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Die Blumen von gestern

Im Angesicht des Todes

09. Januar 2017

Die Filmstarts der Woche

Vielleicht wird das ja eines Tages machbar sein: Eine Liebeskomödie, die das tragische Erbe der Judenvernichtung auslotet – und zwischen den beiden Polen auch funktioniert. „Die Blumen von gestern“ (Cinenova, Odeon, OFF Broadway) ist nicht dieser Film geworden. Aber er versucht es zumindest, ohne Wenn und Aber – und ist manchmal ziemlich nah dran. Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus kann Geschichten jenseits von Genre-Schubladen erzählen, das wissen wir seit “Poll” und “Vier Minuten”. Dieses Mal will er zeigen, dass aus dem Schwarzweiß des Holocaust‘ etwas Buntes entsteht. Kraus’ Held ist ein Nervenbündel aus Gegensätzen jeder Couleur. Als Holocaust-Forscher versteht Totila Blumen (Lars Eidinger) keinen Spaß. Zumindest ein Teil seiner Verbissenheit erklärt sich über den Großvater, der überzeugter Nazi war. Als sein Chef (Jan Josef Liefers) ihm kurz vor einem wichtigen Auschwitz-Kongress die kapriziöse französische Praktikantin Zazie (Adèle Haenel) ans Bein bindet, reagiert Totila gelinde gesagt gestresst. Doch die psychisch labile Zazie lässt sich nicht wegekeln, hat sie doch ihre eigene Agenda. Eine, die unauflöslich mit Totila und seiner Familiengeschichte verbunden ist. Ätzender Humor, scharfe Dialoge und auf Krawall getrimmte Darsteller: Als Komödie unterhält „Die Blumen von gestern“ bestens. Gleichzeitig chargiert sie jedoch als Selbstfindungsdrama zweier kaputter Menschen auf der Suche nach Heilung und als deutsch-französische Satire, die vor Wut und Häme nur so sprüht. Die Französin Adèle Haenel ist nach “Das unbekannte Mädchen” erneut eine kleine Naturgewalt. Und kein deutscher Schauspieler kann ambivalent derzeit besser als Lars Eidinger, der vom Vergewaltiger einer geistig Behinderten in “Dora” bis zum Hamlet an der Berliner Schaubühne alles beherrscht – Hauptsache es schillert.

Chris Pine ist uns bisher nur als Captain Kirk-Plagiat nennenswert aufgefallen. Ben Foster wirkt noch immer unentdeckt, obwohl er bereits wiederholt in Nebenrollen („Todeszug nach Yuma“, „Lone Survivor“) und als Lance Armstrong in Stephen Frears „The Program“ überzeugte. Regisseur David Mackenzie („Young Adam“, „Perfect Sense“) bietet nun beiden Darstellern die Möglichkeit, sich nachhaltig in Erinnerung zu spielen. In seinem modernen Western „Hell or High Water“ (Cinedom, UCI, OmU im Metropolis) erben zwei Brüder aus Texas (Foster und Pine) die Schuldenlast ihrer Mutter. Toby und Tanner greifen das Übel an seinen Wurzeln an: bei den Banken. Nach und nach überfallen sie Filialen und holen sich ihr Geld zurück. Texas Ranger Marcus (Jeff Bridges), der kurz vor seiner Pensionierung steht, eröffnet gemeinsam mit seinem indianischen Partner Parker die Jagd auf die zwei Räuber. Das Texas, das Mackenzie hier zeichnet, ist nicht mehr das, was es einmal war oder was es sein will. Noch immer laufen schießfreudige Männer mit Cowboyhüten herum, aber die Kulissen, durch die sie sich bewegen, sind trostlos durchsetzt von Laden- und Wohnruinen. Texas wirkt geradezu postapokalyptisch. Hier und dort verrichten noch vereinzelte Ölpumpen ihre Arbeit, ansonsten aber liegt die Industrie rostig brach. Das Drama schwelgt in kraftvollen Bildern, die poetisch den Niedergang skizzieren, aus dem Off begleiten Nick Cave und Warren Ellis das Drama musikalisch mit melancholischer Nostalgie. Doch Mackenzie belässt es nicht bei anmutig inszenierter Trübsal. Die Seele dieses verlorenen Landstrichs dient dem Regisseur vielmehr als Fundament für einen rauen, spannenden, modernen Western, der seinen Antihelden auf der Jagd und auf der Flucht folgt. Seele hat dieses Westerndrama bis in seine letzte Einstellung.

