04.05.2011 - Die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ sollte im Fußball eigentlich fehl am Platz sein. Nicht so beim 1.FC Köln. Der schien von allen guten Geistern und dem Fußballgott gleichzeitig verlassen zu sein, als der bei den Fans beliebte Cheftrainer Frank Schaefer demissionierte. „Teile des Geschäfts“ widerten ihn an, hatte der Trainer schon vor Wochen in einem Zeitungsinterview offenbart. Dieses Angewidertsein habe nicht zuletzt damit zu tun, so wurde kurze Zeit später gestreut, dass der Mann bibelfest lebe und einer evangelischen Freikirche angehöre.
Nun pflegen Freikirchler Glaubensdinge im Allgemeinen etwas ernster zu nehmen als beispielsweise die Anhänger des rheinisch-karnevalistischen Katholizismus. Freikirche ist nicht gleichbedeutend mit Freukirche. Ausgerechnet im hillije Kölle, wo der Protestant als solcher ohnehin suspekt ist und eigentlich ein noch schlimmeres Übel darstellt als Agnostiker, Atheisten oder Alternative.
Vom angeblich alternativen SC Freiburg stammt auch FC-Sportdirektor und neuerdings Interimstrainer Volker Finke. Der gilt hierzulande als Erfinder des Konzeptfußballs, ist ein eher sperriger, rationaler Typ und von Hause aus Studienrat für Sport, Sozialkunde und Mathematik. Noch jemand also, der auf den ersten Blick nicht zum Gemüt eines rheinischen Traditionsvereins im katholisch geprägten Köln zu passen scheint. Andererseits war ja auch schon einmal der frühere Bundesliga-Politlinksaußen Ewald Lienen FC-Trainer. Im Zweifel hielt man es also in Fußball-Köln bisher mit der religiösen und weltanschaulichen Toleranz, deren erstes Gebot lautet: Jeder Jeck ist anders.
Wie der Aberglaube gehören seit je auch religiöse Bezüge zum Fußball und seiner Bildsprache. Herbert Zimmermann lieferte in seiner berühmten WM-Reportage von 1954 ein stilbildendes Beispiel dafür, als er Torhüter Toni Turek sowohl „Fußballgott“ als auch – nachdem Turek erneut einen Unhaltbaren gehalten hatte – „Teufelskerl“ nannte. Ying & Yang, Jekyll & Hyde, Matthäus & Loddar: Es sind immer zwei Seiten derselben Medaille. Gottes Werk und Teufels Beitrag, sozusagen.
Gehören in diese Galerie auch Schaefer & Finke? Immerhin war es der Sportdirektor, der als erster öffentlich die Eignung des frommen Trainers für das Bundesligageschäft in Frage stellte. Und als die Erfolgsserie des FC riss, mischte sich Finke wieder in den täglichen Trainingsbetrieb ein. Wer so lange im Geschäft ist, weiß genau, was er da tut: Er untergräbt systematisch Position und Autorität seines Trainers. Dass er sich damit nicht unbedingt beliebt macht, nimmt er in Kauf. Richtig dunkel-diabolisch ist das alles allerdings nicht, eher kühles Kalkül. Und davon hat es in der Vergangenheit beim 1.FC Köln eher zu wenig gegeben. Spieler, Trainer und Offizielle betonen stattdessen mit inflationärer Häufigkeit, es sei ihnen eine „Herzensangelegenheit“, für den 1.FC Köln tätig sein zu dürfen. Offensichtlich meint man, damit bei der als sentimental geltenden kölschen Fan-Seele punkten zu können.
Doch die 11-Freunde-Mentalität der verschworenen Gemeinschaft ist im Profibereich längst ein Mythos, der von der zweckrationalen Interessengemeinschaft auf Zeit abgelöst worden ist. Der Spieler ist heute Unternehmer in eigener Sache, und wenn er sich einen Vorteil davon verspricht, dann redet er auch schon einmal mit der Presse über Interna. So lange er dabei nichts Geschäfts- beziehungsweise Vereinsschädigendes von sich gibt oder üble Nachrede betreibt, gibt es kaum eine Handhabe, ihn daran zu hindern.
Das ist Finke klar, der sich hinsichtlich der Gepflogenheiten und Umgangsformen im Profifußball schon lange keine Illusionen mehr machen dürfte. Ex-Trainer Schaefer hingegen reagierte geschockt, als Spieler in der Öffentlichkeit über Dinge sprachen, die seiner Ansicht nach nicht dorthin gehörten. Wer im Fußballgeschäft und speziell als Trainer bei einem der Großstadtclubs – mit ihren, sagen wir es mal so: immer wissbegierigen medialen Umfeldern – auf Dauer überleben will, hat offensichtlich keine andere Wahl, als den gelegentlichen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Sonst retten ihn weder Fans noch Fußballgott. Und erst recht kein Sportdirektor.

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