Was passiert mit einer Gesellschaft, die alles erlaubt, nur eines nicht: Kein Geld zu haben? Diese provozierende Frage stellen Brecht und Weill in ihrer Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und lösten damit bei der Uraufführung 1930 in Leipzig einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts aus. Das konservative Premierenpublikum stürmte die Bühne, vor dem Theater randalierten die Nationalsozialisten, so dass die Folgeaufführungen unter Polizeischutz stattfinden mussten. Geplante Aufführungen in anderen Städten wurden abgesetzt.
Das Stück traf den Nerv der Zeit. Es verarbeitet die Erfahrungen des entfesselten Kapitalismus der goldenen 20er, der zur Weltwirtschaftskrise 1929 führte und in der Folge zur Auflösung der demokratischen Grundordnung in Deutschland. Heute ist die Thematik aktueller denn je, da aus der Krise 2008 nach dem Zusammenbruch von Lehmann-Brothers keine grundsätzlichen Konsequenzen gezogen wurden. Spitzenmanager freuen sich weiterhin über saftige Boni, während sich Regierung und Oppostion über eine Erhöhung des Hartz IV Regelsatzes um fünf Euro streiten.
"Brecht und Weill hauen dem Publikum die bürgerliche Kunstform der Oper regelrecht um die Ohren."
„Die Hauptfigur des Stückes ist die Stadt, die aus den Bedürfnissen des Menschen entsteht und durch die Bedürfnisse des Menschen zugrunde geht“, schreibt Kurt Weill über Mahagonny. Mitten in der Wüste - wer denkt hier nicht an Las Vegas - gründen drei Verbrecher auf der Flucht diese Stadt. Sie erlebt einen rasanten Aufstieg, es herrscht Goldgräberstimmung, doch bald greift Langeweile um sich. Die Preise fallen angesichts des Missverhältnisses von Angebot und Nachfrage, die erste Krise kündigt sich an. Ausgerechnet ein Hurrikan bringt die entscheidende Wende zum vermeintlich Besseren: Angesichts des drohenden Untergangs wird das Gesetz der menschlichen Glückseligkeit erlassen: Jeder darf tun, was ihm gefällt, alles ist erlaubt, es gibt keine Tabus mehr. Wie durch ein Wunder zieht das Unwetter vorbei und es herrscht Hochbetrieb wie nie zuvor in der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten: Fressen und Saufen bis zum Exitus, Prostitution, Gewaltexzesse. Es gibt erste Tote. Alles ist erlaubt, nur eines nicht: Kein Geld zu haben ist das größte Verbrechen. Wer nicht zahlen kann, wird mit dem Tode bestraft, wohingegen Mord nicht geahndet wird.
Brecht und Weill hauen dem Publikum die bürgerliche Kunstform der Oper regelrecht um die Ohren. Die musikalischen Mittel und die inhaltliche Aggressivität gehen weit über die Dreigroschenoper von 1928 hinaus. Die groteske Überzeichnung der herkömmlichen Nummernoper und ihrer Dramaturgie entlarvt die Verlogenheit einer in sich maroden Gesellschaft. Weill karikiert in seinen verzerrten Stilkopien Bach und Händel ebenso wie Verdi und Weber und montiert vulgäre Schlager, wie den legendären Alabama-Song neben Lyrisch- Empfindsames. Dialoge werden ersetzt durch Texte, die zwischen den Musiknummern eingeblendet werden.
Die grelle Collage erlaubt dem Zuschauer keine Identifikation mit den Bühnengeschehen mehr, sondern fordert ihn auf, sich mit diesem auseinanderzusetzen. Mahagonny sei ein Erlebnis, schreibt Brecht nicht unbescheiden, ein Spaß und deshalb werde die Oper Mahagonny dem Unvernünftigen der Kunstgattung Oper bewusst gerecht. Am Ende geht das goldene Zeitalter der Stadt Mahagonny in Chaos und Anarchie unter – ein unendlicher Spaß, ein Vergnügen, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Premiere am 23.3. im Kölner Opernhaus.

