Ornella Muti steht im Regen. Das Wasser tropft ihr schon von der Hutkrempe, als die Tür des Hauses endlich aufgeht. „Darf ich reinkommen?“ Der Hausherr, ein mürrisch dreinblickender Junggeselle, kurz: „Warum?“ „Weil es in Strömen regnet!“ „Dann würde ich an Ihrer Stelle nach Hause gehen.“ Natürlich verlieben sich die beiden und werden ein Paar. „Der gezähmte Widerspenstige“ zieht im Herbst des Jahres 1982 in Deutschland fast drei Millionen Zuschauer an – und löst damit endgültig die aus mal mehr, mal weniger gelungen konzipierten Liebeskomödien bestehende Celentano-Welle aus. Der Mann mit dem federnden Schritt und den nach vorne gekämmten Haaren bringt noch einmal Schwung ins europäische Komödienkino, bevor letzteres endgültig vor dem amerikanischen Hochglanz-Blockbuster in die Knie geht. Von 1981 bis 1987 erreicht Adriano Celentano als mürrischer Sommerheld mit 19 neuen und wiederaufgeführten Filmen mehr als acht Millionen Zuschauer. Ein Kuriosum deutscher Kinogeschichte.
Der Junge von der Via Gluck
In der ärmlichen Mailänder Via Gluck 14 fängt alles an. Nur fünf Jahre geht der 1938 geborene Adriano Celentano zur Schule, dann beginnt er eine Ausbildung zum Uhrmacher. Früh entdeckt er die Musik, verehrt Bill Haley und Jerry Lewis, und meldet sich 1957 beim großen Rock’n Roll-Wettbewerb seiner Stadt an. Über Nacht wird der junge Mann im Eissportpalast Mailands zum Star. Mit Rock-Nummern erobert „Il Molleggiato“, der Federnde, ab Ende der fünfziger Jahre die Schallplattenläden, dann den Film und das Fernsehen, das ihn und seine wilden „Urlatori“-Kollegen, „Schreihälse“, wegen Gefährdung der Jugend eigentlich boykottieren wollte. Seiner Geburtsstätte widmet er den Song „Il ragazzo della via Gluck“, der neben Paolo Contes Komposition „Azzuro“ zur inoffiziellen italienischen Nationalhymne wird. Celentano ist frech, charmant und kann sich irrwitzig bewegen, er spricht in seinen Liedern zudem ökologische und soziale Themen an. 1966 heiratet er seine Kollegin Claudia Mori, zwei Jahre später gelingt ihm, nach etlichen Auftritten in „Musicarellos“, der italienischen Entsprechung zu den deutschen Schlagerkomödien eines Peter Kraus oder Peter Alexander, ein phänomenaler Kinoerfolg. Für „Serafino, der Schürzenjäger“ bekommt er den Grolle d’Oro verliehen und wird zur festen Größe im Filmgeschäft. 1972 revolutioniert Celentano die TV-Unterhaltung und führt mit „Prisencolinensinainciusol“ den ersten europäischen Rapsong auf, eine als Liebesduett verkleidete, ironische Ode an die Kommunikationsunfähigkeit der modernen Zeit. Celentano, der mit ein Meter 78 gerne Schuhe mit Absätzen trägt, wird zum ersten Multimediaphänomen. Er ist locker, unkonventionell - und doch durch und durch Italiener. Er feiert in seinen Liedern, Fernsehshows und Filmen die Frauen, das einfache Leben, die Freundschaft, den lieben Gott. Und baut sich damit ein kleines Imperium auf. Ähnlich wie Frankreichs Superstar Jean-Paul Belmondo schart Celentano ab 1963 einen festen Clan aus Verwandten und Freunden um sich, ohne den kein Auftritt, kein Album oder Projekt zustande kommt.
