Die Welt ist kein Vergnügungspark. Das haben wir begriffen. Dafür brauchen wir nicht erst den zwischen gefletschten Zähnen hervorgeschleuderten Aschermittwochsbefehl der Hohepriester des sozialstaatlichen Miteinanders. Schluss mit Lustig? Ist doch nicht mehr zu übersehen. Ungesunde Aldi-Schmähbäuche und schwielige Mädchenhaxen, die einem sämtlichen Spaß vergällen. Was haben wir als Touri-Nation Nr.1 unlängst noch gefeixt. Und jetzt? Findet sich ein Gros der Deutschen im Fotobildband „Life in Blue“ (Kehrer, 96s, € 36) des Tschechen Evžen Sobek bereits selbst portraitiert. So schwelgerisch das Blau des Himmels aus den soziografischen Aufnahmen einem auch entgegenstrahlt, den Tretmühlenflüchtlingen auf einem Campingplatz im Prittlacher Stauseengebiet Nové Mlýny will die Sonne nicht recht scheinen. Stöckchen-Werfen, Löcher-ins-Wasser-Starren und Angeln-immer-wieder-Angeln. Eine vermeintlich skurrile Inszenierung, die im Betrachter alsbald den Verdacht keimen lässt, dass es sich hierbei vielleicht doch um einen weit schwerwiegenderen Fall von evolutionärer Schockstarre handeln könnte.
Kriminell wird diese Eindampfung der Geisteskraft aber erst, wenn sie außerhalb systemischer Verhaltensnormen praktiziert wird. Doch mal ganz ehrlich: Was bleibt den Bewohnern von „Cracktown“ (pulp master, 206s, € 12,80) denn anderes übrig, als die Bazooka kreisen zu lassen? In illusionslosen Sequenzen richtet Buddy Giovinazzo das Spotlight auf die Gefangenen ihres eigenen Teufelskreises aus Drogenrausch und -beschaffungsmaßnahmen. Dass diese Short Cuts nicht in einer romantisch verklärten, gattungsgesattelten Erzählform münden, wie so mancher Kritiker monierte, sondern nichts anderes als haltlose Ausschnitte bleiben können, liegt auf der Hand. Wer die Ausweglosigkeit dieser Bio-Fragmente von verlebten Huren, entjungferten Ghettokids, vernarbten Möchtegern-Gangstern und zermürbten Transsexuellen nicht ertragen kann, sollte sich lieber auf Super-Helden-Fantasy verlegen.
Aber Obacht: Der Landgang in „Devil's Cape“ (Piper, 507s, € 9,99) zum Beispiel ist ebenfalls nicht ungefährlich. War im Zuge der Graphic Novels nur vom Trend „Comix Go Literature“ die Rede, so hat Rob Rogers den Prozess kurzerhand umgedreht und mit seinem einstigen Piratennest einen wild wuchernden Sündenpfuhl geschaffen, der selbst die unkaputtbarsten Superhelden verschluckt. Das ist nicht nur jazzig-tollkühn, sondern birgt eine süchtig machende Subversion, wenn zum Beispiel die abartigen Bestien erst in vollendeter Degeneriertheit aufblühen, nachdem die Strahlkraft geheiligten Heroentums auf sie übergegangen ist. Gleichzeitig droht die süffisante Satire allerdings immer wieder Schiffbruch zu erleiden, da auch diese Zerlegung des American Dreams ihren calvinistischen Glauben nicht verhehlen kann und sich selbst am unwirtlichsten Flecken eine Horde Gleichgesinnter zusammenrauft, um sich die Erde wieder untertan zu machen. In der Realität von „Cracktown“ bliebe diese Selbsthilfe nicht mehr als ein frommer Wunsch.
Zugegeben: Derart nihilistisch in der Realität angekommen, kann man sich eigentlich jedweden Humanismus schenken. So ist es denn auch nur konsequent, dass der soziophilosophische Aktivist und Lebensmensch Gabriel Brockwell der weltlichen Sinnentleerung den Rücken kehrt und – die Carte Blanche „Freitod“ in der Hand – beschließt, noch ein letztes Mal richtig auf den Putz zu hauen. Losgelöst von allen irdischen Verpflichtungen schwingt er sich in einen Limbus der Dekadenz auf, dessen oberste Gottheit, der Kapitalismus, ihm ungeahnte Enthusiasmen beschert. Stetig schiebt er seinen Abgang hinaus, brennt stattdessen ein Feuerwerk fürstlicher Ausschweifungen samt königlicher Abstürze ab, in deren Strudel doch tatsächlich so etwas wie Menschlichkeit aufblitzt. Mag DBC Pierres „Buch Gabriel“ (Eichborn, 378s, €19,95) letztendlich auch keinen testamentarischen Wert erlangen, so wohnt ihm doch eine erzengelsgleiche Kraft inne, der dilemmatösen Sinnlosigkeit der irdischen Existenz mit flammendem Schwert entgegenzutreten.
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