Die Berlinale ruft. Es ist „Photocall“ mit dem (im Filmgeschäft eher berüchtigten) Megastar Madonna und Schauspielerin Holly Weston. Die Kamera hat die Blondinen prominent ins Bild gesetzt. Doch wo andere Fotografen alles tun, um deren Aufmerksamkeit zu erhaschen, sind diese beiden hier unscharf. Der Fokus verschiebt sich hingegen zum rechten Bildrand, wo eine Securitydame im schwarzen Nadelstreifenanzug verstohlene, gar verbotene Blicke zu den Objekten der Begierde schweifen lässt. Ist es Abscheu, Bewunderung oder gar Sehnsucht, einmal selber die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen?
Das “Girl from Ipanema“, jazzig vorgetragen vom „Elke-Ortmann-Trio“ tänzelt bei der Eröffnung der Fotoausstellung durch das Café, das auch gleichzeitig als Kasse und Snackbar für das angrenzende Kino „Babylon“ dient. Dabei ist der Name des Lichtspielhauses nicht die einzige Verbindung zu seinem großen Bruder in der Hauptstadt. Denn wo zur selben Stunde die Berlinale eröffnet wird, hat das Hagener „Kulturzentrum Pelmke“ samt Kino, Café und Kneipe den Raum für die Bilder von Amélie Losier geöffnet. Die Fotografin (die unter anderem in der FAZ, Le Monde oder der taz veröffentlicht hat) hat ihre Berlinale-Eindrücke, die seit 2006 für die Zeitung entstanden, hier in einen anderen Kontext gesetzt. Anders als bei den üblichen Hochglanzbildern rund um das prestigeträchtige Teppichschaulaufen hat Losier in stilvollen Schwarzweißfotografien einmal die Randgruppen des Filmgeschäfts, respektive der Berlinale festgehalten. Es sind Dokumentationen, die beispielsweise das Ausrollen des roten Teppichs oder die Vorbereitungen der Presse zur Berichterstattung zeigen. Auch exklusive Blicke wie das Gießen der bärenförmigen Auszeichnungen in Gold und Silber und deren zeremoniell vollzogener Transport in Tüten.
Zusammen mit ihrem früheren taz-Kollegen Detlef Werth hat Losier einen „Hauch von Glamour“ nun ins verschlafene Hagen gebracht. Werth erinnert sich noch daran, hier in seiner Heimatstadt seine ersten Kinomomente mit dem „Schatz am Silbersee“ gesammelt zu haben. Eine gute Gelegenheit, die spätere Arbeit als Fotoredakteur der TAZ mit der alten Heimat zu verbinden. Im Kinocafé sowie (momentan noch Umbaubedingt) der Kino-Kneipe müssen sich die Bilder momentan allerdings gerade in letzterem Raum zwischen Kickertisch und Bar etwas um Aufmerksamkeit ringen.
Vielschichtig ist der Eindruck, den die Fotografien vermitteln, denn sie zeigen zum einen den „unglamourösen“ Menschen von nebenan, der hier sein täglich Brot verdient – wie den Mann an der Filmspule, der unter Stress mit mehreren kiloschweren Rollen hantieren muss. Immer wieder verschiebt sich in Losiers Bildern die Rangordnung, hebt die entsprechenden Personen aus der Bildunwürdigkeit in ungewohnte Ehren empor. Platzanweiserinnen kauern bei der Generalprobe unter spürbarer Anspannung im Backstagebereich auf dem Boden, wie Tänzerinnen vor einem großen, penibel geplanten Ballett. Da ist eine gewisse Melancholie spürbar, wenn ein einzelner Hocker im Hyatt Hotel abwesendes sichtbar macht; oder die hoffnungsvolle Erwartung, die die Fans von Bollywood-Halbgott Sha Rukh Khan in den Augen glimmt. Und schließlich kommt auch dem Publikum selber eine besondere Rolle in Amélie Losiers Bildern zu, die sich wie ihre Namensvetterin in ihrer „fabelhaften Welt“ gerne nach den Reaktionen ihrer Mitbeobachter umzudrehen scheint, bloß um einen Funken Kinomagie erspähen zu können.
Und mitten in diesem Trubel steht die Securitydame in ihrem Nadelstreifenanzug und bekommt zumindest von Amélie Losier ihren Platz im Rampenlicht zugesprochen: „Letztendlich ist es Ziel, Filme zu gucken, dafür arbeiten tausend Menschen links und rechts, abseits von diesen paar Stars, die man auf dem roten Teppich sieht – und die sind für mich wichtig.“
„Berlinale Backstage“, Fotografien von Amélie Losier | Bis zum 3.3.2012 im Kulturzentrum Pelmke in Hagen | Infos: Kulturzentrum Pelmke Hagen |
Infos zur Fotografin: www.amelielosier.com
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