Selten waren Zuschauer so nah an der Kampfausbildung ihrer Truppen. Nie konnte man den Sand unter seinen Schuhen knirschen fühlen, während einen Meter weiter in den Dreck kommandiert wurde. Das freie Theaterensemble futur3 performt direkt im imaginären Spannungsgebiet zwischen Kabul und Berlin, und das liegt an diesem Abend eben erst einmal im Aufenthaltsraum mit Kamin. Das Publikum sitzt im ehemaligen belgischen Offizierskasino auf einfachen Plastikstühlen. Fünf ISAF-SoldatInnen bereiten sich live auf den kommenden Einsatz vor. Einer erzählt von seinem Großvater, der im 2. Weltkrieg in Russland war. Der sagte immer: Wer viel vom Krieg spricht, hat wenig erlebt. Alle haben eine eigene Geschichte hinter dem Kriegshandwerk. Die Soldatin erklärt, sie sei dem Verein nicht beigetreten, um jemanden zu emanzipieren. Sie wollte was mit Menschen machen. Wird sie auch. Erst einmal puscht sich die Gruppe mit Statements voran: Eine blaue Burka ist ein geiles Dessous. Dann rennen alle aus dem Raum, und es dauert, bis die Zuschauer bemerken, dass sie hinterher müssen – in eine „Nacht in Afghanistan“.
Dunkel ist es da. Feldbetten stehen im schmuddeligen Zelt. Alles ist mit Tarnnetzen verhangen. Jeder muss sich ein nacktes Lager suchen, kriegt Decken, gemütlich ist anders, und das ist interessant, die Teilhabe wird fast zur Kollaboration. Jedenfalls tun die Performer, als wäre die Bühne zur Realität geworden, die Zuschauer als Kameraden zum Mitmachen verdammt. Glücklicherweise kommt es nicht soweit. Als Material für diesen theatralen Kunst-Einsatz dienen Feldpost, Videotagebücher, Gefechtsberichte und der bekannte Kasernenalltag. Regisseur André Erlen lokalisiert mit der Gruppe die Symptome des Wahnsinns, der Krieg bedeutet, aber nicht so heißen darf. Dennoch: Die Tage sind in Scheiße gemeißelt. Jeder hängt seinen Träumen nach, die traumatische Belastung nimmt zu, die privaten Sorgen nehmen zu trotz Onlinetelefonie und Totenköpfen als Souvenir. Der Einsatz wird ein Durchhaltemanöver zwischen Tretminen, angeordneter Mülltrennung und ab und zu ein wenig Entspannung beim Dreisternekoch oder den Gefechtsfeldtouristen aus dem Deutschen Bundestag. Das kann beim Zusehen alles abstrahiert werden, trotz unangenehmen Gefühls beim Agieren der Schauspieler, zum Anfassen nah.
Doch der Hinterhalt im Kopf und auf der Zelt-Bühne ist unausweichlich. Futur3 versucht das ambivalente Kriegsgeschehen. Verwundung, Angst, Trauma, Schüsse, ein Toter. Wie soll man drei bis fünf Tage die Stellung halten? Die Situation eskaliert, die Geräusche werden unheimlich. Das Geschehen im Hintergrund als Ego-Shooter auf einer Videoleinwand. Eine Frau mit Burka wandelt plötzlich durchs pulvernebelige Zelt. Bleibt auf Anruf nicht stehen. Geht immer weiter auf den Soldaten zu, will ihm die Hand reichen. Er schießt. Wer hätte anders gehandelt?, schießt mir durch den Kopf. „Your team won. Please clear the area”. Das Videospiel ist zu Ende, der Kampfeinsatz auch. Alle dürfen Afghanistan endlich wieder verlassen, gehen zurück in den Aufenthaltsraum mit Kamin, nehmen an den Trauerfeierlichkeiten teil. Was hatte sie da im fernen Land bloß zu suchen?
„Eine Nacht in Afghanistan“ (Uraufführung) I Futur3, Köln
0221 985 45 30
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