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„Der demografische Faktor“
Foto: David Baltzer

Drei Männer und (k)ein Baby

29. März 2012

„Der demografische Faktor“ am Schauspiel Köln - Auftritt 04/12

War’s das? Babygeschrei und ein „Alles wird gut“? Der abgegriffene Spruch hallt noch nach, als sich nach zwei Stunden Dunkelheit über die Bühne senkt. Was war passiert? Ein bunter Theaterabend über den „demografischen Faktor“ aufgearbeitet mit den formatüblichen Ingredienzien: postliterarische Recherche, kollektive Projektentwicklung, genreübergreifend, multimedial und so weiter.

Führender Kopf des Kollektivs ist der vielgelobte Nicolas Stemann, der auch als Conferencier durch die Vorstellung geleitet. Die erste Dreiviertelstunde verplaudert er mehr oder weniger mit den beiden Musikern Thomas Kürstner und Sebastian Vogel. „Unterhaltungstragödie mit Musik“ (Achtung: Wortwitz) heißt es denn auch im Untertitel. Ab und an wird gesungen. Gekalauert auch, und Reime haben Konjunktur: „Sieht doch ein Blinder, Deutschland braucht mehr Kinder.“ Das Ganze ist ein bisschen so ein Jungs-Ding.

Auf die drei Männer im spießigen Altherren-Outfit warten drei schwere Clubsessel und diverse Instrumente. Die Bühne von Thomas Dreißigacker ähnelt einem Fernsehstudio mit kleiner Drehbühne, Stegen ins Publikum und einem Rundhorizont. An einer Wand finden sich farbige Kärtchen und Zettel mit Liedern und Programmpunkten. Ein echtes Kind wird angekündigt und auch – man gönnt sich ja sonst nichts – Gott. Der tritt gegen Ende tatsächlich auf und redet in Kalendersprüchen.

Aus der Materialzettelsammlung speist sich Stemanns „kleine Theatermanufaktur“, die auf tagesaktuelle Ereignisse reagieren will und also immer etwas anders sein wird. „Ein Blog-Theater gewissermaßen“, gibt Stemann im Programmheft zu Protokoll, den dazu passenden Theater-Blog gibt es im Netz (www.demografischerfaktor.wordpress.com). Aber eigentlich ist das, was Stemann und Co. anbieten, eher eine Kreuzung aus theatralem Feuilleton und Volkshochschule. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann referiert über die Geschichte der Bevölkerungsentwicklung, und die drei Meisterschüler nicken mit dem Kopf und studieren Schaubilder zur Geburtenzahl pro Frau. „Wir werden weniger“ fasst Stemann die Sachlage pointiert zusammen. Damit sich das ändert, wird Rotwein von minderer Qualität an das Publikum ausgegeben.

Vielleicht soll der Alkohol aber auch milde stimmen und den Blick für die selbst unter Trash-Gesichtspunkten zweifelhafte „Reality Sitcom“ vernebeln, die Stemann auch noch inszeniert. „Rolf und seine Freunde“ erzählt aus dem Leben eines rüstigen Rentners, seiner imaginären Pflegekraft und seiner schwangeren Tochter (Myriam Schröder), die im Totenreich in einer atemlosen Wutrede einen politischen Rundumschlag unternimmt.

In der zweiten Hälfte des Abends öffnet sich die Bühne nach hinten, und Stemann gelingen einige eindrückliche Bilder. Vor allem, wenn er das Ensemble des Seniorenchors „Spätlese“ dem ‚echten Kind’ Ricarda Schenk gegenüberstellt und so ganz sinnlich und unmittelbar das zahlenmäßige Verhältnis von Alt und Jung visualisiert. Die Kleine macht ihre Sache großartig und schultert als Vertreterin ihrer Generation tapfer die ihr gestellten Herausforderungen. War’s das? Das war’s.

„Der demografische Faktor“ | Inszenierung: Nicolas Stemann | Schauspielhaus Köln | 3./4./21./28.4., 19.30 Uhr/29.4., 15 Uhr | www.schauspielkoeln.de

SANDRA NUY

Tags: Schauspiel Köln

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