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Lässt Berlusconi im Bunga-Bunga-Prozess die Maske fallen?
Foto: Grey59/pixelio!

Bunga Bunga Balla Balla

Magenbitter 05/11

Silvio Berlusconi befindet sich eindeutig jenseits von Gut und Böse. In moralischen Kategorien ist der Mann nicht mehr zu fassen. Das alles scheint er lange hinter sich gelassen zu haben, das interessiert ihn nicht mehr. Ihm geht es wohl nur noch darum, es mit fast 75 noch mal richtig krachen zu lassen – und sei es mit einer minderjährigen Prostituierten, die auf den „Künstlernamen“ Ruby Rubacuori hört.

Man möchte gar nicht wissen, in wie vielen Runden mehr oder weniger älterer Herren inner- und außerhalb Italiens er dafür als cooler Hund und alter Stenz abgefeiert wird, der genau das macht, was sie auch nur zu gerne tun würden. Als geborener Populist hat Berlusconi ein Gespür für solche Stimmungen und kokettiert inzwischen offen mit seiner Lustgreisenhaftigkeit. Er ist König und Hofnarr in einem.

Wie der italienische Journalist und Berlusconi-Kenner Beppe Severgnini in einem Interview mit sueddeutsche.de berichtete, ging Berlusconi vor einigen Wochen beim Spiel seines Verein AC Mailand gegen Inter zu den Journalisten auf die Pressetribüne und sagte: „Habt ihr schon das Ergebnis der letzten Umfrage gehört, die unter jungen Frauen gemacht wurde? Die Frage lautete: Würdet ihr mit Berlusconi schlafen? 70 Prozent haben geantwortet: Warum nicht? Die anderen 30 Prozent haben gesagt: Nicht schon wieder.“ Der Mann sucht offensichtlich den triumphalen Abgang und möchte den (Frauen-)Heldentod im Bett sterben.

Der Unterhaltungswert dieser Geschichte war so hoch geworden, dass ich anfing Italienisch zu lernen, um die Berichterstattung auch in italienischen Medien verfolgen zu können. Unter vielen lustigen Schlagzeilen auf der Internetseite der Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ ragte eine mit einer Comiczeichnung heraus: „Il re nudo (con le ragazze)“ („Der nackte König mit den Mädchen“) zeigte einen grinsenden B. (so kürzt „Il Fatto Quotidiano“ den „Cavaliere“ gerne ab) im Kreise leicht bekleideter junger Frauen.

Letztere waren in der Regel allerdings nicht in Zeichnungen, sondern auf Fotos zu sehen. Ungefähr jeder zweite Online-Aufmacher von „Il Fatto Quotidiano“, „La Repubblica“ etc. zeigte ein Porträt von B. (meist Kopf und ein Stück Oberkörper), um das herum Aufnahmen seiner diversen (vermeintlichen und tatsächlichen) Gespielinnen gruppiert waren, welche die äußeren Vorzüge der Frauen mehr oder weniger dezent betonen. Sich über einen zügellosen Lustgreis zu empören ist eben noch schöner, wenn man die Objekte seiner Begierde gleich mit bewundern kann, gell? Die „Rubygate“-Affäre eignet sich in jeder Hinsicht als Musterbeispiel für Demokratiedegeneration.

Denn wer hat eigentlich ein Ende der Ministerpräsidentschaft B.s am meisten zu fürchten, er selbst oder die Medien, die mit ihm Klicks, Quoten und Auflage „generieren“? Politik ohne Silvio B. wäre nur noch halb so belustigend – zumindest für Außenstehende und nicht unmittelbar davon Betroffene. Seit 31.5.2011 kann das interessierte Publikum nun verfolgen, ob die Show auch vor Gericht mit gleichbleibend hohem Unterhaltungswert weitergeht. Immerhin sind es drei Richterinnen, die die Eskapaden ihres MP zu beurteilen haben.

Einer der Beispielsätze aus meinem Italienisch-Lernbuch lautet „Abbiamo fatto subito amicizia“, zu Deutsch: „Wir haben uns sofort angefreundet“. Ich stelle mir gerade vor, wie Berlusconi den drei Grazien auf der Richterbank seine Beziehung zu Ruby Rubacuori, mit der er ja keinen Sex gehabt haben will, wie folgt erklärt: „Ruby e io abbiamo fatto subito amicizia!“, begleitet von jenem breiten Verkäufergrinsen, das er vermutlich für unwiderstehlich hält.

