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Foto links: Gerd-Altmann/pixelio, rechts: knipseline/pixelio

Die Nullen müssen stehen

Magenbitter 11/10

Für Eingeweihte ist die Zahl des Monats 0,000108780049, vielleicht auch 0,000001951219512. Zusammen ergibt sich daraus eine Summe von 0,000110741268. Dahinter verbirgt sich der Anteil der türkischen und arabischen Zuwanderer von 2009 im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung hierzulande in Prozenten. Die damit verbundene Menge war für christlich-soziale und freiheitlich-dekadente PolitikerInnen immerhin Anlass genug, um zu einem noch energischeren Kampf gegen „Zuwanderer und Schmarotzer“ aufzurufen, „Deutschenmobbing“ als Straftatbestand und eine „Deutschpflicht auf Schulhöfen“ anzumahnen und – da man schon einmal dabei war – bei der Behandlung von Hartz IV-EmpfängerInnen endlich die „letzte Tapferkeit“ einzuklagen – was immer das heißen mag. Aber lassen wir das Stammtisch-Gewäsch der hohen Damen und Herren und die damit verbundenen Reflexe bei Blöd-Zeitungen einfach beiseite. Grundsätzlich ist schon länger klar, dass die deutsche Politik von Nullen dominiert wird. In den vergangenen Monaten und Jahren war stets von den Banken und ihren verzockten Billionen die Rede – Zahlen mit so vielen Nullen, dass man sie kaum ausschreiben und schon gar nicht verstehen konnte, in gängigen Kommentaren zu lesen. Jetzt widmet man sich in der Politischen Klasse zügig den Ziffern am anderen Ende der sozialen Skala, und schon begegnet man ihnen wieder – den vielen Nullen. Das ist auf den ersten Blick nicht weiter irritierend, doch beim zweiten Hinsehen tauchen ernsthafte Fragen auf, die die in Mode gekommene Beschwörung unseres christlich-jüdischen Abendlandes betreffen. Wer es noch nicht weiß: Wir alle sind davon geprägt. Doch in diesem Kulturkreis war die Null – als Begriff wie als Zahl – über Jahrtausende eigentlich ganz unbekannt. Weltweit ist die Ziffer dagegen gleich dreimal erfunden worden – im verrufenen Babylon, bei südamerikanischen Indianern und von irgendwelchen Indern, einer davon hieß übrigens Brahmagupta. In Europa schnitzten sich Griechen und Römer derweil ihre Rechenbretter nur mit Spalten für Einser, Zehner oder Tausender. Ihre europäischen Nachfolger übernahmen diese Schablone bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, weshalb der englische Finanzminister traditionsbewusst noch heute als „Herr der Rechentafel“ tituliert wird. Ganz anders die Chinesen und Araber – sie gebrauchten die Null schon mindestens tausend Jahre früher. Die Araber sorgten auch dafür, dass das neue Zahlensystem – mit Null – in Europa anlandete, weshalb es hier lange mit der Kennzeichnung „arabisch“ versehen wurde. Und auch in der höheren Mathematik mischten die Wüstensöhne mit. Ein arabischer Gelehrter namens Abu Abdallah Muhammad ibn Musa Al-Khawarizmi erfand die Algebra wie die Algorithmen. Man könnte auch sagen, ohne unsere arabischen Vorfahren hätten wir es nie bis zur Digitalisierung geschafft. Aber von Computern haben die meisten Politiker auch keinen Schimmer. Überhaupt scheint unsere Politische Klasse einen gewissen Nachholbedarf im Umgang mit Nullen zu haben. Sei es bei Stuttgart 21, dem U-Bahnbau der KVB oder der im Vergleich dazu richtig billigen Elbphilharmonie in Hamburg – immer, wenn mit öffentlichen Geldern gerechnet wird, stellen kleinere Beträge sie höchst selten zufrieden. Wird Zeit, dass jemand sie über ihr kulturelles Defizit aufklärt: Wenn viele Nullen im Spiel sind, verheißt das nicht immer etwas Gutes.

Wolfgang Hippe

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