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Streetart der „Illegalen“
Foto: Knut Klaßen

Der Illegale muss alles fälschen

Monika Gintersdorfer, Franck Edmond Yao und Hauke Heumann über „Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als wählen“ – Premiere 10/11

choices: Frau Gintersdorfer, Herr Yao, Herr Heumann, Ihr Stück „Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als wählen“ bezieht sich auf ein Buch des Philosophen Alain Badiou. Worum geht es darin?
Monika Gintersdorfer: Anlässlich der Wahl zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal im Jahr 2007 hat Alain Badiou das Buch „Wofür steht der Name Sarkozy“ veröffentlicht. Darin stellt er Thesen auf, die, frei formuliert, auf den Titel unseres Stücks hinauslaufen. Wir gehen mit dem Buch nach dem Prinzip des schnellen oberflächlichen Lesens um und benutzen, was uns entgegenkommt oder auch unseren Ansichten widerspricht. Aber das ist eine eigenständige Aufführung, und wir wollen nicht dem Buch im Ganzen gerecht werden.

Haben Sie zur Lage der Illegalen recherchiert?
Gintersdorfer: Wir brauchen nicht zu recherchieren, da wir mit der Grenze zwischen legal und illegal, Papiere haben oder nicht mehr haben täglich zu tun haben. Trotzdem haben wir in den sechs Jahren als Team zwar viele Phänomene im Zusammenhang mit Deutschland, Frankreich und der Elfenbeinküste behandelt, meist aber – aus einer Position der Stärke heraus – nur die glamouröse Seite gezeigt. Über den Punkt der Illegalität haben wir bisher nie gesprochen. Wie bewegt man sich zwischen diesen Ländern? Wie organisiert man sein Leben? Das ist das erste Mal, dass wir darauf mit einem Stück reagieren, und das Buch von Badiou wirkt dabei als Quelle und Rückkopplung.

Sie kommen gerade von einer ersten Probenphase aus Paris.
Monika Gintersdorfer II
Foto: privat
Monika Gintersdorfer hat zunächst am Hamburger Schauspielhaus und an den Münchner Kammerspielen inszeniert, bevor sie Stücke wie „Otello c’est qui?“, „Logobi“ oder „Très, très fort“ zusammen mit dem Architekten Knut Klaßen und deutsch- afrikanischen Darstellern entwickelte. Zum Ensemble gehört auch der ivorische Tänzer und Schauspieler Franck Edmond Yao, der nach seinem Studium in Abidjan Choreo- grafien für Lino Versace und Boro Sanguy entwarf und unter dem Namen Goudoukar la Star ein eigenes Album veröffentlichte. 2006 stieß auch der Schauspieler Hauke Heumann zum Team, der zuvor drei Jahre in Aachen engagiert war.
Gintersdorfer:
Wir sind nach Paris gefahren, weil wir uns mit dem Thema auch in Kategorien der Stadtentwicklung auseinandersetzen wollen. Wie sind die Cités gebaut? Gibt es noch Sozialen Wohnungsbau? Wo und wie leben die Menschen? In Paris haben wir die Viertel Saint Denis, Aubervilliers, Gennevilliers oder La Courneuve im nördlichen Banlieuering besucht, die durch den Autobahnring von der Stadt Paris abgegrenzt werden. An der Porte de la Chapelle zum Beispiel sieht man die Baustellen der Straßenbahn, die Paris neu verbinden soll; man sieht Leute, die improvisiert unter Pappen auf Grünflächen wohnen; die Fußgänger stolpern desorientiert in die Baustellen. Mit Hilfe von Knut Klaßen haben wir gezielt in den Stadtteilen Gebäudekomplexe wie die riesigen Cités angeschaut, die 2005/06 Schlagzeilen machten, als dort Autos brannten.

Hauke Heumann: In den 1980er Jahren wurden in Ivry-sur-Seine und Evry eher strukturalistische Wohnkomplexe mit utopischem Charakter gebaut. Bauten, die mäandern, die jede Wohnung individuell aussehen lassen, mit Versammlungsplätzen, in denen privater und öffentlicher Raum ineinander übergehen. Danach kam dann die Postmoderne, in der man an Versailles erinnernde Sozialpaläste errichtet hat, deren protzig verspiegelten Fassaden nicht erkennen lassen, welches Elend sich dahinter verbirgt.

