choices: Herr Kobboldt, Herr Mrosek, das Festival theaterszene europa widmet sich diesmal dem schottischen Theater. In Edinburgh findet mit dem Fringe Festival eines der berühmtesten Festivals der Freien Szene statt. Kann man daraus Rückschlüsse auf die schottische Theaterszene ziehen?
Dietmar Kobboldt: Das Fringe Festivalsetzt sich aus mehreren Festivals zusammen, und das Interessanteste für uns war die Reihe „Made in Scotland“. Da konnte man deutlich sehen, was die Schotten unter modernem, innovativem Theater verstehen. Einige Sachen haben wir eingeladen. Insgesamt war es faszinierend zu beobachten, womit sich die dortige Szene beschäftigt, und mit welchen Formen von Theater sie umgeht. Ein Indiz dafür: Bis auf eine finden alle eingeladenen schottischen Produktionen nicht in einem Theatersaal statt.
Wie lässt sich die schottische Theaterszene, vor allem die Freie, beschreiben?
Kobboldt: In den großen Städten gibt es zahlreiche gut ausgestattete Theater. Die Kommunen haben viel Geld in die Theaterstruktur investiert. Schottland geht es, glaube ich, nicht schlecht. Außerdem sind die Schotten irrsinnig theaterbegeistert. Die Häuser sind voll, da muss man sich keine Sorgen machen. Aus dieser Begeisterung tun sich dann auch die Freiräume auf, nicht in den angestammten Häusern spielen zu müssen. Im Freien Theater gibt es zwei Richtungen: Die Häuser mit stadttheaterähnlichen Strukturen, die eher literarisches Sprechtheater pflegen mit Autoren wie Mark Ravenhill oder Tim Crouch. Andererseits ein Bereich mit ganz frischen Theaterformen, bei denen man streiten kann, ob das überhaupt noch Theater ist. Wir haben zum Beispiel die Gruppe Fish & Game eingeladen. In ihrer Produktion „Alma Mater“ bekommt jeder Zuschauer ein iPad und einen Kopfhörer in die Hand und wird in eine Box geführt. Der Bildschirm zeigt, was in dem Raum zu sehen ist, und wenn der Blickwinkel um 360 Grad schwenkt, bewegt man sich unwillkürlich mit. Es findet ein ständiger Transfer statt, der eingebettet ist in eine Geschichte, die ich jetzt aber nicht erzähle.
Es ist auffällig, das Tanz und Choreographie wie bei den Gruppen Scottish Dance Theatre, Bright Night International oder Deter/Müller/Martini stark vertreten ist. Absicht oder Zufall?
Kobboldt: Wir setzen uns nicht hin und suchen nach Verbindungen zwischen den Gruppen. Was uns reizt, sind vor allem die Grenzgänge, wo man nicht mehr definieren kann, was Theater eigentlich ist. Der Tanz ist dabei für uns gleichberechtigt in den Bereich Darstellende Kunst integriert. Das Scottish Dance Theatre ist eine feststehende Compagnie in Dundee mit eigenem Haus. Sie arbeiten nicht nur mit einem, sondern mit völlig unterschiedlichen Choreographen zusammen. Die Produktion, die wir eingeladen haben, zeigt drei verschiedenen choreographische Handschriften; daran lässt sich ablesen, was dieses Ensemble leisten kann.
Tim Mrosek: Neben dem breiten Spektrum ist für uns an der Scottish Dance Theatre

interessant, dass sie sich mit den musikalischen Genres der Zeit auseinandersetzen. Bright Night International dagegen benutzen in ihrem Stück „Wee Jamp“ Elemente von Parkour. Das ist eine Sportart, die aus Frankreich stammt und durch die Eröffnungsszene in dem James Bond-Film „Casino Royale“ bekannt wurde. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass der Akteur auf kürzestem Weg von A nach B kommt und dabei die im Weg stehenden Hindernisse spielerisch überwindet. Bright Night International kommt aus dem Akrobatik-, HipHop- und Breakdancebereich und hat Techniken von Parkour übernommen. Sie arbeiten sehr bewusst mit solchen Formaten, weil es ihnen sehr stark um Teilhabe und kulturelle Bildung geht.
Woran liegt es, dass neben dem Tanz die Performance so stark vertreten ist?
Mrosek: Die Gemeinsamkeit liegt in der Haltung, mit der die Gruppen sich am Medium Theater abarbeiten und neue Sachen ausprobieren. Da gibt es bestimmte Konstituenten wie beispielsweise die sehr ausgefuchste Kombination aus Sound und Licht bei der Gruppe Klüsener&Greif, wenn zum Beispiel Geräusche das Licht triggern. Vision Mechanics wollen in „Dark Matter“ den Zuschauer in Einklang mit der Umgebung bringen, in der er sich befindet. Von der Atmosphäre her ist das dann ein wenig wie bei Edgar Alan Poe. Auch sie benutzen Sounds, die sie vor Ort finden, verfremden sie und integrieren sie in ihre Geschichte.
Bietet das Festival auch die Möglichkeit, Gruppen einzuladen, die man sonst, aus finanziellen oder dispositionellen Gründen, nicht nach Köln holen kann?
Kobboldt: Ganz klar. Die Gruppe Fräulein Wunder AG war letztes Jahr zum ersten

Mal hier, und da ist so etwas wie eine Freundschaft entstanden. Leider mussten sie wegen einer Erkrankung diesmal absagen. Ich freue mich, dass jetzt mit MASS UND FIEBER OST eine neue Gruppe hinzukommt, deren Schweizer Urzelle wir schon lange kennen. Deter/Müller/Martini und das post theater gehören auch zu den alten Bekannten. Natürlich wünsche ich mir, dass sich von diesem Festival ausgehend viele stabile Theaterfreundschaften entwickeln. Ich bin total glücklich, dass es uns gelungen ist, für die Fräulein Wunder AG die Berliner Gruppe Invisible Playground als Ersatz zu finden, die Stadtspiele machen. Man geht in einer kleinen Gruppe in die Stadt rein und spielt miteinander. In aller Regel passen sie die Spiele an die gegebenen Örtlichkeiten an. Das ist noch mal eine ganz andere Farbe in dem Festival.
Und wie lässt sich so ein Festival finanzieren?
Kobboldt: Wir bekommen Geld von der Stadt Köln, der Kunststiftung sowie dem British Council und Creative Scotland. So kommen wir bei diesem Festival ohne Eigenleistungen auf einen Etat von etwa 70- bis 80.000 Euro. Noch sind wir nicht an dem Punkt, dass wir Produktionen des Festivals koproduzieren können. Vielleicht bekommen wir in Zukunft ja noch mal ein paar mehr Mittel, damit wir über die Logistik hinaus in neue Stücke investieren können.
„theaterszene europa – ein schottisch-deutsches Festival“ | studiobühne köln | 26.5.-2.6. |www.studiobuehnekoeln.de

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