Kino-Sommer
Obwohl Celentanos Filme in Italien zuverlässig die Spitze der Kinocharts anführen, finden sie abseits von „Yuppi Du“ und „Bluff“ nicht in die deutschen Kinos. Das ändert sich erst mit dem Episodenklamauk „Ein total versautes Wochenende“, der im Juli 1981 von der unabhängigen Avis-Film und deren Verleihbezirksagenturen C.H./Beka, Graf und Exquisit im Stil der „Flotten Teens“-Filme in die Kinocenter gedrückt wird. Im Januar 1982 bringt die Fernsehausstrahlung von „Hände wie Samt“ ob ihrer guten Quoten auch die Filmverleiher auf Ideen. Fünf Monate später schiebt Fred Sorg mit seiner deutschen United Artists „Gib dem Affen Zucker“ hinterher und insistiert darauf, dass Celentano und sein weiblicher Co-Star Ornella Muti in jeder Bewerbung, jeder Zeitungs- und Filmanzeige genannt werden. Die freundliche Liebesklamotte läuft zunächst mittelprächtig, bis Jürgen Wohlrabes Berliner Jugendfilm-Verleih mit dem günstigen Einkauf der ersten Celentano-Muti-Komödie „Der gezähmte Widerspenstige“ den richtigen Riecher hat – und den Überraschungserfolg des Jahres landet. Die schnoddrige Synchronisation, das ungleiche Schauspielergespann und Celentanos lustige Tänzeleien samt dem Ohrwurm „Step on Dynamite“ bringen den Film auf monatelange Laufzeiten – und holen auch „Gib dem Affen Zucker“ zurück in die Kinos. Maßgeblichen Anteil am Durchbruch hat der Plakatmaler Renato Casaro, der die unnachahmlichen Bewegungen sowie die Coolness Celentanos kongenial in einprägsamen Artworks zusammenfügt. Casaro gelingt, wovor jeder Standfotograf und spätere Photoshop-Bastler kapitulieren muss: er fängt den Komödianten "in the act", samt mediterraner Stimmung und ironischem Augenzwinkern.
1983 stehen dann sage und schreibe insgesamt 15 Filme mit Celentano auf den Spielplänen der bundesrepublikanischen Kinos, davon sieben Wiedereinsätze und acht Erstaufführungen. Einige Werke sind 15 Jahre alt, andere typisch italienische Episodenfilme, die rigoros gekürzt werden, um als reiner Celentano-Film gelten zu können. Die vor allem von ihren kurzen, meist völlig unvermittelt einsetzenden Tanzeinlagen lebenden Komödien loben die Liebe und funktionieren vor allem im Sommer, wenn die Deutschen eigentlich Kinomuffel sind. Celentano bringt etwas von der ewigen Sehnsucht nach Italien in die deutschen Großstädte und Kinocenter - mit wenig Text, gleichgültigem Gesicht, weit aufgeknöpftem Serafino-Hemd und langen Schritten begegnet er der Hitze, den Frauen, der Zivilisation. Der Trick, im emotionalen Medium Kino eben keine Emotionen zu zeigen, erinnert an Stummfilmstar Buster Keaton, nur eben mit Sonnenbrille und Popmusik. Jugendfilm-Chef Wohlrabe lizensiert alle weiteren Celentano-Produktionen und steigt als Co-Produzent übermütig bei „Joan Lui“ ein, der allerdings bitter floppt und Celentanos Filmkarriere quasi über Nacht beendet. Der Star ist über die Niederlage seines brutal gekürzten Rock-Musicals mit sozialer Botschaft so enttäuscht, dass er für Mario und Vittorio Cecchi Gori nur noch die vertraglich zugesicherte Krimikomödie „Der Brummbär“ abdreht.
