Die wenigen Konstanten in der Kölner Comiclandschaft sind schnell aufgezählt. Die Comic-Messe Intercomic schickt sich an, mit zahlreichen zeichnenden Gästen Festivalatmosphäre zu verbreiten. Seit 35 Jahren findet die größte deutsche Comic-Messe in Köln statt, und ihre Strahlkraft reicht bis ins angrenzende Ausland. Anfang November feierte man in der Mülheimer Stadthalle die 70. Veranstaltung. Ein weiteres Jubiläum ging gerade über die Bühne: Das rührige Comicfanzine „Plop!“ feierte mit einer Ausstellung im Herbst das 30jährige Bestehen und die 85. Ausgabe. Walter Moers („Das kleine Arschloch“) hat hier in den frühen 80er Jahren veröffentlicht. Der dienstälteste Kölner Comicladen „Pin Up“ versorgt seine Kunden auch schon seit 1984 mit Comics jeder Couleur. Andere Bemühungen, in der Stadt die Kultur der Comics zu präsentieren, blieben auf Dauer glücklos. Benedikt Taschen eröffnete 1980 seinen Comicladen und startete seinen Taschen-Verlag mit Comics. 1982 bewarb er den Laden als „größten Comicbuchladen der Welt“. Aber schon 1983 ist Taschen fast pleite, wechselt zum Kunstbuch und wird damit steinreich. Irgendwann verschwinden auch die letzten Comics aus dem Kölner Taschen-Laden. Mit Comics wird man nicht reich.
Fehlender Nährboden für Nachwuchs
Anfang des Jahrzehnts sorgten die Kölner Comic Tage für neue Hoffnung. Aber nur viermal ging die Veranstaltung mit Messe, Ausstellungen, Filmen, Workshops und Vorträgen in der Stadtbibliothek am Neumarkt über die Bühne. Ein Comic-Film-Festival im Kölner Filmhaus schaffte es im Jahr 2008 nur zu einer einzigen Ausgabe. Die Robert Crumb-Ausstellung im Museum Ludwig im Jahr 2004, eine japanisch-deutsche Gruppenausstellung im Japanischen Kulturinstitut im Jahr 2006 oder eine Tagung zum Thema „Erzählen im Comic“ an der Universität im Jahr 2009 – man kann die großen Events der letzten Jahre an einer Hand abzählen.
Doch es gibt auch andere Entwicklungen zu vermelden. Im Jahr 2001 zog die Comicabteilung des Ehapa-Verlags von Berlin nach Köln. Immerhin ist die Ehapa Comic Collection (ECC) neben Carlsen der größte deutsche Comicverlag. Auch wenn interne Strukturen der Grund für den Umzug waren, hat man bei Ehapa „rasch einige Vorzüge der Stadt zu schätzen gelernt“, so Alexandra Germann, Programmleiterin der ECC. „Die schnelle Zuganbindung nach Paris ermöglicht uns einen regen persönlichen Austausch mit unseren französischen Comic-Lizenzgebern, ein wichtiger Faktor, wenn es um die Jagd nach herausragenden Stoffen im Comicparadies Frankreich geht.“ Mit Ehapa eng verbunden ist Knollennasenspezialist Ralf König, neben der Cartoonistin Franziska Becker ein Kölner Urgestein der Szene und der wohl bekannteste Comiczeichner der Nation. König hat an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert und in den letzten 30 Jahren Erfolge im In- und Ausland gefeiert. Im Sommer füllte er problemlos das Gloria-Theater mit einer Comic-Lesung, am 29. November liest er seine Comics zusammen mit Hella von Sinnen und Monty Arnold in der Kulturkirche. Von einer Kölner Comicszene mag er indes nicht sprechen: „Ich war immer allein mit meinen Nasen, ohne Anschluss an irgendeine Szene. Vielleicht säße ich in Berlin mit Fil und Reinhard Kleist im Atelier, das wäre reizvoll, aber Vergleichbares gibt es in Köln nicht.“ Doch auch König sieht: „Es gibt auch in Köln das kleine Rudel Idealisten, Leute, die sich aus Leidenschaft ins Comicschaffen verbissen haben.“
