Das Leben ist unüberschaubar geworden. Wir leben in einer Zeit, in der alles in Bewegung ist, Sicherheiten und Lebensversicherungen ins Schwanken geraten. Vergeblich sehnen wir uns nach der Planbarkeit eines Lebensentwurfes, die Unwägbarkeit der Zeitläufte stellt alles in Frage. Von dieser Grundlebenssituation handelt auch Tolstois Roman „Krieg und Frieden“, auf den die gleichnamige Oper von Prokofjew zurückgeht.
Tolstoi erzählt in seinem über zweitausend Seiten umfassenden Epos, das er selbst als „russische Ilias“ bezeichnete, von den zerstörerischen Konsequenzen des Russlandfeldzugs Napoleons anhand der Schicksale zahlloser teils historischer, teils erfundener Personen. Der Einbruch des Krieges verändert das Leben aller schlagartig, und die existentielle Bedrohung wirft jeden auf sich selbst zurück. Alles ist in Auflösung und Aufruhr begriffen – die Zivilisation bricht zusammen, Chaos und Zerstörung greifen um sich. Die Frage, wie der Mensch mit diesen Schicksalsschlägen umgeht und sie bewältigen kann, rückt in den Mittelpunkt der Handlung.
Prokofjews zweite Ehefrau, Mira Mendelson, las ihrem Mann regelmäßig aus Tolstois Roman vor, und der Stoff regte den Komponisten bald zur Vertonung an – ihm schwebte ein intimes Liebesdrama vor, lyrische Szenen im Sinne von Tschaikowskys „Eugen Onegin“. Im Sommer 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion, und die Entstehungsgeschichte der Oper nahm eine Wende hin zum Politischen, die von Prokofjew selbst, aber auch von Stalins Kulturbehörden initiiert wurde: Im ersten Teil entwirft die Oper ein großes Gesellschaftspanorama in Friedenszeiten, das die dekadente Petersburger Gesellschaft im Walzerrausch zeigt. Im zweiten Teil dominieren die Massenchöre der Kriegsszenen im brennenden Moskau – das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino: Die Szenen sind filmisch gedacht, und die Nähe zur Filmmusik ist nicht zu überhören. Die Arbeit an diesem monumentalen Werk – allein 72 (!) Solisten sind zu besetzen – war eine work in progress, so dass heute vier Fassungen vorliegen. Die ungekürzte Fassung in 13 Bildern umfasst zwei Abende, deren Uraufführung 1957 der Komponist selbst nicht mehr erlebte. Er starb am 5. März 1953, am selben Tag wie Stalin. Die Kölner Oper hat nun eine gekürzte, gut dreistündige Version erarbeitet.
Drei Einzelschicksale stehen im Zentrum der Oper: Zwei Männer, Pierre und Andrej, fühlen sich zu der jungen, lebenslustigen Natascha hingezogen. Sie erwidert die Gefühle Andrejs, und es kommt zu einer ersten Annäherung. Doch nicht nur die erstarrten Konventionen der russischen Adelsgesellschaft, sondern auch die Angst vor einer Entscheidung halten Andrej zurück, sie zu heiraten – er ist ein verunsicherter Mensch, der dem Leben misstraut. In ihrer Enttäuschung fällt Natascha auf die Avancen eines intriganten Bigamisten, dem Schwager von Pierre, hinein. Pierre schreitet ein, um sie zu schützen, es kommt zum Eklat. Die menschlichen Irrungen und Wirrungen treiben alle auseinander, der Krieg bricht aus. Erst in den Kriegswirren, den Tod vor Augen, finden Natascha und Andrej wieder zusammen. Doch das Glück währt nur einen Moment, Andrej erliegt seinen Verletzungen. In der Sterbeszene erklingt der intime h-Moll-Walzer ihrer ersten Begegnung, der sich als Leitmotiv unerfüllter Sehnsucht durch die gesamte Oper zieht. Pierre überlebt den Krieg. Die Einsicht in elementare Lebenszusammenhänge hat aus dem Außenseiter einen reifen Menschen werden lassen. Nach dem Tod seiner Frau ist er nun frei für Natascha.
Ein optimistisches Ende findet sich, im Gegensatz zum Roman, in der Oper nicht. Am Ende sieht man auf Trümmer und verbrannte Erde, „zur Besinnung kommen, verstehen …“ sind die letzten Worte des Librettos. Mit der Frage nach der Erfüllbarkeit und der Vergeblichkeit von Glückerwartungen entlässt die Oper den Zuschauer in eine Zeit, in der es keine Garantien mehr gibt.
„Krieg und Frieden“ I Oper Köln I 1./3./8.10.

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