Wie Schwestern stehen sie auf der Bühne, beide im kleinen Schwarzen. Hand in Hand nehmen sie die Ovation der 800 Besucher des Kölner Schauspiels entgegen. Zeruya Shalev und Maria Schrader, die als Mitglied des Ensembles von Karin Beier sozusagen ein Heimspiel bestreitet. Schrader gibt Zeruya Shalev ihre deutsche Stimme, wenn die Israelin hierzulande auf Lesereise ist. Zum dritten Mal schon füllen die beiden der lit.Cologne das Schauspielhaus. Wenn ihr neuer Roman auch keinen vergleichbaren Hype auslöst, wie ihr Debüt „Liebesleben“, so erweist sich „Für den Rest des Lebens“ als das literarisch ungleich interessantere Buch.
Zeruya Shalev erzählt ihrem Publikum, wie sie während des Schreibens vollkommen in die Realität ihrer Figuren abtaucht. So ist es ihr schon geschehen, dass sie morgens auf den Text im Computer schaute, den sie am Vortag geschrieben hatte, und ihr die Worte so fremd erschienen, dass sie sich selbst in ihnen nicht mehr wiederzuerkennen vermochte. Ein Talent, das ihrer Prosa zugutekommt. So erzählt sie in ihrem neuen Roman von einer 80-Jährigen, die sich an ihre Jugend und ihre Kinder erinnert. Avner, ihr Sohn, den sie über die Maßen liebte und der eine Frau geheiratet hat, die ihn nicht respektiert. Und Dina, die ewig zu kurz gekommene Tochter, deren eigene Tochter gerade dem Haushalt entwächst, und die sich nun ein Adoptivkind wünscht.
Der Kinderwunsch verrät viel über die Sehnsüchte, die von Dina auf das mögliche Kind projiziert werden. So gerät sie denn auch heftig mit ihrem Ehemann aneinander. Das Leben der alten Frau vermag die 53-Jährige Zeruya Shalev ebenso flüssig und makellos glaubwürdig zu schildern, wie es ihr gelingt, den Blick aus den männlichen Augen von Avner, dem Rechtsanwalt, der sich für die Unterprivilegierten der israelischen Gesellschaft einsetzt, packend zu entwerfen. Bruchlos wechselt die Erzählung von einem Lebenspanorama in das nächste und Maria Schrader stellt bravourös die Übergänge zwischen den Figuren her. Mit ihrer Stimme vermag sie die Profile der Seelenlandschaften abzutasten, die jede der drei Personen bietet. Die Adoption stellt alle Beziehungen in Frage. Jede der Figuren muss für sich beantworten, was es heißt, ohne Liebe zu leben und was man zu tun gedenkt, um das Glück zu gewinnen. Der Roman stellt sich in seinen komplexen Erzählstrukturen als ein Panorama der israelischen Lebenswelt dar. Themen wie Politik und Liebe werden konsequent in der Wirklichkeit verortet. So liest sich der Roman fast schwerelos, obwohl er zeigt, wie bitter sich der Weg des Erwachsenwerdens auch in der Mitte des Lebens noch ausnimmt. Und mit der Adoption erlebt Dina eine schmerzfhafte Überraschung. Ein lebenssatter Roman ist Zeruya Shalev gelungen und mit Maria Schraders Stimme füllt sich der Raum mit Bildern, die unter die Haut gehen.
Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens. Deutsch von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, 522 S., 22,90 €
Tags: lit.COLOGNE
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