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Aus allen Blickwinkeln

ComicKultur 05/10

Nach sechs langen Jahren gibt es endlich ein neues Album der Reihe „Die geheimnisvollen Städte“ von François Schuiten und Benoît Peeters. „Die Sandkorntheorie“ erzählt im üblichen, am Steampunk angelehnten Stil mit faszinierenden Architekturfantasien von seltsamen Steinen, die in einem Apartment auftauchen, und Sandfontänen, die aus einem weiteren strömen. Am Ende lässt die stimmungsvolle Geschichte eine Lesart zu, die einen vagen Kommentar zum Verhältnis von westlicher Welt und Islam abgibt (Schreiber & Leser).
Das Buch von Raymond Bradbury ist ein Klassiker des Science Fiction, und auch François Truffauts Verfilmung von „Fahrenheit 451“ hat längst Kultstatus. Da muss sich ein Comicautor schon anstrengen, um dem Stoff noch etwas Interessantes abzugewinnen. Tim Hamiltons Zeichnungen könnte man einem avancierten Mainstream zuordnen, der die Story sowohl expressiv als auch actionbetont erzählt. Die düstere Alltagsstimmung fängt er in tristen Tönen ein, während die Flammeninfernos der Bücherverbrennungen in den Zeichnungen ihr aggressives Potential voll entfalten können (Eichborn). In farbiger Ligne Claire erzählen Jean-Michel Beuriot und Philippe Richelle in „Unter dem Hakenkreuz“ von Martin und seiner Liebe zu Katharina. Beide sind Deutsche, aber sie ist Jüdin. In den beiden und zahlreichen Nebenfiguren spiegeln die Autoren die historischen Ereignisse und die vielfältigen Möglichkeiten, sich in diesen Zeiten zu positionieren. Dabei lassen sie viele Zwischentöne zu und beleuchten die gesellschaftlichen Zustände aus allen Blickwinkeln, wechseln auch topografisch zwischen den Ländern. Ganze zehn Bände sind geplant, der dritte ist soeben erschienen (Schreiber & Leser). Bei Carlsen seinerzeit als „Liberty“ veröffentlicht, erscheint „Give me Liberty“ von Frank Miller und Dave Gibbons nun als Panini-Sammelband unter dem Titel „Martha Washington“. Die stark von Watchmen beeinflusste Science Fiction erzählt von der schwarzen weiblichen Heldin, die sich in einer Welt mit saufenden Präsidenten, schwulen Nazis, indianischen Befreiungskämpfern und irren Generälen durchschlagen muss. Zwischen sozialkritischem Anliegen und überdrehtem Actionspektakel sorgt der erste Band „Ein amerikanischer Traum“ für intelligente Unterhaltung. In zwei weiteren Sammelbänden wird Panini die Sequels „Martha Washington zieht in den Krieg“ und „... rettet die Welt“ veröffentlichen (Panini). Von der Wiederveröffentlichung von François Bourgeons Serie „Reisende im Wind“ aus den frühen 80er Jahren ist inzwischen der vierte Band erschienen. Das aktuelle zweibändige Sequel „Das Mädchen vom Bois- Caïman“ ist bereits mit dem zweiten Band abgeschlossen. Interessant ist vor allem, dass Bourgeon seinen eigenen zeitlichen Abstand zur Serie als Autor in die Geschichte einbringt. Denn dort erzählt die inzwischen fast 100jährige Titelheldin aus „Reisende im Wind“, wie ihre Geschichte weiterging (Splitter). Und zum Schluss ein Doppeltermin: Am 8. Mai findet nicht nur die 67. Comic- Messe „Intercomic“ mit Gästen wie Reinhard Kleist in der Mülheimer Halle statt. Es ist auch der Termin des ersten „Gratis Comictag“, ein aus den USA importiertes Event, um die Blicke auf die Comicszene zu lenken. Dann kann man sich nämlich einige der an die 30 extra für diesen Tag produzierten Comicpublikationen gratis in den Läden abholen. In Köln machen Pin Up, Djinn Café & Comic und die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig (Reinhard Kleist signiert auch hier von 17-20 Uhr) mit und in Bonn der Bonner Comicladen (www.gratiscomictag.de).

Christian Meyer

Tags: ComicKultur

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