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„Wilhelm Meisters Lehrjahre“
Foto: Meyer Originals

Theater als Jugendtraum

„Wilhelm Meisters Lehrjahre“ im FWT – Theater am Rhein 11/11

Die Schauspielerin Aurelie (Lisa Bühl) verzweifelt an ihrer Liebe zu Lothario. Bei den Proben zu „Hamlet“ ist sie ein Nervenbündel oder einfach eiskalt – bis ihr Kollege Wilhelm Meister (Jonas Baeck) sie zu einem Wutausbruch provoziert. Doch so erfolgreich die Premiere dann verläuft, Aurelie bringt sich kurz darauf um. Wilhelm findet sie zusammengesunken auf einem Stuhl – und beendet seine Theaterkarriere. Theater kann ein Lebensirrtum sein. Für Wilhelm Meister ist es das, er stellt kurz Lothario zur Rede, und dann hat er auch schon Feierabend.

Getreu seiner Tradition der Literaturdramatisierung nimmt sich das Freie Werkstatt Theater diesmal Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ vor und kürzt erst einmal kräftig. Es fehlt viel an diesem Abend, Mignon genauso wie der Harfner oder Jarno, auch dass Wilhelm erst in der Turmgesellschaft um Lothario und den Reformadel seinem Leben Sinn verleiht; es fehlt aber auch das Disparate des Romans (Goethe nannte ihn eine der „inkalkulabelsten Produktionen“) – und vor allem die Ironie. Die Fassung, die Regisseur Stefan Herrmann und Dramaturg Gerhard Seidel erstellt haben, zieht den Fokus komplett auf die Hauptfigur zusammen; nichtsdestotrotz entsteht ein in sich verblüffend schlüssiger Theaterabend.

Der rote Samtvorhang auf der Bühne wirkt wie ein Symbol des Theaters, steht hier aber eher für die innere Bühne. Nervös und voll schlechtem Gewissen liest Wilhelm Meister die Briefe seiner verstorbenen Freundin Mariane, und schon tauchen die Gestalten der Vergangenheit in den Falten des Vorhangs auf. Es ist ein Abgesang auf Jugendträume des älter gewordenen Wilhelm, den Jonas Baecks mit großer Entschlossenheit spielt, wenn auch manchmal etwas zu zupackend. Ihm zur Seite stehen Lisa Bühl, Robert Oschatz und Nagmeh Alaei, die in wechselnden Rollen die Figuren trennscharf und psychologisch genau charakterisieren. Wilhelms Freund Werner mit hellblauem Hemd und Aktenkoffer ist ganz Unternehmer mit globalen Ansprüchen, Serlo dagegen eher ein blasierter Theaterimpresario. Die Inszenierung setzt ganz auf das Schauspielerquartett, und das ist gut so. Goethes „Wilhelm Meister“ läuft zwar im Sparmodus, garantiert aber trotzdem einen unterhaltsamen Abend.

„Wilhelm Meisters Lehrjahre“ | R: Stefan Herrmann | Freies Werkstatt Theater | 9./15./16.10., 18 Uhr, 11./14.10., 20 Uhr | 0221 32 78 17

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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