Auf diese Ausstellung muss man mit Nachdruck aufmerksam machen. Jean-Paul Deridders Schau in der Photographischen Sammlung zeichnet sich durch Bescheidenheit, eine wie selbstverständliche Zurückhaltung aus. Im seitlichen Raum, der über die Passage zu betreten ist, sind seine fotografischen Bilder in Gruppen angeordnet: als ausgesprochen kleine Hoch- und Querformate, immer in s/w und im Blick auf ein unwirtliches Gelände, welches von wildem Baumbestand und Hauswänden mit Graffiti umfangen ist. Dazwischen sind Holzbauten in unterschiedlich provisorischen oder abgeschlossenen Zuständen und in der Abfolge wie eine Siedlung zu sehen. Das Nüchterne der fotografischen Aufnahmen ist umso bemerkenswerter, als sie eine Art Abenteuerspielplatz zeigen: ein Areal zum Selbstgestalten durch Kinder und Jugendliche, die hier bauen und zimmern und die Regeln ihrer architekturalen Konstruktionen bestimmen.
Der belgische Fotograf Jean-Paul Deridder hat diesen Ort, der sich in Berlin-Mitte befindet, zwischen 1998 und 2010 aufgenommen, vor allem bis 2005, bevor die Holzbauten auf dem Gelände abgeräumt wurden. Deridders Fotografien funktionieren also als Archiv und als Gedächtnis der kreativen Zwischennutzung einer Baulücke im urbanen Raum. Und sie schildern das insgesamt Vorübergehende selbst als Vorübergehendes: Deridder hat die verschiedenen Stadien des Auf- und Umbauens, den permanenten Prozess der kreativen Veränderung durch die Kinder fixiert, hat dabei den Standort auf dem Areal gewechselt, die Bauten gar bestiegen und schräg hinab fotografiert, so dass das Gefühl entsteht, Augenzeuge mitten im Geschehen zu sein.
Zustandsbeschreibungen der Bauten
In der Photographischen Sammlung in Köln sind an der Wand unter den Aufnahmen der Monat und das Jahr geschrieben, nicht der Tag. Die Bilder sind Zustandsbeschreibungen der Bauten über längere Zeiträume. Dazu gehört, dass die Kinder nicht zu sehen sind. Aber Deridder hält ihre Spuren fest. Er legt die Anwendungen, die Begehbarkeit der Bauten frei und zeigt die Stellen, an denen die Konstruktionen ergänzt werden müssten. In einer Fotografie rückt ganz nebenbei eine Planke in das Zentrum, die an einer Holzwand lehnt. Oder eine Schubkarre ist vor einer fensterlosen Hütte abgestellt. Dahinter türmen sich die Holzkonstruktionen auf, wachsen kleinteilig in die Höhe. Mitunter erinnern sie an den baulichen Wildwuchs an den Peripherien von Metropolen und in Slums. Insgesamt lassen sich verschiedene Gebäudetypen ausmachen, die unterschiedliche Funktionen signalisieren. Da entstehen Unterschlüpfe und Türme, und schließlich, in der Summe der fotografischen Bilder, wird klar, dass wir hier einem bemerkenswerten urbanen und architektonischen Experiment beiwohnen. Zu sehen ist ein Biotop, das, nach unvorhersehbaren Regeln organisiert, alternative Bau- und Lebensformen vor Augen führt, so wie diese im aktuellen Architekturdiskurs zur Sprache kommen. Hier nun verstoßen sie jedoch gegen jede Praktikabilität. „Die ästhetische Logik der Erwachsenen steht der Gebrauchslogik der Bewohner und Nutzer der Stadt der Kinder entgegen“, schreibt Michael Hirsch im Buch zur „Stadt der Kinder“ (2008). Und der Aneignung des Geländes und der eigenen Konstruktionen durch die Kinder entspricht die Aneignung durch den Fotografen – und damit durch den Betrachter –, der das Gelände vorsichtig und systematisch erkundet und einen Weg durch dieses für sich entdeckt hat.
Vor allem in den späteren Aufnahmen dieser Serie lenkt Deridder noch den Blick auf die Baulücke selbst, die symptomatisch für eine Metropole wie Berlin ist, und für den globalisierten Impetus mit immer schneller wechselnden städtebaulichen Ordnungen und Häuserzeilen, deren rein ökonomisch motivierte Abrisse und Neubauten radikal und von heute auf morgen vonstattengehen. In Deridders Aufnahmen zur „Stadt der Kinder“ hingegen scheint die Zeit stillzustehen. Könnten diese Holzbauten nicht schon vor hundert Jahren entstanden sein? Jean-Paul Deridder, der 1963 geboren wurde und in Brüssel lebt, konstatiert Derartiges bemerkenswert sachlich mit einem genau fokussierenden Blick, der die Bauten noch wie Skulpturen, aber auch wie individuelle Wesen mit einem eigenen Mitteilungsbedürfnis abtastet. Es ist natürlich kein Zufall, dass zeitgleich dazu in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur die ebenfalls schwarz-weißen Aufnahmen von Judith Joy Ross zu sehen sind: Ihr Motiv sind ausschließlich Menschen, in Werkgruppen gegliedert nach Berufs- und sozialen Gruppen und eingefangen als Einzelportraits im Gegenüber. Judith Joy Ross geht es um eine Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft mit all ihren Subtexten. Mit einem anderen Sujet und einem etwas anderen Vorgehen, aber in der Intention und im Ton sehr verwandt, kennzeichnet dies nun auch die Fotografien von Jean-Paul Deridder.
„Jean-Paul Deridder: Stadt der Kinder“ I bis 27.11. in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur im Mediapark I www.photographie-sk-kultur.de
Tags: SK Stiftung Kultur
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