Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3

11.028 Beiträge zu
2.964 Filmen im Forum


„Utopia“ in der Kölner Orangerie
Foto: Geoffrey Lawrence

Stricken als Anarchie

Das Theater 1000 Hertz auf die Suche nach der Utopie – Auftritt 01/12

Die Frau strotzt zwar vor Elan, doch ihre Lebensrealität ist trist. Mann weg, Kinder da, Hartz IV als Alltag. Karin Leyk packt für den Monolog „Würden Sie wirklich?“ die sozialrealistische Brechstange – und bleibt trotzdem ergreifend glaubhaft. „Wir sind ein riesiger Pullover, der sich auflöst“, metaphert sie vor sich hin und bekennt sich schließlich als klammheimliche anarchische Proteststrickerin. Im Untergrund klappern unaufhörlich die Nadeln und die Mützen, Schals und Pullover werden dann zur Aufhübschung im Stadtraum angebracht.

Wer einen Abend über das Thema Utopie und Geld macht und eine Szene dem Proteststricken widmet, weiß um das Zwiespältige der Utopie. Die Utopie hatte nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und nach 1989 nahezu ausgedient. Zu desaströs schien die Bilanz gerade der gesellschaftlich umfassenden Zukunftsentwürfe. Doch nicht erst mit dem Scheitern des Neoliberalismus ist der „Geist der Utopie“ wieder aus der Flasche. Alles eine Nummer kleiner, versteht sich, eher in der Dimension politische Partizipation, Multikulturalität oder Körperkult. Die Regisseurin Christina Vaihinger und ihre Gruppe Theater 1000 Hertz hat für ihr neues Projekt „Utopia. Gesellschaft ohne Kapital?“ Kölner Bürgern zehn Fragen zu Geld, Reichtum und gesellschaftlichen Werten vorgelegt. Die Antworten bilden die Basis für elf Beiträge verschiedener Künstler, darunter Regisseurinnen, Tänzerinnen, Musiker und SchauspielerInnen und ein Chor.

Während bei zwei Frauen, die Kartoffeln vom Boden der Orangerie sammeln, Hunger und Armut regieren, intoniert der Südstadt-Chor sein Abwarten, seine Ängste und Hoffnungen in einer kunstvoll, manchmal künstlich verzahnten Sprachkomposition (Text: Charlotte Luise Fechner). Die Zahlen der Erdbevölkerung und der Hungertoten werden zur gesungenen Statistik. Das Ensemble fordert „Sicherheit“ und flüchtet unter einen (Rettungs-)Schirm. Viele Szenen arbeiten mit einer einfachen und klaren Symbolik und beschreiben ein diffuses Unbehagen. Wenn es dann an die utopischen Entwürfe geht, wird es oft allerdings etwas gefühlig oder simpel. Da hält ein schwäbelnder Bürgermeister (Nick Knackmuss) trockenschwimmend ein Plädoyer für die Langsamkeit; eine Traumsequenz zitiert zwar Martin Luther Kings „I have a dream“ – doch eine Vision ergibt beides nicht. Auch die Frage nach Kapital und Arbeit verliert der Abend aus dem Blick, dafür allerdings begreift man die Probleme bei der Schaffung einer Utopie. Da stapelt der Chor Kleidungsstücke und Stühle zum Turm von Babel und formuliert Erwartungen an eine neue Gemeinschaft, doch dann vereinzelt sich die Gruppe, und jeder schmiegt sich an seinen Stuhl. Schon Gemeinschaft oder sogar eine gemeinsame Utopie wären in einer durchindividualisierten Gesellschaft eine Errungenschaft. Von einer Durchsetzung gar nicht zu reden. Das gilt auch für die Produktion selbst. Christina Vaihinger hat wohl eher arrangiert als inszeniert, das merkt man der unterschiedlichen Qualität der Beiträge an. Der Abend bleibt allzu heterogen und verbindet sich kaum zu einem Ganzen. Letztlich erfährt man mehr über das Bedürfnis nach einer Utopie als von möglichen Visionen selbst.

