Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2

11.258 Beiträge zu
3.070 Filmen im Forum

„Political Mother“
Foto: © Tom Medwell

Tanz als Geisel der Musik

Hofesh Shechter mit „Political Mother“ am Kölner Schauspiel – Tanz in NRW 11/11

Ob die Inspiration für seine Produktionen der Musik oder dem Tanz entspringen, vermag Hofesh Shechter – das derzeitige Enfant terrible der internationalen Tanzszene – selbst nicht zu entscheiden. Wer jetzt sein Gastspiel „Political Mother“ im Schauspielhaus Köln sah, zweifelt nicht mehr daran, dass in der Welt des israelischen Choreographen die Musik gleich einem Vollblut den Tanz hinter sich her schleift. Alles beginnt mit einem Samurai, der sich ein Schwert in die Gedärme stößt. Zorniger kann man eine Inszenierung kaum beginnen. Shechter setzt aber noch eins drauf, indem er ein infernalisches Getöse entfesselt, das von einem halben Dutzend E-Gitarren erzeugt wird.

Eindrucksvoll sieht das aus, wenn die Gitarristen auf einer Galerie in Höhe der zweiten Etage dem vollbesetzten Haus einheizen. Diese Geräuschkulisse hält über fast eine halbe Stunde an, und wenn Shechter einmal auf Kompositionen von Johann Sebastian Bach oder Verdi zurückgreift, dann nur, um sein Publikum zu täuschen. Denn sobald man sich der Illusion hinzugeben beginnt, dass nun sanfteres Fahrwasser angesteuert würde, wird das Publikum gleich wieder mit abrupt einsetzenden Lärmgewittern erschreckt. Hofesh Shechter, der 2002 mit seiner Band aus Israel nach London übersiedelte und mit wuchtigen Choreographien auf sich aufmerksam machte, ist kein Kind von Traurigkeit. Er will sein Publikum aufrütteln, und er lässt sich dabei bedingungslos auf das gefährliche Spiel der Effekte ein.

Politische Bezüge verdunsten schnell in choreographischen Gemeinplätzen zum Thema Kontrolle und Unterdrückung. Das Bewegungsrepertoire der Kompanie bleibt im Lärm der Gitarren auffallend blass. Der Tanz vermag der Durchschlagskraft des Sounds nicht ebenbürtig zu antworten, auch deshalb, weil die Gesten und Bilder nur vordergründig reizvolle Arrangements abgeben. Erzählerisches Gehalt ist Shechters Sache nicht. Politik bleibt nur ein Reizwort, zu dem ihm Späße einfallen, Engagement scheint nicht sein Thema zu sein. Verpackung statt Inhalt, das ist hier die Devise, kratzig und überraschend soll sich Shechters Beitrag zum zeitgenössischen Tanz ausnehmen. Das gelingt ihm nur streckenweise, bis sich die Effekte abschleifen, die musikalische Dröhnung lässt sich nach zwei Dritteln der Aufführung nicht mehr steigern. Shechter wird ein Opfer seiner brachialen Dramaturgie. Der lustvoll zelebrierte Zorn dieser Produktion verweht doch zu bald.

Thomas Linden

Tags: Schauspiel Köln

Lesen Sie dazu auch:

Regie-Berserker
Vandekeybus am Schauspiel Köln mit kühner Inszenierung – Theater am Rhein 04/13

Tri-Top und Sozialtechnik
Die Wiederentdeckung von Karl Otto Mühl am Schauspiel Köln – Auftritt 05/13

Die Gebote der Liebe
„Ich bin der Herr dein Gott“ am Schauspiel – Theater am Rhein 05/13

Vampirische Räume
„Gabe/Gift“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 04/13

Vergeblichkeitstakt
„Oh it’s like home“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 03/13

Schauspielkunst hoch 3
„Foxi, Jussuf, Edeltraud“ am Schauspiel – Theater am Rhein 02/13

Zerbrochene Träume
„Die Glasmenagerie“ am Kölner Schauspiel – Theater am Rhein 01/13

Held ohne Gedenktafel
Clemens Sienknecht inszeniert „Werner Schlaffhorst" am Schauspiel Köln - Theater am Rhein 12/12

Gedankengewitter
Furiose Mayröcker-Dramatisierung am Kölner Schauspiel – Theater am Rhein 11/12

Schmerzensmann
„Der Idiot“ am Schauspiel Köln - Theater am Rhein 06/12

Drei Männer und (k)ein Baby
„Der demografische Faktor“ am Schauspiel Köln - Auftritt 04/12

Das Leben als Delirium
Brechts „Puntila“-Komödie am Kölner Schauspiel - Auftritt 02/12

Being fucked up
„Wastwater“ als Zeitgeist-Triptychon am Schauspielhaus - Theater am Rhein 05/12

Die Welt als Probebühne
Karin Beier eröffnet die neue Spielzeit im Schauspiel – Auftritt 11/11

Das Messer ist ein Familienmitglied
„Gabe/Gift“ heißt das neue Stück von Händl Klaus, das jetzt in der Regie von Anna Viebrock am Schauspiel Köln uraufgeführt wird – Premiere 03/13

Neue Kinofilme

Der große Gatsby

Tanz.