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„Wastwater“
Foto: David Baltzer

Being fucked up

„Wastwater“ als Zeitgeist-Triptychon am Schauspielhaus - Theater am Rhein 05/12

Hoch im Norden liegt der tiefste See Englands: „Wastwater“. Selbst wenn die Sonne scheint, ruht er im Schatten. Auf seinem Grund sollen in Teppich gewickelte Leichen gefunden worden sein. Nach diesem sagenumwobenen Gewässer hat der britische Dramatiker Simon Stephans sein neues Werk benannt, das am Kölner Schauspiel ein Jahr nach der Londoner Uraufführung (Regie: Katie Mitchell) nun erstmals in deutscher Sprache gespielt wird. Das Stück spielt aber bei London, in der nächtlichen Peripherie des Flughafens Heathrow.

Der See ist ebenso tief und düster wie die Seelen der Figuren: „Wastwater“ dient als Metapher für die sich nach und nach auftuenden menschlichen Abgründe. Es ist ein Zeitgeist-Triptychon über „being fucked up“.Jeweils zwei Menschen treffen in drei Szenen, die lose verknüpft sind, unter undurchsichtigen Umständen aufeinander. Nichts Genaues weiß man, aber irgendwie haben alle etwas miteinander zu tun. „Das ist wie mit den Synapsen“, heißt es im Stück, „wir sind vernetzt. Wir alle“.Ob man will oder nicht.In der ersten Szene verabschiedet sich Frieda von ihrem Pflegesohn Harry, weil er auswandern wird. Man macht Smalltalk, doch plötzlich öffnet sich der Boden unter den Figuren, endlich reden sie über das Warum. Doch das Sprechen hilft ihnen nicht, im Gegenteil, es scheint beide zu verschlingen.Dem zweiten Paar ergeht es nicht besser. Eine Polizistin und ein Kunstdozent treffen sich zum Sex im Flughafenhotel. Er würde sie sofort ausziehen, doch stattdessen legt sie einen Seelenstriptease hin, der es in sich hat.

Es ist eine wahre Wonne, mit welcher Lust der Autor hier das Kaputte hinter des gepflegten britischen Understatements ausschüttet: Was ist schon peinlich daran, „sich von sieben Männern Sperma ins Haar spritzen zu lassen?“. Das letzte Paar verbindet nur das Business. Jonathan wickelt mit Sian einen Deal ab, der Lehrer wartet auf ein geschmuggeltes Kind. Hinreißend gespielt von Martin Reinke, der seiner Figur eine solche intensive, suggestive Kraft verleiht, dass man gar mehr nicht weiß, wie man sich gegen das Klischee „Kinderschänder“ wehren soll. Regisseur Dieter Giesing gelingt ein stimmiger Sprechtheater-Abend, der allein auf den Text hört und den Raum für überzeugende Schauspieler aufmacht.

„Wastwater“ von Simon Stephens | R: Dieter Giesing | Schauspielhaus |
keine Vorstellungen im Mai | www.schauspielkoeln.de

ULRIKE WESTHOFF

Tags: Schauspiel Köln

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