Das neue Jahr bringt uns wieder einen Schritt weiter in Richtung Wissensgesellschaft, die uns in der Zukunft Reichtum und Wohlfahrt bescheren soll. Ihr Rohstoff wird Bildung sein, in ihrem Zentrum stehen intellektuelles Knowhow und Kreativität, versprechen uns die Prognosen der Zukunftsforscher. Doch damit beginnen schon die Probleme. Nicht nur, dass es um die Bildungspolitik hierzulande trotz kleiner PISA-Erfolge nicht zum Besten bestellt ist. Noch immer hängt der Bildungserfolg wesentlich von der sozialen Herkunft der Kinder ab – Underdogs haben da kaum Chancen.
Auch das mit der Kreativität ist ein Problem. Denn anders als die Arbeit im Industriezeitalter lassen sich Kreativität und Erfindungsreichtum nicht recht automatisieren und vor allem nicht systematisch beschleunigen. Niemand kann Ideen im Sekundentakt garantieren – dabei ist Zeit doch Geld. Natürlich könnte man gezielt anregende Drogen einsetzen – Doping ist in der normalen Arbeitswelt schon heute weiter verbreitet als im Spitzensport. Doch ob das auf Dauer nutzt?
Jetzt hat Ernst Pöppel, der Nestor der deutschen Neurowissenschaften einen ganz anderen Vorschlag gemacht. Einfallslosigkeit geht nach seiner Analyse allzu oft mit dem überbordenden Zwang zur andauernden Kommunikation einher. Die Gehirne werden zunehmend mit sinnlosen Informationen und nicht enden wollenden Redundanzen überschüttet und so teilweise blockiert. Wer schon einmal in Bus oder Bahn das Pech hat, zwischen zwei Handies und ihren Herrchen/Frauchen zu sitzen, wird dem sofort zustimmen. So werden auf Dauer nur Ressourcen vergeudet, meint Pöppel: „Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.“ Eine schöne Vorstellung, obwohl die plötzliche Muße und das damit verbundene Absinken der Geräusche wahrscheinlich viele Menschen zunächst verschrecken würden. Man könnte ja etwas verpassen, würde manch kommunikationssüchtiger Rheinländer denken. Vielleicht hilft da eine alte Geschichte weiter. Als Alice einst ins Wunderland geriet, begann sie auch, mit der Königin um die Wette zu laufen, bis sie „ beinahe nur noch durch die Luft segelten und den Boden kaum mehr berührten“. Als Alice schließlich der Erschöpfung nahe schwindelig und atemlos zu Boden sank und um sich blickte, rief sie aus: „Ich glaube fast, wir sind die ganze Zeit unter diesem Baum geblieben! Es ist alles wie vorher!“ „Selbstverständlich“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Lewis Caroll hat das Stück schon 1865 geschrieben.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Der Wert des Lebens
Holgers letzte Worte – 06/26
Kein schöner Zug
Holgers letzte Worte – 05/26
Olympische Ungeister
Holgers letzte Worte – 04/26
„Es gibt wenig Akzeptanz für solche Einrichtungen“
Suchtforscher Daniel Deimel über das geplante Suchthilfezentrum im Pantaleonsviertel – Gleich Nebenan 03/26
Was zu beißen
Holgers letzte Worte – 03/26
Unpopuläres Klima
Holgers letzte Worte – 02/26
Saat des Antisemitismus
Holgers letzte Worte – 01/26
„Der Gewaltschutz von Frauen muss an oberster Stelle stehen“
Irmgard Kopetzky vom Notruf Köln über die Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Mädchen – Gleich Nebenan 11/25
Feindbild Journalist
Online-Vortrag über Pressefreiheit – Spezial 11/25
Positives bleibt
Holgers letzte Worte – 12/25
„Geflüchteten werden grundsätzliche Rechte vorenthalten“
Sozialarbeiter Jan Niklas Collet über das Kirchenasyl des Projekts Zuflucht – Gleich Nebenan 11/25
Briefe aus der Türkei
6. Festival der Solidarität in Köln – Spezial 10/25
Vegane Fleischerei?
Holgers letzte Worte – 11/25
„Die Drogenszene wird sich nicht auflösen“
Jane van Well vom Sozialdienst Katholischer Männer über die Debatte um die offene Drogenszene vor der Kölner Kommunalwahl – Gleich Nebenan 09/25
Nicht alles glauben!
Wahlkampf NRW: Kampagne der Landesanstalt für Medien NRW – Spezial 09/25
Protest gegen Wucher
Online-Gespräch zur Geschichte der Berliner Mietenbewegung – Spezial 08/25
„Sexualisierte Gewalt kennt keine Uhrzeit“
Lisa Fischer und Hanna Frank von Edelgard über den Neustart des Projekts – Gleich Nebenan 08/25
Das Ende des Weltmarkts?
Online-Vortrag zur deutschen Wirtschaftspolitik – Spezial 07/25
Einig im Unmut, einig im Dissens
Die Debatte der OB-Kandidat:innen über Wohnungspolitik – Spezial 07/25
Fehlende Erinnerung
Zum 21. Jahrestag des NSU-Anschlags an der Keupstraße: Unmut über den verzögerten Bau des Mahnmals – Gleich Nebenan 07/25
Raum für Migrationsgeschichte
Die Pläne für das Aussehen des Kölner Museums Selma – Spezial 06/25
Rebellion gegen Repression
Der 13. Asientag in Köln – Spezial 06/25
„Gründet nicht für Geld“
Wie Kölner Studenten mit KI Anträge auf Sozialleistungen erleichtern wollen – Spezial 05/25
Alte Strukturen überwinden
Der Vortrag „Arbeit Macht Missbrauch“ in Köln – Spezial 04/25
Demokratie braucht Demokraten
„AfD verbieten: Probleme gelöst?“ im NS-Dok – Spezial 03/25