wiederholte Behauptung, der Kulturbereich solle um 30% gekürzt werden, ist jedenfalls schlicht falsch. Das wird die Kulturlobby kaum zur Kenntnis nehmen. Auch deshalb, weil ihr im Wahlkampf eine falsche Interpretation vorgelegt wurde und sie nun mal besser vernetzt ist als andere, die genauso viel Grund hätten zu klagen. Nach dem ersten Aufschlag haben übrigens alle Dezernate ihre Haushaltsansätze durchforstet. Im Ergebnis ist dabei nur ein Bruchteil der benötigten Einsparsumme herausgekommen. Ist das nicht normal? Es wird nicht helfen. Mir macht Sorge, dass die Reaktionen einem bestimmten Muster folgen. Zunächst tut man so, als ob der Kämmerer die finanzielle Lage dramatisiert und man seine Vorgaben nicht ernst nehmen muss. Dann stellt man fest, dass an der miesen Finanzlage doch etwas dran ist. Schließlich könnte man darauf kommen, sich hinter dem Regierungspräsidenten zu verstecken. Wenn der die Haushaltssicherung vorgibt, kann man seinen Zahlungsempfängern sagen, ich bin es nicht schuld. Das wird nicht funktionieren. Zählt bei den öffentlichen Finanzen denn noch das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns? Für mich eindeutig ja. Das hat nichts damit zu tun, dass man ungern kürzt und auch Kredite braucht. Privat will niemand Schulden haben, obwohl es auch hier Fälle gibt, die jeder akzeptiert, etwa beim Hauskauf auf Kredit. Das heißt für die Stadt? Die Stadt Köln ist, was ihr Finanzvolumen betrifft, ein großes mittelständisches Unternehmen mit einem im Vergleich zu anderen beachtlichen Vermögen. Kreditaufnahmen sind für vermögende Unternehmen üblich und vollkommen seriös, wenn sie bestimmten Regeln folgen. Die sind im Haushalt der Stadt beachtet. Trotzdem sieht der Deutsche Städtetag die Kommunalfinanzen schon im freien Fall. Die Solidität der Finanzierung der Städte ist in der Tat schwer gefährdet. Das hat aber nichts mit dem ehrbaren Kaufmann zu tun. Das Problem ist struktureller Natur. Der Kölner Haushalt hat 2009 bei einem Volumen von 3,2 Mrd. nur gut 200 Mio. freie Mittel. Derzeit fehlt uns eine halbe Milliarde, um den Leistungen nachzukommen, zu denen wir verpflichtet sind. Da stimmt etwas nicht. Gehen wir die städtische Bilanz einmal durch. Wie hoch ist der Anteil der „Altschulden“, wie steht es bei den Kassenkrediten? Unsere langfristigen Kredite liegen bei 2,7 Mrd. Euro. Kassenkredite haben wir bis vor kurzem gar nicht gebraucht. Derzeit liegen sie bei rund 150 Mio. Ich kenne allerdings Städte in der Nachbarschaft, bei denen die Kredite zur Deckung der Liquiditätslücken über eine Milliarde reichen. Wir sind zwar schlecht dran, stehen aber im Verhältnis zu anderen noch relativ gut da. In Städte-Rankings liegt Köln beim Thema Verschuldung trotzdem immer weit vorn. Das wundert mich immer wieder. Die Rankings werden ja in der Regel von Leuten erstellt, die sich auch mit der Bewertung von Unternehmen beschäftigen. Ihnen ist offensichtlich entgangen, dass städtische Haushalte nicht mehr kameralistisch geführt werden. Nach diesem System konnte eine Stadt Teile ihres Vermögens verkaufen und als Einnahme verbuchen. Nicht berücksichtigt wurde, dass sie damit auf der Aktivseite Vermögen verlor. Die Bilanz wurde schön gerechnet. Mit dem Übergang zur kaufmännischen Buchführung stellt sich das anders da. Unsere Kölner Eröffnungsbilanz weist eine Bilanzsumme von 16 Mrd. aus, da erscheint eine Schuldensumme von 2,7 Mrd. in einem ganz anderen Licht. Andere Städte haben vielleicht weniger Schulden, aber auch dramatisch weniger Vermögen. Trotz der Schulden steht Köln also noch positiv da? Köln ist ein solides Unternehmen. So zahlen die stadteigenen Unternehmen direkt in den Haushalt ein, finanzieren nebenbei den öffentlichen Nahverkehr und zahlen noch Gewerbesteuer. Damit decken sie in der Summe mehr als die 140 Mio., die wir zu Zeit für Zinsen bezahlen. Eine positive Bilanz sagt wenig über die Liquidität des Unternehmens aus. Ihr Chef, OB Jürgen Roters, will sogar die pflichtigen Aufgaben der Stadt auf den Prüfstand stellen. Das kann ich nur unterstreichen. Das strukturelle Finanzdefizit lässt sich nicht durch die Aufgabe aller freiwilligen Aufgaben lösen. Die effizientere und wirtschaftliche Gestaltung der Pflichtaufgaben ist dringend notwendig. Der größte Bereich ist hier der sozialpolitische, da ist ein sensibler Umgang gefordert. Welche Bevölkerungsgruppe wird am meisten unter den anstehenden Einschränkungen leiden? Es trifft alle, vielleicht nicht einmal so sehr die ganz Armen, weil wir eine gute gesetzliche Absicherung haben. Betroffen ist eher die gesellschaftliche Mitte, wenn Schulen und Straßen nicht renoviert würden und für die Kultur weniger Geld zur Verfügung stünde. Zur Person Norbert Walter-Borjans (SPD) ist Beigeordneter für den Bereich Wirtschaft und Liegenschaften und ist seit Mai auch kommissarischer Kämmerer der Stadt Köln.
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