Emma Stone und Ryan Gosling geben ihr Gesangsdebüt. Das soeben mit sieben Golden Globes dekorierte Musical „La La Land“ (Cinedom, Cinenova, Residenz, Weisshaus, OV und OmU im Metropolis, OmU im Odeon) erzählt von einer Schauspielerin und einem Jazzmusiker, die gleichermaßen ihr Glück in Los Angeles suchen und zuerst einmal sich finden und verlieben. Nach seinem weltweit gefeierten Musikdrama „Whiplash“ will Damien Chazelle diesmal ganz hoch hinaus und dem schon oft für tot erklärten Film-Musical neues Leben einhauchen. Vor allem mit liebevoll inszenierten Zitaten aus den Hollywood-Musicals der 1950er Jahre bis hin zu den Farborgien eines Jacques Demy in „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „Die Mädchen von Rochefort“. Auch Demys Haus-Komponist Michel Legrand lugt immer wieder hinter Justus Horwitz‘ jazzigem Score hervor. Schade nur, dass Chazelle das Genre dann für längere Zeit aus dem Auge verliert und Emma Stone sowie Ryan Gosling weder die tänzerische Eleganz noch die gesanglichen Fähigkeiten von Musical-Stars haben. Immerhin machen sie mit ihrem sympathischen(Schau-)Spiel neugierig auf die leider in Vergessenheit geratenen Originale.

Eine Reise ins Herz der amerikanischen Pornoindustrie bietet Justin Kellys „King Cobra“ (OmU in der Filmpalette). Sean (Garrett Clayton) träumt davon, ein Star zu werden. Gay-Porno-Produzent Stephen (Christian Slater) nimmt ihn unter seine Fittiche, Sean startet als „Brent Corrigan“ online ganz groß durch. Das bekommt auch Joe (James Franco) mit, der noch größere Pläne mit dem Beau hat. Der Streit um den Star eskaliert. Ein auf wahrem Begebenheiten beruhendes Drama mit satirischem Einschlag.

Der 1958 geborene Künstler und Filmemacher Nicolas Humbert begegnet auf seiner „filmischen Forschungsreise“ „Wild Plants“ (OmU in der Filmpalette) Menschen der Zivilisation, die den Verbund zur Natur suchen. Ein Mann sät in ganz Zürich Pionierpflanzen, ein Paar in Detroit findet Trost und Sinn im Zyklus der Natur, ein Kollektiv bei Genf verschreibt sich dezentraler Landwirtschaft und dem Kontakt zum Kunden, ein indianischer Philosoph vergegenwärtigt Rückbesinnung und Spiritualität. Ganz nah und zugleich fernab unseres reizüberfluteten Alltags.
Regisseur Humbert stellt seinen Film am Mittwoch, 11. Januar um 20 Uhr in der Filmpalette vor.

Außerdem neu in den Kinos: Zhang Yimous Fantasy-Abenteuer „The Great Wall“ (Autokino Porz, Cinedom, Cineplex, UCI), John Krasinskis Tragikomödie „Die Hollars - Eine Wahnsinnsfamilie“ (Cinedom, Cineplex, UCI), John Hamburgs noch einmal mit James Franco besetzte Liebeskomödie „Why Him?“ (Cinedom, Cineplex, UCI) und Bruce Beresfords Läuterungsdrama „Mr. Church“ (Cinedom, UCI) mit Eddie Murphy. Dazu starten Roger Spottiswoodes herzerwärmender „Bob der Streuner“ (Cinedom, Cineplex, UCI) und Eric Summers und Eric Warins französisch-kanadisches Animationsabenteuer „Ballerina“ (Cinedom, Cinenova, Metropolis, UCI).

Redaktion choices.de

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