"Dieses ist der unglaublichste, schockierendste und skandalöseste Film, der je auf einer Leinwand gezeigt wurde". So lautete die Schlagzeile auf den Plakaten und Inseratmatern von "Das ist Amerika", der 1978 die deutschen Bahnhofskinos im Sturm nahm - und in manchen Häusern mehr als 30 Wochen auf dem Spielplan stand. Der amerikanische Reißer von Romano Vanderbes offeriert kuriose Sexrituale, freizügige Miss-Wahlen, Unfälle bei Stuntsshows, Bodybuilding-Studios inklusive einem gewissen Arnold Schwarzenegger, eine Dildo-Fabrik. "Das ist Amerika" markierte zusammen mit dem zwei Jahre später gestarteten "Libido Mania - Alle Abarten dieser Welt" den abschließenden Höhepunkt einer Welle von mal mehr, mal weniger handfesten Dokumentationen, die mit gestellten Szenen aufgemotzt, von den Perversionen und Selbstzerstörungstechniken der modernen Zeit erzählten.
Erfinder dieser sogenannten "Mondo"-Filme war der Italiener Gualtiero Jacopetti, der 1960 mit "Mondo Cane" eine Art "Fox' tönende Wochenschau" für das Erwachsenenpublikum schuf. Jacopetti konterkarierte schöne Frauen bei absonderlichen Praktiken mit Bildern einer vom Menschen zerstörten Welt. Im Stil der Wochenschauen waren alle Szenen mit einem distanzierten, nüchternen Kommentar unterlegt, der unfreiwillig ins Sarkastische oder Zynische abdriftete. Der weltweite Erfolg führte bald zu Nachfolgern und den kuriosesten Vermarktungsstrategien. Dank der durchs Fernsehen verursachten Kinokrise der sechziger Jahre mussten sich die Filmtheater vom Familienprogramm der Flimmerkisten absetzen und boten vermehrt Erwachsenenunterhaltung an. Vor allem die Aktualitäten- und Bahnhofskinos, die Woche für Woche ein festes Laufpublikum hatten, riefen nach eindeutiger, voyeuristischer Ware. "Frau Wirtin..."-Filme, "Tokugawa"-Schocker und "Schulmädchen-Reports" lösten ab 1968 die vergleichsweise braven Sittenfilme der fünfziger Jahre ab - und bedienten zuverlässig das männliche Trenchcoat-Publikum. Zahlreiche Exploitationwerke bekamen dazu ein "Mondo"-Mäntelchen verpasst, obwohl es sich um reine Spielfilme handelte. Umberto Lenzis "Mondo Cannibale" erreichte ab 1973 mehrere Millionen Zuschauer und heizte den Erfindungsreichtum der Filmverleiher noch an. Selbst Wes Cravens Debütfilm "Das letzte Haus links" musste 1974 unter dem Titel "Mondo Brutale" einen Neustart wagen - und rotierte so mehrere Jahre lang in den einschlägigen Centern. Überhaupt wurden zahlreiche Filme über ihr Verfallsdatum hinaus durch die Kinos geschickt - Matt Cimbers billige Aufklärungsfilme "Man and Wife" (1969) und "He and She" (1970) standen gemeinsam mit den verstaubten, pseudodokumentarischen Hausfrauen-, Urlaubs- und Schulmädchen-Reports bis 1987 auf den deutschen Kinospielplänen. Da war das Genre längst in die Videotheken ausgelagert worden, wo "Shocking Asia" und "Gesichter des Todes" eine neue Generation von Männern an die "Abarten dieser Welt" heranführten.
"Mondo"-Erfinder Jacopetti entpuppte sich übrigens doch noch als Menschenfreund. In seinem letzten Werk "Mondo Candido" (1975) schickt er Voltaires Figur Candide noch einmal durch Zeit und Raum - und schlägt, allen Kriegs- und Verwüstungsszenen zum Trotz, versöhnliche Töne an. Das Schöne existiert wie selbstverständlich neben dem Hässlichen. Und das Hässliche ist nunmal dort zu finden, wo der Mensch sein Schaffertum, seinen Ehrgeiz und seinen Erfindungsgeist nicht zügeln kann.
Die Macher der Reihe "something weird cinema" präsentieren Jacopettis "Mondo Candido" und Bruno Matteis "Libido Mania" am Mittwoch, 8. Juni ab 21 Uhr in einer speziellen "Mondo"-Nacht im Kölner Filmhaus-Kino. Beide Filme werden von 35mm-Kopien vorgeführt. Anlässlich der DVD-Veröffentlichung beider Titel gibt es zwischen den Filmen noch ein Super-8-Special sowie eine Verlosungsaktion.

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