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10/20 Schmerzbetrug

FRAGEN DER ZEIT
Redaktionsskizze: wie choices & Co. das jeweils nächste Thema planen für choices/Köln, engels/Wuppertal und trailer/Ruhrgebiet
Drei Magazine in NRW – ein THEMA

Foto: CLIPAREA.COM / Adobe Stock

Wachstumsmarkt Schmerz? Bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland gelten als abhängig von Medikamenten, nicht zuletzt von Schmerzmitteln; eine Abhängigkeit, der sich die Betroffenen oftmals nicht bewusst sind und die sich auch in einer ärztlich begleiteten Therapie entwickeln kann. 140 Millionen Schmerzmittelpackungen werden in Deutschland jährlich verkauft, davon 105 Millionen rezeptfrei; übrigens ist in der Corona-Krise der Absatz rezeptfreier Medikamente drastisch gestiegen, auch der von Schmerzmitteln. Es heißt, die Verschreibungen von Opioid-Analgetika hierzulande hätten das Pro-Kopf-Niveau der USA erreicht. Das ist besorgniserregend auch angesichts der Opioid-Krise, die in den USA noch vor der Jahrtausendwende ihren Anfang genommen hat. Nicht zuletzt ein aggressives Marketing der Medikamentenfirmen wird für den Anstieg der Verschreibungen verantwortlich gemacht. Doch daraus folgen keine grundsätzlichen Argumente gegen medikamentive Schmerzlinderung. Im Gegenteil ist unzähligen Schmerzpatient:innen nur mit solch hochsensiblen Medikamenten zu helfen, ein lebenswertes Leben erst zu ermöglichen. Richtig ist aber auch, dass vielen Wehwehchen weniger durch Pillen und Tropfen beizukommen ist, sondern vielmehr durch einen Lebenswandel, der die eigenen Bedürfnisse ernst nimmt, körperliche, seelische und geistige. Wie gehen Mediziner:innen, wie gehen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft mit diesen Gegensätzen um?

 

Medienteil EINS: Vom Arzt zur Sucht


Expert:innen galt Deutschland lange Zeit als Entwicklungsland in Sachen Schmerztherapie. Entsprechend begrüßen sie die mittlerweile große Auswahl an Medikamenten, mit denen Schmerz- und Krebspatient:innen entscheidend geholfen werden kann. Trotzdem bereiten Falsch-Verschreibungen Probleme, werden Opioide beispielsweise auch bei bei chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen oder bei Osteoporose verschrieben. Viel hilft viel, scheine die Devise mitunter zu sein und es leide das Leitbild, eine wirksame und schonende Therapie zu wählen. Eine Tendenz auch bei kleineren Beschwerden? Sind es nur Firmen und Ärzt:innen, die diesen Trend befördern oder drängen auch Patient:innen selbst mehr und mehr auf diese handfesten Hilfen, statt sich erst einmal zu fragen: Was kann ich selbst für meine Gesundheit tun, durch mehr Bewegung, bessere Ernährung, ausreichend Schlaf – kurz: durch mehr vom Guten und und weniger vom Schlechten?

 

Medienteil ZWEI: Hilft die Natur?

 

Rein pflanzlich, naturheilkundlich und alternativ bedeutet nicht harmlos, schonend und selbstheilungs-kräftigend. Auch naturheilkundliche Mittel enthalten (medizinisch nachweisbare) Wirkstoffe, und es sind (in Kombination mit anderen Mitteln) riskante Nebenwirkungen möglich (Beispiel Magen-Darm-Mittel Iberogast, Wirkstoff Schöllkraut, Verdacht u.a. Leberschäden). Nicht zu vergessen: Biochemische, also industrielle oder konventionelle Mittel, sind in der Regel natürlichen, meist pflanzlichen Stoffen nachempfunden (Beispiel Aspirin) und daraufhin entwickelt, sowohl gezielter als auch schonender zu wirken als der Naturstoff. Ist es also Zeit, die Opposition biochemischer 'harter' und naturheilkundlicher 'sanfter' Mittel zu überwinden und stattdessen schlicht das Kriterium der Evidenz heranzuziehen; auch, um Abstand zu schaffen zu homöopathischen Mitteln, die den Evidenztest mangels nachweisbarer Wirkstoffe nicht bestehen? Und scheitern nicht auch zahlreiche konventionelle Mittel am Evidenztest?

 

Medienteil DREI: Vom Rausch in den Wahnsinn


Was stark wirkt, lässt sich leicht missbrauchen, und Schwächeres entfaltet kombiniert extreme Wirkung: Die kombinierte Einnahme eines frei verkäuflichen Durchfall- und eines Krampfmedikaments ist bei Konsument:innen für eine Opiate übertreffende Rauschwirkung beliebt. Auf vermeintlich harmlose Mittelchen greifen auch Hobbysportler:innen zurück, um Schmerzen beim Marathonlauf vorzubeugen. Sie riskieren, oftmals wissentlich, Herzprobleme, Herzinfarkte, Darmgeschwüre oder Nierenversagen. Es kann nicht darum gehen, Menschen jeden Rausch zu verweigern, und selbstzerstörerische Leistungsideale sind kein Privileg von Hobbysportler:innen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Markt-Freigabe der betreffenden Substanzen durchweg mit der gebotenen Strenge erfolgt und wie auf systematischen Missbrauch reagiert wird.


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