Das gilt sicher für den Zeichner Leo Leowald. Leowald gilt mit seinem Blog Zwarwald als der erste Comic-Blogger Deutschlands und lieferte von 2004 bis 2010 fünfmal die Woche einen Strip – inzwischen geht er es etwas lockerer an. Seine Strips erscheinen regelmäßig in Jungle World und Titanic, bislang hat er drei Bücher veröffentlicht. Der unscheinbaren Kölner Szene kann er durchaus etwas Positives abgewinnen: „Als Comiczeichner braucht man ja auch Ruhe, und die hat man in Köln auf jeden Fall“. Trotzdem: „Ich beneide Berlin und Hamburg um Comicstammtische, wo die ganzen Leute hinkommen, die ich mag und deren Werke ich bewundere – für so was sind hier einfach nicht genug Leute“. Leowald lehrt Illustration an der ecosign-Akademie für Gestaltung. Dort hat er mit seinen Studenten auch Projekte zu Comics gemacht, doch so etwas ist im Rahmen des Studiums eher ungewöhnlich. Comiczeichner als Berufsbild – das ist allgemein problematisch. Abgesehen von Ralf König und wenigen anderen verdienen die meisten Comicschaffenden ihr Geld vor allem als Illustratoren und Grafiker – für Print, Werbung, Games oder Filme. Das ist auch in Köln nicht anders: So hat Michael Marks, einer von Leowalds Schülern, an den Animationen der Kino-Doku „The Green Wave“ des Kölner Regisseurs Ali Samadi Ahadi mitgearbeitet. Auch Sarah Burrini hat Animation gelernt – an der Internationalen Filmschule und einem Trickfilmstudio in Köln. Mit dem zweimal pro Woche aktualisierten Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“ macht sie den inzwischen zweiterfolgreichsten Kölner Webcomic. Im Sommer erschien ihr erstes Album zum Blog.
Neue Knotenpunkte in der Comicszene
In Köln tummeln sich viele dieser multimedialen Einzelkämpfer. Wie Burrini hat auch Thomas Wellmann, der neben den Comics Animationen und Game-Design macht, in diesem Jahr sein erstes eigenes Comicalbum veröffentlicht. „Der Ziegensauger“ überraschte die Szene mit sehr eigenständigen, vielteiligen Zeichnungen und einer ungewöhnlichen Story. Nachwuchs findet man also auch in Köln vermehrt. Der wird sich freuen, dass Ehapa gerade ein Comicstipendium eingerichtet hat, um „jungen Zeichnern und Szenaristen hierzulande ein Sprungbrett zu liefern“, so Alexandra Germann. Das Stipendium richtet sich zwar an Zeichner aus ganz Deutschland, von den sechs Jurymitgliedern kommen allerdings fünf aus Köln, darunter Ralf König und Sarah Burrini. In den letzten Jahren haben sich auch in Köln einige Knotenpunkte in der Comicszene entwickelt. So finden sich seit ein paar Jahren Sarah Burrini, ihr Kollege Frank Plein alias Spong, der im eigenen Kleinstverlag Katzenjammer veröffentlicht, und der Zeichner Miguel Riveros Silva in der Gruppe „Zeichner vom Rhein“ zusammen. Plein, Riveros, die Autorin Anne Delseit u.a. haben wiederum in diesem Sommer die Künstlergruppe „9. Art“ gegründet.
Solche Gruppierungen sind es auch, die den noch weitgehend leerstehenden Veranstaltungsraum im Cöln Comic Haus mit Leben füllen könnten. Das Comic Haus in der Bonner Straße vereint seit 2010 den Comicladen Fantastic Store, die 2008 gegründete Schmitz-Lippert-Stiftung und eben jenen Veranstaltungsraum. Die Sammlung Thomas Schmitz-Lippert mit Schwerpunkt auf amerikanischen Superhelden soll demnächst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Comic Haus soll laut Betreiberin Susanne Flimm „eine Begegnungsstätte für Fans, Zeichner und Sammler“ sein und „lädt zum Mitmachen und Mitgestalten ein“. Auch Ralf König hat trotz der schweren Bedingungen für den Comic Hoffnung: „Es gibt keinen Grund, warum sich gerade in Köln nichts tun sollte. Es braucht halt 'ne Handvoll Verrückter, die was von dem Medium wollen, dann klappt das schon ... Vielleicht finden die sich ja demnächst im Cöln Comic Haus zusammen.“
Tags: Thema 12/11, ComicKultur
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