Nein, es ist kein Poetry Slam. Das wurde Moderatorin Anke Fuchs an der Kasse gefragt, und man fragt sie das überhaupt immer wieder. Zwar geht es bei PoetryBites – Voll das Lesen auch um Poesie im weitesten Sinne, um selbstverfasste Texte. Doch können diese schon mal in Prosa gehalten sein und sprengen zudem meist den zeitlichen Rahmen eines Poetry Slams. Auch stehen die je zwei geladenen Gäste nicht im Wettstreit zueinander. Am letzten Juli-Donnerstag geben sich Jonas Jahn und Lasse Samström im Zwoeinz die Ehre. Jahn war einst schon Gast der allerersten PoetryBites-Veranstaltung. Und er kann nach einem Zwischenfall mit einem Schaf beim Zelten nicht mehr nachts im Dunkeln urinieren, auch das erfährt man: Jahn liest an diesem Abend unterhaltsame Prosa-Texte, skurrile Alltagserlebnisse überspitzt dargestellt, die er vergnüglich bis zu ihrem Höhepunkt steigert. Situationskomik steht im Vordergrund, aber dahinter regt manche Zeile auch zum Nachdenken an.
Obwohl Moderatorin Anke Fuchs – ebenfalls dekorierte Poetry Slammerin – ungerne Titel anführt, tut sie es an diesem Donnerstag doch, weil es so schön klingt: Die größten Triumphe fuhren beide Gastpoeten nämlich bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften 2002 ein. Jahn gewann den Team-Wettbewerb, Samström gewann im Einzelwettbewerb. Mit seinen Texten eröffnet Samström in bester Slammer-Manier das Kontrastprogramm zum Weggefährten Jahn. Das Publikum lässt er zugleich wissen: „Ich mach’ heut’ Abend nur Gedichte, und wem das nicht passt, der kann ja …!“ Mögliche Folgen überlässt er der Phantasie. Es ist nicht die einzige Stelle, die seine Zuhörer gleichermaßen stutzig und amüsiert hinterlässt. Immerhin ist Samström einer der bekanntesten Poetry Slammer Deutschlands und von einigen seiner zahlreichen Fans bereits als „King Lasse“ betitelt. Seine Attitüde ist entsprechend und eine Art Markenzeichen des energischen Poeten, er kann es sich ja leisten: „Klatscht lauter, sonst werde ich böse und mache weiter!“ Samströms Lyrik ist nicht so direkt zugänglich wie Jahns humoristische Kurzgeschichten; nach dem ersten Gedicht überlegen die Zuhörer offenkundig, ob das Ende erreicht ist oder noch Verse folgen sollen. So kommt der erste Applaus noch zögerlich, und Samström stellt seinen Missmut zur Schau.
Am bekanntesten ist „King Lasse“ aber vielleicht ohnehin für seine Schüttelprosa. Er möchte zwar nicht darauf reduziert werden. Das hindert ihn aber auch nicht daran, die Hälfte seines Vortrags mit dieser Art scherzhafter Reime zu bestreiten. Nach drei Gedichten ist er warm und bereit für Schüttelprosa-Tiraden. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „Schiebe ist löhn, aber schichten ist döner“. Auf den ersten Blick erscheinen die Verse wie Nonsens, auf den zweiten sind sie meist mehrdeutig und anzüglich, und stets wecken die Wortneuschöpfungen Assoziationen bei ihren Hörern. Zunächst scheint das Publikum noch befremdet, auch, weil der „King“ mitunter laut ins Mikro schreit. Doch mehren sich im Lauf des Vortrags laute und herzhafte Lacher.
Das Programm könnte an diesem Abend kaum konträrer sein, die Poeten ebenso wenig. Gerade das bereitet Freude, und es tut gut, formvollendeten Texten mal länger lauschen zu können. Es darf vom Blatt abgelesen werden und die Zeit drängt nicht. Das kommt der Leselust der Poeten zugute, die nicht minder gestenreich und ausdrucksstark vortragen, als man es auch von Poetry Slams erwartet, und die ihre Texte ebenso einem Höhepunkt entgegen treiben. Es ist einfach ein unterhaltsamer Abend für Liebhaber ausgefeilter Sprache.
PoetryBites – Voll das Lesen im Zwoeinz, Hochstadenstraße 21| jeweils am letzten Do. des Monats um 20:30 Uhr | www.poetrybites.de
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