Anti-Berlusconi
Ähnlich wie Belmondo erlebt auch Celentano nach der Jahrtausendwende einen zweiten Frühling. Er ist gefragter denn je, tritt für die Rechte der Tiere ein, wird zu unzähligen Gastauftritten gebeten und präsentiert 2008 bei den Filmfestspielen von Venedig höchst lässig noch einmal sein verkanntes Meisterwerk „Yuppi Du“. Dazu schaltet er sich als erbitterter Berlusconi-Feind in TV-Shows und Diskussionsrunden ein. „Celentano versteckt seine politische Meinung nicht“, bestätigt Katharina Kort, langjährige Italien-Kennerin und Mailänder Korrespondentin des Handelsblatts. Kort ist allerdings skeptisch, was Celentanos Wirkung angeht: „In Italien sind die politischen Lager so stark in pro und kontra-Berlusconi aufgeteilt, dass sie sich kaum gegenseitig zuhören. Celentano ist klar als links abgestempelt und wird daher von Berlusconi-Fans ohnehin kaum Gehör finden.“ Bittere Pointe des Ganzen: die Mehrzahl von Celentanos Filmen wird 2010, nach der Verhaftung Vittorio Cecchi Goris - Papa Mario starb bereits 1993 - an Berlusconis Mediaset-Imperium verscherbelt.
Wie Celentano verabscheute auch Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano die Korruption, den Rationalismus und Konsumismus der Moderne. Die Liebe, schrieb Flaiano in seinen „Blättern von der Via Veneto“ wütend, sei im Gegensatz zum Broterwerb zum Experiment verkommen: „Wir leben, um auf den Sommer zu warten. Wie die Bademeister.“ Nicht nur nach Sommern wie diesem vermisst man ihn mehr denn je: Il Molleggiato.
Filmografie:
1992: Jackpot
1986: Der Brummbär
1985: Joan Lui - Eines Tages werde ich kommen und es wird Montag sein
1984: Der Größte bin ich
1983: Besonderes Kennzeichen: Bellissimo
1983: Sing Sing
1982: Wer hat dem Affen den Zucker geklaut?
1982: Bingo Bongo
1981: Gib dem Affen Zucker
1981: Asso
1980: Don Tango - Hochwürden mit der kessen Sohle
1980: Der gezähmte Widerspenstige
1980: Mirandolina
1979: Ein total versautes Wochenende
1979: Der Millionenfinger / Hände wie Samt
1978: Geppo il folle
1978: Onkel Addi
1977: Der Supertyp
1977: Hilfe, sie liebt mich!
1976: Lunatics and Lovers / Der unzähmbare Supertyp
1976: Bluff / Zwei Profis schlagen zu
1975: Di che segno sei?
1975: Yuppi Du
1973: Der Kleine mit dem großen Tick / Ein Knallkopf in der Unterwelt
1973: Hilfe, ich bin Spitz...e / Rugantino
1973: Die Halunken
1972: Die Sünde
1971: Großer, lass die Fetzen fliegen!
1968: Serafino, der Schürzenjäger / Adriano, der Schürzenjäger
1967: La pìu bella coppia del mondo
1966: Lass die Finger von der Puppe
1964: Der Superraub von Mailand
1963: Il monaco di Monza
1963: Malamondo
1963: Ein seltsamer Typ
1962: Canzoni di ieri, canzoni di oggi, canzoni di domani
1962: Twist, dass die Röcke fliegen!
1961: Io bacio... tu baci
1960: Urlatori alla sbarra
1960: Das süße Leben
1960: Sanremo, la grande sfida
1959: Juke box, urli d'amore
1959: I ragazzi del juke box
1959: Go, Johnny, Go!
