Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27

11.026 Beiträge zu
2.963 Filmen im Forum


„Tage unter“
Foto: Elisabeth Carecchio

Emotionale Achterbahn

Arne Lygres „Tage unter“ in Düsseldorf – Theater am Rhein 03/12

Die Frau will nicht. Über Monate war sie gefangen, nun will ihr Peiniger sie entlassen. In die Freiheit. Sie ist entsetzt, klammert sich an ihn („Ich bin nichts“). Also üben die beiden den Gang ins Café, sitzen auf Stühlen, bestellen etwas. Dann geht die Frau – um sofort wieder zurückzukehren. Stockholmsyndrom? Natascha Kampusch light?

Arne Lygres Stück „Tage unter“, eine deutsch-französische Koproduktion, ist ein funkelnder Bedeutungsgenerator. Freiheit und Gefangenschaft, Paar-Beziehung, Täter-Opfer, positive Gewalt, Identität – alles wird in dem an Jon Fosse und Samuel Beckett erinnernden Text durchgespielt, ohne dass er überfrachtet wirkt.

Im Zentrum steht der „Besitzer“, der sich dem Terror zum Guten verschrieben hat. Er steckt eigenmächtig Drogensüchtige in einen Bunker, bis sie clean sind, und entlässt sie dann. Udo Samel spielt ihn als sinnlichen Rousseauist, immer auf der Grenzlinie zum Gutmenschenwahn. Gemeinsam mit seinem ersten Opfer, der entlassungsbereiten „Frau“ (Claudia Hübbecker) schwärmt er im „Weißt du noch“-Modus; ein einträchtiges Paar, das im Bunker das nächste Opfer, das „Mädchen“ (Bettina Kerl), beobachtet. Es sind Figuren ohne Eigenname in schwarzer Kleidung. Identitätslose, die vor einer bühnenbreiten, grauen Steinmauer agieren, in die eine Eisentür mit Zahlencode und eine trichterförmige kleine Bühne eingelassen sind. Regisseur Stéphane Braunschweig lässt geschickt mit den Ambivalenzen des Stücks aufblitzen zwischen Rollenspiel, Identitätsturbulenz und Geschichtslosigkeit.

Die Situation verschärft sich, wenn der dritte Gefangene, Peter (Daniel Christensen), im blauen Pullover, dazukommt – mit Eigenname. Die Frau ist inzwischen weg, der Besitzer tot. Nun sitzen das Mädchen und Peter in der Falle, weil keiner den Türcode kennt. Beide kurven durch eine emotionale Achterbahn, schreien sich an, versöhnen sich, bis Peter das Mädchen einfach umbringt. Als dann die Frau zurückkehrt, macht er eine frühere Drohung des Besitzers wahr: Um dem allerersten Opfer den Code abzupressen, schneidet er ihr die Finger mit der Gartenschere nacheinander ab – mit dieser Märchenanspielung findet Lygres Parabel ihr grandioses Ende. Verstörendes Stück, wunderbare Schauspieler – sehenswert!

„Tage unter“ | R: Stéphane Braunschweig | Düsseldorfer Schauspielhaus | 2./7./22.3, 19.30 Uhr | 0211 36 99 11 | www.duesseldorfer-schauspielhaus.de




HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Theater am Rhein.

Multipolaristen am Werk
Das Sommerblut-Festival der Multipolarkultur bis 28. Mai - Theater am Rhein 05/12

Versuch am lebenden Objekt
„Krankheit der Jugend“ im Tiefrot - Theater am Rhein 05/12

Being fucked up
„Wastwater“ als Zeitgeist-Triptychon am Schauspielhaus - Theater am Rhein 05/12

Theatrale Zellteilung
„Schneeschuhhasen“ in der Orangerie - Theater am Rhein 05/12

Stimmen, wie man sie nie gehört hat.
Festival „open_voice/2“ in der Orangerie - Theater am Rhein 04/12

Pop hinterm Vorhang
Stockmann-Drama im theater der keller - Theater am Rhein 04/12

Einsame Lebensstrampler
K. Magnusson im Freien Werkstatt Theater - Theater am Rhein 04/12

Blut am Schuh
Gedanken über die Polizei - Theater am Rhein 04/12

Die Beherrschung der Natur
Niklas Ritter inszeniert Brechts „Leben des Galilei“ in Bonn - Theater am Rhein 04/12

Randale im Kinderzimmer
Adoptionskomödie mit Speed in der Comedia – Theater am Rhein 03/12

Let’s occupy Mykene
„Kein Science Fiction“ von Tine Rahel Völcker in Düsseldorf – Theater am Rhein 03/12

Traumatisiert
Chétouane mit Kleist in der Halle Kalk – Theater am Rhein 03/12

Bonjour Tristesse
„Wohnen. Unter Glas“ in der Schlosserei – Theater am Rhein 03/12

Breaking Bad
„Wir Kinder von Theben“ in der Schlosserei – Theater am Rhein 02/12

Facebook-Psychosen
„Der Ismene-Komplex“ im Bauturm-Theater – Theater am Rhein 02/12

Selbstreferenz
Riefenstahl-Abend in der Studiobühne – Theater am Rhein 02/12

Revolution in Formalin
Andrea Breth inszeniert in Düsseldorf „Marija“ von Isaak Babel – Theater am Rhein 02/12

Emil und die Knackis
Pralle Inszenierung des Klassikers von Erich Kästner – Theater am Rhein 01/12

Die Ehrenfelder Muppetshow
Die 197. Ausgabe von Kunst gegen Bares im artheater – Theater am Rhein 1/12

Mutige Kaninchen
Wieder eine starke Inszenierung von Svetlana Fourer – Theater am Rhein 01/12

„Nicht Krise sein“
Schorsch Kamerun vertont Protestbewegungen – Theater am Rhein 01/12

Kosmos light
Kristóf Szabó inszeniert in der Orangerie „Der Moment“ – Theater am Rhein 01/12

Das Klavier ist eine Tomate
Geistesgiganten am Sachsenring – Theater am Rhein 01/12

Verlorene Liebe in raumloser Ortlosigkeit
Lothar Kittstein inszeniert „Der große Gatsby“ in Bonner Halle Beuel – Theater am Rhein 01/12

Männer mit Dosen
Theater Tiefrot zeigt den „Männerhort“ - Theater am Rhein 12/11