Wie lässt sich das in einen Bühnenvorgang übersetzen?
Gintersdorfer: Wir versuchen in unseren Arbeiten, solche Strukturen in Bewegung zu übertragen. Das Grundprinzip unserer Arbeit war immer, Text und Bewegung zu kombinieren und darüber neue Darstellungskategorien zu entwickeln.

Wie werden sie in Köln vorgehen?
Gintersdorfer: Wir bleiben weiter in unserem Team. Wir haben Nikolaus Benda aus dem Kölner Ensemble bereits mit nach Paris genommen, und Knut Klaßen wird uns sicher auch Orte in Köln vorschlagen.

In Frankreich scheint die Diskussion über die Illegalen eine wichtigere Rolle als in Deutschland zu spielen, oder täuscht das?
Franck Edmond Yao: Als Sarkozy die Macht übernahm, versprach er, die Illegalen zu legalisieren, aber auch, Frankreich von den Einwanderern zu säubern. Die Regierung hat dann die Illegalen und die Unternehmen aufgefordert sich zu melden. Im Gegenzug versprach man den Illegalen, sie zu legalisieren. Dazu aber sollten sie zunächst in ihr Heimatland zurückreisen und bei der dortigen französischen Botschaft ein Visum beantragen, das zur legalen Einreise ermächtigt. Viele Leute haben das auf eigene Kosten gemacht, aber bei den Botschaften dauerte dann alles immer länger, und so wurden viele Illegale ganz legal abgeschoben – ohne Kosten für den Staat.

Wie organisieren sich die Illegalen?
Yao: Der Illegale muss einfach alles fälschen. Er kann einen falschen Personalausweis schon dadurch bekommen, dass er die Schreibweise seines Namens ändert. Wenn ich eine Wohnung haben möchte, muss ich in Frankreich nur einen Gehaltsnachweis vorlegen. Es gibt Leute, die solche Lohnzettel oder auch Kontoauszüge herstellen und fälschen. Aber selbst unter uns Afrikanern gibt es inzwischen auch eine Hierarchie, in der der Legale den Illegalen demütigt.

Ein Teil der Darsteller stammt aus der Elfenbeinküste. Wird es auch Bezüge dazu geben?
Gintersdorfer: Ereignisse in Abidjan kommen bei der ivorischen Gemeinde in Paris sofort an und äußern sich in Kundgebungen auf der Straße wie zuletzt bei der umstrittenen Präsidentschaftswahl. Bezüge gibt es nicht nur bei der Wahl. Das Programm „Die saubere Stadt“ des neuen ivorischen Präsidenten ist auch eine Art Stadtsäuberungsprogramm, das informelle und improvisierte Orte entfernen will, und das mit Hilfe des Militärs durchgesetzt wird. Es richtet sich gegen sogenannten Lärm, Dreck und die Nichteinhaltung von Bebauungsplänen und ist schon unter den Vorgängern des Präsidenten an Protesten der Bürger gescheitert. Ein Teil der Bevölkerung ist auf das Informelle zum Gelderwerb angewiesen und mag improvisierte Orte, die nicht westlichen Standards entsprechen. Außerdem sind in der Elfenbeinküste Besitzrechte an Grundstücken und Immobilien und die Identität der Bürger nicht einfach zu erfassen. Dadurch dass die Grenzen afrikanischer Staaten künstlich gezogen wurden, verteilen sich viele Ethnien über mehrere Länder. So findet man Bewohner gleichen Namens in Burkina Faso und in der Elfenbeinküste. Die Frage, wer Einheimischer und wer zugezogen ist, ist ähnlich schwierig zu beantworten, wie wenn in Europa die Identität afrikanischer Migranten polizeilich ermittelt werden soll.

„Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als wählen“ | R: Gintersdorfer/Klaßen | Schlosserei | 13.(P)/14./15./29.-31.10, 20 Uhr | 0221 284 00

INTERVIEW: HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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