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William Guerrieri: Ingresso, Via Bruni (Ausschnitt), aus „Il Villaggio/The Village“, 2009
Foto: © William Guerrieri

Kein sterbendes Tier

William Guerrieri in der Photographischen Sammlung – Kunst in Köln 12/11

Zwischen gepflegten Wohnhäusern ein Schutthügel. Die Überreste einer Kirche, die einmal der Mittelpunkt des Dorfes war. Ohne Kirche scheint zumindest die topographische Orientierung des Vorstadtortes an der Peripherie von Modena verloren. „Il Villaggio/The Village“ nennt der italienische Künstler William Guerrieri sein Foto-Projekt, das jetzt in der Photographischen Sammlung der SK-Stiftung zu sehen ist.

Sechzig Jahre zuvor hatten sich der Architekt Mario Pucci und der sozialistische Bürgermeister Alfeo Corassori den Kopf darüber zerbrochen, wie man nach dem großen Zusammenbruch des Krieges eine urbane Konstruktion entwerfen könne, in der die Lebensbereiche von Wohnen und Arbeiten miteinander verzahnt sein würden. Das Musterdorf entpuppte sich dann schnell als lebendiges Biotop, in dem sich ein bunter Gewerbe-Mix von der Autowerkstatt, den Herstellern von Kindermoden, Strickwaren, einem Fliesengroßhandel über Betriebe zur Eisen-, Leder und Stoffverarbeitung ansiedelten.

William Guerrieri hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit den regionalen Strukturen der Emilia beschäftigt und 2009 seinen Kamerablick durch das heutige Dorf streifen lassen. Orientierungslosigkeit scheint sich in den Straßen, Werkstätten und Lagerhallen breit zu machen. Die urbane Landschaft besitzt kein festumrissenes Profil mehr. Die formschönen alten Werkshallen werden gegen neue Container-Kisten getauscht. So scheint die Zukunft des Ortes schon vorgezeichnet. Dennoch hat man es hier nicht mit einer sterbenden Vorstadt zu tun. Es wird gearbeitet, alte Italiener werkeln neben den afrikanischen Einwanderern. Der Ort besitzt heute mehr Einwohner als zu seinen besten Zeiten in den frühen sechziger Jahren.

Das soziale Anliegen der beiden ehemaligen Stadtväter scheint nicht gescheitert, auch wenn der Ort an Charakter verliert, so wirkt er doch nicht trostlos. Guerreri fängt die Vergangenheit ein, mit verstaubten Sportpokalen oder verblichenen Plakaten an den Wänden. Es schleicht sich aber keine Nostalgie in seine Bilder, jedes Detail darf die Aufmerksamkeit gleichermaßen auf sich lenken. Eine dezente Farbigkeit, in der das abgeklärte Blau eine gewisse Dominanz herstellt, zieht den Blick an und hält ihn zugleich auf Distanz. Guerrieri liefert uns ein kleines Panorama der Veränderung, in dem sich unsere europäischen Gesellschaften derzeit befinden. Die handwerkliche, kleinindustrielle Struktur ist noch erkennbar, wird aber nun von allen Seiten durch die brachialen Notwendigkeiten der Effizienz aufgespalten. William Guerrieri hat sich darüber seine Sympathie für die Menschen nicht rauben lassen, deshalb bereitet es auch Vergnügen, im Betrachten der Bilder ein Stück Europa der jüngsten Vergangenheit zu rekonstruieren.

„William Guerrieri Il Villaggio/The Village“ bis 5.2. I geöffnet tägl. außer Mittwoch 14-19 Uhr I Montags freier Eintritt I Im Mediapark 7 I Katalog 18 Euro.

Thomas Linden

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