Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28

12.660 Beiträge zu
3.876 Filmen im Forum

Foto: Irma Flesch

Muße für alle

01. Januar 2011

Magenbitter 01/11

Das neue Jahr bringt uns wieder einen Schritt weiter in Richtung Wissensgesellschaft, die uns in der Zukunft Reichtum und Wohlfahrt bescheren soll. Ihr Rohstoff wird Bildung sein, in ihrem Zentrum stehen intellektuelles Knowhow und Kreativität, versprechen uns die Prognosen der Zukunftsforscher. Doch damit beginnen schon die Probleme. Nicht nur, dass es um die Bildungspolitik hierzulande trotz kleiner PISA-Erfolge nicht zum Besten bestellt ist. Noch immer hängt der Bildungserfolg wesentlich von der sozialen Herkunft der Kinder ab – Underdogs haben da kaum Chancen.

Auch das mit der Kreativität ist ein Problem. Denn anders als die Arbeit im Industriezeitalter lassen sich Kreativität und Erfindungsreichtum nicht recht automatisieren und vor allem nicht systematisch beschleunigen. Niemand kann Ideen im Sekundentakt garantieren – dabei ist Zeit doch Geld. Natürlich könnte man gezielt anregende Drogen einsetzen – Doping ist in der normalen Arbeitswelt schon heute weiter verbreitet als im Spitzensport. Doch ob das auf Dauer nutzt?

Jetzt hat Ernst Pöppel, der Nestor der deutschen Neurowissenschaften einen ganz anderen Vorschlag gemacht. Einfallslosigkeit geht nach seiner Analyse allzu oft mit dem überbordenden Zwang zur andauernden Kommunikation einher. Die Gehirne werden zunehmend mit sinnlosen Informationen und nicht enden wollenden Redundanzen überschüttet und so teilweise blockiert. Wer schon einmal in Bus oder Bahn das Pech hat, zwischen zwei Handies und ihren Herrchen/Frauchen zu sitzen, wird dem sofort zustimmen. So werden auf Dauer nur Ressourcen vergeudet, meint Pöppel: „Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.“ Eine schöne Vorstellung, obwohl die plötzliche Muße und das damit verbundene Absinken der Geräusche wahrscheinlich viele Menschen zunächst verschrecken würden. Man könnte ja etwas verpassen, würde manch kommunikationssüchtiger Rheinländer denken. Vielleicht hilft da eine alte Geschichte weiter. Als Alice einst ins Wunderland geriet, begann sie auch, mit der Königin um die Wette zu laufen, bis sie „ beinahe nur noch durch die Luft segelten und den Boden kaum mehr berührten“. Als Alice schließlich der Erschöpfung nahe schwindelig und atemlos zu Boden sank und um sich blickte, rief sie aus: „Ich glaube fast, wir sind die ganze Zeit unter diesem Baum geblieben! Es ist alles wie vorher!“ „Selbstverständlich“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Lewis Caroll hat das Stück schon 1865 geschrieben.

Wolfgang Hippe

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Backrooms

choices spezial.