AKWs sind out, aber Atomstrom allgegenwärtig. Dabei läuft die Energiewende in Stadt und Land schon länger – trotz der schwarz-gelben Nachzügler. Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg ist schon lange gut begründet – ethisch wie wirtschaftlich.
Es soll hierzulande immer noch Menschen geben, die von „Kernenergie“ sprechen, wenn Atomstrom gemeint ist – ein Indiz für die Langzeitwirkung der Propaganda der Atomlobby. Denn zur Durchsetzung ihrer Pläne lancierte sie ab den 60er Jahren in Sachen Energie den Begriff „Kern“, um unangenehme Assoziationen an die „Atombombe“ aus der öffentlichen Kommunikation zu entfernen. Politik und Medien gaben die willigen Helfer. Damals ließen RWE & Co als Symbol für die strahlende Zukunft auch winzige Tabletten in transparenten Schachteln als Give Aways verteilen. Jede Pille sollte die Menge angereicherten Urans darstellen, die den Strom für einen Haushalt pro Jahr sicherstellte. Eine Verniedlichung im wahrsten Sinne des Wortes. Das „Deutsche Atomforum“, zentraler Lobby-Verband für die hoch subventionierte und deshalb gewinnbringende Kernspaltung, hat seinen Namen nicht geändert.
Inzwischen ist „Atom“ selbst bei den schwarz-gelben Atom-Parteien out. Die letzten Atomlobbyisten klammern sich an die Lüge vom „billigen Atomstrom“ und raunen von den Kosten, die ein Ausstieg vor allem für das Portemonnaie der kleinen Leute mit sich bringen würde. Die saturierten Meinungsmacher der Mainstream-Medien ergänzen passend: wir leben in einer „Dagegen-Republik“, die von „Wutbürgern“ dominiert wird. Denen ginge es nur um die Wahrung ihrer Besitzstände und um Eigeninteressen. Waren diese Ökos gestern noch realitätsferne Spinner in Latzhosen, werden sie heute als egoistische Besserverdiener beschrieben, die im Porsche zum Bioladen fahren. Klügere Analysen diagnostizieren dagegen, dass das Thema Ökologie in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen und „Mainstream“ geworden sei.
Alte Hüte
Der Gegenstand der Energiepolitik lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: „Energie ist nichts als ein Mittel zu sozialen Zwecken; sie ist kein Zweck in sich.“ Bei der Analyse des gegenwärtigen wie des zukünftigen Energiebedarfs geht es um Antworten auf fünf Fragen: 1. Wer braucht Energie? 2. Wie viel Energie? 3. Welche Art von Energie? 4. Wozu? Und 5. Wie lange? Diese Überlegungen stammen aus dem Jahr 1976. Damals schrieb der US-Öko Amory B. Lovins seinen Bestseller „Sanfte Energien“ und plädierte für eine „energie- und industriepolitische Umrüstung“. Zu seiner Verblüffung stellte er fest, dass sich bis dahin in der Politik kaum jemand ernsthaft mit diesen Fragen befasst hatte, obwohl es zahlreiche Fachkommissionen zum Thema gab. Seine Prognose: „Energie, die so lange als kostenloses Gut angesehen wurde, kann nicht mehr einfach als selbstverständlich vorhanden angesehen werden, sondern sie wird weit teurer werden, ganz gleich, was wir tun.“ Überraschung: knapp vierzig Jahre später verkünden uns schwarz-gelbe Politiker und ihre Bild-Medien, dass diese Botschaft nach der Katastrophe von Fukushima ganz neu und noch nie aufgeworfen worden sei. Lovins‘ Buch wurde seinerzeit in viele Sprachen übersetzt und prägte auch die „Anti-AKW-Bewegung“ hierzulande entscheidend. Die Bewegung wendete sich danach nicht mehr nur gegen die Gefahren der AKWs, sondern machte vor allem die Notwendigkeit eines anderen „Entwicklungspfads“ hin zu einer Gesellschaft deutlich, der es um einen bewussten Umgang mit den natürlichen Ressourcen des Planenten Erde ging – verbunden mit einer anderen Energieproduktion, mehr Demokratie, mehr Transparenz und einem Zurückdrängen der großen Konzerne. Eine Utopie.
Phantastische Ziele
Wenn man heute die pro-AKW-Argumente mit denen vergleicht, die in der andauernden Bankenkrise zur Verteidigung des Finanzsystems vorgebracht werden, stellt sich eine große Übereinstimmung heraus. Ob Atom- oder Bankenlobby – behauptet wird hie wie da, das System funktioniere nur, wenn man es unverändert lässt. Denn sonst sind Wirtschaftswachstum und unser aller Wohlstand gefährdet. Eine Verteidigungslinie, die selbst die Financial Times als „Perversion“ brandmarkte. Gremien wie der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung - Globale Umweltveränderungen“ (WGBU) fordern indes einen „neuen Gesellschaftsvertrag“, um den dringend notwendigen Energiewandel zu bewältigen. Und nicht nur das: der WGBU plädiert auch für einen gestaltenden Staat, für mehr Demokratie und mehr Transparenz: „Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt eine Frage der Phantasie.“ Denn die sei die „Vorschau auf die zukünftigen Attraktionen des Lebens“.
Der Trend hin zu erneuerbaren Energien läuft bereits. Bei dem anstehenden Umbau unserer Gesellschaft werden die Städte eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Denn 80 Prozent des Energieverbrauchs entfallen auf urbane Räume. Hier liegen wichtige Potenziale, die sogenannten energetischen Nutzflächen sind noch längst nicht ausgeschöpft. Eine klimaverträgliche Stadtentwicklung setzt auch besser isolierte Gebäude voraus, eine der Voraussetzungen zur Reduzierung des Energieverbrauchs. Die Energieversorgung der Zukunft orientiert sich wesentlich dezentral und nicht mehr an den Vorgaben der „vier Besatzungsmächte“, wie der Publizist Franz Alt einmal die großen Stromkonzerne genannt hat. Doch ohne Städte wird nichts gehen.
Tags: Thema 05/11
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