„Reste – Reliquien – Reminiszenzen“: Wer über diese hübsche Konstellation ins Grübeln gerät und einmal versucht, den Hintergrund dieses Mottos aus dieser Trias selbst herauszulesen, dessen Gedanken landen zunächst und ganz naheliegend beim Untergang des Kölner Stadtarchivs. Bereits Fassbinders umstrittenes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ etablierte die dreifache verbale Verkettung als kraftvolle Waffe, ähnlich wie das „Veni, vidi, vici“ nach Plutarch oder ganz aktuell „Frage – Geheimnis – Fragment“ als Motto des romanischen Sommers in Köln – womit wir in musikalisches Fahrwasser münden. Die Kölner Musiknacht, die achte ihrer Art, benutzt das erstgenannte Motto als roten Faden durch ihr sensationell abwechslungsreiches Programm.
Genaues wird erst kurz vor dem Feste verraten, aber diese Großveranstaltung der freien Szene in Köln wirft schon markante Schatten voraus. So ermittelte eine repräsentative Bevölkerungsumfrage (unter 1.000 Bürgern), dass die Musiknacht unter den beliebtesten Kulturereignissen Kölns im Jahre 2011 den zweiten Platz belegt – die Art Cologne landete auf dem Siegerpodest. Das ist besonders beachtlich, wenn die Finanzierung dieser Events verglichen wird: Das lässt sich doch gar nicht vergleichen.
Hunderte von in Köln lebenden Künstlerinnen und Künstlern raffen sich auf, zu interpretieren, experimentieren und improvisieren, alle Grenzen und Gattungsbegriffe zu überschreiten und Gedanken zu Tod, Vergänglichkeit und Vergangenheit in klingendes Material auszuformen. Mehr als 100 konzentrierte Konzerte bilden die Seiten zu einem Buch über den künstlerischen Reichtum Kölns und seine lebendige Szene. Das erstmals als übergeordnetes Thema formulierte Motto der Veranstaltung bezieht auch die „konkrete Resteverwertung ausgedienten Materials“ ein, auch ein altbewährtes Kölner Spezialthema mit politischer Sprengwirkung – aber ein anderes Thema.
25 verschiedene, oft sehr reizvolle Konzertstätten werden atmosphärisch aufbereitet, und jeder Besucher ist aufgefordert, seinen eigenen Fahrplan durch die Nacht selbst zu erstellen. Dabei empfiehlt sich, einen sinnvollen Netzplan aus zeitnah erreichbaren Stationen mit abwechslungsreichen Inhalten abzustimmen. Allein der Besuch neuer Spielstätten erweitert lohnend den kenntnisreichen Blick auf die Domstadt, manche Location wird dabei entdeckt, die späterhin mit ihrem eigenen Kulturleben als Bereicherung für den persönlichen Jahresplan gelten darf.
Die stilistische Bandbreite des Gebotenen reicht erfahrungsgemäß von der Alten Musik bis zum avantgardistischen Tanz-Event, Experimentelles trifft auf Jazz oder auf Weltmusik. Für alle Beteiligten wird der thematische Grundtenor kein großes Problem darstellen, denn in allen Zeiten bediente die Musik auch gern das Unaussprechliche: Mystik findet sich natürlich auch im Festival-Motto.
8. Kölner Musiknacht I Sa 22.9. ab 17 Uhr I verschiedene Spielstätten I www.koelner-musiknacht.de
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