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08/20 Verschwörungstheorien

FRAGEN DER ZEIT
Redaktionsskizze: wie choices & Co. das jeweils nächste Thema planen für choices/Köln, engels/Wuppertal und trailer/Ruhrgebiet
Drei Magazine in NRW – ein THEMA

Foto: Nomad_Soul / Adobe Stock

Lügenpresse, Mainstream-Medien, Fake News. Wir Journalist:innen wiederholen solche Schlagwörter unbedacht, als hinterfragten sie nüchtern unsere Arbeit. Sie zielen aber nicht auf Fehler, die Journalist:innen natürlich unterlaufen können, oder auf schlampigen, gar verlogenen Journalismus, den es leider gibt. Es sind stattdessen Schmähtitel für das Feindbild der Extremist:innen: die seriöse freie Presse. Übernehmen wir die rhetorischen Finten, dann spielen wir den Demokratieverächter:innen in die Hände. Wir sollten damit aufhören. Sonst befördern wir den absurden Anschein, es gäbe tatsächlich
eine große Verschwörung aus Medien, Politik und Wirtschaft. Jener Anschein kann zurückgehen auf tatsächlich bedenkliche institutionelle Verflechtungen zwischen
Medien und Politik, auf Verlagskonzerne, deren Quasimonopole der Meinungsvielfalt nicht guttun oder auf lustlose Talkshows, die wie ausgemacht scheinen. Trotzdem wird in Rundfunk, Internet und Print täglich über alle politischen und weltanschaulichen Lager hinweg gestritten, setzen Redaktionen im ganzen Land alles daran, noch über das verborgenste Wirken der Mächtigen öffentlich aufzuklären. Wer das ignoriert und sich in eine heimelige Filterblase zurückzieht, ist unter Umständen mit keinem Wort vom Gegenteil zu überzeugen. Im Monatsthema SAG DIE WAHRHEIT versuchen wir es trotzdem und möchten wissen, wie Verschwörungserzählungen entstehen und wirken und wie das Gespräch mit ihren Anhänger:innen gelingen kann.

 

Medienteil EINS: Politische Hetze


Propaganda, Infokrieg – wie es auch genannt wird, es durchzieht die politischen Diskurse mitunter unverhohlen und offenkundig, aber keineswegs erfolglos. Rhetorische Finten wie „Fakenews“. „Systemmedien“, „Mainstreammedien“ prägen das Gespräch – dabei sollte klar sein: All das gibt es nicht! „Fakenews“ beispielsweise ist kein Wort für schlampigen oder tendenziösen Journalismus, sondern ein Schmähtitel für das Feindbild der Extremen: die seriöse Berichterstattung der freien Presse. Wer die Finten übernimmt, spielt den Extremen in die Hände. Das Wirken der (neuen) Rechten scheint diese Auseinandersetzung zu prägen, doch beispielswiese gegen eine ‚Weltverschwörung des Kapitals‘ richtet sich auch die extreme Linke. Eine Herausforderung sind nicht zuletzt die hohe Schlagzahl und Verbreitung der Verschwörungserzählungen: Unmöglich, jederzeit und allerorts dagegen zu streiten, mit Gutwilligen zu reden oder dem Informationsfluss zu folgen, sei es nur im privaten Kreis. Die Hetze tritt zudem auch unterhaltsam auf, in pointierten Memes und Videos, wie all die anderen in den Sozialen Medien omnipräsenten Scherzereien. Manch eine/r hat sie geteilt, ohne zu kapieren, von welchem Geist sie sind. Ist es zu nur hinzunehmen, dass in einer liberalen Demokratie alle Lager ihre Botschaften auf allen Wegen verbreiten, solange sie die Grenze zum Verbotenen nicht überschreiten? Wo beginnt die Grenze? Wie steht es um die Urteilsfähigkeit der Bürger:innen? Was tut die Politik jetzt und auf lange Sicht und was unterlässt sie?

 

Medienteil ZWEI: Bio-Fundamental

 

Konsumkritik, gesunde Ernährung, Widerstand gegen die Übernutzung der Ressourcen und gegen rücksichslose Kapitalinteressen – bemerkenswerte Einstellungen, wichtiger denn je! Aber die Probleme, die sie benennen, adressieren zugleich große, anonyme Mächte, und Beobachter:innen zufolge prädestiniert das die ‚Öko/Bio/Veggie/Alternativ/Anarcho/Ethno-Anhänger:innen ‘ geradezu für verschwörungserzählerische Tendenzen: Bloße politische Berichterstattung genügt ihnen oft nicht: sie verlangen mehr von ‚ihren‘ Tageszeitungen, möchten, dass die letzten Strippenzieher:innen beim Namen genannt werden – wer immer das sein soll. Das kann auch für größere Strukturen der Szene gelten: Der Gründer der Biomarke Rapunzel begrüßt Corona als Chance zur menschlichen Weiterentwicklung, denn Viren selbst seien „bio“. Und der Demeter-Verband tolerierte die Verbreitung von „Corona-Verschwörungsmythen“ in einem zugehörigen Laden. Berühren sich in dieser Szene auf kuriose Art mündige Kritik und eine dem Religiösen verwandte Sehnsucht nach Einheit mit der Schöpfung, die sich an Fakten nicht weiter stört? Inwiefern ist das von öffentlichem Interesse? Immerhin macht der Ökomarkt in all seinen Verästelungen vielfache Milliardenumsätze, die Ideen prägen öffentliche Diskurse, die Bewegung hat entsprechend Macht und sollte sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Nicht zuletzt: Eine selbstkritische grüne Bewegung dürfte umso mehr hoffen, dass ihre wertvollsten Anliegen gehört und angenommen werden. Wie selbstkritisch sind die Bio-Kritiker:innen?

 

Medienteil DREI: Ratgeber Angst


Findet sich aus Kontrollverlusten und Angst kein Ausweg, dann könne der Glaube an Verschwörungen den Ausgleich dieses Leidens bieten und manche Ungewissheiten beseitigen, urteilen Expert:innen. In der Corona-Krise ist es wenig überraschend insbesondere Bill Gates, der eine zentrale Rolle in obskursten Überlegungen spielt, einschließlich des legendären Bestrebens, die Menschheit mittels Impfungen zu kontrollieren. Seriöse Argumente gegen Impfungen bzw. gegen manche Impfstoffe oder -praktiken geraten hier ins Hintertreffen. Die Sorge um die Gesundheit der eigenen Kinder jedenfalls treibt manche Impfgegner:innen um, auch dann, wenn sie keineswegs im Sinn haben, etwa das ‚System BRD‘ zu stürzen. Auf der Straße finden sie und Menschen mit Sorgen und Ängsten sich dennoch rasch in Gesellschaft derer, die jenes im Sinn haben. Aber es sind eben nicht alle potentielle Systemumstürzler:innen, die ihrer existentiellen Belastung und Verzweiflung unter Corona öffentlichen Ausdruck verleihen. Die einen nutzen die Gegenwart der anderen aber durchaus, indem sie versuchen, den Eindruck einer wachsenden Anti-Systembewegung zu erwecken. Wie bewegen sich Politik und Gesellschaft zwischen diesen Fronten? Wie sollten sie es tun? Wächst das Verständnis für die, die legitime Anliegen vorbringen oder spielen sich die undemokratischen Strategien in den Vordergrund?


Ihre choices-Redaktion

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