Die Sätze stehen wie Monumente im Raum, bedeutungsschwere Pause schrauben das Gesagte auf pathosbewachsene Höhen. Lange nicht mehr wurde von den brillanten Darstellern des Kölner Schauspiels derart gewichtig deklamiert wie in Robert Borgmanns Euripides-Interpretation „Wir Kinder von Theben“. Der junge Regisseur nimmt sich dessen „Phönizierinnen“, die zweite Staffel des Ödipusmythos’, zur Brust. Ödipus hat bekanntlich seinen Vater erschlagen und danach mit seiner Mutter Jokaste geschlafen, natürlich ohne es zu wissen. Aus dem Inzest resultiert nun das Personal für die Fortsetzung des mythischen Breaking Bad. Die Söhne Eteokles und Polyneikes haben periodischen Machtwechsel auf dem Thron Thebens vereinbart, doch Eteokles hat das Blut der Macht geleckt und will nicht. Also ziehen sie gegeneinander in den Krieg – mit letalem Ausgang für beide. (In der dritten Staffel geht es dann um Antigone, die ihren Bruder Polyneikes beerdigen will).
In der Schlosserei muss das Personal in Anzügen und Abendkleidern erst mal ein paar Wände eintreten, um ins abbruchreife Theben mit Sand und Platten, Baumgerippe und einer abstrahierten Tempelandeutung samt Tauchbad zu gelangen. Mutter Jokaste (Julia Wieninger) versucht mit schicksalsbeladenem Ton, ihre Söhne vom Gemetzel abzuhalten. Carlo Lubek als Eteokles tarnt seine Gier nach Macht mit verschlagenem Charme, der Polyneikes des Renato Schuch stellt stur die Rechtsfrage. Das bis heute virulente Problem: Das Allgemeinwohl der Stadt Theben kollidiert mit den Individualansprüchen der Politiker.
Viele Bilder der Inszenierung stehen unter schwerem Symbolverdacht – vieles wie das Hopsen ins Tauchbecken bewegt sich an der Grenze zur Komik. Nur gelegentlich lockern kleine Alltagsfloskeln („Stell dich vor den Scheinwerfer“) den gewichtigen Duktus auf. Und plötzlich, nach 60 Minuten, unterbricht die Regie die Selbstmordszene von Kreons Sohn durch einen Werbepause, treten Eteokles und Polyneikes als Marx und Freud (Achtung: Ödipus-Komplex! Achtung: Brüderzwist auf dem Feld der Theorie) auf, einem Mädchenchor läuft das Blut aus den Mündern – das Hyperpathos mündet unvermittelt in ironische Rezeptions- und Popkulturverweise. Dann doch lieber das Breaking Bad-Original.
„Wir Kinder von Theben“ | Regie: Robert Borgmann | Schlosserei | 15./18.2., 20 Uhr | 0221 22 12 84 00
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