„Utopia. Gesellschaft ohne Kapital?“ | R: Christina Vaihinger | Orangerie | weitere Termine voraussichtlich im März | 0221 952 27 09 | www.theater1000hertz.de

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Tags: Orangerie

Lesen Sie dazu auch:

Theatrale Zellteilung
„Schneeschuhhasen“ in der Orangerie - Theater am Rhein 05/12

Stimmen, wie man sie nie gehört hat.
Festival „open_voice/2“ in der Orangerie - Theater am Rhein 04/12

Geheimnis im Silberwald
Starke Tanz-Performance von Yoshie Shibahara in der Orangerie – Tanz in NRW 02/12

Kosmos light
Kristóf Szabó inszeniert in der Orangerie „Der Moment“ – Theater am Rhein 01/12

Verwirrspiel
„Zwei Erinnerungen“ in der Orangerie – Theater am Rhein 12/11

Bühne.

Wütendes Kind
Movingtheatre mit der Uraufführung von „ÜBERdasLEBEN“ in der Comedia

Die Bilanz zum Vierzigsten
Theater am Sachsenring spielt rasant-komisches Stück über das Leben ab 40 - Komikzentrum 05/12

Multipolaristen am Werk
Das Sommerblut-Festival der Multipolarkultur bis 28. Mai - Theater am Rhein 05/12

Bewegendes vom Rand der Gesellschaft
„Sommerblut“ präsentiert im Mai ein „Festival der Multipolarkultur“ - Komikzentrum 05/12

Versuch am lebenden Objekt
„Krankheit der Jugend“ im Tiefrot - Theater am Rhein 05/12

Langsame Küsse für wohltätige Kleinkünstler
Beim Prix Pantheon 2012 wird die Moral auf den Prüfstand gestellt - Komikzentrum 04/12

Grass lässt grüßen
Zum „Kulturinfarkt“ – Theaterleben 05/12

Hühnerfleisch süß-sauer
Rüdiger Pape inszeniert „Der goldene Drache“ im Bauturm - Auftritt 05/12

Being fucked up
„Wastwater“ als Zeitgeist-Triptychon am Schauspielhaus - Theater am Rhein 05/12

Die uralte Echse macht den Kopf frei
Der Puppenspieler Michael Hatzius lässt ein Reptil die Wahrheit sagen – Komikzentrum Köln-Bonn 03/12

Theatrale Zellteilung
„Schneeschuhhasen“ in der Orangerie - Theater am Rhein 05/12

Komplexe Klänge mit vollem Körpereinsatz
Ass-Dur, Basta und die von Afrika träumende Trude lassen es krachen – Komikzentrum Köln-Bonn 02/12

Drei Männer und (k)ein Baby
„Der demografische Faktor“ am Schauspiel Köln - Auftritt 04/12

Endabrechnungen leicht gemacht
Auf der „Schlachtplatte“ werden politische Dumpfbacken serviert – Komikzentrum Köln-Bonn 01/12

Stimmen, wie man sie nie gehört hat.
Festival „open_voice/2“ in der Orangerie - Theater am Rhein 04/12

Zahnloser Tiger
Ein Kulturfördergesetz für NRW - Theaterleben 04/12

Das Leben als Delirium
Brechts „Puntila“-Komödie am Kölner Schauspiel - Auftritt 02/12

Pimp your X-mas!
Mark Britton und Kollegen motzen die Adventszeit kräftig auf – Komikzentrum Köln-Bonn 12/11

Ohne Atem
Kulturentwicklung in Köln – Theaterleben 03/12

Pop hinterm Vorhang
Stockmann-Drama im theater der keller - Theater am Rhein 04/12

Lachfalten als gute Freunde
„Geriatrische Kleinkunst“ liegt voll im Trend – Komikzentrum Köln-Bonn 11/11

Einsame Lebensstrampler
K. Magnusson im Freien Werkstatt Theater - Theater am Rhein 04/12

Alles, nur keine Langeweile
Über 240 Künstler beim 21. Köln Comedy Festival – Komikzentrum Köln-Bonn 10/11

Verabredete Dadaisten
Frank Köllges und Klaus Huber sind tot – Theaterleben 02/12

Erhellende Geistesblitze
Naturschauspiele mit vielen wilden Weibern und einem Cello - Komikzentrum Köln-Bonn 09/11

Der Schoko und die Miss
Stefan Nagel inszeniert „Othello“ im Theater der Keller – Auftritt 02/12

Blut am Schuh
Gedanken über die Polizei - Theater am Rhein 04/12

Schöne Bescherung
Köln ehrt seine Freien Theater – Theaterleben 01/12