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Wenn man genau hinguckt, findet man in den prallen Regalen der Kölner Comicläden (hier: Pin Up) auch Kölner Werke
Foto: Dieter Wolf

„Anlaufstelle für jeden Comiczeichner“

Miguel Riveros Silva über Superhelden, Comickunst und die Perspektiven der Comicstadt Köln – Thema 12/11

choices: Herr Riveros Silva, wie sind Sie zum Comiclesen gekommen?
Miguel Riveros Silva
: Mein Vater hat mir schon ein Superman Poster über mein Bett gehängt, als ich ein Baby war. Das hat mich wohl früh geprägt und mein Interesse geweckt. Schon vor der Grundschule hatte ich Comics, doch damals habe ich mir nur die Bilder angesehen. Als ich lesen lernte, war das eine Offenbarung. Ab da las ich jeden Comic, der mir in die Hände fiel. Ich war richtig süchtig danach. Superheldengeschichten waren meine große Liebe, und Superhelden wie Batman wurden zu meinen Vaterersatz. Ich wuchs ohne Vater auf, weil mein Vater während der chilenischen Militärdiktatur vom Geheimdienst ermordet worden war. In vielen Superheldengeschichten fand ich Parallelen zu meinem eigenen Schicksal.

Wann haben Sie begonnen, selbst zu zeichnen?

Der Schritt vom Comicleser zum Comiczeichner ist nicht groß, wenn man das Talent zum Zeichnen hat. Irgendwann will man selbst die Abenteuer eines Helden bestimmen. Am Anfang war es eine Art Spiel. Ich zeichnete mir Abenteuer und erlebte sie beim Zeichnen. Wie bei einem Rollenspiel. Später zeichnete ich Comics für die Schülerzeitung, und irgendwann wuchs der Ehrgeiz. Ich ging mit meinen Comics und Bildern auf einen Verlag zu.

Ist Comic Kunst? Fühlen Sie sich als Künstler?

Miguel Riveros Silva
Foto: privat
Miguel Riveros Silva arbeitet als Illustrator. Er hat an der Animation School Hamburg bei Harald Siepermann („Alfred J. Kwak“) und Alexander Mitta gelernt und zeichnet seit 18 Jahren Comics. Er lebt in Köln. Regelmäßige Veröffentlichungen beim Verlag Edition 52 und in der UNICUM.
Eine Frage, die auch in der Szene oft diskutiert wird – ohne befriedigende Antwort. Offiziell werden Comics als die 9. Kunst anerkannt, doch ich persönlich kann nicht jeden Comic als Kunst ansehen. Da habe ich meine eigenen Grenzen gezogen. Comics sind für mich Kunst, wenn der Zeichner oder Autor von sich selbst aus eine Geschichte als Comic umsetzt. Ich selbst sehe mich als Künstler und Handwerker. Bei eigenen Comicprojekten bin ich eher der Künstler, der das Handwerk beherrscht und bei Auftragsarbeiten der Handwerker, der die Kunst beherrscht.

Was ist für Sie der kreative Unterschied zur Bildenden Kunst, zum Film, zur Literatur?

Ich sehe keinen großen Unterschied, denn ein Comic ist eigentlich ein Film auf Papier, oder ein Roman in Bildern erzählt, oder eine Bilderserie einer Ausstellung, die eine Geschichte erzeugt. Der Comiczeichner muss alles in einer Person sein: Maler, Regisseur, Kameramann, Schauspieler und Schriftsteller.

Sie
arbeiten alleine und mit einer Gruppe. Was ist das Besondere, in einer Gruppe zu arbeiten und als Gruppe aufzutreten?
In einer Gruppe kann man sich die Arbeit aufteilen und sich von der Kreativität anderer unterstützen lassen. Das kann die Arbeit sehr erleichtern, aber auch erschweren. Allgemein fühlt man sich in einer Gruppe sicherer und stärker. Das wirkt auch nach außen.

Es gibt nur wenige Comic-Zeichnerinnen. Wie viele Frauen sind in Ihrer Gruppe?

Unsere Gruppe heißt 9. Art, und das nicht nur weil wir unsere Arbeit der neunten Kunst widmen, sondern weil wir auch 9 Mitglieder sind, drei davon sind Frauen. Aber es ist ein Gerücht, dass nur wenige Frauen zeichnen. Ich würde sogar behaupten, es zeichnen mehr Frauen Comics als Männer. Das Problem ist, wie in der ganzen Gesellschaft, dass es Frauen schwerer haben.

Unterscheidet sich die Comicstadt Köln von Hamburg, Berlin oder Frankfurt?

Ja und nein. In Köln gibt es unglaublich viele Comiczeichner, sogar sehr bekannte wie Ralf König. Leider gab es in den letzten Jahren keinen Treffpunkt und keine Institution, die diese Zeichnergemeinschaft unterstützte oder förderte. Heute ändert sich die Lage, denn vor einigen Monaten wurde eine private Stiftung für Comics gegründet. Das Cöln Comic Haus am Chlodwigplatz könnte Anlaufstelle für jeden Comiczeichner werden.

Was fehlt in Köln?

Die Unterstützung der Presse und der Stadt Köln. Das Thema Comic hat unglaublich viel Potential. In jeder Hinsicht.

Immerhin: choices berichtet seit Jahren.
Welche Bedeutung hat denn die Intercomic für das kulturelle Gefüge in der Stadt?
Die Intercomic ist die einzige Messe in Köln, die etwas mit Comics zu tun hat. Sie ist aber in erster Hinsicht eine Händlerbörse. Man geht dort günstig Comics kaufen und verkaufen. Mittendrin sitzen dann einige Comiczeichner und versuchen, ihre Arbeit vorzustellen. Man kann daraus noch eine Menge machen, und wir als Comiczeichner der Gruppe 9. Art wollen diese Chance nutzen, um den Menschen das Medium Comic näherzubringen und auch, um aufzuklären. Parallel zur nächsten Intercomic planen wir Ausstellungen und Workshops.


Aktuelle Comic-Termine in Köln und Umgebung:

„Anime! High Art – Pop Cultur“. Ausstellung zum japanischen Zeichentrickfilm (bis 8.1., Bundeskunsthalle Bonn)

„Die 7 1/2 Leben des Walter Moers“. Ausstellung des Erfinder des „kleinen Arschloch“ (bis 15.1., Ludwig Galerie Schloss Oberhausen)

Ralf König liest aus „Prototyp“, Gäste: Hella von Sinnen & Monty Arnold (29.11., 20 Uhr, Kulturkirche Nippes)

„The Green Wave“, animierte Kino-Doku über die grüne Revolution im Iran (6.12., 20 Uhr, OFF Broadway)

Der Weihnachtsmann und andere Comiczeichner zeichnen für Groß und Klein, Eintritt frei (11.12., 13-18 Uhr, Fantastic Store im Cöln Comic Haus)

71. Intercomic. Größte deutsche Comicmesse (Mai 2012, Stadthalle Köln-Mülheim)

„25 Years of Animation“. Ausstellung über die Pixar-Studios (6.7.2012 bis 6.1.2013, Bundeskunsthalle Bonn)

INTERVIEW: DIETER WOLF

Tags: Thema 12/11, ComicKultur

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