Mit „Lebensbilder“ ist endlich der dritte und letzte Band der Will Eisner-Bibliothek erschienen. Das aufwändige Projekt des Carlsen Verlag hatte sich immer wieder verzögert. Nun ist der dritte Band mit dem Spätwerk des 2005 gestorbenen Vaters der Graphic Novel erschienen, in der er wieder ganze Lebensgeschichten psychologisch und soziologisch plausibel mit wenigen Bildern erzählt. Kern des Bandes ist die autobiografische Geschichte „Im Herzen des Sturms“, die einem den Autor auch persönlich nahe bringt. Ebenso bedeutsam für den modernen Comic wie Eisner dürfteArt Spiegelman sein. Vor allem bekannt durch seinen Holocaust-Comic „Maus“ hat sich Spiegelman mit „Im Schatten keiner Türme“ an prominenter Stelle – in der Wochenzeitung „Die Zeit“ – zum Attentat auf die Twin Towers geäußert. Persönlich als Anlieger involviert hat er als säkularer, nicht-patriotischer amerikanischer Jude einen dialektisch hin- und hergerissenen Blick auf die Ereignisse. Auf verschiedenen gedanklichen und ästhetischen Ebenen umkreist er die Geschehnisse und ihre Folgen in graphischen Collagen im Großformat humorvoll und intelligent. Assoziativ passend hat er eine Reihe historischer Comics im Anhang versammelt (Atrium).
Mit „Zahra's Paradise“ erscheint der erfolgreiche Blogcomic von Amir und Khalil nun auch als Buch. Die Ereignisse um „die Grüne Revolution im Iran und die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn“ – so der Untertitel – erzählen die unter Pseudonymen arbeitenden Exil-Iraner anhand einer fiktiven, aber exemplarischen Geschichte. Ebenso wie Handyfilme waren Blogs in diesen Zeiten existentiell für die unabhängige Informationsvermittlung. Und so liefert der Comic Einblicke in die Geschehnisse von unschätzbarem Wert, auch wenn sich im Nachdruck in Buchform einige literarische Schwächen offenbaren (Knesebeck).
Craig Thompsons „Habibi“ ist ebenfalls im Nahen Osten angesiedelt: Er erzählt in seinem Magnum Opus (650 Seiten) von den verschleppten Kindern Dodola und Zam, die sich in der Wüste finden, verlieren und erneut finden. Die Story ist abenteuerlich in einer altertümlich anmutenden Gegenwart angesiedelt, die Umgangsformen sind archaisch. Alleine das ist bewegend und berührend. Doch Thompson umspielt die Geschichte mit philosophischen und religiösen Texten, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kalligraphie und Zeichnung und entfaltet eine allumfassende Betrachtung von Leben, Liebe und menschlichem Miteinander (Reprodukt).
Die beiden Künstler Corbeyran und Thierry Murat haben mit „Lauras Lied“ Amélie Sarns gleichnamigen autobiografischen Roman adaptiert, der von der sexuellen Misshandlung durch den eigenen Vater erzählt. Nicht nur Sarn ist von dem Ergebnis angetan: Ohne Voyeurismus und ohne plakative Motive beobachten sie die Protagonistin bei ihren Besuchen des inzwischen im Koma liegenden Vaters. Endlich traut sie sich, ihm all das zu sagen, was sie immer sagen wollte. Die wie unscharf erscheinenden Farbzeichnungen passen hervorragend zu der unwirklichen Situation (Schreiber & Leser). Auch „Ganz allein“ von Chabouté ist eine Überraschung: Auf über 350 Seiten erzählt er ohne viele Worte von einem einsamen Leben eines entstellten Mannes auf einem Leuchtturm. In seiner Abgeschiedenheit macht er sich sein eigenes Bild von der Welt da draußen, und Chabouté hat dazu nicht nur eine tolle erzählerische Idee, sondern weiß sie auch zeichnerisch klug umzusetzen. Ein stilles, poetisches Werk (Carlsen).
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