Besondere Ereignisse machen erfinderisch. Das Wallraf-Richartz-Museum begeht den 150. Geburtstag seiner Gründung. In seiner Historie mehrfach umgezogen, schließlich mit dem Museum Ludwig unter einem Dach und seit 2001 im eigenen, von Oswald Mathias Ungers entworfenen Bau mitten in der Altstadt, ist die Jubiläums-Ausstellung eine Überraschung. Das Museum zeigt, was es macht: Es stellt sich als Institution vor mit seinem Selbstverständnis und seinen Befähigungen. Auf der Pressekonferenz zur Ausstellung „Tat Ort Museum“ hat der Direktor des Hauses Andreas Blühm den Kanon der Tätigkeiten aufgelistet, die jedes Museum erst definieren: Sammeln, Erforschen, Bewahren, Dokumentieren, Ausstellen und Vermitteln – Tätigkeits- und Berufsfelder, welche nun im Wechselausstellungsbereich im Untergeschoss in einzelnen Kapiteln anhand der eigenen Gegebenheiten veranschaulicht sind. Und was sich vielleicht theoretisch und gar nicht festlich anhört, erweist sich als anregend inszenierter Parcours.
Das liegt natürlich besonders an der Kunst. Dazu wartet das Museum mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auf, welche das Forschen und das Publizieren der Ergebnisse in den Fokus rücken und daraus Schlüsse ziehen. Da ist das Mittelformat „Die Dame auf der Terrasse“ von Gustave Courbet, die alleine am Tisch sitzt und mit einem Hund an ihrer Seite sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut. Sie lässt sich nicht personifizieren. Im Wallraf-Richartz-Museum nun wurde das Gemälde mit der Infrarot-Kamera durchleuchtet, und die neben dem Bild präsentierte Aufnahme zeigt, dass sich hinter dem Tisch ursprünglich eine männliche Gestalt befand, die aber von Courbet wieder übermalt wurde – das weckt Spekulationen und regt weitere Recherchen an.
Ausgestellt ist auch Simone Martinis „Maria mit dem Kind“ (um 1316/17). Damit ist dieses großartige Bild vorübergehend von seinem angestammten Platz im ersten Obergeschoss und aus der erhellenden Zwiesprache mit dem motivisch verwandten Gemälde von Bartolomeo Bulgarini genommen. Andererseits war dort das Sehvergnügen etwas behindert, seit vor ein paar Jahren eine blaue Sternchentapete diesen Meisterwerken unterlegt wurde. Nun, innerhalb der Ausstellung „Tat Ort Museum“ geht es um die effektvolle Nobilitierung der Präsentation des Bildes selbst und deren Entlarvung. Dargelegt wird: Der Rahmen hat gar nichts mit der Bildtafel zu tun, ist vielmehr eine auf alt getrimmte Nachahmung wohl aus dem Kunsthandel. Selbstverständlich hat ein Simone Martini das nicht nötig.
Kunst von Weltrang
Überhaupt haben wir es hier und im ganzen Haus mit Kunst von Weltrang vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert zu tun. In der Ausstellung „Tat Ort Museum“ belegen dies etwa auch das Gemälde „Alte Frau und Junge“ (1650-55) von Murillo, das im Status der gegenwärtigen Restaurierung gezeigt wird, und James Ensors „Mädchen mit Puppe“ (1884), neben dem das Protokoll des Gemäldezustandes (welches zur Entleihe angefertigt wird) hängt und mitteilt, wie genau Konservatoren schauen müssen und was ihnen wichtig ist.
Als Subtext dieser Erkenntnisse schwingt allenthalben mit, dass ein Museum wie das Wallraf-Richartz-Museum Geschichte und Geschichtsbewusstsein sowie kulturelle Identität vermittelt. Bilder sind Dokumente und geistige Werte, die geschützt werden müssen. Gerade im Fortgang über die Jahrhunderte wird für gesellschaftliche Zusammenhänge sensibilisiert; auch zeigt sich, wie sich die Wahrnehmung gewandelt hat. Und das Wallraf-Richartz-Museum ermöglicht, große Kunst der Vergangenheit in der eigenen Stadt ohne Reisen sehen zu können. Angesprochen ist damit der bürgerschaftliche Sinn, der dieses Museum von seinen Anfängen an auszeichnet, ja, dieses erst ermöglicht hat. Der Grundstock der Sammlung ist eine testamentarische Hinterlassenschaft des Professoren Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) an seine Stadt, und der Kaufmann Johann Heinrich Richartz (1795-1861) stiftete das Geld für den ersten Museumsbau nördlich der Minoritenkirche. Die Liste der Schenkungen und Leihgaben – von dem Kuratorium und den Freunden des Museums, der Stadt und privaten Gebern – fand einen weiteren Höhepunkt im Jahr 2000, als die Fondation Corbout dem Museum als „ewige Leihgaben“ 173 Gemälde überwiegend aus der klassischen Moderne überließ, von denen jedes für sich unbezahlbar wäre.
Zum Jubiläum nun sind weitere Schenkungen und Leihgaben hinzugekommen, allen voran ein Gemälde von Claude Monet aus Privatbesitz. Also der Job im Museum – und auch das deutet diese Ausstellung an – ist mit einem emotionalen Auf und Ab verbunden. Zu sehen ist etwa ein Bild der Florentiner Spätrenaissance, das – angesichts der beschränkten eigenen Möglichkeiten sowieso der große Sonderfall – bei einer Auktion ersteigert werden konnte und sich später als Werk von Francesco Salviati und viel wertvoller erwies. Auf der anderen Seite steht eine abgesagte Ausstellung wie im vergangenen Jahr die der Streichinstrumente von Antonio Stradivari. Und dann wieder die Freude, nicht nur den eigenen, sondern auch den 500. Geburtstag des Malers und Kunstschriftstellers Giorgio Vasari mit einer respektablen Ausstellung begehen zu können. Auch das: sehenswert.
„Tat Ort Museum“ I Wallraf-Richartz-Museum I bis 25.9.
„Vasari 500 – Italienische Meisterzeichnungen“ I Wallraf-Richartz-Museum I bis 20.11.
Tags: Wallraf-Richartz-Museum
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