Dortmunds neuer Opernintendant Jens-Daniel Herzog hat ein schweres Erbe angetreten. Dem Haus ist das Publikum über lange Zeit in Scharen weggelaufen. Und der Weg zu neuem Erfolg ist nun beschwerlich. Allein mit Qualität, die Herzogs erste Saison durchaus zu bieten hatte, ist das Haus nicht wieder zu füllen – zumindest nicht auf die Schnelle. Also gibt es nun Zugeständnisse an den konservativen Flügel der Abonnenten, der immer wieder lautstark nach originalgetreuen Inszenierungen verlangt: Oper, so wie sie im Führer steht. Die bietet Regisseurin Katharina Thoma nun mit Puccinis „La Bohème“ – zwar handwerklich solide und auch mit einigen schönen Einfällen und Details, doch insgesamt sehr konventionell und wenig überraschend inszeniert. Dass Thoma es auch anders kann, hatte sie mit ihrem Dortmunder Einstand, der barocken Ausgrabung „L’Eliogabalo“, zu Saisonbeginn gezeigt. Nun haben die Ausstatterinnen Julia Müer (Bühne) und Irina Bartels (Kostüme) fast ebenso großen Anteil an der Substanz der Inszenierung, welche überaus stark von der nostalgischen Belle-Époque-Optik lebt. Leider kann die Regie dieses Mal auch nicht auf die Strahlkraft der Darsteller setzen. Denn Christoph Strehl (Rodolfo), Richard Šveda (Schaunard), Gerardo Garciacano (Marcello) und Wen Wei Zhang (Colline) agieren so steif und gekünstelt nebeneinander her, dass man ihnen die eingeschworene Künstler-WG nicht ansatzweise abnimmt. Komödiantisch ist Dortmunds Allround-Tenor Hannes Brock in den kleinen Rollen als Vermieter und alter Galan der einzige echte Lichtblick. Glücklicherweise entschädigen die vier Bohemiens gesanglich weitgehend für ihre darstellerische Unbeholfenheit und bilden doch immerhin klanglich eine ausgewogene Einheit. Absolut hörenswert ist auch die junge Armenierin Ani Yorentz als Mimì mit schönem lyrischen und unangestrengtem Sopran. An einigen Stellen macht es Dirigent Lancelot Fuhry den Sängern etwas schwer, wenn das Orchester im Überschwang dynamisch über die Stränge schlägt. Überwiegend sind es jedoch erfreuliche und berührende Klänge, die er den Dortmunder Philharmonikern entlockt. So unmittelbar und treffsicher die musikalische Seite wirkt, so erklärungsbedürftig ist der zentrale optische Gag der Inszenierung. Wenn Chor und Statisten in der Weihnachtszene im Quartier Latin mit dunkel geschminkten Gesichtern und schwarz-weißen Kostümen auftreten, muss man schon eine kleine Weile überlegen, was das soll. Den Hinweis dazu gibt’s bereits im ersten Akt: Marcello ist bei Thoma kein Maler, sondern ein Fotograf, der die Welt eben erst einmal auf ein Negativ bannt. Deshalb frieren die Bewegungen in dieser Szene auch immer wieder ein. Der Gag zündet erst mit Verzögerung, hat aber durchaus Wirkung. Die tiefergehende Idee dahinter, das Künstlerdasein sei nur Show und Fassade, welche durch Mimìs tödliche Krankheit mit der bitteren Realität crasht, lässt sich allenfalls dem Programmheft entnehmen. Die Regie vermittelt sie nicht.
„La Bohème“ I Sa 13.10. 19.30 Uhr (mit Stargast Joseph Calleja als Rodolfo) I Oper Dortmund I 0231 5 02 72 22

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