Marie Kreutzer, 1977 in Graz geboren, studierte Romanistik und Germanistik, bevor sie an die Wiener Filmakademie wechselte und die Fächer Drehbuch und Dramaturgie belegte. Seit dem Jahr 2000 drehte sie vier teils prämierte Kurzfilme. Ihr erster Kinolangfilm „Die Vaterlosen“ feierte auf der diesjährigen Berlinale seine Premiere, wo er den Preis für den besten Debütfilm erhielt.
choices: Frau Kreutzer, haben Sie einen biografischen Bezug zum Thema Ihres Debütfilms?
Marie Kreutzer: Ich bin nicht in einer Kommune aufgewachsen, aber ich habe auch eine Familie – und ich bin auch in einem alten Haus in ländlicher Umgebung aufgewachsen. Außerdem war ich in einer Alternativschule mit dem Ideal antiautoritärer Erziehung, was sicher in die Kommunenszenen eingeflossen ist.
Die Geschichte ist so sehr mit einem einzigen Ort verbunden, dass man meinen könnte, die Filmcrew hätte in dem Haus ebenso als WG gewohnt wie die Figuren. Wie gestaltete sich der Dreh tatsächlich?
In dem Haus gab es weder Strom noch fließendes Wasser, das wäre also etwas unbequem geworden. Aber natürlich haben wir sehr viel Zeit zusammen in und um dieses Haus verbracht, sind dort abends nach dem Drehen in der Wiese oder am Lagerfeuer gesessen. Es war ein idealer Drehort, eine wirkliche Homebase, und alles an einem Motiv zu drehen, war auch organisatorisch sehr günstig. Der Dreh dort war eine sehr intensive Erfahrung, sodass ich mich dem Haus sehr verbunden fühle – und immer noch so etwas wie Heimweh empfinde, wenn ich daran denke.
„Die Vaterlosen“ ist in der Gegenwart angesiedelt, doch es gibt auch Rückblenden. Wie hat sich das Verhältnis der Zeitebenen ergeben?
Die Rückblenden-Ebene war von Anfang an Bestandteil des Drehbuchs. Sie ist allerdings immer fragmentarischer geworden, im Schnitt haben wir nochmals einige Szenen verloren. Die Rückblenden sollen sich anfühlen wie Erinnerungen – unvollständig, assoziativ, mit einer starken Atmosphäre von Sommer und Kindheit, aber eben nicht zu komplett, nicht zu erklärend.
Für mich verliert der Film durch den schicksalhaften Vorfall in der Vergangenheit ein wenig seinen allgemeingültigen Charakter. Ging es Ihnen denn überhaupt um das Thema alternativer Familienmodelle im Allgemeinen?
Ich sehe das nicht so. Das Ereignis in der Vergangenheit ist eng mit den Themen des Films verknüpft. Oder anders gesagt: Es ging mir um Familie im Allgemeinen, um die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Geborgenheit und Freiheit, und ich habe diese Geschichte mit genau diesem Ende gewählt, um darüber zu erzählen.
Gibt es bereits Pläne für ein neues Projekt?
Ja, Pläne gibt es sogar für zwei, aber ich stehe noch am Anfang der Schreibarbeit. Ich will aber nicht, dass zu viel Zeit bis zum nächsten Film vergeht, weil mich die Arbeit am Set und im Schneideraum sehr erfüllt. Ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen.
Heitere Melancholie
Regisseur Thomas Thümena über seinen Film „Tinguely“ - Gespräch zum Film 05/12
Unbehagliche Wohlfühlwelten
Carmen Losmann über ihren Film „Work hard, play hard“ - Gespräch zum Film 04/12
Jenseits von embedded Kunduz
Martin Gerner im Interview – Gespräch zum Film 03/12
„Ein sehr philosophischer Ansatz“
Claudia Lehmann im Interview – Gespräch zum Film 02/12
Die dunkel lockende Welt
Ralf König über Rosa von Praunheims Dokumentarfilm – Gespräch zum Film 03/12
Wege der Trauer
Regisseurin Pia Strietmann zu ihrem Kinodebüt „Tage die bleiben“ – Gespräch zum Film 02/12
„Ich will kein Autorenfilmer mehr sein“
Hans Weingartner über „Die Summe meiner einzelnen Teile“ – Gespräch zum Film 02/12
Strukturen sichtbar machen
Regisseur Dirk Lütter zu seinem Film „Die Ausbildung“ – Gespräch zum Film 01/12
Kinder, werdet bloß nicht schwul!
Die FSK trifft eine umstrittene Entscheidung über „Romeos“ – Gespräch zum Film 12/11
Der Körper als Bunker
Regisseur Michaël R. Roskam zu seinem Film „Bullhead” – Gespräch zum Film 12/11
„‚Netter Film‘ wäre schlimm“
Produzent Stephan Holl über „Underwater Love“ – Gespräch zum Film 11/11
„Es ist eine monochrome Welt“
Regisseurin Sophie Fiennes über „Over Your Cities Grass Will Grow“, die Arbeit mit Anselm Kiefer und die Vorzüge von Kinofilmen – Gespräch zum Film 10/11
Film ist immer Gestaltung
Regisseur Michael Glawogger über seinen Film „Whores Glory“ - Gespräch zum Film 10/11
Liebe als Idee
Regisseur und Drehbuchautor Jan Schomburg über seinen Debütfilm „Über uns das All“ – Gespräch zum Film 09/11
Filme über Menschen
Regisseurin Nanouk Leopold über “Brownian Movement” - Gespräch zum Film 07/11
Eine kleine Invasion
Regisseur Ulrich Köhler über seinen Film „Schlafkrankheit“ - Gespräch zum Film 06/11
Labyrinth der Weltbilder
Thomas Frickel über „Die Mondverschwörung“ - Gespräch zum Film 05/11
Was der Tag so bringt
Jürgen Brügger & Jörg Haaßengier über ihren Film „Ausfahrt Eden“ - Gespräch zum Film 04/11
Ich denke nicht in Genres
Regisseur Ali Samadi Ahadi über „The Green Wave“ - Gespräch zum Film 03/11
Der Zuschauer als Insasse
Philip Koch über „Picco“ - Gespräch zum Film 02/11
Unsichere Männer
Micha Lewinsky über sein Spielfilmdebüt „Der Freund“ - Gespräch zum Film 01/11
Lebensalltag des Slums
Produzentin Marie Steinmann über „Soul Boy“ - Gespräch zum Film 12/10
Wahrnehmung von Wartenden
Angela Schanelec über ihren neuen Film „Orly“ - Gespräch zum Film 11/10
Andere Action
Thomas Arslan über „Im Schatten“ - Gespräch zum Film 10/10
Plädoyer für das Flüstern
Semih Kaplanoğlu über "Bal - Honig" - Gespräch zum Film 09/10
Die Spielregeln ändern
Dietrich Brüggemann über "Renn, wenn Du kannst" - Gespräch zum Film 08/10
Masturbierende Teenager
Riad Sattouf über „Jungs bleiben Jungs" - Gespräch zum Film 07/10
Das Fiktive verliert sich
Tizza Covi und Rainer Frimmel über „La Pivellina“ - Gespräch zum Film 06/10