choices: Herr Nagel, Sie arbeiten seit 2005 als Regieassistent am Schauspiel Köln. Was reizt Sie an der Freien Szene?
Stefan Nagel: Da ist man am Prozess des Theatermachens noch mal näher dran. Man ist freier in der Entscheidung, zu welchem Thema und mit welchen Schauspielern man arbeitet. Zudem kann und muss man den gesamten Ablauf weitgehend selbst planen und entwickeln. Ich freue mich jetzt sehr darauf, am Theater Der Keller zu arbeiten. Besonders, weil ich PiaMaria Gehle schon seit ein paar Jahren kenne und ich finde, sie hat hier seit Beginn ihrer Intendanz Beachtliches geleistet.
Fällt die Umstellung von der Schlosserei, wo Sie das Brinkmann-Projekt „Keiner weiß mehr“ inszeniert haben, auf den Guckkasten des Theater der Keller schwer?

Darin liegt auf jeden Fall eine große Herausforderung. Es gilt herauszufinden, wie man mit dem Körper in dem kleinen Raum arbeitet. Wie viel kleiner muss man spielen? Oder braucht es gerade die szenische Vergrößerung? Ich glaube, es geht beides. Außerdem denke ich, dass der Stoff eine gewisse Physis und Brachialität braucht. Man kann das nicht nur psychologisch machen. „Othello“ ist kein Stück von Ibsen.
Wie haben Sie den Zugang zu der drastischen „Othello“-Übersetzung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel gefunden?
Das hat etwas gedauert. Als ich in einem Interview gelesen habe, dass Zaimoglu und Senkel das Stück stärker zur ursprünglichen Derbheit des Originals zurückführen wollten im Sinne einer größeren Volksnähe, hat es bei mir klick gemacht. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto interessanter wurde, wie Jago letztlich Othello mit seiner Sprache vergiftet. Die Intrige liegt hier in der Sprache. Man muss versuchen, die drastische Wortwahl von Zaimoglu und Senkel nicht als Gossensprache, sondern als Hochsprache zu begreifen. Es geht nicht um Provokation, auch wenn selbst mir einige der Beschimpfungen zu weit gehen und wir in unserer Fassung die Drastik etwas verlagert haben.
Was ist Jagos Antrieb für diese große Eifersuchts-Intrige, die Othello zum Mord an Desdemona treibt?
Jago ist jemand, der weiß, dass er über die gesellschaftliche und berufliche Position, die er erreicht hat, nicht hinauskommen wird. Er verfügt über eine Art Empathie-Impotenz und testet, wie es sich für andere anfühlt, wenn er sie verletzt. Natürlich fixt es ihn auch an, dass die Ehe mit seiner Frau Emilia, die in dieser Fassung nicht nur die Katastrophenbeschleunigerin ist, nicht mehr funktioniert. Das ist insgesamt eine kluge Bearbeitung von Zaimoglu/Senkel – und zwar nicht nur der Sprache wegen. Die beiden Übersetzer zeigen, dass die Frauen eben nicht nur Opferfiguren sind. Desdemona und Emilia stecken mindestens genauso in diesem ganzen Machtspiel mit drin wie alle anderen. Zudem finde ich den Zugriff, dass am Ende nicht zwangsläufig das ganze Personal stirbt, spannend. Wenn Senkel/Zaimoglu Othello im Moment der Erkenntnis seiner Tat keinen Selbstmord begehen lassen, heißt das, es gibt auch keine Erlösung.
Welche Rolle spielt die Hautfarbe von Othello?
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welche Rolle das spielen wird. Wichtiger ist bei uns die Setzung, dass Othello fremd ist. Wir haben Othello mit Josef Tratnik besetzt, einem Schauspieler, der sich altersbedingt deutlich vom Rest des Ensembles absetzt. Othello macht sich selbst zum Neger, wie Desdemona sagt, weil er merkt, dass er nicht mehr in diese Gesellschaft gehört und er sich durch seine Position immer wieder selbst absondert.
Wie wichtig ist der Kriegs- und Soldatenhintergrund?
Als erste Annäherung habe ich mich mit Krieg beschäftigt. Wie anders lieben Menschen, die getötet haben? Was passiert mit der aufgepushten Energie, wenn man auf Krieg gepolt ist und es plötzlich nicht dazu kommt? Doch das ist nicht allein der Grund für Othellos Einsamkeit, er liegt eher in dem tiefsitzenden Gefühl eines Defizits: Er empfindet sich als älterer Mann, der sich für unwürdig hält, eine so junge Frau zu haben. Der Zugriff gelang mir schließlich über das Thema Vertrauen. Die Frage war, auf welche Prüfung diese Liebe gestellt wird und wodurch das Vertrauen wegbricht. Othello vertraut Desdemona nicht, weil er sich selbst nicht vertraut. Aus dieser tiefen Unsicherheit resultiert erst diese Aggression. Der Fall dieser labilen Größe hat mich viel mehr interessiert als dieser berserkerhafte Mord aus Eifersucht, der vielleicht seinen Ursprung ganz woanders hat.
Und Jago?
Ich glaube, Jago hat Vertrauen in sich selbst. Er vertraut darauf, dass er alles beeinflussen kann. Er manipuliert lieber, als sich mit Sachen auseinanderzusetzen, die er nicht kontrollieren kann.
Sie sind jetzt auf dem Sprung zum Freien Regisseur. Wie schwer ist es, oder wie sehr hilft der Ruf des Kölner Hauses, sich eine Karriere aufzubauen?
Natürlich ist es leichter, wenn man eine Regieschule absolviert und eine Diplominszenierung gemacht hat, die sich alle Intendanten anschauen. Doch meine Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht. Ich habe viel gelernt in den Jahren am Schauspiel und habe auch Netzwerke geknüpft. Ich arbeite zum Beispiel regelmäßig mit Katie Mitchell, zuletzt auch in Berlin und Salzburg. Außerdem ist es sicherlich hilfreich, dass das Kölner Schauspiel so erfolgreich ist. Abgesehen von der Kollektivarbeit „Wir werden siegen“ mit Texten von PeterLicht in der Studiobühne war der Brinkmann-Abend in der Schlosserei meine erste Inszenierung und ist bisher meine einzige Referenz. „Othello“ ist jetzt der erste Folgeauftrag.
Werden Sie weiterhin in der Freien Szene arbeiten?
Ich finde das mindestens genauso spannend, wie am Stadttheater zu arbeiten. Mal gucken, wo es hinführt, letztlich liegt beides ja nicht so weit auseinander.
„Othello“ | R: Stefan Nagel | Theater Der Keller | 16.(P)/23./28.-30.12. | 0221 31 80 59
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