Es hilft Musikern nicht unbedingt, wenn sie als Kritikerlieblinge oder in Kollegenkreisen als hochgeschätzte „musicians’ musicians“ gelten. Viele Hörer übersetzen solche Attribute mit „zu kompliziert, zu verkopft“. Nicht so in Erdmöbels (Wahl-)Heimatstadt. So viele Feuilletonautoren kann es selbst in der Medienmetropole Köln gar nicht geben, dass sie allein das an diesem Freitagabend gut besuchte „Gloria“ hätten füllen können.
Keine Frage: Erdmöbel werden vom Heimpublikum geliebt, trotz oder gerade wegen ihrer künstlerisch anspruchsvollen Verbindung von Wort und Musik, und obwohl sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie eine Hymne auf den 1. FC Köln schreiben werden. An Fußball ist ihr wortmächtiger Texter, Sänger und Gitarrist Markus Berges eher weniger interessiert, wie er unlängst bei einem Erdmöbel-Liveauftritt in Arnd Zeiglers Küche im Rahmen der Fernsehsendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ bekannte.
Dafür ist Arnd Zeigler offensichtlich umso mehr an Popmusik interessiert. Als Stargast des Abends legte er bei der Aftershow-Party im „Gloria“ Platten auf – unter dem nicht völlig überraschenden Motto „Zeiglers wunderbare Welt des Pop“. Dass diese Popmusikwelt tatsächlich ganz wunderbare Momente hat, demonstrierten Erdmöbel während ihres rund zweistündigen Auftritts nachdrücklich. Verstärkt wurden Markus Berges, Produzent Ekki Maas (E-Bass, Gesang), Wolfgang Proppe (Tasten und Gesang) und Christian Wübben (Schlagzeug und Gesang) dabei vom bewährten Live-Posaunisten Henning Beckmann.
Hotel Erdmöbel
Vor Beginn der Live-Darbietung hatte es zur Einstimmung den viertelstündigen Kurzspielfilm „Das Senatshotel“ gegeben, in dem die vier Bandmitglieder eine Art „Hotel Erdmöbel“ betreiben und Liedzeilen aus ihren Stücken lippensynchron in die Dia- und Monologe der Gäste eingeflochten werden. Eine witzige Fingerübung im Stil von Alain Resnais’ „Das Leben ist ein Chanson“ (der darin wiederum Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „Die Mädchen von Rochefort“ zitiert), die im Übrigen auch im Erdmöbel-Kanal auf Youtube zu besichtigen ist.
Mit einer naheliegenden Begrüßung leitete Markus Berges dann über zum musikalischen Teil des Abends: „Hallo Mitbewohner!“ Es folgte ein unterhaltsamer Streifzug durch 16 Jahre Bandgeschichte, entlang der Titelliste des aktuellen Best-of-Albums „Retrospektive“. Einflüsse, die sich in dieser Musik wiederfinden, gibt es zuhauf. Eine verschwindend geringe Rolle spielt darunter der klassische Rock – aber zwei, drei schnellere Pop-Stampfer im durchgeklopften 4/4-Takt waren schon dabei, wie das umjubelte „Erster Erster“ mit seinem hymnischen, eingängigen Refrain.
Abwechslungsreicher Stilmix
Erdmöbels Konzept-Popmusik hat ihre Wurzeln unter anderem in der Zeit der großen Konzeptalben, und so wehte auch der eine oder andere Beatles-Anklang durch die Melodien. Im Unterschied zum Auftritt vor etwas mehr als einem Jahr an gleicher Stelle war ein höherer Anteil an leichtfüßigen, poppigen Stücken zu registrieren, die eher der Singer/Songwriter-Tradition zuzurechnen sind. Herausragend hierbei die Coverversion des Gilbert O’Sullivan-Songs „Alone Again (Naturally)“, zu Deutsch konsequent „Wieder Allein (Natürlich)“ betextet.
Zu den weiteren Zutaten ihrer ausgefeilten und bisweilen sperrigen kleinen Kunstwerke gehören neben Versatzstücken aus Film- und Fernsehmusiken auch lateinamerikanische Stile wie Bossa Nova, und nicht zuletzt Soul und Jazz. Die Klangfarbe der im Pop-Umfeld nicht so stark verbreiteten Posaune passt zu diesem Stilmix anscheinend perfekt und wirkt wie ein organischer Teil des Band-Sounds. Die Spielarten elektronischer Musik sind an Erdmöbel ebenfalls nicht spurlos vorübergegangen; Konzertbesucher identifizierten beispielsweise eine „Scooter“-Parodie.
Und keine Erdmöbel-Besprechung ohne gesonderten Hinweis auf die Qualität der Texte: Markus Berges hat in der Tat eine außergewöhnliche Begabung, von der im Konzert Titel wie „Ausstellung über das Glück im Hygienemuseum Dresden“, „In den Schuhen von Audrey Hepburn“, „Wort ist das falsche Wort“, „77ste Liebe“, „Lied über gar nichts“ und natürlich das „Vergnügungslokal mit Weinzwang“ Zeugnis ablegten: „Ich lachte mal / eine Nacht lang / in einem Vergnügungslokal / mit Weinzwang“.
Live-Mitschnitt fürs Radio
Das Publikum präsentierte sich genauso textsicher und kompetent wie im Jahr zuvor. Souverän meisterte der Zuschauerchor das „Lied über gar nichts“, und die inzwischen zum Erdmöbel-Standard gewordene Coverversion von Burt Bacharachs „Close To You“ namens „Nah bei dir“ sangen die „Fischer-Chöre“ (Markus Berges) ohne Bandbegleitung minutenlang weiter, bis die „vier plus eins“ zur zweiten Zugabe wieder auf die Bühne kamen – und zum passenden Abschluss „Ich will gute Erinnerungen haben“ spielten.
Wer’s verpasst hat oder seine Erinnerung überprüfen möchte, kann das Konzert aus dem „Gloria“ übrigens im Radio nachhören. Am 29. Januar 2012 sendet WDR Funkhaus Europa einen Mitschnitt.
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