Sollte er tatsächlich verurteilt und aus dem Verkehr gezogen werden, könnte B. ja wieder als Sänger auf Kreuzfahrtschiffen anheuern und zum Höhepunkt seiner Auftritte den 50er-Jahre-Hit „Ruby Baby“ zum Besten geben, von dem es eine schöne Blues-Shuffle-Version auf einem Live-Album des leider bereits verstorbenen Willy de Ville gibt. Dazu könnte er auch gleich good old Willys bleistiftdünnen Oberlippenbart übernehmen, das würde zu jener Aura des Schmierig-Halbseidenen passen, die von B. abstrahlt. Der Text von „Ruby Baby“ ist dem „Cavaliere“ wie auf den lüsternen Leib geschrieben:

“Whoa, oh, oh, oh, oh, Ruby, Ruby, how I want ya
Like a ghost I'm gonna haunt ya
Ruby, Ruby, when will you be mine
Whoa, oh, oh, oh, oh, from the sunny day I met ya
I made a bet that I would get ya
Whoa, oh, oh, oh, oh, got some lovin', money too
Gonna give it all to you
Ruby, Ruby, will you be mine”

Auch in Italien bemühte man sich unterdessen, der Angelegenheit ihre komischen Seiten abzugewinnen. So wurde aus Berlusconis Villa Ancore, in der die Sexpartys stattfanden, die „Villa Hardcore“, und laut Zeitungsberichten erwägen Pornoproduzenten allen Ernstes, einen Film über die Affäre zu drehen. Für die Hauptrolle käme da eigentlich nur Charlie Sheen in Frage. Als deutscher Verleihtitel eignen würde sich „Bunga Bunga im Bungalow“, oder auch „Bunga Bunga Bunga Täteräää“. Und zum ebenso stimmungs- wie niveauvollen Schluss dieses Meisterwerks sollte B. in schwarzweissquergestreifter Sträflingskluft die Gitterstäbe seines Zellenfensters umklammern, aufs Meer hinausschauen und „Azzurro“ singen.

Mit diesem unverwüstlichen Stück ist Adriano Celentano, seit Jahren einer von Berlusconis schärfsten und populärsten Kritikern, in den 60er Jahren berühmt geworden. Auf youtube findet man ein Schwarzweiß-Video von „Azzurro“ aus dem Jahr 1966, das direkt in die Steinzeit der Musikvideo-Ästhetik zurückführt: Drei Minuten nahezu statische Kamera, zwei oder drei Wechsel von der Naheinstellung auf eine Großaufnahme des Gesichts von Celentano, der mit abwechselnd vor der Brust verschränkten oder in die Hüfte gestemmten Armen scheinbar gründlich gelangweilt im Bild steht, dann aber wie auf Kommando sein berüchtigtes charmantes Grinsen einschaltet. Treffender Kommentar eines Nutzers dazu: „Der könnte einem Eskimo Kühlschränke verkaufen“. Nicht viel anders wirkt Berlusconi zumindest auf eine Hälfte der Italiener. Celentano und Berlusconi: In gewisser Weise kommen sie einem wie das Doppelgesicht Italiens vor.

Da böte sich doch glatt ein weiterer Film an, nämlich eine Variation von „Il buono, il brutto, il cattivo“, hierzulande unter dem eine Hauptfigur unterschlagenden Titel „Zwei glorreiche Halunken“ gelaufen und besser bekannt als „The Good, The Bad And The Ugly“. In den Hauptrollen zu sehen wären Celentano (buono), Berlusconi (brutto) und der separatistisch-rassistische Lega-Nord-Politiker und Berlusconi-Verbündete Umberto Bossi (cattivo).

Man sieht, es gibt schier unbegrenzte Möglichkeiten, die Silvio-Soap fortzuspinnen. Wünschen wir den drei Richterinnen, dass sie die beste Fortsetzung finden. Nur eines sollten sie ihm besser nicht als Strafe auferlegen: Sozialstunden in einem Mädchenpensionat.

Michael Hermann

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