1958: Außer Rand und Band 2. Teil
Tags: Filmplakat
Lesen Sie dazu auch:
Das Plakat ist das falsche Medium, wenn man als Person berühmt werden will
Mit Arbeiten der Kinoplakatlegende Renato Casaro startet das Deutsche Plakatmuseum eine Film-Schwerpunkt-Reihe - Kunst in NRW 03/12
Jetzt schnelldrehend: das Filmplakat
Displays ersetzen in Kinos das Papierplakat - Portrait 11/12
Good bye, Emmanuelle
„Emanuela“ Sylvia Kristel ist tot - Portrait 10/12

„Zum Nachtisch: blaue Bohnen“
Eddie Constantine im Filmforum - Portrait 05/13
„Raus auf die Straße, drehen“
Zum Tod des Regisseurs Michael Winner - Portrait 02/13
XXL-Memoiren
Arnold Schwarzenegger hat seine Autobiografie geschrieben – Porträt 01/13
Der sensible Rabauke
Zwei Biografien zu Gert Fröbes 100. Geburtstag – Portrait 11/12
Jetzt schnelldrehend: das Filmplakat
Displays ersetzen in Kinos das Papierplakat - Portrait 11/12
Good bye, Emmanuelle
„Emanuela“ Sylvia Kristel ist tot - Portrait 10/12
Einmal Hollywood und zurück
Siegfried Rauch präsentiert Anekdoten und Rezepte – Porträt 10/12
Ein wahrer Künstler
Maximilian Schell schwelgt in Erinnerungen - Porträt 07/12
Diese blauen Augen
Eine neue Biografie bringt Licht ins Dunkel um Terence Hill – Portrait 06/12
Fortsetzung folgt …
Bud Spencer veröffentlicht Teil zwei seiner Memoiren – Portrait 05/12
„Mehr an Seele“
Leben und Werk der Romy Schneider – Portrait 04/12
Das Gedächtnis des Films
Zum Tode von Helmut W. Banz - Portrait 03/12
Ostalgie und Dystopie im Zwiespalt
Eine kleiner Rückblick auf die DDR im deutschen Kino – Portrait 03/12
Absurditäten des Alltags
John Irvings Ringen um den perfekten Satz - Portrait 02/12
Zwischen Reichen und Schönen
Ein neues Filmbuch widmet sich dem Serienphänomen „Columbo“ – Portrait 01/12
Die Nackten und die Blutigen
choices.de & kinoart.net präsentieren: Zensierte Kinoplakate aus sechs Jahrzehnten – Portrait 12/11
Der ewige Rächer
Wäre am 3. November 90 geworden: Charles Bronson aus Ehrenfeld – Portrait 11/11
Nicht nur ein Cowboy
Das Leben von Lex Barker im Buch – Portrait 11/11
"And the road leads to nowhere..."
"Last House"-Star David Hess ist tot – Portrait 10/11
Quentin's Angels
Die Königinnen des Grindhouse-Kinos: Candy, Coffy und Cheryl - Portrait 09/11
Ein Stück deutsche Fernsehgeschichte
Loriot ist im Alter von 87 Jahren gestorben – Portrait 08/11
Jerry Cotton bleibt Kult
Der ibidem-Verlag veröffentlicht ein Filmbuch zur legendären Jerry-Cotton Reihe - Portrait 08/11
Das Format, auf dem die Träume waren
Hommage an Zelluloid und Jugendkino: J.J. Abrams' "Super 8" - Portrait 08/11
100 Jahre Terry-Thomas
Der britische Kultkomiker wäre im Juli 100 geworden - Portrait 07/11
Die Natur des Menschen
„The Way Back – Der lange Weg“: Meisterregisseur Peter Weir ist zurück - Portrait 07/11
Der Mann mit dem Glasauge und dem Notizbuch
Erinnerungen an den verstorbenen Peter Falk und seine größte Rolle - Portrait 07/11
Der Party-Crasher
Wie “Hangover”-Erfinder Todd Phillips die Partykomödie neu belebt - Portrait 06/11
Die verstörende Welt des "Mondo"-Films
Schocks, Sex und Vermarktungscoups - Portrait 06/11
Alptraum Wohnzimmer
40 Jahre, 20 Filme: Das Angstkino des Wes Craven - Portrait 05/11
New York und New Hollywood
Nachruf auf Sidney Lumet - Portrait 04/11
Der Profi
Gedanken zum Tod von Bernd Eichinger - Portrait 02/11