Gralskönig auf der Intensivstation
Stefan Soltesz mit seiner letzten Neuinszenierung in Essen – Oper in NRW 06/13
Oper aus der Todeszelle
Deutsche Erstaufführung von „Selma Ježková“ in Hagen – Oper in NRW 05/13
Liebe als Entsagung
Wagners Lebenskrise in „Tristan und Isolde“ – Opernzeit 05/13
Habemus Parsifal
Wagners Musikdrama als Religionsersatz – Opernzeit 04/13
Starkes Solisten-Quartett
Verdis „Der Troubadour“ in Dortmund – Oper in NRW 04/13
Quirliges Ensemble rettet den Friseur
„Le Nozze de Figaro“ im Musiktheater in Gelsenkirchen – Oper in NRW 03/13
Don Carlos an der Ruhr
Philipp Kochheim inszeniert am Theater Hagen – Oper in NRW 02/13
Lahme Party mit Hip-Hop-Prolls
Michael Sturminger inszeniert „Ariadne auf Naxos“ in Essen – Oper in NRW 01/13
Die zerstörerische Kraft des Eros
Mozarts Don Giovanni an der Deutschen Oper am Rhein – Opernzeit 12/12
Mussorgskys Volksdrama im Originalklang
Katharina Thoma inszeniert Boris Godunow in Dortmund – Oper in NRW 12/12
Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit
Beethovens Fidelio an der Kölner Oper – Opernzeit 11/12
Der Plattenbau als Tanzfläche
Gil Mehmert inszeniert Kurt Weills „Street Scene“ in Gelsenkirchen – Oper in NRW 11/12
Liebe in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls
„Le Nozze di Figaro“ an der Oper Köln – Opernzeit 10/12
Dem Krimi geht die Puste aus
Norbert Hilchenbach inszeniert „Don Giovanni“ in Hagen – Oper in NRW 10/12
Belle Époque ohne Überraschungen
Katharina Thoma inszeniert „La Bohème“ in Dortmund – Oper in NRW 09/12
„Diese Musik stinkt!“
"Elektra" an der Deutschen Oper am Rhein - Opernzeit 09/12
Party-People mit Chaos im Kopf
Jetske Mijnssen inszeniert Mozart in Essen – Oper in NRW 08/12
Tyrannenmord ohne Happy End
Beatrice Cenci in Dortmund - Oper in NRW 07/12
Mörder Kaspar Brand
Uraufführung an der Deutschen Oper am Rhein - Opernzeit 07/12
Aufstieg und Fall eines Mannes
Strawinskys „The rake‘s progress“ an der Deutschen Oper am Rhein - Opernzeit 06/12
„La Traviata“ zu Zeiten des Penicillins
Josef Ernst Köpplinger inszeniert in Essen - Oper in NRW 06/12
Sündenbock im Bible-Belt
Carlisle Floyds „Susannah“ in Hagen - Oper in NRW 05/12
Auf der Flucht erschossen
Uraufführung der Jugendoper „Border“ an der Kölner Oper - Opernzeit in NRW 05/12
Der Verlust der Unschuld
Verdis „Rigoletto“ an der Oper Köln - Oper in NRW 04/12
Mord in düsterer Spelunke
Dietrich Hilsdorf inszeniert „Hoffmanns Erzählungen“ in Essen - Oper in NRW 04/12
Suche nach dem verlorenen Selbst
Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am Aalto Theater Essen – Opernzeit 03/12
Ohrenschmaus mit Kasperletheater
Verdis „La Traviata“ im Gelsenkirchener Musiktheater - Oper in NRW 03/12
So gut wie konzertant
Vincenzo Bellinis Norma in Dortmund – Oper in NRW 02/12
Irrfahrt der Herrschenden
„Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi – Opernzeit 02/12
Liebe im Angesicht des Todes
„La Traviata“ in Gelsenkirchen – Opernzeit 01/12
Arm, aber sexy im Waggon
Giacomo Puccinis „La Bohème” in Hagen – Oper in NRW 01/12
Die Blindheit des Menschen
Uraufführung der Oper „Die Stadt der Blinden“ – Opernzeit 12/11
Unfreiwillig komisch
Der mythische „Merlin“ als Oper in Gelsenkirchen – Oper in NRW 12/11
Erzählen, um zu überleben
Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach am Aalto-Theater Essen – Opernzeit 11/11
Der Kaiser lässt’s ordentlich krachen
Francesco Cavallis Barock-Oper „L’Eliogabalo” in Dortmund – Oper in NRW 11/11
Abrechnung mit braunem Nachkriegs-Wien
Die Fledermaus von Johann Strauss in Hagen - Oper in NRW 10/11
Auf der Suche nach dem verlorenen Glück
„Krieg und Frieden“ an der Kölner Oper - Opernzeit 10/11
Das Leben als Traum
„Hanjo“ von Toshio Hosokawa bei der Ruhrtriennale - Opernzeit 09/11
Zähes Buhlen um die Chefin
Donizettis Liebestrank an der Essener Aalto-Oper - Oper in NRW 09/11
Eine Nase voll Lachgas
Der Barbier von Sevilla in Hagen - Oper in NRW 08/11
Das Schlachtfeld im Wohnzimmer
Brittens War Requiem als Handlungsoper im MIR Gelsenkirchen - Oper in NRW 07/11
Der Tod und die Liebe
Richard Wagners Tristan und Isolde - Opernzeit 07/11
Verfettet unterm Sternenbanner
Madama Butterfly an der Essener Aalto-Oper - Oper in NRW 06/11
Gesellschaft ohne Gnade
Das Unrecht der Stärkeren in Alban Bergs Oper Wozzeck - Opernzeit 06/11
Schottischer Krieger mit Hornbrille
Donizettis Lucia di Lammermoor an der Dortmunder Oper - Oper in NRW 05/11
Gefährliche Liebschaften
Ideal und Wirklichkeit der Liebe in Mozarts „Così fan tutte“ - Opernzeit 05/11
Die Superformel des Göttlichen
Stockhausens „Sonntag aus Licht“ an der Kölner Oper - Opernzeit 04/11
Beim Therapeuten für Selbstmord-Kandidaten
Eine Oper in straffer Szenenfolge. Fatih Akıns „Gegen die Wand“ in Hagen - Oper in NRW 04/11
Kurzweilig, farbenfroh und mäßig witzig
Eine Märchenoper: „Die Liebe zu den drei Orangen“ am MiR - Oper in NRW 03/11
Die Zerstörung kindlicher Unschuld
Brittens Kammeroper „The turn of the screw“ - Opernzeit 02/11
Frau und Mann passt nicht, oder doch?
Mozarts großes Welttheater „Die Zauberflöte“ - Opernzeit 01/11
Demontiertes Weichnachtsmärchen
Antonin Dvořáks Zauberwelt-Oper Rusalka in Dortmund - Oper in NRW 01/11
Hinterm Besteck ist es dunkel
„Hänsel und Gretel“ im Gelsenkirchener MIR - Oper in NRW 12/10
Ist die Menschheit noch zu retten?
Wagners „Ring des Nibelungen“ - Opernzeit 12/10
Macht ist geil
Oper Köln zeigt Monteverdis „Krönung der Poppea“ - Opernzeit 11/10